Helga M. Novaks Gedicht „Solange noch Liebesbriefe eintreffen“

HELGA M. NOVAK

Solange noch Liebesbriefe eintreffen

solange noch Liebesbriefe eintreffen
ist nicht alles verloren
solange noch Umarmungen und Küsse
ankommen und sei es in Briefen
ist nicht alles verloren
solange ihr noch in Gedanken
nach meinem Verbleib fahndet
ist nicht alles verloren

nach 1980

aus: Helga M. Novak: solange noch Liebesbriefe eintreffen. Gesammelte Gedichte, Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 1999

 

Konnotation

Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte die 1935 in Berlin geborene Helga M. Novak im „unwirtlichen Exil“. Vor den Anwerbungsversuchen des DDR-Staatssicherheitsdienstes floh sie 1961 nach Island. Kurz nach ihrer Rückkehr in die DDR sorgte sie mit ihrer politischen Renitenz für Aufregung. 1966 verließ sie endgültig ihr Land, ging nach Frankfurt a.M. und zog sich schließlich 1987 ins Eremitendasein in die masurischen Wälder zurück. Von dort aus, von der Einsamkeit der Peripherie, erreichen uns ihre poetischen Lebenszeichen.
Im Grunde ist in Novaks Gedichten alles verloren – doch dieses Liebesgedicht aus den 1980er Jahren setzt den Kontrapunkt der Hoffnung. In umstandsloser Direktheit und litaneihafter Wiederholung wird das Psychogramm einer Sehnsucht entworfen. In der Abgeschiedenheit findet das Ich noch Zeichen der Zugewandtheit: Liebesbriefe und ihr Versprechen von Intimität.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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