Frederike Frei: Poesiealbum 319

Frei/Schmidt-Poesiealbum 319

BÜRGERLICHKEIT

Hinter dem Gitter:
Warten auf Durchbruch

Der Entschluß
Brüllt auf

Das Gewissen hält
Eisern durch.

 

 

 

 

Ihre Gedichte

leben von ambivalenten Wortsymbiosen. Kraftvoll und bilderreich ist ihre Wortwahl, ihre Metaphorik und Symbolik unvermittelt, aber treffend – manchmal sogar humoristisch.
Judith Görs

Wie viel man mit wenigen Worten vielen glasklar sagen kann, habe ich erstmals bei Frederike Frei gesehen.
Hermann Kesten

Sie schöpft aus einer intimen Vertrautheit mit den Geheimnissen der Sprache und der menschlichen Seele. Sie riskiert in ihren Texten bewundernswert viel.
Robert Galitz

Mühelos überflügelt das auf altmodische Weise handgemachte und angemessene Gedicht den fotografierten und leicht reproduzierten Button. Es ist die demokratisierte Erfüllung eines luxuriösen Sonntagswunsches aus der versinkenden Epoche des Individualismus.
Georg Hensel

Frei entzieht sich bis heute dem herrschenden Literaturbetrieb, obwohl ihre Texte eine Qualität haben, nach der zwischen Buchdeckeln der letzten Jahre lange gesucht werden muß.
Hans Erich Happel

Hieße sie „Sarah Kirsch“, die Republik wäre entzückt. Jeder Satz ein Einfall… Ich bin nie einer größeren Begabung begegnet, die sich markttechnisch unökonomischer verhält. Wieviel hochangesehene Hans-Würste, die nur zu gern über ihre Farben und Gedanken verfügten!
Hermann-Peter Piwitt

Eines der Wunder ist, daß die allzu bekannten, abgedroschenen Redensarten zu Perlen werden können… und das alles im Glitzerglanz des Humors.
Ilse Middendorf

Sie ist eine Finderin, die im Chaos der Kreativität ganz zuversichtlich, biß-sicher und vertrauensvoll auffängt, was sich ihr bietet.
Eva Kohlrusch

Spektakuläre Dichtung! Die Sprache ist ihr Werkstoff, der, wenn nötig, gebogen und gezerrt wird, bis die Zauberei vollbracht ist!
Frank Buschenhagen

Ich bin immer wieder begeistert ob ihrer Art zu schreiben, sich auszudrücken; ihre ganz eigenen Formulierungen sind einfach turbulent.
Eva Acel

MärkischerVerlag, Klappentext, 2015

Frederike Frei

Sie schreibt so gerne, „weil sie’s kann.“ Allerdings kann sie – die sprudelnde Blonde von der Waterkant, inzwischen in Berlin angekommen –, wie sie sagt, auch Abwaschen, ohne daraus eine Profession zu machen. Aber Schreiben ist wie Schauspiel ihre Passion oder fast schon Obsession. Denn nur wenige Berufene nähmen wie sie einst die Strapazen einer selbst ernannten ,Bundesdichterin‘ auf sich, die die Lande durchwanderte und erfolgreich Gedichte aus ihrem ,Bauchladen‘ verkaufte. Eine Karrner-Karriere, die seit längerem eine seriöse Dichtkunst gebiert, deren schönste Mosaiksteinchen der Lyrik-Scout Helmut Braun zusammengefaßt hat.

Aus Les Murray: Poesiealbum 318, Märkischer Verlag, 2015

Poesiealbum 319

Als ,Bundesdichterin‘ durchwanderte sie über mehrere Jahre (fast) ganz Westdeutschland und verkaufte ihre Gedichte aus dem BaUCHLADEN. Man kann bei ihr Verse in Auftrag geben wie einst Herzog Friedrich von Österreich bei Walther von der Vogelweide. Sie schmäht beim Fußvolk wie bei den Insidern die „Nichtleser, Anleser, Querleser, Trendleser, Blätterer, Ahadenker, Fußvolk, Insider, Zeilenschänder, Satzlecker“, die den „Seilakt zwischen Literatur und Vermarktung, karger Kunst und geilem Geld“ nicht erkennen. Ihre dichtung ist mehrfach ausgezeichnet und durch die Aufnahme in das Marbacher Literaturmuseum geehrt,

MärkischerVerlag, Klappentext, 2015

 

Das Leben ist schön

Über die wirkliche Exotik unseres Lebens gibt es keine eindeutigen Maximen. Besingt einer das Licht, möchte man einwerfen: Ich kehre dem Licht den Rücken – ich will schließlich was sehen. Und wer Irrwege beklagt, möge bedenken: Schuld am Irrweg ist das schöne Gelände – das wusste schon Rotkäppchen. Frederike Frei, die 70-jährige Dichterin aus Brandenburg, beschreibt die Lebenstechnik dieses fortwährend möglichen Wechsels von der Seite zur Kehrseite so:

irgendwas steht
zwischen uns

wahrscheinlich
die Wahrheit.

Wahrheit? Rasch gibt sich das Gedicht eine unabdingbare Fußnote:

Die Wahrheit ist eine Not – Zur Not gibt es die Lüge.

Zur Wahrheit die Lüge, zur Erkenntnis das Entfremden. Zum Weltbild, das sich alles zurechtrückt ins Durchschaubare: das Sternenbild – ein Blick hinauf, und alles ist wieder
Die Gedichte bestehen aus einer geradezu naiven, aber klaren Sprache, die von wichtigster Erfahrung erzählt: Wer intensiv lebt, bewältigt Tag um Tag weniger Welt; wir vollenden uns, wenn wir das Wesen wirklicher Freiheit begriffen haben – in Begrenzung. So wie in der Wissenschaft der Weg zu den Teilchen die Voraussetzung war, um Genaueres vom Ganzen zu erfahren, so gelangen wir zu uns selber nur über den Mut zu genussreicher Einschränkung. Und also nähert sich Frederike Frei der Balance des Universums, indem sie Gedichte schreibt über das, was dieser Balance zuarbeitet: Gänseblümchen, Butterblumen, Fuchsie, Flieder, Hyazinthe. Natur beobachtend, als befände sich der Blick in einem Roman. Das Auge „hockt hier in Märchenhaft“.
Da schreibt also eine Dichterin:

Immer hab ich Lust auf alles.
Schrecklich.
Immer freu ich
mich voll. Grausig. Alles macht Spaß.

Es ist, als fürchte sie sich vor Bejahung, kann aber der Lust am Leben nicht ausweichen. In solcher Zeit, jetzt! In solch grassierendem Elend der Gesellschaften! Ja und noch einmal Ja.
Jeder Sorgeseufzer produziert immer auch sein Gegenteil, den Lustschrei. Der ist der wehrhafteste Kämpfer, der sich inmitten der Kälte mit Liebenswürdigkeit wappnet. Frederike Frei:

Ich bin froh
arm zu sein

Aber reich genug
um froh zu sein

Ihre Gedichte sind ein metaphernprustendes „Wort zum Alltag“. Wortschöpfungen verblüffen: „Erynnerung“ oder „Herzspitze Süden“ oder „Waldhonigaugen“. Als träfe Uwe Gressmann auf die Lasker-Schüler. „Bürgerlichkeit“, wie gallig erfasst:

Hinter dem Gitter:
Warten auf Durchbruch

Der Entschluß
Brüllt auf

Das Gewissen hält
Eisern durch

Ich gestehe Getroffenheit. Auch, weil die Dichterin von sich sagt: „Ich richte / die Nazis, ich frage sie nie“, auch, weil sie bekennt, sie schreibe „nur für den Hausgebrauch“. Dies Beschriebene: Ist es nicht genau jenes Begradigungsdelirium, in dem wir alles so lebensrettend erträglich finden dürfen? Und damit uns selber mitunter verflucht unerträglich werden? Schnell zu den Blumen! Das Leben ist schön.

Hans-Dieter Schütt, ND-Kultur, 14.10.2015

 

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