Ludwig Harig: Zu Max Herrmann-Neisses Gedicht „Der Zauberkünstler“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Max Herrmann-Neisses Gedicht „Der Zauberkünstler“ aus Peter Rühmkorf (Hrsg.): 131 expressionistische Gedichte

 

 

 

 

MAX HERRMANN-NEISSE

Der Zauberkünstler

Er ist sehr traurig. Alle Dinge laufen
nach seinem Wink und Willen – und dies ist
doch nur ein sinnlos Spiel und eitel List
und heißt, sein Kind- und Dichter-Sein verkaufen!

Es kann ihn nie ein Seltsam überraschen,
denn alles hält er stets in seiner Hand:
er reiht die Sterne auf ein buntes Band
und holt sich Sonn und Mond aus seinen Taschen.

Und bleibt sehr traurig: denn vor ihm steht ja
das Sein enthüllt und reizlos ungeschminkt,
und ist für ihn nie mehr ein Wunder da.

Er weiß, wie alles lügenhaft sich baut
und nichts bleibt, wenn zuletzt der Vorhang sinkt,
als ein Gehirn, dem vor sich selber graut.

 

Spiel und List

Ich glaube nicht an Wunder, jene schon von Nietzsche geschmähte „Aufeinanderfolge von Gegensätzen“, die der Fromme staunend für plötzliche Einwirkungen übernatürlicher Kräfte hält –, doch ich liebe den Zauber, dieses spielerische Verschwinden des Seins im schönen Schein der Kunst, dieses „große Stimulans des Lebens“.
Der Taschenspieler im Zirkus beherrscht das Zauberwesen am augenfälligsten. Noch vor dem Seiltänzer und dem Jongleur, dem Luft- und Bodenakrobaten genießt der Zauberkünstler die größte Hochachtung bei Kindern und kindlich gebliebenen Erwachsenen: Mit seinen besonderen Tricks der Augentäuschung dominiert er über vordergründige Äquilibristik und erntet den Applaus derer, die bereit sind, sich verlocken, verführen, verwandeln zu lassen.
Doch diese Kunst, klagt der expressionistische Dichter Max Herrmann-Neisse in seinem Sonett, sei nur Spiel und List, erlernte, vervollkommnete, schließlich äußerst perfektionierte Geschicklichkeit, im Grunde sei sie bedeutungslos und vergeblich. Sie verliere ihren Reiz während wohlkalkulierter Abläufe, lasse weder Überraschendes noch Außergewöhnliches zu, entbehre jeder schöpferischen Spontaneität. Der vielbeklatschte Taschenspieler habe es am Ende so weit gebracht, daß ihm die wirkliche Welt, durch seine Kunststücke entzaubert, hüllen- und reizlos vor Augen liege. Nie mehr könne ihm ein Wunder geschehen, bedauert er im Gedicht, womit er den Anschein erweckt, vor der perfekten Beherrschung seiner Zauberkunst hätte es auch für ihn Wunder gegeben.
Max Herrmann-Neisse ist der Dichter im Frack des Hexenmeisters, den Zauberstab schwingend, als kündige er sensationelle Verwandlungen an. „Die Akrobatik mit ihrem Selbstgewinn ist die größte Versuchung des Menschen“: Fintenreich folgt er Bellachini, dem berühmtesten Taschenspieler seiner Zeit; balancierend auf Ideen statt auf Fuß- und Fingerspitzen, stellt er die wirkliche Welt auf den Kopf. Sein Credo klingt wehmütig, in zweiflerischer Melancholie fast tragisch. Allerdings kokettiert er mit der Unbefangenheit des Kindlichen und tut so, als nähere sich der Künstler in der Absichtslosigkeit seiner schöpferischen Akte dem Wahrsager, als liebäugele der Dichter mit dem Seher. In Wahrheit aber entlarvt er das Getue des Propheten als bodenlosen Hokuspokus.
Der Dichter bekennt sich zu seiner Kunst des Schreibens, die mit Spiel und List dem Sein die höhere Glaubwürdigkeit streitig macht. Im schönen Schein rettet er den Sinn, der dem wirklichen Leben fehlt. Entsetzt vor den Ausgeburten des eigenen Hirns, gibt er sich als brillanten Konstrukteur zu erkennen, wohl wissend, „wie alles lügenhaft sich baut“. Es sind die Balancierstangen und Sprungnetze aus Wörtern, aber auch die Seezeichen und Leuchttürme der Poesie, die der Dichter sich ausdenkt und kunstvoll zusammenfügt.
Friedrich Nietzsche, dieser Art von Sprachzauber nicht abhold, beschreibt im Zarathustra den alten Zauberer mit der Harfe, „herumsteigend auf lügnerischen Wort-Brücken, auf bunten Regenbogen, zwischen falschen Himmeln und falschen Erden, herumschweifend, herumschwebend, – nur Narr! nur Dichter!“ Mit allerlei Kunststücken zwischen den Welten operierend, nennt er sich einen windigen Gesellen –, entzieht aber zugleich dem selbstgerechten Realisten den Boden unter den Füßen.

Ludwig Harigaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2000

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