Ivan Blatný: Landschaft der neuen Wiederholungen

Blatný-Landschaft der neuen Wiederholungen

LOUIS FERNANDE

Ich hätte nie Célins Kirche geschrieben
Ich hätte nie den Weg in die Tiefe der Nacht geschrieben
Ich hätte nie den Tod auf Kredit geschrieben

Ich schreibe nur das Gedicht Hierarchie
Ich schreibe nur das Gedicht Morgenweg nach unten
Ich schreibe nur das Gedicht beerdigt ohne den Sarg.

*

Ich bitte Micheaux mir seine Bücher zu erklären
obwohl ich weiß daß sie nicht zu erklären sind

Trotzdem weiß ich nicht wo die Arterien sind
Ich sehe den menschlichen Körper nicht
Ich sehe es nicht und werde es nie sehen Ich bin glücklich
das schlechte Wetter dauert an und man kann es nicht erklären
I am very angry
I am the most inferior man on earth
Poesie kann man nicht erklären
Sie ist wie ein Kalender verständlich Ich werde jetzt ein wenig rauchen
Das Album wird weiß sein
Ich würde gerne meine Poesie erklären
Ich weiß nicht wie es ist
Ich meine ovošče
je n’ai pas d’espace
Mein Werk kann man keineswegs erläutern
Der Morgen fängt jetzt immer wieder schlecht an
Was heißt Abdomen
Irgendetwas Unangenehmes werde ich automatisch meiden
In das Warren House kann ich nicht gehen
weil ich dort nicht schreiben kann
Ich werde mir das nicht anschauen was ich
Schmeichelt mir
was bedeutet l’espace du dedans ich bin glücklich
whether to getanashtray or not
Micheaux schrieb
Peut-etre rien, peut-etre queque chose.

*

Der magere arme Leib von Ivan Blatný
ständig von denjenigen verletzt die
den Körper voll von Schamgefühl des Geschlechtes sehen
fängt seinen sechzigsten Geburtstag an

Sechzig lächerliche Jahre
zum Gespött der ganzen Welt

Es versteckt sich in ihm auch die Angst
Angst vor Fäusten und Fußtritten
von denjenigen die nur den schnellen bequemen Tod kennen
Alle seine geliebten Dichter waren so
sie verbrachten mit ihm den Tag und gingen weg
den ganzen Tag ihres Lebens sich über das Glück freuend

Er kennt seinen Platz er darf nicht off side sein
er wurde ostrazisiert er wurde aus der Gesellschaft
rausgeschmißen.

*

Das Geschlecht erlöscht nicht und brennt
So schlugen meine Pläne immer fehl
Die nahe Weite des Surrealismus
Der Zug fährt über den Damm und pfeift.

 

 

Vorwort

Als im Jahre 1980 Jürgen Serke, der Autor des Buches Die verbannten Dichter, das die bedeutendsten osteuropäischen Exilschriftsteller unserer Zeit präsentierte, beim Sammeln des Materials für diesen Band den tschechischen Dichter Ivan Blatný, einen Angehörigen der Generation der vierziger Jahre im St. Clement Hospital im englischen Ipswich besuchte, traf er auf einen Mann mit zersaustem Haarschopf und stoppeligen Wangen, mit einem seltsamen Lächeln und mit Augen, die in einer anderen Welt als der unseren irrten. Seine Körperhaltung und Gestik, seine unbegreifbaren Ängste, seine Jackettaschen, vollgestopft mit Zigaretten und Schokolade, bezeugten, daß er die Kontrolle über sich verloren hatte. Als er dann aber anfing auf deutsch zu reden, in einer Sprache , die er sicherlich mehr als dreißig Jahre nicht benutz hatte, kam er durch die unzähligen Gedächtnisschichten aus jener Welt zurück, und der Inhalt seiner Wörter bewies, daß er das Wichtigste, die Fähigkeit sich zu erinnern, bewahrt hatte.
Im März 1948, einen Monat nach der Machtübernahme durch die Kommunisten in Prag, setzte er sich von einer Delegation des Syndikats der tschechischen Schriftsteller, das ihn nach England zu einem Stipendiumaufenthalt geschickt hatte, ab, und kurz danach verschwand er von der Bildfläche. Niemand wußte, daß er sich in einer Irrenanstalt befand, und in seiner Heimat wurde er im Jahre 1950 offiziell für tot erklärt. Seine literarischen Kollegen mußten sich von ihm auf die eine oder andere Weise distanzieren und aus der tschechischen Literatur wurde er wie viele seinesgleichen gestrichen. Erst im Jahre 1963, mit der beginnenden Liberalisierung in Prag, wurden in einer Anthologie zwei seiner Gedichte abgedruckt. In der Zeit des Prager Frühlings wurde eine neue Ausgabe seiner Verse vorbereitet, aber nachdem das Pflaster dieser Stadt von fremden Panzern überrollt wurde, ging das Buch in die Stampfmühle.
Im Jahre 1969 erhielt Blatný Besuch von seinem Vetter aus Brünn, der von dem Aufenthaltsort des Emigrierten durch einen Verwandten in Amerika erfahren hatte. Er bewog den Dichter mit der Poesie, die er inzwischen aufgegeben hatte, wieder zu beginnen. Auf seine Veranlassung wurde Blatný eine englische Krankenschwester zur Seite gestellt, die sich um ihn persönlich kümmerte. Eines Tages schickte sie seine neuen Gedichte an den Exilverlag Sixty-Eight Publishers, der von dem Schriftsteller Josef Škvorecký in Toronto gegründet worden war. Einige Monate später erschien Blatnýs neuer Gedichtband. Es war im Jahre 1979. Erst als der rostende und allmählich abblätternde Eiserne Vorhang endgültig fiel, kam der Dichter in die Tschechoslowakei zurück, allerdings nur in seiner Dichtung – er starb am 5.8.1990 im englischen Colchester.
Geboren wurde er am 21.12.1919 in Brünn als Sohn des früh verstorbenen Schrifstellers Lev Blatný. Nach dem Abitur an einem klassischen Gymnasium studierte er kurz an der philosophischen Fakultät seiner Heimatstadt, und nach der Schließung der tschechischen Hochschulen im Jahre 1939 arbeitete er in einem Optikerladen. Gedichte publizierte er zum ersten Mal mit achtzehn Jahren. Seine erste Sammlung Frau Morgenstern wurde im Jahre 1940 veröffentlicht, ihr folgte Melancholische Spaziergänge ein Jahr später. Nach dem Krieg erschienen zwei Gedichtbände: Dieser Abend (1945) und Suche nach der gegenwärtigen Zeit (1947). Gemeinsam mit den Dichtern Kainar und Kolář und den Malern Lhoták und Gross gehörte er der „Gruppe 42“, die an den „alltäglichen und unauffälligen Menschen“ glaubte, an jenes „seltsame und unbegreifbare Wesen, das letztendlich über die ganze Welt entscheidet“. Mit dem kaum begründeten Optimismus, der beide Nachkriegszeiten kennzeichnete, stand die Gruppe dessen ungeachtet im Mißklang. In einer Kunst, die, anders als jegliche Ideologie, untrüglich ist, stellte sie „den Poeten dem politisierten Menschen“ gegenüber. Blatný war kurz Mitglied der kommunistischen Partei, was in der Tschechoslowakei nach dem zweiten Weltkrieg Schicksal fast jedes Idealisten gewesen ist. Aus Angst davor, daß ihn die Fangarme dieser Partei packen und nach Hause schleppen würden, verlor er dann in England den Sinn für die Realität und verschwand in der gleichgültigen westlichen Welt hinter den Türen der Irrenanstalt.
Blatnýs Dichtung ist vor allem deshalb einmalig, weil es sich dabei um ein hervorragendes Beispiel dichterischer Entwicklung handelt, die praktisch alle Richtungen umfaßt und äußerst eigentümlich bleibt. Er fing mit einer sehr traditionellen Poesie in gereimter Form an, setzte mit freien Versen fort und endete im Zeichen des Surrealismus.
Sein erster Gedichtband ist von einer gebrechlichen, romantischen Anonymität gekennzeichnet, mit dem ewigen dichterischen Motiv des Herbstes, mit all seinen Regengüssen, Morgennebeln und alten verwilderten Gärten, in denen sich eine entwirklichte, konturenlose Frauengestalt bewegt. Die Abstraktheit der Verse wird aber durch eine bis in die Polyphonie hineingehende Melodienhaftigkeit und einen bezwingenden Rhythmus kompensiert. All das ist in seiner Zusammenfassung kaum in eine andere Sprache übertragbar. Gedichte schreiben heißt für Blatný „zu merken, wie im Park nach dem Regen auf den mit Sand bestreuten Wegen die Schritte klingen“. In seinen Versen „drischt der Wind auf die Gaslaternen ein“, „Der Tag wirft Kupfermünzen in den hochgehenden Nebel“ und „durch die Luft fliegt die Wehmut aller Eisenbahnbrücken“. Die Verträumtheit und Gebrechlichkeit dieser Poesie überschritt aber nie die Schwelle der Sentimentalität. In dem letzten Gedicht dieser Sammlung finden wir das Thema, das das ganze Werk des Dichters begleitet: die wiederkehrende Landschaft der jungen Jahre, die das Leben eines Menschen einschneidend prägt, und die in ihm enthaltene Idee des Gedächtnisses, das man teilweise stören, nie aber vernichten kann.
Die Melancholische Spaziergänge von 1941, in denen Blatný seine frühen Dichtungen bis zur Virtuosität gesteigert hat, sind vor allem der Stadt Brünn mit ihrer Vídeňka Straße und den Hügeln Františkov und Špilberk, mit ihren stillen Winkeln, Gassen, alten Straßenbahnen und Umzäunungen der Vorstadt gewidmet und bekamen so ein belebendes und konkretisierendes Element. Im Herbst 1945 erschien dann der Gedichtband Dieser Abend, ein Experiment, das in der tschechischen Poesie bis zum heutigen Tag nicht übertroffen wurde. Die absolute Musikalität und der feste Vers verschwanden aus Blatnýs Dichtung restlos, statt dessen ertönt in seinen Versen nun ein staccato Rhythmus der kurzen Textabschnitte. In ihnen mischen sich die photographischen Momentaufnahmen der banalsten Lebenssituationen, die trotzdem einmalig bleiben, mit dem ständig unterbrochenen Tonbandregister der aus dem Kontext herausgerissenen Gespräche. Auf diese Weise entsteht eine vielfältige, vollkommen zivile Stadtpoesie, die die Unverwechselbarkeit und Unwiederholbarkeit des Augenblickes betont, seine Aufmerksamkeit vor allem den Menschen widmet, sich dem nebelhaften Individuum entfremdet und eine ganz reale Trostlosigkeit des Kriegshinterlandes widerspiegelt. Einige Stücke dieser Sammlung sind mit langen Sätzen eines magischen Realismus aufgebaute Prosastücke, wie das Gedicht „Trümmerplatz“: „Wir sind zwischen den niedergerissenen Häusern ich sehe den Putz es ist Abend / Abblätternder blauer Putz einige kleine Kacheln und Sterne / Ich höre das Rumpeln der Wagen in den Badezimmern und die Witze der Bordellbesucher / rinnen auf der Teerwand des Pissoirs / Ich höre die schweren Schritte der Soldaten die an der Ecke stehen bleiben.“
Es ist fraglich, wie sich Blatný weiterentwickelt hätte, wenn er nicht emigriert und in der Psychiatrie gelandet wäre. Die Methode der surrealistischen Montage, die das Ende seines Schaffens kennzeichnete, ist auch Ausdruck seines desintegrierenden Geistes, der die Fähigkeit der Selbstkontrolle auch beim Schreiben eingebüßt hatte. Praktisch alles, was er nach 1948 geschrieben hat, ging verloren. Der Gedichtband Alte Wohnsitze präsentiert nur einen Teil davon, vieles verschwand in den Abfalleimern der Heilanstalten. Die sehr kurzen, gedrängten Gedichte dieser Sammlung stellen in gewissem Sinne eine Synthese der früheren Stilrichtungen Blatnýs dar, eine transparente Verdichtung mit vielen zurückkehrenden Motiven, bereichert von der Erfahrung der Emigration und des Aufenthalts in den englischen Anstalten.
Der Surrealismus der bisher letzten Sammlung Blatnýs Hilfsschule Bixley, die der in Berlin lebende tschechische Schriftsteller Antonín Brousek herausgab, und die im Jahre 1987 ebenfalls im Sixty-Eight Publishers Verlag erschien, bezeugt den Kampf des Dichters mit seiner außergewöhnlichen persönlichen Wirklichkeit. In den Gedichten taucht das ganze Leben Blatnýs und seine Zeit auf, sie spiegeln aber vor allem die politische Realität Ende der achtziger Jahre. Man findet hier auch Paraphrasen seiner früheren Verse und direkte Hinweise auf andere Schriftsteller, u.a. auf Célin, Micheaux und Sartre, auch auf Seifert und Holan. Die Buntheit von Blatnýs surrealistischen Collagen wird noch dadurch unterstrichen, daß er frei von einer Sprache in die andere wechselt: aus dem Tschechischen ins Englische, ins Französische oder Deutsche, und daß er oft in zwei Sprachen reimt. Die Gedichte drücken die Ängste des Menschen aus, der sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt, und in der Tat auch ausgeschlossen war. Sie beweisen aber gleichfalls die Unversehrtheit, Kontinuität und vor allem Authentizität seines inneren Lebens, das in all seinen bedeutenden Momenten erhalten bleibt. Es liegt nur an uns, diese Momente seiner Dichtung zu entnehmen und zu entschlüsseln.

Radim Klekner, Vorwort

Rezension bei fixpoetry von Volker Strebel: Rückkehr ins Nirgendwo – das Nevermind des Ivan Blatný

 

Ivan Blatný

− Flucht ins Irrenhaus. −

Ivan Blatný mochte an diesem Tag Mrs. Frances Meacham nicht enttäuschen. Er hat sich Gewalt angetan, hat sich zu etwas zwingen lassen, wozu er sich sonst nicht mehr zwingen läßt: in Ordnung zu sein. Mrs. Meacham hatte ihn gebeten, einen zivilisierten Eindruck zu machen. Und so hatte der scheue 61jährige Mann diesmal seinen Schopf unter den Wasserhahn gehalten und versucht, die der Drangsalierung längst entwöhnten Haarwirbel einzuebnen. Eine Schnittwunde an der Backe signalisiert seinen Kampf mit der Rasierklinge, die die Bartstoppeln gewannen. Er hat vorzeitig aufgegeben.
„Are you satisfied?“ fragt Ivan Blatný, staatenloser Tscheche, die pensionierte Krankenschwester Mrs. Meacham. Und sicher ist Mrs. Meacham nicht zufrieden. Er auch nicht. Und ich ebensowenig. Ich hätte ihn lieber so angetroffen, wie er im St. Clement’s Hospital im englischen Ipswich wirklich lebt. Der Dichter im Irrenhaus, vergessen von seinem Volk und längst totgeglaubt, gibt sein erstes Interview. Vor 33 Jahren hatte er sich in London von einer tschechoslowakischen Delegation abgesetzt und war so der stalinistischen Verfolgung, die kurze Zeit später über sein Land hereinbrach, entkommen. Záviš Kalandra, ein tschechischer Historiker und Surrealist, der Moderne zugehörig wie Blatný, sein Weggefährte, wurde gehängt.
Wir sitzen im Flur der offenen Anstalt. Rechts aus dem Pförtnerzimmer schauen durch die Glasscheibe verwundert drei Männer und verstehen die Welt nicht mehr. Was zum Teufel passiert da mit einem alten Mann, der sonst keinen Besuch bekommt außer von Mrs. Meacham? Wilfried Bauer hantiert mit seinen zahlreichen Kameras, schraubt Objektive ab, setzt neue drauf, klickt unzählige Male, steht, kniet, hockt. Eine normale Arbeit – nur nicht hier. „Ich freue mich so sehr, daß Sie sind gekommen“, sagt Ivan Blatný zu mir. Er spricht deutsch, etwas ungelenk erst, dann immer flüssiger. Mrs. Meacham staunt, ich staune. Und auch Jiří Gruša, der aus dem Tschechischen übersetzen sollte.
Gruša, 43 Jahre alt, Lyriker und Prosaist, Opfer der neuen Stalinisierung der ČSSR, seit einem Jahr im Westen, versucht ihm das Tschechische nahezulegen. Doch Ivan Blatný bleibt in der deutschen Sprache. „Es ist die Sprache meiner Großmutter“, sagt er. „Es ist die Sprache meiner Wünsche. Der Großmutter habe ich sie gesagt.“ Ein Verwaltungsbeamter der Anstalt steuert auf uns zu, spricht mit Mrs. Meacham, Ivan Blatný verstummt, senkt den Kopf. Wir bekommen für das Gespräch einen Konferenzraum. Ivan Blatný erhebt sich. Ich sehe die ausgebeulten Taschen in seinem Jackett. Ich weiß Bescheid.
Ich weiß, daß Ivan Blatný alle seine Vorräte an Zigaretten und Süßigkeiten in diesen Taschen versteckt. Der einzige Platz, an dem solche Schätze sicher sind vor den anderen Patienten. Zu Beginn des Monats, wenn er sein Taschengeld bekommt, sind die beiden Jackentaschen voll. Am Ende leer.
Wir sitzen ihm 1981 an einem der letzten Oktobertage gegenüber. Den Abend zuvor haben wir im 30 Kilometer entfernten Clactonon-Sea verbracht, wo Mrs. Meacham wohnt. Sie hat uns von seinem Geheimnis der zerbeulten Taschen erzählt. Ohne Frances Meacham wäre Ivan Blatný noch heute einer der vielen in der Anstalt, die schreiben und von sich behaupten, Dichter zu sein.
Frances Meacham ist 65 Jahre alt. Sie war bis vor zwei Jahren im englischen Gesundheitsdienst tätig. Eine Hüftgelenkserkrankung erschwerte ihr die letzten Arbeitsjahre. Jetzt sind ihr künstliche Gelenke eingesetzt worden. Sie hat einen Dackel zu sich genommen. Sie hat nie geheiratet. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges verliebte sie sich in einen tschechischen Piloten, der auf seiten der Engländer gegen Hitlers Deutschland kämpfte. Sie lernte ein wenig tschechisch. Die Liebesbeziehung zerbrach nach dem Kriege, die Liebe zu dem Land des Piloten blieb bestehen. Sie hat die ČSSR immer wieder besucht. Ihr, der Angestellten im Gesundheitsdienst, kam vor fünf Jahren eine Liste der Patienten des „Warren House“ im St. Clement’s Hospital in die Hände. „Ich dachte: Ivan Blatný, das könnte ein Tscheche sein“, erzählt sie. „Daß dieser Ivan Blatný einmal ein berühmter Lyriker in seinem Land gewesen ist, wußte ich nicht. Mit Gedichten kann ich auch wenig anfangen.“ Sie besuchte den Patienten Blatný und erfuhr erst einmal nichts von seinem Schicksal: „Er hatte es längst aufgegeben, von sich zu erzählen.“ Ein paar Zettel hielt Ivan Blatný in der Hand. Er schenkte sie ihr und sagte: „Die werden ja sonst doch vom Wärter weggeworfen.“
Mrs. Meacham nahm die Blätter mit zu sich nach Hause, las und lief dann zu den Ärzten der Anstalt, rüttelte sie aus der Routine: „Dies ist nicht das Geschreibsel eines Verrückten. Dies ist Dichtung. Tun Sie etwas, damit seine Gedichte nicht weiter weggeworfen werden. Geben Sie ihm einen festen Platz, wo er schreiben kann.“
Eine einfache Frau hatte eine richtige Diagnose gestellt. Ein Vierteljahrhundert lang, das Ivan Blatný bereits in verschiedenen englischen Anstalten verbracht hatte, war alles, was der Tscheche geschrieben hatte, von Wärtern weggeworfen worden. Mrs. Meacham erreichte, daß Blatný einen Tisch in der Ecke einer Anstaltswerkstätte bekam und eine Schreibmaschine. Allerdings keine tschechische mit den Zeichen über den Buchstaben. Die wünscht er sich insgeheim.
Mrs. Meacham arbeitete nicht im St. Clement’s Hospital. Aber wann immer sie ihn besuchte, nahm sie seine neu beschriebenen Bogen mit zu sich nach Hause. Es wurde ein Papierberg. Mrs. Meacham kaufte sich auf dem Trödelmarkt zwei Blechbehälter, tat die Blatný-Papiere in Plastiktüten und deponierte sie in den Blechbehältern in ihrer Garage hinter dem VW Polo. Mrs. Meacham überlegte, wie sie dem staatenlosen Ivan Blatný zu einer Veröffentlichung der Gedichte verhelfen könnte. Sie fragte im Freundeskreis herum, und sie erfuhr, daß es in Kanada einen tschechischen Exil-Verlag gibt: die Sixty-Eight Publishers Corporation in Toronto.
Ein Verlag, der in seinem Signet das Schicksalsjahr 1968 trägt. Das Jahr, in dem die Staaten des Warschauer Paktes den „Prager Frühling“ mit Panzern zerstörten, in dem Moskau die ČSSR zu einer Kolonie der UdSSR machte. Das Schriftsteller-Ehepaar Josef Škvorecký und Zdena Salivorová hatte damals die ČSSR verlassen und in Toronto den Exil-Verlag gegründet, in dem heute alle Autoren tschechischer Sprache veröffentlicht werden, die Rang haben und in der ČSSR verboten sind.
Josef Škvorecký, selbst ein verbotener Autor, hielt im Jahre 1979 einen Brief mit einem Packen Gedichten in der Hand. Er traute seinen Augen nicht. Was ihm da Frances Meacham geschickt hatte, waren lyrische Dokumente eines Mannes, den er längst für tot gehalten hatte. Ein paar Monate später legte die Sixty-Eight Publishers Corporation einen schmalen Band mit diesen neuen Gedichten Blatnýs unter dem Titel Stará Bydliště („Alte Wohnsitze“) vor, ausgewählt von dem Exil-Tschechen Antonín Brousek.
Wieder ein paar Monate später drückte mir Josef Škvorecký die Entdeckung bei einem Slawisten-Kongreß in Philadelphia in die Hand. Da ich nicht tschechisch spreche, suchte ich Rat bei einem anderen Exil-Tschechen: dem einstigen Lyriker und heute gerühmten Romancier Milan Kundera, ebenfalls in Philadelphia zu Besuch. Milan Kundera las, übersetzte ein paar Zeilen tapfer in holpriges Deutsch und befand: „Den mußt du besuchen. Wenn du wissen willst, wie phantastisch tschechische Lyrik in den vierziger Jahren war, dann wirst du es bei ihm erfahren. Er war einer der Großen. Und Momente dieser Größe findest du in diesem Band.“

Nacht. Die Besatzung schläft
Die befreiten Gefangenen haben ihre Manöver.
Wenn die Ofenrohre repariert sind
in den von Bomben zerstörten Häusern,
setzen die Schornsteinfeger wieder ihre Zylinder auf.
Die toten Bewohner lächeln nur;
denn die toten Bewohner haben nun wieder einen schönen Traum.

Milan Kundera beim Abschied in Philadelphia: „Wenn es doch mehr von diesen Gedichten gäbe!“ Es war die gleiche Reaktion, die Reiner Kunze, Lyriker und unvergleichlicher Übersetzer tschechischer Lyrik ins Deutsche, beim Lesen dieses Gedichtbandes hatte: „Momente der Dichtung. Ist das alles?“ Und Kunze übersetzte gleich solche Momente:

Zünden wir in der von Blüten überfluteten Kapelle die weißen Kerzen an!
Wenn leis das Werg ihrer Körper brennt,
laßt uns für die Erlösung der Bienen beten.

Momente der Dichtung. Ist das alles? Es ist viel mehr. Über tausend Blätter mit Gedichten hat Frances Meacham in den letzten fünf Jahren gerettet, Gedichte, in denen Ivan Blatný nicht nur tschechisch schreibt, sondern oft auch von einer Sprache in die andere springt: vom Tschechischen ins Deutsche, vom Deutschen ins Englische, vom Englischen ins Französische. Ein literarisches Werk wartet darauf, daß es gehoben wird. In einem dieser Gedichte, das als Titel „Ivan Blatný“ trägt, heißt es:

Es war einmal ein Zwerg
Der hatte einen langen goldenen Faden
Und an dem Faden einen goldenen Schlüssel
Mit dem er alles öffnen konnte
Die kleinsten Verschlüsse im Obst
Öffnete er während der Nacht in den Gärten
Indes der Gärtner tief und fest schlief
Er sog, er spürte den Saft und ging weiter…

Ivan Blatný greift zur Zigarette, die ich ihm anbiete, zündet sie an und beginnt zu rauchen. Im Konferenzraum, in dem wir an einem langen Tisch sitzen, steht ein Schild: Rauchen verboten. Ivan Blatný lächelt und meint: „Wir machen ja keine Konferenz, sondern ein Interview.“ Er erzählt, wie er bei Kriegsende Mitglied der Kommunistischen Partei wurde und wie er nur deshalb 1948 nach England reisen konnte, weil er der KPČ angehörte. „Ich muß sagen, daß ich feige war“, meinte er heute, „feige aus Angst. Die Russen waren ja nicht nur unsere Befreier. Hitler, den einen Verbrecher, waren wir los. Und schon hatten wir einen neuen: Stalin.“
Blatný streift die Glut an seiner Zigarette ab, greift in eine seiner ausgebeulten Taschen, holt eine Blechschachtel heraus, öffnet sie. Die Schachtel ist leer. Er legt die zur Hälfte gerauchte Zigarette hinein, greift zur nächsten in der Schachtel, die auf dem Tisch liegt, zündet sie an, raucht sie bis zur Hälfte, streift die Glut wieder ab und legt den Rest in seine Schachtel… Ich gebe ihm alle Packungen, die ich dabei habe. Er steckt sie in die Taschen und raucht fortan gierig eine nach der anderen, so lange, bis die Glut am Finger brennt. Er hat ganz braun gefärbte Finger und Fingernägel.
„Ich war feige“, nimmt er später den Gedanken wieder auf, „weil ich damals nicht offen meine Zweifel an den Kommunisten in der Tschechoslowakei auszusprechen wagte. Ich hab’ geahnt, was kommen würde. Ich wollte einfach raus aus dem Land. Ich habe mich ja nicht getäuscht. Sozialismus wurde zu einer schrecklichen Phrase.“ Dies sind klare Worte eines Mannes, der einen klaren Kopf hat. In seinem Krankenblatt sind alle möglichen psychischen Defekte aufgezählt: doch mehr als Vermutung denn als exakte Diagnose. Für die Anstalt ist Blatný eher ein Sozialfall. Ein Mann, der sich jahrzehntelang sein Taschengeld mit dem Schrubben von Fußböden, mit Botendiensten in der Anstalt und mit Teppichknüpfen verdiente. „Ich danke England, daß es mich aufgenommen hat“, sagt der 61jährige dennoch ohne Bitterkeit. „Ich danke England, daß ich hier mein Bett und mein Essen bekommen habe.“ Er spricht nicht von der Angst, die ihn vor einigen Jahren erfaßte, als die Sozialbudgets gekürzt wurden und allen Ernstes in der Anstaltsbürokratie erwogen wurde, den staatenlosen Blatný in sein Geburtsland abzuschieben. Die Angst jener Tage hat Eingang gefunden in die Gedichte, die Mrs. Meacham rettete. Ivan Blatný ist heute ein gebrechlicher Mann, der die Anstalt als eine Form der Geborgenheit empfindet. „Ipswich ist meine Mutterstadt geworden“, sagt er. „Die Tschechoslowakei ist mein Vaterland.“

Mein Name ist Ivan Blatný.
Ich komme aus der Tschechoslowakei.
Ich komme aus einem vergessenen Land.
Die Jagd auf Geld und Flur war einst verboten.
Jetzt ist sie nicht mehr strafbar.
Jeder kann in der Nacht zweimal in den Spiegel schauen.

Der tschechische Lyriker und Collagist Jiří Kolář, heute wohnhaft in Paris, erinnert sich an den fünf Jahre jüngeren Ivan Blatný: „Ich gehörte 1948 zu der Delegation, mit der auch Ivan nach London reiste. Gleich nach der Ankunft setzte er sich ab, versteckte sich und rief uns aus seinem Versteck an, informierte uns von seinen Absichten.“ Kolář überlebte die stalinistische Phase bis 1953 glimpflich. Er konnte nicht publizieren, kam mit neun Monaten Gefängnis davon. Wie Blatný hatte er der im Kriege gegründeten Gruppe 42 angehört, die eine antiideologische Haltung einnahm, den gängigen Zivilisations-Optimismus ablehnte, Elemente der Existentialphilosophie in ihr Schaffen aufnahm und in der angloamerikanischen Dichtung der T.S. Eliot, Carl Sandburg, Walt Whitman und Dylan Thomas eine Quelle der Inspiration fand. Im Sprachgebrauch der Stalinisten waren nach 1948 solche Leute – wie alle Künstler der Moderne – „Kosmopoliten“ und damit Verbrecher. Sie verschwanden hinter Gittern, wurden kaltgestellt und angepöbelt.
Angepöbelt auch von einem der Großen der tschechischen Poesie, Vítěszlav Nezval (1900-1958), der seine einstigen literarischen Weggefährten und Freunde bedenkenlos verriet. Auf den Emigranten Blatný reagierte Nezval mit diesen Gedichtzeilen: „Du entarteter Dichter… Du hast das Volk verraten, indes wir hier arbeiten… Du wirst einmal den Brückenzoll zahlen… Du kannst dein Gewissen niemals in eine Dose schließen…“ Ivan Blatný verriet sein Gewissen nicht, und er zahlte den Preis desjenigen, der in der Angst vor denen stand, die ihr Gewissen verrieten. Blatný sagt: „Der Gedanke, daß ich von den Kommunisten gekidnappt werde, wurde zur fixen Idee, zur Wahnsinnsangst. Sie ließ erst nach, als ich in einer Anstalt Zuflucht fand.“
Es war eine Angst vergleichbar der von Nelly Sachs, die 1940 in letzter Stunde als Jüdin den Nazis, dem KZ und der Vernichtung entkam, die in Schweden Unterschlupf fand. In Stockholm schrieb sie ihren Gedichtband In den Wohnungen des Todes, wurde sie zur Dichterin der verfolgten Menschen. 1965 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und ein Jahr später den Literatur-Nobelpreis. Zwar hatte Nelly Sachs bis zu ihrem Tode im Jahre 1970 eine ganz normale Adresse in Stockholm, doch gewohnt hat sie dort nur selten. Verfolgt von Stimmen, die sie in deutscher Sprache in der Verfolgungssprache von einst – bedrohten, fand Nelly Sachs immer nur Sicherheit und Ruhe hinter den Mauern einer Heil- und Pflegeanstalt.
Nelly Sachs hatte Freunde, sie fand Anerkennung. Ivan Blatný fand ein Vierteljahrhundert niemanden, der ihm aus der Anonymität der Anstalt heraushalf. In seinen Gedichten die Zeilen:

Mein Freund, verzweifle nicht!
Die kleine Kunst ist auch eine Kunst.
Sogar die, die von einem Ivan Blatný
insgeheim geliebt wird,
am Getreidemarkt 3 in Brünn,
im Haus des Generalstaatsanwalts Prokop,
das mein Haus war.

Ivan Blatný wurde am 21. Dezember 1919 in Brünn geboren. Er ist der Sohn eines bekannten tschechischen Schriftstellers: des Expressionisten Lev Blatný. Dessen Frau hinterließ ihrem Sohn Ivan einen Optikerladen. Der wurde nach der Emigration Blatnýs „nationalisiert“. Verboten wurden alle vier Gedichtbände Ivan Blatnýs, erschienen zwischen 1941 und 1947. Programmatisch heißt es dort: „Etwas wird geboren, etwas wird verloren. / Und in diesem Augenblick entsteht mein Gesang…“ Eine während des „Prager Frühlings“ vorbereitete Auswahl jener alten Blatný-Gedichte wurde zwar gedruckt, mußte aber nach der Okkupation durch die Warschauer-Pakt-Staaten eingestampft werden.
Gedichte, die von einer verlorenen Welt sprechen und sie wieder heraufbeschwören, so daß Blatný heute schreibt: „Gott, der dieses Glück sieht / muß an der Ewigkeit nichts ändern.“ In einem Gedicht aus dem Jahre 1941 klingt das so:

Siehe, wir sind in der Landschaft der neuen Wiederholungen,
und die Stadt auf den Hügeln unter uns tritt aus dem Morgen wie aus einem Bade heraus…
Du gehst nackt durch die Weinberge, und durch dein Haar fliegen Vögel,
durch den dunklen Fluß des Flötenholzes.
Siehe, wir sind in der Landschaft der neuen Wiederholungen,
und die Stadt auf den Hügeln tritt aus dem Morgen wie aus einem Bade heraus…
Es ist ein Herbstfest, der Wald wird rot, und langsam verglüht er.
Tische aus Eichenholz von Wein durchtränkt warten auf Gäste aus der Ferne.
Gaukler kommen und gehen.
Die Locken ihrer Frauen sind noch verstreut in den Städten der Vergangenheit
Dort, wo die Locken die silbernen Türme berühren
und ihnen zu neuem Glanz verhelfen,
bis sie sich in die Melodien der Balkone verfangen
und duften in den Parkanlagen.
Ach, welche Entfernung, Schwalben.
Ach, welche Regenfäden, welche Seen,
ihr, die blauen, die sich vereinen.
Dann kommt der Abend. Nacht.
Und es ist süß zu denken, daß ihre SchlafsteIlen in dieser Stadt sind,
und ihre Stimmen, die klingen wie von Vögeln aus der Fremde…
Die verschneite Stadt beginnt zu fliegen
bis der Atem sie in ein Geheimnis hüllt.
Die Frühlingsstadt mit einer Träne der Liebe.
Die Sommerstadt, in deren Bassins die Fische Rosen erblühen lassen.
Die Stadt der Mondflossen.
Die Herbststadt, die hinabsteigt über das Treppenhaus in einen leeren Garten.
Zerrissene Vorhänge decken die Dinge
kaum sichtbar.
Die Herbststadt – eine Frau, die winkt,
bis das Auge sie verliert am Ende der Treppe.
O Glockenform der Schultern.
O Stadt der Verwandlungen.

Ivan Blatný spricht vom heutigen Tag: „Es war ein Gefühl des Glücks. Das habe ich sehr oft am Morgen. Glück, daß ich lebe. Ich stehe um sechs Uhr auf. Ich bekomme eine Tasse Tee. Dann sitze ich. Ich muß nicht das Bett machen. Ein anderer Patient aus einer anderen Abteilung macht es. Danach sitze ich wieder und habe verschiedene Gedanken. Wenn ich ganz aufrichtig bin, muß ich sagen, auch sexuelle. Heute sah ich eine Frau. Ich wollte ein Gedicht über sie schreiben. Ich ging das Papier holen. Dann war ich zu müde, um zu schreiben. Und dann sind Sie gekommen.“
Die Schachtel mit Pralinen, die ich ihm mitgebracht habe, klemmt er zwischen Hemd und Jacke. Dann führt er uns in „sein“ Zimmer im dritten Stock des alten Backsteinhauses: durch einen grünen Flur, durch einen gelben Flur, durch einen blauen Saal, wo ein TV-Gerät steht und die anderen Patienten schauen, durch ein braungetünchtes Zimmer in einen weißen Saal, der die Form eines Halbkreises hat. Zehn Betten stehen hier. Er versteckt die Konfektschachtel in einer der vier Schubladen, die nicht abzuschließen sind und die zu einem Schrank gehören. Jeder Patient hat einen solchen Schrank neben dem Bett. In einem Pappkarton liegen ein paar Bücher, obendrauf ein großes, schweres.
Ivan Blatný sieht meine Neugier und sagt: „Der Titel ist belanglos. Abends um zehn wird das Licht im Saal abgedreht, und oft habe ich dann so meine Gedanken. Ich stehe auf, nehme ein paar Blätter Papier und das dicke Buch als Unterlage und gehe auf die Toilette. Dort brennt die ganze Nacht Licht. Dort schreibe ich.“ Der 61jährige führt uns wieder die Treppen hinab. Wir gehen über einen englischen Bilderbuch-Rasen und kommen zu einem modernen ebenerdigen Gebäude. „Hier habe ich meinen Tisch in einer Werkstatt“, erklärt er uns.
Ivan Blatný will uns seine letzten Gedichte zeigen, die er in den Wochen zuvor geschrieben hat. Er geht zu dem Therapeuten Mr. Darling, der sie holen will. Mr. Darling bleibt fünf Minuten weg, zehn, eine Viertelstunde. Wir warten. Dann kommt er mit der Nachricht: „Sorry, Mr. Blatný, der Wärter hat wieder einmal alles weggeworfen.“ Ivan Blatný verbeugt sich und hebt beschwichtigend die Hand: »Never mind. Mein Gott, nehmen Sie es nicht tragisch. Es waren surrealistische Gedichte. Wer versteht schon so etwas. Ich werde es wieder schreiben. Never mind.“
So gehen wir zurück zum Hauptgebäude. Schweigend. „Das Gewicht der Bienen, die im Kelch verschwunden, wird des Stengels Schwingung deutlich dir bekunden“, rezitiert Blatný auf einmal vor sich hin, „so wie Dichterworte ein Gewicht verraten, ob sie leicht geraten, wenn sie warm und herzhaft deinem Mund entschweben und die andere Seele dir es dankt mit Tränen.“ – „Wissen Sie, daß dies das einzige Gedicht ist, das bisher in deutscher Sprache veröffentlicht wurde? Rudolf Fuchs hat es übersetzt.“ Ivan Blatný sieht jetzt sehr müde aus. Der Kopf auf dem schmächtigen Körper wirkt noch größer als sonst. Ich frage ihn, ob wir uns morgen gegen fünf Uhr nachmittags noch einmal sehen wollen. Er sagt: „Gern. Aber machen wir nichts Festes aus. Überraschen Sie mich. Ich möchte frei sein. Vielleicht will ich morgen ein Fußballspiel sehen. Ich habe noch ein Pfund in der Tasche. Überraschen Sie mich.“
Am nächsten Tag kommen wir wieder. „Mr. Blatný ist in der Stadt“, sagt uns der Pförtner.

Jürgen Serke, in: Das neue Exil. Die verbannten Dichter, Fischer Verlag, 1985.

Sehr verehrter, lieber Herr Blatny, Zürich, 8.12.1981

ich schreibe Ihnen als jemand, den Sie unmöglich kennen können: Ich stamme aus Ostberlin und wohne jetzt in Zürich. Gerade habe ich den Artikel gelesen, den Jürgen Serke über Sie im stern geschrieben hat. Wir brauchen uns gegenseitig nichts zu sagen; der Artikel über mich ist einige Wochen vor dem Ihren erschienen. Damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben erlaube ich mir, Ihnen diesen Artikel und einige Informationen beizulegen.
Im stern habe ich gelesen, daß Sie sich so sehr eine Schreibmaschine mit dem tschechischen Alphabet wünschen. Ich habe heute solch eine Maschine für Sie gekauft. Ich werde sie Ihnen in den nächsten Tagen schicken. Das soll mein Geburtstagsgeschenk für Sie sein, und ich gratuliere Ihnen schon heute sehr herzlich.
Die Schreibmaschine ist neu. Damit Sie keinen Zoll bezahlen müssen, habe ich eine Rechnung beigelegt, die die Schreibmaschine als gebraucht ausweist. Das ist also nur ein Trick. Bitte sagen Sie mir in einer Zeile, ob sie angekommen ist.
Im Februar 1982 werde ich in England sein, allerdings nur kurz. Ich würde mich freuen, wenn ich Sie besuchen dürfte.

Sehr herzliche Grüße
Ihr Bernd Jentzsch

aus Bernd Jentzsch: Flöze. Schriften und Archive 1954–1992, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 1993

 

Ein Brief des Dichters Ivan Blatný an den Schriftsteller Reiner Kunze.

 

VARIATIONEN AUF BLATNÝ

Am Ende der Ferien leuchtet der Spätsommer,
dann die Heimfahrt in die Stadt und Zug und Zug und Zug
und dann umsteigen und auf dem Bahnhof in Brod
duftet schon der von Dill durchsetzte Gurkensud.

Und ein Sprühregen und ein Glashaus in einer Gartenkolonie
und der Tennisplatz – die Stimmung der städtischen Peripherie.
Und es ist wie ein Nichts, gänzlich nichts ist es nicht,
aber dennoch – wie soll ich sagen, ich schreibe vom Glück.

Und jetzt: wo sind sie, und was ist mit uns, die wir alle hier waren.
Aus den Ferien heimkehren aus der Nähe von Jihlava.
Ob Gott mir um diese Stunde Sommerabend
die Ewigkeit verlängern wird?

Zbyněk Hejda

 

Francis Nenic: Vom Wunder der doppelten Biografieführung

Annette Kraus: Im Exil verfemt und vergessen

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Ivan Blatný – Tschechische Dokumentation von 1990, Teil 1/2.

 

Ivan Blatný – Tschechische Dokumentation von 1990, Teil 2/2.

1 Antwort : Ivan Blatný: Landschaft der neuen Wiederholungen”

  1. Stephan Hauschke sagt:

    Die Dichtung von Ivan Blatny kannte ich besher leider nicht. Durch einen Twittertweed wurde ich auf diesen beeindruckenden Dichter aufmerksam und bin zutiefst von ihm, seinen Texten und seinem Leben beeindruckt.
    Hier gibt es viel zu entdecken. Danke an jene, die sein Werk retteten und ihm so halfen, sein Wesen zu bewahren.

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