Thomas Gsellas Gedicht „Papa-a?“

THOMAS GSELLA

Papa-a?
Ja mein Kind?

Wenn wir Ulm vor Jahrn verließen,
um in Hagen, später Gießen,
Plön und Meppen aufzublühn;

wenn wir dann aus Hohenlohen
im April nach Bochum flohen,
um von dort hierher zu ziehn –

ach, verstrahlt’s nicht Ulmer Grausen,
dies … wo sind wir?

Oberhausen.

2008

aus: Thomas Gsella: Papa-a? Ja mein Kind? Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 2008

 

Konnotation

Als „Rüpelreimer“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und „Titanic-Titan“ hat der boshafte Humorist Thomas Gsella (geb. 1958) schon manches politisch korrekte Bewusstsein in helle Aufregung versetzt. In einem Zyklus mit über hundert querulatorischen Gedichten entwickelt er Dialoge zwischen Vater und Kind, bei denen auf naseweise, vorlaute oder überkluge Fragen sarkastische Antworten gegeben werden. Eins dieser heiteren Frage-Antwort-Spiele entwickelt sich zu einer wunderbar absurden Eloge auf Ortsnamen.
Einen kleinen Lebenslauf in Ortsnamen zu schreiben, verlangt hier weit weniger Aufwand als das virtuoseste Ortsnamen-Gedicht der deutschen Lyrik-Geschichte, Peter Rühmkorfs (1929–2008) Langpoem „Mit den Jahren….Selbst III“. Wo Rühmkorf nach einer aufwändigen Recherche versucht, „der Welt auf Teilstrecken nahezukommen“ und sich dann in die entlegensten Provinzen zwischen „Oberbusenbach“ und „Muschenheim“ verirrt, da zieht Gsella nur ein paar Striche – und findet dazu passende Reime.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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