Steffen Jacobs’ Gedicht „Die Post kommt“

STEFFEN JACOBS

Die Post kommt

Die Post ist da, wie schön.
Sie kommt so uniform
und wurde doch geschieden
nach Größe und Gewicht.
Nach Inhalt aber nicht.

Da ist die Post, na schön.
Man hat an dich gedacht,
auch haben manche nachgedacht
und erst danach geschrieben.
Bei andern ist das unterblieben.

So ist die Post, sie kommt
ganz ohne Sinn und Kutsche aus.
Sie geht aus Händen auf dich nieder,
auf Händen geht sie alsbald wieder.
Du trägst die Kunde froh hinaus:

Es geht schon auf elf Uhr.
Da kommt, wie schön, die Müllabfuhr.

1995/96

aus: Steffen Jacobs: Geschulte Monade, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1997

 

Konnotation

Die Lieblingsterritorien des 1968 geborenen Steffen Jacobs sind die von ihm mit humoristischem Witz ausgeloteten „Abenteuer des Alltags“. Als ein „Meistersinger des zwischenmenschlichen Nah- und Nächst-Verkehrs“ (so ein begeisterter Lektor) widmet sich der Dichter den Wonnen der Gewöhnlichkeit und macht sich mit Begeisterung daran, die enervierenden Bedenkenträger um ihn herum zu entzaubern. Dabei gelingt ihm manch leichthändiges Genrebild.
In seinen stärksten Gedichten agiert Jacobs als Scherzkeks und befasst sich in unentwegter Spielfreude und beachtlicher Reimkunst mit der Demontage des Erhabenen. Sein um 1995/96 entstandener Versuch über die Post ist sicherlich in einem Zeitabschnitt geschrieben, in dem der öffentliche Dienst von ausgedehnten Arbeitsniederlegungen Abstand nahm. Solange Post und Müllabfuhr funktionieren, ist auch das seelische Gleichgewicht von Jacobs’ lyrischem Subjekt gesichert.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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