Joachim Sartorius: Zu Gertrud Kolmars Gedicht „Trauerspiel“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Gertrud Kolmars Gedicht „Trauerspiel“ aus Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. 3 Bände. Band 2: Gedichte 1927–1937. 

 

 

 

 

GERTRUD KOLMAR

Trauerspiel

Der Tiger schreitet seine Tagereise
Viel Meilen fort.
Zuweilen gegen Abend nimmt er Speise
Am fremden Ort.

Die Eisenstäbe: alles, was dahinter
Vergeht und säumt,
Ist Schrei und Stich und frostig fahler Winter
Und nur geträumt.

Er gleitet heim: und mußte längst verlernen,
Wie Heimat sprach.
Der Käfig stutzt und wittert sein Entfernen
Und hetzt ihm nach.

Er flackert heller aus dem blinden Schmerze,
Den er nicht nennt,
Nur eine goldne rußgestreifte Kerze,
Die glitzernd sich zu Tode brennt.

 

Demenz eines Tigers

Der Sachverhalt dieses tieftraurigen Gedichts ist einfach: Eine eingesperrte Raubkatze findet sich nicht mehr zurecht und wird bald sterben. Die Welt, welche die Stäbe ihres Käfigs säumt, ist „Schrei und Stich und frostig fahler Winter“. Doch ist diese Welt „nur geträumt“. Auch der Tiger träumt. Er, der wie ein Irrer hinter den Stäben hin und her läuft, träumt sich die Gitter fort und meint, er schreite „seine Tagereise / Viel Meilen fort“. Er will in heimische Gefilde und hat doch längst die Sprache der Heimat verlernt. In einer kühnen Volte personalisiert Gertrud Kolmar in der dritten Strophe den Käfig. Dieser Käfig merkt, daß der Tiger sich davonmachen will und „hetzt ihm nach“, holt den Verwirrten zurück in die Wirklichkeit, in das Eingesperrtsein „am fremden Ort“, der im scharfen Gegensatz zur Heimat steht. Immer wieder wurde Gertrud Kolmar für ihre Fähigkeit gerühmt, sich in eine Kreatur versetzen zu können. In diesen vier Strophen, in denen die Melodie des eingängigen Reimschemas die Melancholie noch verstärkt, gelingt ihr dies auf hinreißende – und bestürzende Weise.
Gertrud Kolmar schrieb „Trauerspiel“ Ende der 1920er Jahre. Es ist eines der neunundzwanzig Gedichte, die den Zyklus „Tierträume“ bilden. Die Vermutung liegt nahe, daß sie Rainer Maria Rilkes berühmtes Gedicht „Der Panther“ kannte, das bereits 1907 in dessen Band Neue Gedichte erschienen war. In einem Brief an ihren Vetter Walter Benjamin vom 5. November 1934 gibt sie Auskunft über ihre poetischen Vorlieben:

Deutsche Dichter, die mich vielleicht beeinflußt haben, sind Rilke und Werfel, beide mit Einzelheiten aus ihrem Werk; an Rilke ist es die ,Plastik‘ der späteren Gedichte, die mich so anzieht. Er hat sie von Rodin, aus Frankreich, und ich möchte von mir sagen (…), daß ich vermutlich hie und da auch von den Franzosen abstamme.

Rilke selbst hat sich über die Plastik Rodins wie folgt geäußert:

Alle Bewegung legt sich, wird Kontur, und aus vergangener und künftiger Zeit schließt sich ein Dauerndes: der Raum, die große Beruhigung der zu nichts gedrängten Dinge.

Rilkes Beobachtung beschreibt nicht nur treffend Rodins Skulpturen, sondern auch beide Gedichte, das eigene und vorausgreifend das von Kolmar, in denen die unruhig sinnlosen Bewegungen der Tiere zurückgeholt werden in einen Raum poetischer Dauer. Doch die Eindringlichkeit beider Texte entsteht auf sehr verschiedene Weise. Rilkes Panther im Jardin des Plantes ist müde, sein großer Wille betäubt. Kolmars Tiger empfindet einen akuten Schmerz, als ihn die Realität des Käfigs wieder einholt, einen Schmerz, den er nicht benennen kann. Er weiß nicht ein noch aus. Sein goldenes Auge flackert, der schwarze Streifen der Pupille ist eine „Kerze, / Die glitzernd sich zu Tode brennt“. Gedruckt erschien dieses Gedicht erst im August 1938 in dem Sammelband Die Frau und die Tiere, zwei Monate vor dem Novemberpogrom, im Jüdischen Buchverlag zu Berlin. Die Auflage konnte nicht mehr ganz ausgeliefert werden, Restbestände des Buches wurden verramscht. Als Gertrud Kolmar anfing, sich als Dichterin endlich durchzusetzen, nahm ihre Karriere ein jähes Ende. Es folgten Not, Drangsalierung, Zwangsarbeit, Deportation und Tod.
Es wäre sicherlich übertrieben zu sagen, Gertrud Kolmar hätte im Gleichnis dieses Gedichts ihr eigenes Ende vorausgeahnt. Aber gute Gedichte zeichnen sich dadurch aus, daß sie hellsichtig sind. Was immer aus uns wird, immer bleibt um uns ein Käfig, eine bedrängende Situation, aus der wir uns nicht befreien können. Gertrud Kolmar fühlte wohl die Zuspitzung ihrer Lage, sie denkt sich in den Tiger, in sein unruhiges Wesen, sein Leben, das wie eine Kerze langsam verglüht. So ist dieses Gedicht nicht nur traurig, es ist auch tief.

Joachim Sartoriusaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiunddreißigster Band, Insel Verlag, 2010

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