Heiner Müller: Heiner Müller liest Heiner Müller

Müller-Heiner Müller liest Heiner Müller

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Aus der Minderheit der Illusionszerstörer

– Über Heiner Müller. –

Das erste Mal stieß ich 1981 auf Heiner Müller. Da war ich zwanzig, arbeitete als chirurgische Schwester im Operationssaal eines Karl-Marx-Städter Klinikums und setzte mein kärgliches Gehalt zum größten Teil in Bücher und Theaterkarten um. In jenem Jahr wurde Heiner Müllers Stück Der Auftrag aufgeführt; unter der Regie von Axel Richter, Ulrich Mühe spielte den Sklaven Sasportas. Das Stück und die Inszenierung waren eine Sensation, streitbar, aufregend für Beteiligte wie Zuschauer. Ich glaube, ich habe es zehn Mal angesehen. Ich muss dazu sagen, dass ich in diesem Alter gerade erst auf den Weg gekommen bin, aus einem kleinbürgerlichen Arbeiterhaushalt, in einer durch den Krieg schwer verletzten Stadt, und in einer Zeit, in der einige kritische Köpfe noch Fragen nach der gesellschaftlichen Verantwortung stellten; die sich über die Rolle des Einzelnen in der Geschichte, über das Versagen, die Verführungen, über den Verrat „an der Sache“, das heißt an der Idee des Sozialismus als einer besseren Gesellschaft, „das mögliche Ende der Schrecken“, ernsthaft Gedanken machten.
Heiner Müller war – wie übrigens auch Volker Braun – in Karl-Marx-Stadt eine Art Initialzünder für einen kleinen widerständischen Kreis, in den ich mich vom Rande aus einfädelte – tollkühn in meiner Unerfahrenheit, aber hochgradig neugierig auf das, was da auf der Bühne geschah. Die Bühne war der Zerrspiegel der Gesellschaft. Nicht, dass ich damals alles verstanden hätte – aber es war wohl zunächst Heiner Müllers Sprache, dieser Vers, dieser Drive, der aufrüttelte, der Ungeheuerliches verkündete, in seiner hämmernden Diktion, in seiner unglaublichen Bildhaftigkeit – ERINNERUNG an eine Revolution – was war das? Was hieß das für mich, die Zwanzigjährige, die von der Geschichte und dem Wort Revolution nur die Schul-Klischees im Kopf hatte? Vor allem war die Begegnung mit Heiner Müllers Dramatik zunächst das Kennenlernen meiner eigenen Lust, hinter die gesellschaftlichen Oberflächen, die Lügen- und Verheißungsgespinste zu steigen, eine poetisch-durchschlagende, sinnlich-expressive Sprache zu finden – auch für das, was mich umgab. Heiner Müller war ja die Generation zwischen meinen Großeltern und Eltern – und die schwieg, zumindest an unserem Familientisch. Als Tochter von Kriegskindern hatte ich das Bedürfnis, dieses Schweigezelt abzureißen.
Nachdem also in Karl-Marx-Stadt Müllers Auftrag in den subversiv infizierten Kreisen hoch- und runterdiskutiert wurde – im Theater, das tatsächlich noch ein Ort war, an dem Substanzielles verhandelt wurde – wollte ich alles von Heiner Müller lesen. Eine Dramaturgenfreundin besorgte mir das Textbuch vom Auftrag. Bei Reclam gab es die Ausgabe Zement, die mich, ich gebe es zu, als ungespielter Text nicht besonders beeindruckte. Ich erinnere mich, dass – wie damals üblich – hektographierte oder von Hand abgeschriebene Prosa und Gedichte Müllers kursierten. Aus meiner poetischen Fresssucht heraus habe ich eine Notaktion gestartet und meinen Onkel Erwin, einen strammen Antikommunisten aus Ingolstadt, der mich bislang mit Mickey-Maus-Heften versorgt hatte, gebeten, mir beim nächsten Ostzonen-Besuch doch bitte ein paar richtige Bücher mitzubringen, nämlich welche von Heiner Müller. Der Name Müller klang in Onkel Erwins Ohren unverdächtig. Und siehe: er überreichte mir ein paar Wochen später – und es war das letzte Mal, dass er mir etwas Gedrucktes aus dem Westen mitbrachte – vier Paperbacks – die Rotbuch-Ausgaben mit Heiner Müllers Texten. Der Onkel warf sie auf den Tisch und schimpfte: Wenn er gewusst hätte, dass er in seiner Buchhandlung nach Büchern eines Kommunisten fragen würde – ER, der stadtbekannte Automobilhändler –, hätte er meinen Wunsch nicht erfüllt. Jetzt würde man sich das Maul zerreißen; wegen einer Nichte aus dem Osten! Die ganze Familie war entsetzt. Immerhin, einen Erfolg konnte Onkel Erwin verzeichnen: Müller killed Mickey Maus.
Die Rotbuch-Bände gingen von Hand zu Hand und zerbröselten leider sehr schnell. 1989 erschien dann das Heiner Müller Material bei Reclam – und auch der Band weist deutliche Gebrauchsspuren auf. Heiner Müller war für mich Aufbauhelfer und Sprachzertrümmerer. Weil er schwierig und gleichsam erlösend war; gehörte er einer Minderheit an, die für mich Rettung bedeutete aus dem verlogenen Alltag – die Minderheit der Illusionszerstörer.

Kerstin Hensel, aus Ingrid Sonntag (Hrsg.): An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945–1991, Ch. Links Verlag, November 2016

 

Anläßlich seines 60. Geburtstags

am 9. Januar 1989 las Heiner Müller in der Berliner Akademie der Künste eigene Gedichte und zwei Prosatexte. Die Aufzeichnung dieser Lesung erschien im Januar 1999 zu seinem 70. Geburtstag erstmals auf CD.

Alexander Verlag, Ankündigung

 

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Christine Richard: 75 Jahre Heiner Müller: Dichtung & Drugs
Basler Zeitung, 8.1.2004

Gunnar Decker: Das Messer im Herz der vertrauten Lüge
Neues Deutschland, 9.1.2004

Ulrich Seidler: Im Besitz der Dichtung
Berliner Zeitung, 9.1.2004

Rüdiger Schaper: Die Explosion der Bilder
Der Tagesspiegel, Berlin, 9.1.2004

Michael Bienert: Manschetten sind keine Sprengsätze
Stuttgarter Zeitung, 12.1.2004

B.K. Tragelehn: Heiner Müller 75
neue deutsche literatur, Heft 553, Januar/Februar 2004

Zum 10. Todestag des Autors:

Jörg Sundermeier: Stumme Worte
die tageszeitung, 30.12.2005

Arno Widmann: Ein Freigänger beider Systeme
Berliner Zeitung, 31.12.2005/1.1.2006

Frauke Meyer-Gosau: Das Denkmal weiß nichts von Geschichte
Literaturen, Heft 1/2, 2006

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hans-Dieter Schütt: Auf der Gegenschräge die Toten
Neues Deutschland, 8.1.2009

Jens Bisky: Deine Braut heißt Rom.
Süddeutsche Zeitung, 9.1.2009

Matthias Heine: Nicht so tot, wie viele glauben
Die Welt, 9.1.2009

Peter Laudenbach: Das Orakel spricht
Der Tagesspiegel, Berlin, 9.1.2009

Ronald Pohl: Bonmots und Schamottöfen
Der Standard, Wien, 9.1.2009

Stephan Schlak: Neue Gespenster am toten Mann
die tageszeitung, 9.1.2009

Zum 20. Todestag des Autor:

Peter von Becker: Das Licht der Finsternis
Der Tagesspiegel, 29.12.2015

Alexander Kluge: Was hätte er in dieser Zeit geschrieben
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2015

Peter Jungblut: Heiner Müller zum 20. Todestag
Bayerischer Rundfunk, 30.12.2015

Heiner Müller – Weltautor mit DDR-Prägung
MDR, 30.12.2015

Wolfgang Müller: Wie aus Reimund Heiner wurde
Deutschlandradio Kultur, 30.12.2015

Tom Schulz: Dramatiker des Aufstands
Neue Zürcher Zeitung, 1.1.2016

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Nachrufe auf Heiner Müller:  Die Zeit 1 + 2 ✝ Der Spiegel 1 + 2 + 3 ✝
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Trauerrede von Alexander Kluge am 16.1.1996 im Berliner Ensemble.

 

Thomas Assheuer: Der böse Engel
Frankfurter Rundschau, 2.1.1996

Lothar Schmidt-Mühlisch: Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Vom Irrglauben der Revolution zur sprachgewaltigen Weltverachtung: Zum Tode des Dramatikers und Theaterregisseurs Heiner Müller
Die Welt, 2.1.1996

Gerhard Stadelmeier: Orpheus an verkommenen Ufern. Unter deutschen Irrtrümmern. Zum Tode des Dramatikers Heiner Müller
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.1.1996

C. Bernd Sucher: Zur Weltliteratur gezwungen.
Süddeutsche Zeitung, 2.1.1996

Jürgen Busche: Mit ihm war kein Staat zu machen. Zum Tod von Heiner Müller
Wochenpost, 4.1.1996

Fritz-Jochen Kopka: Ein Kern, der unberührt blieb
Wochenpost, 4.1.1996

Hansgünther Heyme: Reflexe aus westlicher Ferne Eine Hommage an Heiner Müller
Süddeutsche Zeitung, 9.1.1996

Birgit Lahann: Nun weiß ich, wo mein Tod wohnt
Stern, 11.1.1996

Gisela Sonnenburg: Oberlehrer und Visionär. Heiner Müller verstarb
DLZ 11.1.1996

Martin Wuttke: In zerstörter Landschaft. Meine Erinnerungen an Heiner Müller
Süddeutsche Zeitung, 16.1.1996

Stephan Hermlin: Zum Abschied von Heiner Müller. Rede zur Totenfeier für Heiner Müller im Berliner Ensemble am 16. Januar 1996
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.1.1996

Friedrich Dieckmann: Trauersache Geheimes Deutschland. Wanderer über viele Bühnen im zerrissenen Zentrum: Totenfeier für Heiner Müller in Berlin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.1.1996

Hans Mayer: Der Hund, der mir ein Stück Brot hinwarf
SoirÈe, 
S2 Kultur, 27.4.1996

Uwe Wittstock: „Ich bin ein Neger“
Neue Rundschau, Heft 2, 1996

Frank Hörnigk u.a. (Hg.): Ich wer ist das/Im Regen aus Vogelkot Im/KALKFELL/für HEINER MÜLLER. Arbeitsbuch
Theater der Zeit, 1996

Michael Kluth:Apokalypse mit Zigarre. Der Dramatiker Heiner Müller
SFB/NDR/ORB/DW, 1996

Jürgen Flimm: Zwischen den Welten
Theater heute, Heft 2, 1996

Thomas Langhoff: Der rote Riese.
Theater heute, Heft 2, 1996

Günther Rühle: Am Abgrund des Jahrhunderts. Über Heiner Müller – sein Leben und Werk
Theater heute, Heft 2, 1996

 

 


 

Bestiarium der deutschen Literatur-Müller

 

Heiner Müller liest Texte und spricht über Inge Müller.

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