Holger Uske: Zu Walter Werners Gedicht „Das unstete Holz“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Walter Werners Gedicht „Das unstete Holz“ aus Walter Werner: Das unstete Holz. 

 

 

 

 

WALTER WERNER

Das unstete Holz

Wie eine lange Geschichte, Zeile
um Zeile ablesbar in Gestalt
und Gebärde; so Baum
für Baum zähl ich ihm die Jahre.
In Wind und Wetter, hör ich,
trennen sich Wurzel und Alter.

Ich kann leben. Ich kann wachsen
und warten. Meine Sprache verlieren
und wieder in ihr wohnen.
Nachzeichnen den hellen Gang
der Sonne über die Furniere
und an den schwarzen Kufen
der Särge die langsame
dunkle Drehung der Erde.

Zu stürzen bin ich bereit
und befreit, mit jedem zu reden
und mit allen zu schweigen

 

Dem Klang des Holzes folgen

1967. In Berlin weiß die Partei wieder einmal, wie Literatur zu wirken hat. In Untermaßfeld bei Meiningen, im fränkischen Teil Thüringens, aber schreibt ein Dichter derweil – über das Holz. Drei Jahre später wird der Text in Halle erscheinen, einem Lyrikband seinen Titel geben und seinen Autor zum bedeutendsten Dichter dieser Zeit in dieser Region machen: Walter Werner (1922–1995).
Wie die Berge des Thüringer Waldes und der Rhön, wie das Wasser der Werra ist Walter Werner das Holz tief vertraut. Es ist Teil seiner Lebensgeschichte wie Teil der Geschichte seiner Heimat. Fast meint man zunächst, einen Abzählvers zu hören, mit dem man Blütenblätter einst zupfte. Werner nimmt die Jahresringe dafür, die untrüglich von guten und schlechten Jahren künden, wenn der Baum nur genug Zeit hat, über Jahrhunderte hinweg zu wachsen. Geben wir dem Baum diese Zeit noch, heute? Ist er nicht längst zum bloßen Werkstoff geworden? „Gestalt und Gebärde“ der Bäume summieren sich auf zum Holz, wie Gestalt und Gebärde des einzelnen Menschen auf die Gesellschaft weisen. Auch uns sind Jahresringe eingebrannt. Doch wir haben die Sprache, um den „hellen Gang der Sonne über die Furniere“ und die „langsame dunkle Drehung der Erde“ aufzuzeichnen. Und die Macht, „mit jedem zu reden und mit allen zu schweigen.“
Jedes Bild dieses Gedichtes handelt vom Holz. Und spricht zugleich von unserem unsteten Wachsen und Werden, von Würde und Verletzlichkeit des Holzes als Beispiel für uns, was immer auch 2014 in Berlin beschlossen werden mag. Walter Werner legt nahe, uns in aller Hektik und allen Kämpfen der Tage auch am Holz zu messen, seiner (Über)Lebenskraft aus Stille. „Das unstete Holz“ von Walter Werner gehört in seiner herben Schönheit und klaren, wie aus Holz geschnitzten Sprache in unsere Thüringer Lesebücher, um Generation für Generation die Augen ein wenig weiter zu öffnen, wie sehr wir als Lebende dem Holz verwandt sind und uns in ihm spiegeln.

Holger Uskeaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

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