Michael Braun: Zu Elisabeth Borchers’ Gedicht „Die Kammer des toten Brecht“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Elisabeth Borchers’ Gedicht „Die Kammer des toten Brecht“ aus Elisabeth Borchers: Alles redet, schweigt und ruft

 

 

 

 

 

ELISABETH BORCHERS

Die Kammer des toten Brecht

Die letzten Zeitungen
(FAZ und Neues Deutschland)
vom achten August
liegen vergilbt
auf dem Tisch.
Dies Bett stand nie in Mandelay-City,
Es steht steif und hölzern da.
An der Wand gegenüber
ein Kränzchen
gelb von Immortellen,
der Schein vom Schein eines Heiligen.
Einatmen
ausatmen
still.

Ich denke, es versanken
paar Kontinente
und paar Meere bildeten sich neu,
von den himmlischen Parzellen zu schweigen,
als er ging.
Sein Glück und sein Unglück
haben sich rentiert.

 

Keine Einschüchterung durch Klassizität

Gedichte über tote Dichter sind eine vertrackte Sache. Im Nachruf soll man nichts Schlechtes sagen, zu viel Kritik führt zur Parodie, zu viel Gutes zur Heiligenverehrung. Am Bild von Bertolt Brecht ist in dieser Hinsicht viel herumretuschiert worden. Herausgekommen sind Legenden, mit denen, wie der Herausgeber dieser Anthologie schreibt, „zwar schlechten Lesebüchern, doch niemals guten Lesern gedient“ ist. Wie gut, dass sich dieses Gedicht von Elisabeth Borchers nicht an Brechts legendären letzten Satz „Laßt mich in Ruhe“ gehalten hat.
„Die Kammer des toten Brecht“ findet sich in ihrem Lyrikband Der Tisch, an dem wir sitzen (1967), dem zweiten von sieben Gedichtbänden Elisabeth Borchers’ aus fast fünfzig Jahren. Die Dichterin betritt die Kammer des toten Dichters ohne falsche Ehrfurcht; in klaren, kurzen Sätzen räumt sie auf mit falschen Legenden. Doch lässt sie es an jenem Respekt vor dem Autor nicht fehlen, der einer Lektorin wie ihr ansteht. Die längste Zeit ihres Lebens hat die 1926 in Homberg am Niederrhein Geborene, seit 1971 beim Suhrkamp Verlag, mit Autoren korrespondiert, Manuskripte begutachtet, Bücher herausgegeben und übersetzt. Wer fragt, woher sie die Zeit nahm, daneben selbst Gedichte zu schreiben wie das 1960 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgedruckte, damals für viel Wirbel sorgende surrealistische Wiegenlied „eia wasser regnet schlaf“, der schaue sich ihren letzten Band an, nach dessen Erscheinen sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat: Zeit.Zeit (2006). Kein Zweifel, Elisabeth Borchers ist eine beharrliche Dichterin der Zeit. Ihre Gedichte geben vergänglichen Momenten Dauer und haben doch, indem sie die Zeit nur augenblickslang anhalten, am Vergehen der Dinge teil.
Dieses Zeit-Bild von Augenblick und Dauer beschreibt das Gedicht. Vergilbt sind die „letzten Zeitungen“ vom „achten August“: die „FAZ“ und das „Neue Deutschland“, seinerzeit ein Hauptpropagandablatt der DDR, in der Brecht seine letzten Lebensjahre verbrachte. Worüber diese Zeitungen berichten, wird nicht gesagt. Warum auch, da sie nicht mehr aktuell sind. Das Gedicht ist ja keine Zeitungsmeldung, es setzt für Elisabeth Borchers keine Kenntnisse voraus, sondern Erfahrungen. Insofern spielt der reale Todestag Brechts (der 14.8.1956) hier keine Rolle. Inventur wird gemacht. Die Dinge in der Totenkammer haben ihre Zeit gehabt, sie sind vergilbt, so wie Gelb überhaupt die Farbe der ersten Strophe ist, die Zeitungen, Blumen und die Aura des Dichters befällt. Und das Bett des großen Liebesdichters: es ist ein Totenbett. In die erotische Wunschlandschaft von „Mandelay-City“ gehört es nicht. Dort, in dem Mandelay-Song aus Brechts und Weills Mahagonny-Oper, heißt es:

Liebe, die ist doch an Zeit nicht gebunden.

Brecht schon. Von dem Größenwahn, mit dem der 22-Jährige verkündete, sein Werk werde der „Abgesang des Jahrtausends“, lässt sich Elisabeth Borchers nicht einschüchtern. Der gelbe Immortellen-Kranz an der „Wand gegenüber“ ist gewiss kein Lorbeerkranz, vielmehr ein Grabschmuck aus Trockenblumen, gut „für den Schein“, wie eine Fontane-Figur in „Irrungen, Wirrungen“ meint, die es als Gärtnerin wissen muss. Der „Schein vom Schein eines Heiligen“ ist also sowohl Abglanz von Klassizität und Dauer wie auch Zeichen für Vergänglichkeit.
Nach einem symbolischen letzten Atemzug wechselt „still“ das lyrische Register: vom Sachlichen ins Saloppe, vom Kleinen ins Große, vom Zeitgeschehen ins Zeitlose. Die Dichterin verlässt Brechts Totenkammer, die sich ins Universale öffnet. Mit Brechts Tod ist eine neue Raum- und Zeitordnung angebrochen. Schon die Verben der zweiten Strophe, die exakt halb so lang ist wie die erste, bringen etwas in Bewegung: „paar Kontinente“ versanken, „paar Meere“ entstanden neu, als Brecht „ging“.
Der Tod des Dichters wird als epochales Ereignis beschrieben, wie in Brechts „Kantate zu Lenins Todestag“ (1935), in der Elisabeth Borchers in ihrer dritten Frankfurter Poetikvorlesung ein ähnliches „poetisches Ereignisbild“ entdeckt hat:

Als Lenin ging, war es
Als ob der Baum zu den Blättern sagte:
Ich gehe.

Mit solchen Gedichten hat Brecht tatsächlich die Welt bewegt, mag sein sogar die Himmelsordnung der Poesie verändert und die geistigen Kontinente verschoben. Aus seinem Glück und Unglück ist etwas entstanden, das sich künftig auszahlt: ein Vermächtnis an die Nachgeborenen, an dem die Dichter in besonderer Weise weiterschreiben. Elisabeth Borchers’ Gedicht gedenkt des toten Brecht nicht unbedingt mit Nachsicht, aber uneingeschüchtert von seiner Klassizität.

Michael Braunaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band, Insel Verlag, 2014

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