Helmut Zwanger (Hrsg.): GOTT im Gedicht

Zwanger-GOTT im Gedicht

FREIES GELEIT

Da wird ein Ufer
zurückbleiben.
Oder das End eines
Feldwegs.

Noch über letzte Lichter hinaus
wird es gehen.

Aufhalten darf uns
niemand und nichts!

Da wird sein
unser Mund
voll Lachens –

Die Seele
reiseklar –

Das All
nur ein schmale
Tür,

angelweit offen –

Heinz Piontek

 

 

Gottesaufbrüche

– Deutschsprachige Lyrik von 1945 bis heute. Eine Einführung. –

„Daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind / in der gedeuteten Welt.“ Als Lyriker und Theologe bewegen mich diese Zeilen aus den Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke-. Erfassen sie nicht sehr genau auch die Situation nach dem Zivilisationsbruch des ,Tausendjährigen Reiches‘? Was ist der Mensch in der Form seiner Weltbemächtigung? Ist alles nur noch Abbruch? Das Sagbare nicht mehr zu sagen? Oder anders zu sagen, anders zu deuten? Darauf kommt es mir in dieser Anthologie zur religiösen Lyrik nach 1945 an.

Gewohnte Verlässlichkeiten sind geschwunden. „Die ,alten Gespräche‘ über Gott und mit Gott sind abgebrochen.“ Man hat sich vom Deus ex machina verabschiedet. Der Glaube an einen Demiurgen ist zusammengebrochen. Profetisch sprach bereits Georg Lukács von „transzendentaler Obdachlosigkeit“. Arnold Stadler spricht von „metaphysischer Bodenlosigkeit“. „Die Zeit kann die durchgetretene / Wendeltreppe zum Jenseits / nicht mehr benutzen“, formuliert Jürgen Rausch in einem Gedicht. Sturz, Fall, Abgrund sind häufig verwandte Metaphern: „der wachsende abgrund unter deinen sohlen“ bei Jan Wagner, „der himmel ist leergefegt / hier unten kein mensch / sicher“ heißt es bei Doris Runge, „Explosionen rissen / ein Loch in den Himmel // Mein zerborstener Schutzengel / stürzte herab“ bei Hans-Jürgen Heise. Das überlieferte metaphysische Weltbild gehört zu den vergangenen Sprachbildern. „Ersterben kann der religiös vererbte Gott“, konstatiert Paul Konrad Kurz.

Nicht einmal in der Sprache ist der Mensch verlässlich zu Haus. Gerlind Reinshagen spricht von „Trümmersprache“, Hans Magnus Enzensberger von den „lautlosen Katastrophen der Sprache“. Viktor Klemperer legte die pseudosakrale Idolatrie, die Vergötzung der Sprache, im zeitgeschichtlichen Kontext des 3. Reiches bloß.
Aber auch wenn der Mensch in weitem Abstand auf Sprachtraditionen zurückblickt, sogar Sprachzerfall, „Zertrümmerung“, „Trümmerfeld“ meint wahrnehmen zu müssen, so bleibt doch sein Bedürfnis, sich in der Welt zu vergewissern. Der Mensch kommt von Sprache nicht los.

Bei der Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit ist und bleibt der Mensch das Problem, nicht aber un-menschliche Objektivität.

Weder kommt der Mensch über die Sprache hinaus, noch kommt er hinter die Sprache zurück. „Ein präkommunikatives Stadium der Sprache ist nicht zu ersinnen“, sagt Martin Buber.
Was hat es damit auf sich, dass der Mensch – auch nach dem Verlust der metaphysischen Großerzählungen – die Welt weiterhin bespricht und beschreibt? Der konstruktive Sinn im umstrittenen Wort von der -Postmoderne- versucht das einzuholen.
Und erst recht ist zu fragen: Was hat es damit auf sich, dass der Mensch mit seinen Vokabularien zum ,Wort‘, zum anspruchsvollen Ort: traditionell Wort Gottes genannt, unterwegs bleibt? Zu Recht erinnert Bernhard Waldenfels an das Wort von Levinas vom „Trauma des Staunens“. Damit beginnt, was von altersher Religion genannt wird. In seiner Unbestimmtheit sucht der Mensch nach seiner Stimme, sogar nach seiner Bestimmung. Der Mensch nimmt sich im Infiniten der Sprache wahr. Deshalb formuliert Bernhard Grom:

Das neue Reden vom Spirituellen ist nicht vormodern, sondern postmodern.

Wo immer Deutungen unabgeschlossen voraus liegen, birgt und verbirgt die Sprache Möglichkeiten der Deutung. Nicht ohne Grund setzt die biblische Tradition Wort und Gott in eins: archaische Worthaftigkeit.
Gewiss ist dies ein weites Feld, und auch dies steht bereits wiederum in einer Prospektive biblischer Metaphorik. In Deutungen und in Auseinandersetzungen mit Deutungen deutet sich der Mensch weiter, Nie spricht er sich definitiv abgeschlossen aus, es sei denn um den Preis selbstherrlicher, sprachvernichtender Idolatrie.
„Gott im Gedicht“ – diese Anthologie folgt Suchbewegungen, Deutungsmöglichkeiten, Sprachversuchen um ,Gott und die Welt‘ aus dem zurückliegenden halben Jahrhundert.
Die katastrophischen Sturz- und Abgrundbilder verfallen allmählich. Der Philosoph Peter Sloterdijk formuliert:

Es gibt gewissermaßen eine Sprache in der Sprache. Die formuliert die Sätze, mit denen man Orientierungen über das Dasein zum Ausdruck bringt. Lange hat ein gewisser linguistischer Nihilismus geherrscht: Alles, was gesagt wird, ist gleichbedeutend. Inzwischen stellt sich heraus, dass es unter den Dingen, die gesagt werden, einige gibt, die bedeutender sind als andere. Was heute im Zeitgeist umgeht, ist das Empfinden, dass wir nach einer langen autoritätsvergessenen Zeit ein Sensorium für autoritative Worte wiedergewinnen.

Herausgefordert sieht sich der Mensch zur Rede gestellt, etwa bei Manfred Peter Hein: „Wem fall ich anheim / zu Rede Widerrede“. Oder die Dichterin Dorothea Grünzweig wagt die Metapher: „Nicht Sturz ist der Abgrund / er ist zu beschwimmen.“
Damit bin ich bereits beim Inhalt dieser Anthologie. Es liegt nahe, dass sie über traditionell „ausgemalte Sprachbilder“ hinausgeht, wenn man darunter religiös Fixiertes, konfessionell Gewohntes, dogmatisch Abgesichertes versteht, wobei ikonographisches Wiederholen und illustratives Bezeichnen an seinem Ort legitim sein mag. Auf weite Strecken aber verbleibt solch dichterische Ikonographie, oft als religiöse Gebrauchslyrik, im Bereich des Gewohnten und Sesshaften, unberührt von der unabgegoltenen Herausforderung: „wir / wissen ja nicht / was / gilt.“
Zu Wort kommen in dieser Anthologie Autoren und Autorinnen aus dem deutschsprachigen Raum, auch Menschen mit Exilschicksalen. Diese Eingrenzung hat schlicht praktische Gründe, weil es zum Anliegen dieser Anthologie gehört, die Vielstimmigkeit im deutschsprachigen Raum aufzuzeigen, nämlich, wie wach, reich und vielfältig die religiösen Sprach- und Deutungsversuche im letzten halben Jahrhundert waren und sind. Deshalb habe ich mich entschlossen, den europäischen Kulturraum nicht einzubeziehen oder gar auf den religiösen Welthorizont zuzugehen.
Eine weitere Entscheidung betrifft die Gewichtung von Autoren. Formal ordne ich jedem Autor und jeder Autorin ein Gedicht zu; diese formale Entscheidung eröffnet die Möglichkeit, möglichst viele Autorinnen und Autoren (in den drei Hauptteilen) zu Wort kommen zu lassen, um den Leser und die Leserin zur Neugier und zum Entdecken einzuladen. Jedenfalls wird so auch vermieden, dass die sog. Top Ten die Anthologie solitär beherrschen.

Diese gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil „Sprache auf dem endlosen Weg“ nach einem Zitat von Johannes Bobrowski zielt auf suchende Spracharbeit. In seinem Vorwort zu Transit schreibt Walter Höllerer:

Worte, Verse bestätigen ja nicht nur; sie schaffen dem Bewusstsein ein neues Grad-Netz im noch nicht definierten Bereich von Wirklichkeit.

Im letzten halben Jahrhundert entsteht ein gewandeltes Bewusstsein um Sprache und für Sprache. Bei seiner Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1959 sagte Günter Eich:

Von Gott kann man nicht sprechen, wenn man nicht weiß, was Sprache ist.

Die Anthologie beginnt mit Wortsuche. „Ein zum Schweigen gesteuertes Weltall“ steht bei Nelly Sachs im Horizont solcher Wortsuche. Immanuel Weißglas sieht im Zerbrechen – „im Zunder nächtgen Zeitverfalls“ – Möglichkeiten zu Sprachaufbrüchen. Wie ein Dictum erscheint der profetische Aufruf von Paul Celan:

es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen.

Viele Gedichte nach 1945 stehen in dieser Tradition der Herausforderung. In bewusst dislozierter Abfolge habe ich Gedichte zusammengestellt: „diese unvordenkliche / lichtung / der worte“ bei Rainer Schedlinski; „Baum für Baum / entziffere die Schrift“ bei Ralf Rothmann; „Gott als Metapher für das Unerforschte“ bei Arno Reinfrank; „die große wunderbare Wortvermehrung“ bei Nicolas Born; „um Gott wieder aufzubauen“ bei Thomas Bernhard und andere Beispiele.
Es bleibt ein tastender Weg nach einer Formulierung von Ingeborg Bachmann, aber er tastet sich heraus aus einer bodenlosen Vergeblichkeit und sei es auch nur „für die kurze zeit eines begreifens“ (Heiner Bastian). Gedichte „bereiten den Boden für eine andere Zeit“, so Urs M. Fiechtner. Im „Wortgewurzel konnte die Welt eingesegnet werden“. Nach Elazar Benyoëtz wäre das Gedicht „die Stimme eines auferstandenen Wortes“.

Viele Gedichte gehen von einer erstaunlichen Wahrnehmungsoffenheit aus. Christine Busta findet die Worte „In uns bauen uralte / Himmel sich neu und leuchten.“ Bei Kay Borowsky „Verse: Wanderstäbe“. Bei Horst Bienek „Wörter / meine Fallschirme“.
Aber diese Wahrnehmungsoffenheit führt noch weiter, und zwar in den Horizont von Verpflichtung und Freiheit. „Jede Offenbarung“, schreibt Giorgio Agamben, „ist immer zuallererst Offenbarung der Sprache selbst… Es gibt entsprechend zwei Arten, hinter die denotative Beziehung zurückzugehen, um zu einer Erfahrung des Sprachereignisses zu gelangen: Die erste folgt dem Paradigma des Schwures und versucht die Erfahrung von Begrenzung und Verpflichtung zu begründen. Die zweite Art hingegen öffnet in der Erfahrung des reinen Wortes den Raum der Unentgeltlichkeit und des Gebrauchs.“
Auch hier folgen Beispiele in dislozierter Abfolge. Zum Beispiel von Günter Kunert „Auf dem Grund der Gedichte / ruht alles Unsagbare“. Von Wulf Kirsten „wenn du aufsiehst / stürzt sich der Himmel / auf dich“. Von Johannes Poethen „ich entwerfe atemraum / ich bin in wörtern“. Von Dorothea Grünzweig „wir mit unseren Wortbleiben“.
Beispielhaft für diese Perspektive: Im Gedicht „Gebot“ nimmt Matthias Hermann die alte Ladetradition der zehn Gebote auf und verwandelt sie in die Metapher von der „Glaslade der Sprache“: lucide, fragil, kostbar. Die Einwohnung Gottes geschieht in der Sprache; die Einzigartigkeit Gottes deutet sich aus im Verbot der Bildhaftigkeit… verboten die Haft der Idolatrie. Rückbezüglich gilt das selbst für Gott; es gibt keinen Begriff, kein begriffliches Beherrschen von Gott. Die sprachschöpferische Potenz gilt der unerschöpflichen Unfixierbarkeit des Lebens. Sie gilt uns, also universal allen; allem, was menschlich ist und bleibt. Wegweisung im deutenden Wort entfaltet sich in der Sprache. „Hier, unterwegs, führen wir“, schreibt Inger Christensen, „das Gespräch zwischen Mensch und Weltall, zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit, das wir versuchsweise Gott nennen.“

Zertrümmerung von Wirklichkeit und Aufbau von Wirklichkeit zeigt der nach einer Zeile von Erich Fried benannte zweite Teil dieser Anthologie.
Erich Fried widerspricht verfasster Wirklichkeitserfahrung: „was wäre das / für eine Welt?“ Nicht nur, dass die Wirklichkeit in sich strittig ist, vielmehr ist ihr der verabsolutierende Maßstab streitig zu machen. Gegen die Selbstbehauptung von Vernunft und Erfahrung setzt Erich Fried als Kriterium die schöpferische Potentialität der Liebe.
Hans-Jürgen Heise geht es um ein Erwachen über „das Zyklopenauge der Vernunft“ hinaus. Von der „Kälte der Vernunft“ spricht Esther Dischereit, nicht als Verhängnis, sondern als anstrengende Herausforderung. Renaissance gibt es nur im gemeinsamen Widerstand. Für Elazar Benyoëtz hat sich selbst die Theologie an die Aufklärung ausgeliefert. Bei Johannes Poethen ist der Mensch umstellt: „wir haben alles aufgeklärt.“ Dem Diktat einer besitzergreifenden Vernunft setzt Ulla Hahn den sinnlich wahrnehmenden Menschen in der Tradition von Matthias Claudius entgegen: was hat es mit dem sinnlichen Aufrichten auf sich? Josef Hasl plädiert für einen Verzicht auf die tödlichen Veränderungsneurosen des Intellekts, um dem bloßen, endlichen Menschen Raum zu geben. Der Verzweckung ins Beliebige stellt Arnim Juhre den Imperativ entgegen: „Lerne lesen in der Welt.“ Punkt. Der Alles-Determination stellt Rainer Malkowski die Frage entgegen. „ich kann mich nicht als gehirn begreifen“, formuliert Rainer Schedlinski. Gegen „den Sieg der Vernunft“ sieht Eva Strittmatter ein „allnächtliches“ Aufbrechen. Gegen die „obzöne grazie der vakuumpumpe“, den Wahn des Vermessens, stellt Jan Wagner einen „toten sperling“; „er wird noch durch einen leeren Himmel fliegen“.

In die Wahrnehmung leuchten „verlockende Worte“ hinein. Das Lyrische Ich bei Roman Ritter gibt sich mit vorhandener Wirklichkeit nicht zufrieden. Unterwegs zwar, aber dennoch: „Ein Schimmer ferner, lächelnder Gestade.“ Gegen die Absurdität der Wirklichkeit stellt Felix Pollack „das Geheimnis der Zeit“. Gegen die „erdumwälzer“ appelliert Wulf Kirsten an das Gewissen. Markus Jaroschka reißt die „Logiknetze“ auf, um einem unabschließbaren Wirklichkeitsverständnis Raum zu geben. Feste Gewissheiten wie Wasserscheiden sind zwar bei Harald Hartung verloren, aber ein Ausloten „auf mich zu im woher wohin?“ bleibt. Dorothea Grünzweig stellt in den Zwiespalt von Vergehen und Auftauchen ein neues Erstehen:

Finstere Augen
brechen
sehen.

Die eigene Wahrnehmungswelt sieht Cordelia Edvardson in „schwindelndblauer Unendlichkeit“. Werner Dürrson setzt Wirklichkeit und Sprache in Beziehung, spielt mit der Dimensionalität von Sprache und Wirklichkeit. „bin das schon ich“, fragt Kurt Drawert, „aus der Sicht / von hier draußen“. Humus und humanus, adamah und adam: Boden sucht Hilde Domin „für die Pflanze Mensch“, unterscheidet Fruchtbares und Unfruchtbares. Was uns blüht, wird zur Frage der Wahrnehmung, so bei Elisabeth Borchers. In der Potentialität der Sinne liegt die Möglichkeit, „wahrzunehmen / was uns gebührt“.

Suchbewegungen fallen auf, die den Wahrnehmungsraum erweitern. Christoph Wilhelm Aigner spricht vom „spürbar Unsichtbaren“, Detlev Block vom „funkelnden Erstaunen“, Andreas Okopenko vom „unbezeichneten Ziel.“ Ingeborg Bachmann wagt das Bild von der „unerhörten Wand des Himmels“ als Herausforderung zu Metamorphosen „aus dem alten / Glauben meines Kindergebets“. Cyrus Atabay spricht vom unabschließbaren „Tor“ der Wahrnehmung. Rose Ausländer sieht den Menschen im Geheimnis des Sichtbaren und des „unendlich Unsichtbaren“. Nicht Hinterwelt, sondern dem Menschen zugute kommender Horizont. Es wird sich noch zu zeigen haben, so bei Johann Gunert, „was der Mensch als Mensch noch wert“. Johannes Bobrowski weist auf die Spannung hin: „Das Wort Mensch.“ Der „Lebensbaum als weltaltes Zeichen“ bei Peter Huchel steht strittig in umstrittener Wirklichkeit.
„Den brennenden Dornbusch Sprache durchdringen; das Wunderliche zu Gesicht zu bekommen, das Pfingstwunderliche der Sprache, die Überraschung der Zungenrede erzeugen“, formuliert Thomas Kling.

Der dritte Teil versammelt, nun bewusst alphabetisch geordnet, rund 180 Autoren und Autorinnen unter der Überschrift „Interpretationen interpretieren“. Diese Überschrift folgt der Einsicht von Hans-Georg Gadamer: es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen. Diesem weiten Feld möchte ich mit den Stimmen von Thomas Kling und Paul Celan Raum geben, So schreibt Thomas Kling:

Dichter sind mitunter Sondengänger – oft ein Euphemismus für den nachtaktiven Raubgräber. Die in den verdeckten Hinterlassenschaften der Jahrhunderte, der Jahrtausende herumstöbern.

Und Paul Celan kommt mit seiner Bildhaftigkeit aus der Exodus-Tradition:

wo du Wüstenbrot bukst
aus mitgewanderter Sprache.

Der Übersichtlichkeit halber gliedere ich in Abschnitte: Abkehr – Offene Suche – Übermalungen – Bildhorizonte – Unabgegolten.

„Abkehr“. Zum Kontext religiöser Lyrik nach 1945 gehört bewusstes Abgrenzen. Vier Aspekte möchte ich beispielhaft erläutern.
Überlieferte Bildtraditionen und Weltbilder sind fragwürdig geworden. Man blickt auf sie zurück. Michael Krüger klammert in dem von mir ausgewählten Gedicht das „Lachen“ darüber ein. In einem lyrischen Dialog geht er auf die Verlusterfahrung ein: prüfend, messend, relativierend. „War es besser?“ Ambivalent die Antwort: „Der Trost drang tiefer“, aber der herausgeforderte Mensch, der bloßgestellte Mensch tritt jetzt deutlicher hervor. Die Verantwortlichkeit des Menschen stellt sich ohne metaphysische Gottesvorstellung radikaler.
Eine weitere Facette metaphysischer Abarbeitung zeigt das Gedicht von Kurt Marti. Lyrisch formuliert Marti seinen Einspruch gegen ein metaphysisches Vorauswisssen von Gott… – als ob da ein Pantokrator am Werk sei. Dialektisch spannt er den Bogen weiter auf Menschen hin, die metaphysischen Glauben instrumentalisieren. Indem Kurt Marti mit diesem Gottesbild bricht, bricht er ein anderes Gottesbild auf.
Kurt Heynicke (1891–1985), der in seinem 9. Lebensjahrzehnt das Gedicht „Der Christus“ schrieb, geht ins Grundsätzliche: steht nicht jede religiöse Formung von Sprache in Gefahr, zu überhöhen, zu glorifizieren, zu sakralisieren? „Verfrommst dich in uns / zur Legende“. Das zu Lesende bekommt den falschen Schein frommer Eindeutigkeit.
Und schließlich ist der Aspekt einer Dichtung nach der Shoah zu bedenken. In welchen Traditionen steht religiöses Sprechen? Müßte es sich nicht seiner Herkunft vergewissern? Müßte es nicht auf den Grund seiner Sprache schauen? Was setzt Sprache vor, was setzt Sprache voraus? Was bedeutet antijudaistische Sprachvergiftung über fast zwei Jahrtausende hinweg? Vorwurfsvoll formuliert Paul Celan:

Ihr mahlt in den Mühlen des Todes das weiße Mehl der Verheißung.

„Offene Suche“. Sechs Beispiele greife ich heraus.
Nelly Sachs beginnt ihr Gedicht „Chor der unsichtbaren Dinge“ jeweils mit dem Klageruf „Klagemauer Nacht!“ Die Klagemauer in Jerusalem tritt in den Horizont kosmischer Verdunkelung. In der kosmischen Nacht sind die „Psalmen des Schweigens“ begraben, in sie eingegraben. Wer wird sie zum Reden bringen? In der „Klagemauer Nacht“ sind die Toten zuhause. Wer wird das Totenfeld erwecken? Eine Fulguration erwartet Nelly Sachs vom „Blitz eines Gebetes“. Es ist der interzessiorische Mensch, der jene weckt, die „Gott verschlafen haben“.
Felix Pollack, 1938 in die USA emigriert, beschreibt in seinem Gedicht „Worauf es immer hinausläuft“ die Befindlichkeit des Menschen in verschiedenster Hinsicht „ob oder“ („whether or“), Das „Stückchen Himmel“ wirkt „begrenzt, durchkreuzt, getönt“. Im Herzen suchende Sehnsucht. Ungestillt. Lebenshunger. Es muss mehr als alles geben:

der Hunger
nach anderswo
als wo.

Über die Alternative ,Diesseits‘ – ,Jenseits‘ geht Rainer Malkowski in seinem Gedicht „Der die Möwe fliegen sah“ hinaus. Es beginnt mit einer Tagebuchnotiz „sah eine Möwe fliegen“. Malkowski unterlegt das Sehen in doppelter Weise: sehen und versehen. Wessen versieht sich der Mensch an seinem Ort, in seiner geschichtlichen Einmaligkeit? Fragend geht Malkowski in das Auseinanderreißen von Diesseits und Jenseits hinein.
In sechs Strophen „Um die Hügel“ entfaltet Alfred Kolleritsch das „Geschenk der roten Erde“ im Wechselspiel von sechs- und siebenzeiliger Ausgliederung. Das „Wahrgenommene“ sieht Kreis und Grenze, einst und jetzt, Himmel und Erde, Erstarrtes und „neue Bewegung des Feuers“. Im „Trost der Vulkane“ sind „Ordnungen“ wahrnehmbar. Auch der Tod gehört dazu. Es geschieht ein Einfrieden im Gedicht. In einer siebten Strophe bündelt Kolleritsch: „Dafür wäre die Hoffnung“ da – den Menschen begrenzende Hoffnung: „Trost des Menschseins. Trost zu empfinden“.
Schon der Titel „Transit“ im Gedicht von Felix Philipp Ingold deutet Übergang, Durchgang, Vorübergehen und Veränderung an, auch Weg und Erfahrung. Der namengebende Mensch kommt in den Blick, fast wie nebenbei, vorläufig, überholbar. Ein „dort“ und „weiter“ werden unterscheidbar. Auch was der Mensch anrichtet bei seiner Namensgebung. Ist „Schutt und Asche“ ein letztes Wort? Ein hypostasiertes, ein vergegenständlichtes Paar betritt das Gedicht: Geduld und Liebe, und sie „fruchtet“.
Hans Egon Holthusen beschreibt in seinem Gedichtbeitrag zur Lyrik-Anthologie Widerspiel:

Das Gedicht will den schwindelerregenden Hiatus zwischen Hier und Dort bewusst machen…

Sein Gedicht „Tabula rasa“ beginnt wie ein Manifest: „Ein Ende machen. Einen Anfang setzen“. Holthusen blickt auf „Trümmer, Blut und Tränen, Schmerz, Verzweiflung“. Und dann hält er inne: „und doch, wir leiden. Sprachlos.“ Und dann kommen Fragen über Fragen, auch die Frage nach dem noch verborgenen Menschen, der es vermöchte: „und keltert“ einen „Tropfen Ewigkeit / Im dunklen Wirbel unserer Untergänge.“

„Übermalungen“. In diesem Abschnitt stelle ich Autorinnen und Autoren vor, die sich der Kontextualisierung bedienen. Erlesenes, Herausgebrochenes, Gefundenes aus der kanonischen Sprache von Juden und Christen, aus liturgischem Gut, aus der Choraltradition wird mit neuen Kontexten verknüpft. Es entstehen überraschende Spannungsbögen, kreative Entdeckungen, schöpferische Aufbrüche, vergleichbar den Übermalungen von Arnulf Rainer. Dazu einige Beispiele.
Das Gedicht von Hans Sahl beschreibt zunächst Erinnerungsarbeit gegenüber der nachkommenden Generation: „was wißt Ihr von den Tollheiten der Menschen?“ Die Untergründigkeit und die Abgründigkeit der Vergangenheit rückt in den Blick. Das Ohr ist zu schärfen. Der Wind, „der ein verbranntes Buch aufblättert“. Die Zitation aus Matthäus 26,75 wird aus ihrem passionsgeschichtlichen Ort gelöst und in die Passion des jüdischen Volkes hineingestellt.
In seinem dreistrophigen Gedicht verschränkt Paul Wühr mehrere biblische Traditionen: die Offenbarungstradition aus Exodus 3,14, die Tradition von der Erschaffung des Menschen nach Genesis 1,27 und die Tradition von der Entblößung des Menschen aus Genesis 3,7. An die Stelle einer dualistischen Diastase von Gott und Mensch tritt ein offenes Beziehungsgeschehen um die Fehlbarkeit des Menschen.
„Um verbergen“ und offenbaren geht es im Gedicht von Rudolf Hagelstange. Der geängstigte Mensch, „fahl von Heuchelei und Lüge“, täuscht sich selbst. Die „Scham“ vor dem bloßen Menschsein wird verborgen.
Der Mensch wird zum Nachtgänger: „Ihr braucht die Nächte, um wieder Ihr zu sein.“ In diesen Kontext stellt Hagelstange die Metaphern von Licht und Quelle aus Psalm 36,10 hinein, Der Mensch selbst ist es, der sich seiner epiphanen Möglichkeiten beraubt.
Trauergeleit thematisiert Bernhard Nellessen in seinem Gedicht „am grab von udo engel“. Die eschatologische Hoffnung von neuem Himmel und neuer Erde verbirgt und enthüllt der Autor in der Wendung: „wo die erde keine risse mehr hat.“ Antwort und Frage gehen weiter voraus. Die Personalität und Beziehungshaftigkeit gelebten Lebens wird mit Sprachanklängen aus Psalm 23,4 umfaßt; bleibt offen. In die Angefochtenheit vergänglichen Lebens wird im literarischen Verfahren ein paulinisches Zitat aus dem 2. Korintherbrief 4,7 eingeblendet:

hoffnung in irdenen gefäßen.

Im literarischen Verfahren wieder anders gestaltet der in Darmstadt geborene Richard Exner sein Gedicht „Berührungen“. Dieses Gedicht wendet sich einer der Hauptikonen abendländischer Malerei zu, und zwar Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle:

schwebt
mit ausgestrecktem Arm
der Schöpfer
seinem Ebenbild
entgegen.

Der dichterische Blick gilt dem Zwischenraum zwischen Gott und Adam. Es ist die nur „fast berührte Hand“, die Exner lyrisch zu bedenken gibt. Auf der einen Seite ein Zwischenraum, „den nur Gottes Funke, / nur die Liebe / überspringt“; auf der anderen Seite der grauenerregende Mensch: „Flammenmeer“ und „Berge aus Menschenasche“. Geht etwa ein grundsätzlicher Riß durch die Schöpfung? Im dichterischen Dialog mit Michelangelo geht Exner weiter:

berühren also,
ohne zu töten.

An der Wahrnehmung geht der schöpferische Funke weiter:

nimm dir das bisschen Farbe
aus meinen Augen.

Der schöpferische Prozeß dialogischer Wahrnehmung schafft das göttliche Überspringen zum Menschen hin – der Mensch als Ikone Gottes.
Als weiteres Beispiel habe ich ein Gedicht von Ursula Krechel ausgewählt. Sie spielt mit dem Wort „versiegeln“. Unterschiedliche Bedeutungszusammenhänge werden freigelegt und auf ihr förderliches oder bedrohliches Potential befragt. Was ist der Maßstab? Wer übernimmt Autorschaft? Mit dem biblischen Verweisen auf das Hohelied 8,6 bringt Ursula Krechel den Menschen auf seine Bestimmung zurück. Indikativisch tritt die Liebe in den Begeisterungshorizont des Lebens.
Eine Nuance anders arbeitet Rainer Brambach. Kontrastiv ist sein Verfahren. Sein Gedicht „Vormittag“ nimmt zunächst die Struktur eines Kinderliedes auf (morgens früh um sechs… ). Jetzt im Gedicht steht die gewohnte Routine im Vordergrund. Eintönig. Eigentlich „leer“. Eigentlich auch beziehungsleer: „komme ich zu mir selber“. Distanziert liegen woanders die Briefe. Botschaften von woher und woraufhin? Kontrastiv fällt das biblische Zitat aus Prediger 11,7 ins Leben, ins Leben mit offenem Ausgang.
Und schließlich ein Beispiel von Eva Zeller. Das Gedicht „Das Stündlein“ setzt sich mit moderner Sterbebegleitung auseinander. Imaginiert wird die Situation der Patientenverfügung und der passiven Sterbehilfe. In die Autonomie selbstbestimmten Sterbens tritt ein sinnerschließender, offen umschließender Kreis aus Psalm 17,15:

um an Deinem Bild
zu erwachen.

Eine Fülle biblischer Konnotationen aus Hiob 19,27, Matthäus 5,8,2. Korintherbrief 5,7 und 1. Korintherbrief 13,12 bündeln sich:

als ob … mein Schauen großer wäre
als die Sprache.

„Bildhorizonte“. In der Konzeption der Anthologie vertieft dieser Abschnitt den vorangegangenen zweiten Teil. Im Wort ,Horizont‘ verschränken sich Begrenzung und Eröffnung. Ein Horizont bildet jeweils eine vorläufige Grenze von Wahrnehmung: im Sprachhorizont, im Denkhorizont, im Welthorizont. Ein anderes kommt hinzu: nachdem die metaphysischen Großerzählungen zerfallen sind, radikalisiert sich die Frage, wie sich der Mensch in und aus seinem Gesichtskreis wahrnimmt. Welche Bildhorizonte bringt Dichtung ein?
Einige der Texte der hier ausgewählten Autorinnen und Autoren möchte ich erläutern.
Das Gedicht von Günter Ullmann „Alles spricht“ geht von der Sinnenhaftigkeit des Menschen aus, vor allem vom Sehen und Hören. Die Sprache als Sprache ist beredt. Der Mensch könnte ein Wahrnehmender, sogar ein Sprachverwandelnder sein. „alles spricht / der Himmel die Erde.“ Es liegt am Augenaufschlag und am Gehör des Menschen, ob und wie er dies wahrnimmt. „und verstehen uns / nicht.“ Ullmann spricht die Möglichkeit des Verstehens an, indem er die menschliche Verweigerung des Verstehens bloßlegt.
Im Gedicht „Vergangene Zukunft“ sieht Margot Scharpenberg den Menschen im „Niemandsland“. Verschlissene Träume, Paradiese, Utopien ziehen vorbei. Wie verortet sich der Mensch … rückwärts, vorwärts:

das Muster Geschichte
der blühende Garten Futur?

Wie formt er seine Gegenwart? Wie kommt er aus dem bedrohlichen Niemandsland „auf erdachten Stühlen“ heraus? Im literarischen Verfahren bearbeitet Scharpenberg die jesuanische Nachfolge-Tradition aus Matthäus 19,24 und setzt sie in Beziehung zum Rettungsmythos der Arche aus Genesis 6-8. Ihre Einsicht ins Dürftige und Bedürftige trägt sie in ein neues Wort ein: „Nadelöhr-Kreaturen“; des Anfangs gewärtig im „besteigen der Arche“.
Man könnte das Gedicht „Über den Hafen von Lindos“ von Dagmar Nick als eine Auseinandersetzung mit der Sturz-Metapher von Friedrich Nietzsche „Stürzen wir nicht fortwährend?“ deuten. Die Achse im Gedicht, der Umbruch im Gedicht bildet die Zeile „Wage dich“. Das ist zum einen ein „Salto mortale“, und zwar „über die nachtenden Wasser hinweg“. Alte Chaos-Tradition klingt an. Aber es ist nicht ein Deus ex machina, der rettet, sondern das unbändige Geheimnis der Liebe in der paulinischen Tradition aus dem 1. Korintherbrief c.13. Die alte Metapher vom Himmel verortet sich jetzt in der Bodenlosigkeit schöpferischer Liebe.
Eine ganz direkte Auseinandersetzung mit Bildhorizonten bietet das Gedicht von Bruno Stephan Scherer „Gott zeichnen“. Geläufige, überlieferte Gottesbilder kommen ins Bild, kosmologisch, transzendent. Sie zerbrechen im hartnäckigen Gespräch mit dem Therapeuten, einmal… zweimal. Welchen Namen hat Gott? Das geht übers Bild hinaus. „DU.“ Die den Menschen vernichtende Verhältnislosigkeit rückt in die Beziehungsfülle Gottes.
Rolf Dieter Brinkmann setzt in seinem Gedicht mit der Metapher „Schnee“ ein. Wahrnehmungshorizonte entstehen an und im Menschen:

wer
dieses Wort zu Ende
denken könnte.

Bildhorizonte werden in diesen Prozeß hineingespiegelt. Traditionelle Bildhaftigkeit wie „Himmel“, wie „blau“ gerät in eine neue Spannung. Vorausgegangene Ortsbestimmungen, Wegbestimmungen, Zielbestimmungen kommen in Bewegung. Hoffnungsperspektive aus reflektierender Wahrnehmung weicht Erstarrtes auf.
Friederike Mayröcker geht in ihrem Gedicht der „Pachermadonna“ eingehend nach. Eine zweite Ebene schiebt sich ins Gedicht mit dem alten „Beichtstuhl von damals“. Mahnend und bergend kommt er in den Blick, Turm und Gehäuse. Wahrnehmung weitet sich:

das Erwachen an Augen, wir machen pausenlos Lebensfehler.

Mit einer Wortschöpfung „transparenzkissenschwer“ („Himmel auf Erden“) führt Mayröcker einen alten Bildhorizont in einen neuen über.
Wieder ein anderes Verfahren zeigt Paul Konrad Kurz in seinem Gedicht „Mehr oder minder Wappentiere“. Schon bereits mit der Überschrift wird die Wertfrage signalisiert; zweistrophig wird sie fortgeführt:

IHRE Tiere
SEINE Tiere.

Triadisch die Adler. Triadisch Löwe, Wolf, Hahn. In Vierzahl dagegen die Tier-Bilder aus der christlichen Tradition. Also: Imperium oder Dominium. Die Achse im oder stellt den Menschen in die Wahl seiner Ausrichtung.
Ein letztes Beispiel wähle ich mit Harald Hartung „Weißer Jahrgang“. Harald Hartung, Jahrgang 1932, war zu jung für den Krieg, aber mit pubertären Tönen gesteht er seine Kriegs- und Waffenbegeisterung ein. Eine Nahkampfszene aus dem russischen Feldzug blendet sich ein, allerdings:

die Blutrinne sah kein Blut.

Der Bildhorizont aus der Angelologie wird ironisch mit dem Buchhaltermotiv gebrochen, um umso intensiver die Kontingenz des Lebens im ungenannten, jedoch vorausgesetzten Buch des Lebens aus jüdisch-christlicher Tradition hervorzuheben.

„Unabgegolten“. Am Ende dieser Einführung komme ich auf die eingangs erwähnte Zeile von Paul Celan zurück „wir / wissen ja nicht, / was gilt“. Im Gedicht verarbeitete Paul Celan seine Begegnung mit Nelly Sachs. In einem späteren Brief vom 9. August 1960 schreibt Paul Celan:

Weißt Du noch, wie, als wir ein zweites Mal von Gott sprachen… der goldene Schimmer an der Wand stand? Von Dir, von Deiner Nähe her wird solches sichtbar…

Man würde Celans Intention verkennen, wenn man dieses Gedicht als Absage an das Gültige läse. Das Gültige bleibt vorausgesetzt. Der Hauptsatz bleibt betont: „wir wissen ja nicht.“ Was hat es mit solcher condition humaine auf sich? Geht sie nicht zurück aufs verführerische Versprechen: „ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ (Genesis 3,5) Kunstvoll verschweigt der Mythos das ,Wie‘, den Modus, die Art und Weise, wie solches Wissen geschieht. „Wir“ wissen ja nicht, was gilt. In diese Herausforderung tritt das Wort, die Dichtung…
Einige Beispiele aus diesem Abschnitt möchte ich herausgreifen und mit interpretatorischen Hinweisen versehen.
Das ausgewählte Gedicht von Friederike Roth ist ein verhaltenes Magnificat: „groß geschrieben“. Die erste und letzte Zeile des Gedichts betont die Sehnsucht „nach Leuchtendem. Man will sie mir aber nehmen.“ Die Theodizee-Frage deutet sich an, deutet sich aus wie ein negativer Gottesbeweis. Verstummen ist die Folge. Jetzt wechselt Friederike Roth die Bildebene. „Längst bin ich weggeflogen auf Leuchtendes zu.“ Feststellbar war „natürlich“ nur die „sternlose Nacht“. Aber statt stumm ist das Lyrische Ich beredt geworden.
„Freies Geleit“ hat Heinz Piontek das ausgewählte Gedicht überschrieben. Der Titel signalisiert inmitten der Bedrohlichkeit des Daseins ein Verbürgtsein des Menschen, Da mag es ins Weite gehen oder ins Nahe … „Aufhalten darf uns / niemand und nichts!“ Obwohl das in der Realität ständig geschieht, oft auf entsetzliche Weise. Dass dem Menschen seine Bestimmung klar bleibt – dazu leiht sich Piontek ein Wort aus Psalm 126. Ins „All“, in die namenlose Totalität bricht er eine schmale Tür, Ortsbestimmung, Wegweisung… „angelweit offen“, eben offen auch für eine angelus-Deutung, wie sie die jesuanische Botschaft vorgelegt hat. Der ,angelus‘ aus Matthäus 18,10 steht für die verbürgte Gottesbeziehung.
Hervorheben möchte ich einige Gedichte zur Interpretation des Kreuzes. „Vision bei Kaunas“ heißt das Gedicht von René Schwachhofer, Kaunas – einer der verzeichneten Orte auf der Landkarte zur Ermordung des europäischen Judentums. Fast auf wenige Substantive reduziert ist das Gedicht, ein Mittel, Substantielles auszudrücken. „Stimme über / den Feldern“. Die Szene aus Lukas 2,8–14 wird in Erinnerung gerufen: Ehre sei Gott in der Höhe und dem Menschen auf Erden wohlwollende Wertschätzung. „Das Kreuz / Am Himmel.“
Kritisch wendet Dieter M. Gräf die Interpretation des Kreuzes gegen „Kreuz, Ritter, Töne“. Die unermeßlich auslotende Vertikale wurde zum tötenden Speer zugespitzt, bereits vorher seiner von Horizont zu Horizont reichenden Umarmung beraubt.
Christliche Gegend hat Werner Dürrson seine Interpretation überschrieben. „Die Planierraupe kam / bis zum Steinkreuz“, vielleicht ein Sühnekreuz, ein Wallfahrtskreuz, ein Friedhofskreuz. Der Fahrer bremst ab, hält ein. „Feierabend“. Schabbat. Ein Doppelsinniges: Aufhören. Auf-hören. Anders der Bauunternehmer – Metapher für kapitalistische, ökologische, ökonomische Rücksichtslosigkeit. Am Steinkreuz bricht der Streit um die Interpretation von Wirklichkeit auf:

wer kommt da
wem in die Quere.

„Vom Menschensohn“ nennt Ulrich Schacht sein Gedicht und signalisiert damit alte Ausdeutung der Jesus-Botschaft. Diese Botschaft ist „kein eitles Gerede“. Den anderen Menschen bejahendes Ja. Unterwerfender Macht gegenüber ein verneinendes Nein. „Weis / ab was dich anweist.“ Ikonen von Imperialismus kommen ins Bild: „Säulen Tribünen.“ Wo’s einem die Sprache verschlägt – Wortaufbruch:

einen Wortweg
geh ich, ihm nach, in
Sprachlosigkeit.

Evidenz ergreift das Lyrische Wir:

Diese
Lust ihn leben zu
lassen. Diese
(Leerzeile) Last.

Vielschichtig ist dieses literarische Verfahren. Zunächst der Stabreim: Vision und Wirklichkeit. Wille und Tat. Vorsatz und Ausführung. Aber im „Wortweg“ ist die Sprache noch gesättigter. Biblisch versprachlichte „Lust“ steht allen Psalmen voran: „Wohl dem, der Lust hat an der Torah Gottes.“ (Psalm 1,1f.). Dieser Kontext verweist wiederum auf den paulinischen Text im Galaterbrief 6,2: „einer trage des andern Last, so werdet ihr die Torah Christi erfüllen.“ Dichtung kann so zum „Wortweg“ finden.
Gebet in Ruinen hat Ralf Rothmann seinen im Jahr 2000 erschienenen Gedichtband genannt. Aus ihm ist das Gedicht „Engel des Abgrunds“ entnommen, ein Motiv aus der ,de profundis‘-Tradition. Das Gedicht gliedert sich in zwei Strophen. Die erste Strophe beklagt „mein ewiges Zu spät“. Angst und Zerrissenheit prägen die erste Strophe. Die zweite Strophe setzt mit einem Gebetsruf ein: „Vergib mir.“ Dann spricht das Lyrische Ich über seine Selbsterkenntnis. „Ich wußte nicht, daß Gott uns meint…“ Die Beziehung von Selbsterkenntnis auf Gotteserkenntnis. Jetzt in Grabesnähe wieder Schnee, wie am Beginn der ersten Strophe, jetzt aber… „als fielen mir Splitter des Lichts ins Gesicht“.
Im Gedicht „Vergeßlichkeit“ berührt Günter Kunert den Bezug auf Exodus 3,14, und zwar in ironischer Heiterkeit. „Zeit löscht die Namen / im Hirn.“ Das wird breit ausgeführt bis in Einsichten moderner Gehirnforschung hinein. Dann kommt in der kurzen zweiten Strophe eine Selbstvorstellung wie ein alzheimerisches Palimpsest, darunter noch erkennbar die Urschrift. Zeit löscht nicht die Antwort auf die Frage „wie ist sein Name?“ aus Exodus 3,13. Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.
Ulrike Draesner hat das ausgewählte Gedicht „pfingstmikrophon“ genannt. Dichterisch reflektiert sie „sprache in verzerrung“. Was ist Sprache, „daß ich hörend nichts verstehe“? Was? „ein Ohrschwappen… neurotransmittiert.“ Ulrike Draesner begreift aber die „mich zerfunkende Sprache“ auch als Chance, als Bedingung der Möglichkeit „von fern den reinen klang zu vernehmen, sprachmaterial… im dornenbusch.

Ein wohlbesonnener Abschluß für eine Einführung in die Anthologie Gott im Gedicht.

Die Finsternis des Gotteslichts ist kein Verlöschen; morgen schon kann das Dazwischengetretene gewichen sein.

Helmut Zwanger, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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