Heinz Ludwig Arnold: Zu Gottfried Benns Gedicht „Fragmente“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Fragmente“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte. −

 

GOTTFRIED BENN

Fragmente

Fragmente,
Seelenauswürfe,
Blutgerinnsel des zwanzigsten Jahrhunderts −

Narben – gestörter Kreislauf der Schöpfungsfrühe,
die historischen Religionen von fünf Jahrhunderten zertrümmert,
die Wissenschaft: Risse im Parthenon,
Planck rann mit seiner Quantentheorie
zu Kepler und Kierkegaard neu getrübt zusammen −

aber Abende gab es, die gingen in den Farben
des Allvaters, lockeren, weitwallenden,
unumstößlich in ihrem Schweigen
geströmten Blaus,
Farbe der Introvertierten,
da sammelte man sich
die Hände auf das Knie gestützt
bäuerlich, einfach
und stillem Trunk ergeben
bei den Harmonikas der Knechte −

und andere
gehetzt von inneren Konvoluten,
Wölbungsdrängen,
Stilbaukompressionen
oder Jagden nach Liebe.

Ausdruckskrisen und Anfälle der Erotik:
das ist der Mensch von heute,
das Innere ein Vakuum,
die Kontinuität der Persönlichkeit
wird gewahrt von den Anzügen,
die bei gutem Stoff zehn Jahre halten.

Der Rest Fragmente,
halbe Laute,
Melodienansätze aus Nachbarhäusern,
Negerspirituals
oder Ave Marias.

 

Anflüge von Verzweiflung

Im Juni 1950 schloß Benn dieses Gedicht ab, genau ein Jahr später erschien der Band, dem es den Titel gab: „Fragmente“ – ein Titel, der Zeitgeist aufnahm und ausstrahlte. Der Krieg hatte die Welt zerstört, die Staatsmänner hatten sie untereinander aufgeteilt, die Denker dachten nach über die „Existenz“ und das „Nichts“.
In dieser Zeit schrieb der form- und klangbewußte Gottfried Benn reimlose Gedichte mit Anflügen von Verzweiflung, Gedichte, die voller Melancholie seiner großer Stunden gedachten und manchmal, zum eigenen Trost, auch jener vielen „Vergeblichen“, denen, im Gegensatz zu ihm, nur „wenig Ausdruck“ gelang. Einen Monat vor Erscheinen von „Fragmente“ schrieb Benn an Ernst Jünger, dem er sich „von außen oft verbunden“, aber „von innen meist getrennt“ empfand: „zelebral bin (ich für) Fernsehen, aber im übrigen für Landpostboten –“. Damit bezeichnet Benn den Gegensatz, der sein Denken und Dichten in dieser Zeit beherrscht und der die Grundspannung des Gedichts erzeugt: zwischen der Erkenntnis, daß der Fortschritt unumkehrbar, und der Ahnung, daß er nicht unbedingt eine Höherentwicklung, schon gar nicht Vervollkommnung bedeute, sondern Auflösung von Ganzheit und Zerstörung des „Kreislaufs“, Zertrümmerung und Verlust der alten Glaubenssicherheit, Zerfall „natürlicher“ Anschauung durch wissenschaftliche Analyse, Fragmentierung von Welt und Geist.
Dagegen wird die Erinnerung heraufbeschworen an eine Kindheit, in der die Welt, anscheinend unumstößlich, noch in Ordnung war. Sie wird ausgemalt mit Bilderfolgen, die das Gefühl anrühren, und Klängen, die es zum Schweigen bringen: „aber Abende gab es“, „Farben des Allvaters“, „weitwallenden“. Bei solchen weichen Klängen war Zeit für Sammlung und Ruhe, es herrschte noch naturnahe, bäuerlich einfache Harmonie.
Darin dachten der Schriftsteller Jünger und der Dichter Benn zeitweise ähnlich: daß die modernen Erkenntnisinteressen in Philosophie und Psychologie und Analyseverfahren in den Naturwissenschaften ihre Weltbilder ab-, ja auflösen würden – aber es waren doch nur ihre Anschauung und ihr bedingter Glauben, die abgelöst wurden von neuen Einblicken in dieselbe Welt. Dieser Prozeß wird als schmerzhaft empfunden: wie eine andere Pubertät. Daß sie gleichsam aus einer Art lebensgewisser Kindheit herausführt, wird zusätzlich als quälende, weil ungewollte „Befreiung“ innerer Zwänge erfahren und, zumal im melancholisch eingetrübten Alter, sentimental als ein Verlieren erinnert.
Zudem in einer ungeliebten, noch erfolglosen Gegenwart – der späte Ruhm Benns setzte erst 1951 mit dem Büchnerpreis ein. „Fragmente“ ist das bemerkenswerteste Gedicht dieser Zeit aus der Gruppe jener reimlosen Gedichte, von denen Benn seinem Briefpartner Oelze schrieb: „Die neuen sogenannten Gedichte sind ja wohl alle eines Akademikers und Olympiers unwürdig.“ Nicht Ausdruckskunst, sondern „Ausdruckskrisen“. Und „Anfälle der Erotik“, das weiß man.
Der „Mensch von heute“, das ist die Formel nicht nur für einen allgemeinen Bewußtseinszustand. Zwar nennt Benn in dem Gedicht „Fragmente“ ein „Ich“ nicht explizit; aber er spiegelt darin entschieden das Bewußtsein vom eigenen zerrissenen Ich in der verwandelten Welt und läßt die Fremdheit gegen diese neue Welt spüren: Leere, nichts als Leere – „das Innere ein Vakuum“ und außen nur noch Konfektion statt Konfession.
Doch ist gerade dieses Gedicht eine Konfession, die die Ausdruckskrise überwindet: entschiedener vielleicht als die reimend gerundeten, die betörend klingenden Verse, denen die pubertierenden Lyriker in den fünfziger Jahren so begeistert nachschrieben.

Heinz Ludwig Arnold aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretation. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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