Elisabeth Borchers: Zu H.C. Artmanns Gedicht „den hintern sollte ich dir“

Im Kern

Im Kern

– Zu H.C. Artmanns Gedicht „den hintern sollte ich dir“ aus H.C. Artmann: Gedichte über die Liebe und die Lasterhaftigkeit. –

 

 

 

 

H.C. ARTMANN

den hintern sollte ich dir

den hintern
sollte ich dir
mit der rute
glattfegen,
sagt anselm,
du hast mir das herz
zerschnitten,
schöne fleischerin,
was soll ich
nun tun
ohne das rote,
schlagende ding,
wie wär es
einem einfachen
menschen möglich
ohne es
weiter zu leben?
da geht
der sinnreiche
anselm hinaus
in den garten
der hausfrau
und fällt
einen reifen kürbis…
ich mache mir jetzt,
sagt er,
mit meinem neuen
kirchtagsmesser
ein andres!
wunderbar!
seine kunstfertigkeit
in der skulptur
ist immerhin
eminent genug,
daß er sie nach
allem trübsal noch
nicht vergessen hat…

 

Mal drunter, mal drüber

Aus den Jahren 1959, 1960, 1961 stammen die Gedichte, die ein Kapitel der H.C.-Artmannschen Poesie ausmachen; als Großmeister der Sprachenvielfalt hat er es wie folgt überschrieben:

Anselm, Antonia und der böse Caspar oder ein kleines Handbuch zum Mißbrauch der Lasterhaftigkeit.

Demnach, damit wir uns recht verstehen: nicht zur Ausübung, sondern zur mißbräuchlichen Ausübung der Lasterhaftigkeit. Das heißt, die Lasterhaftigkeit wird in einem Atemzug genannt und aufgehoben. Sie wird jedoch erst aufgehoben, nachdem oder während sie benannt ist. Wäre es nicht so, wären die Gedichte lediglich das Gegenteil von lasterhaft, also: artig, uncouragiert, sie kämen niedergeschlagenen Auges daher – was, so frage ich, gingen uns Anselm, Antonia und der böse Caspar an?
So aber wissen wir nun, wie man’s macht oder machen könnte und es doch nicht machen darf. Ein Beispiel: Hier geht nicht wie anderswo und in gesitteten Umständen das Herz verloren, oder es wird gestohlen, kommt also unblutigst abhanden; es wird auch nicht herausgeschnitten, so wie man zur Genesung den Blinddarm entfernt, nein, hier wird laienhaft, verstand- und disziplinlos zerschnitten, ein wüstes, hochgradiges Vergehen. Kein Fleischer würde sich derart verhalten – eine Fleischerin aber doch, zumal eine schöne. So sieht es der Geschädigte. Und insgeheim taucht der ganz und gar kommune Gedanke auf: Wird schon angebracht sein, wird ihm schon recht geschehen. Denn im ausdrücklich genannten Kapitel heißt es auch:

als das christkind
am anfang der welt
seine gaben verteilte
da gab es:
anselm die treue
antonien die anmut
und caspar sein bösartiges
dunkeles
herz…

Man wird den Verdacht nicht los, Anselm könnte desgleichen dieser bösartige Caspar sein, damit Anselm nicht zeitlebens mit dem Makel der Treue geschlagen ist, sondern, in einem anderen Gedicht, seine Frau durchaus mal um einen Milchtopf schicken kann, obwohl er weiß, daß der Kaufmann ein Blaubart ist und eine finstere Kammer hat, und damit er ein Caspar sein darf und seine sieben Freundinnen herbeitelefonieren kann. Wenn Anselm (unter dem Namen Anselm) imstande ist, Antonia mit der Rute den Hintern glattzufegen (man sehe sich dieses verabscheuungswürdige Vokabular an), dann soll er, soll er sich doch ein Kürbisherz ausschneiden im Garten der Hausfrau und sich auf seine Kunstfertigkeit in der Skulptur etwas einbilden. Dieser schnöde Anselm mit einem Kürbisherzen.
Man sieht, wie verlockend es ist, auf den Inhalt eines solchen Gedichtes einzugehen, wo es drunter und drüber, mal drunter, mal drüber geht, und Partei zu ergreifen – statt das Knie zu benennen, mit dessen Hilfe der Stab zu brechen ist. Zugegeben, ein rabiater Vergleich für das Wundermittel Poesie, das nicht nur alle Wunden heilt, ja, das sie gar nicht erst aufkommen läßt, sie ganz schnell ad absurdum führt, selbst außerhalb der Liebe. (Ein Beispiel darüber hinaus: Jener unberechenbare Caspar zündet sich mit einer neuen Zehnrubelnote eine Zigarre an, und dann heißt es: „par-bleu / da steigt der rauch / und auch / ein feuer hoch / die schwälbchen / müssen niesen…“)
Die Poesie: die Heilerin von Schäden, die entstanden oder noch nicht entstanden sind. Die Warnerin vor lasterhaftem, zu Kannibalismus führendem Tun. Der Krimiheld zum Einsatz gegen den Schlamassel. Das Moritatenbild, das von aller Welt verstanden wird, weil es schön bunt und plastisch anzuschauen ist. Wie da, bei diesem Anschauen die Herzkammern aufgehen, sage und schreibe wie das Fenster, wenn die Sonne darauf scheint.

Elisabeth Borchers, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 17, Insel Verlag, 1994

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