Michael Braun: Zu Wilhelm Bartschs Gedicht „Der Kackepanzer“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Wilhelm Bartschs Gedicht „Der Kackepanzer“ aus Michael Braun und Hans Thill (Hrsg.): Aus Mangel an Beweisen

 

 

 

 

WILHELM BARTSCH

Der Kackepanzer

In Chemnitz war’s, Karl-Marx-Stadt, Müllerstraße drei:
Der Kackepanzer drehte schließlich doch noch bei.

Ein Depp, der’n Pumpenhebel falsch herumgerissen,
hat Müller drei, statt zu entleern, noch zugeschissen.

Weltweit Kack-Marx-Stadt oder Bullshit City seh ich.
Ihr stur binären Scheißsysteme! Uralt, blöd, unfähig!

 

Es ist schon ein Vierteljahrhundert her,

dass man diesem Dichter den Ehrentitel „Hölderlin aus Halle“ verliehen hat. Wilhelm Bartsch (*1950), der mythenbesessene Grenzgänger und Reimkünstler aus dem deutschen Osten, wird mittlerweile kaum mehr von der literarischen Öffentlichkeit wahrgenommen, er publiziert seine Bücher meist in kleinen sächsischen Regionalverlagen. Wie seine „zornigen Gedichte“ aus den letzten Jahren zeigen, hat er aber nichts von seinem Formbewusstsein und seinem plebejischen Witz eingebüßt.
Sein Gedicht vom „Kackepanzer“ führt uns in eine Stadt, die in der jüngeren Vergangenheit mit eher unrühmlichen politischen Auftritten rechtsextremer Couleur von sich reden machte. Die Stadt Chemnitz, zu DDR-Zeiten in Karl-Marx-Stadt umgetauft, erscheint in Bartschs satirischem Kabinettstück als ein Inbegriff von urbaner Dysfunktionalität. Die Präsenz von „Kackepanzern“ hat dort eine lange Geschichte. 1975 wurde dort in Erinnerung an den Sieg der Roten Armee ein martialisches Panzerdenkmal errichtet, nach der Wende wurde es im Jahr 1991 demontiert.
In Bartschs drastischer Satire fungiert das schwere militärische Fahrzeug (das hier einem Güllewagen gleicht) als Symbol einer geschichtsphilosophischen Pointe: Die Zeitgeschichte mit ihren absurden Macht- und Richtungswechseln und kalten Kriegen hat nicht nur in Chemnitz eine besonders üble Duftnote hinterlassen. Die universal gewordene „Bullshit City“ und mit ihr die „binären Scheißsysteme“ mit ihren Freund-Feind-Erklärungen haben indes ausgespielt.
Ein älterer Gedichtband von Wilhelm Bartsch markierte im Titel den „gähnenden Abgrund“, wo in der Urzeit die Weichen für die Schöpfung gestellt werden. Diese „Kluft der Klüfte“, die damals den Namen „Ginunngagap“ bekam, trägt im vorliegenden Gedicht einen neuen Namen: Chemnitz.

Michael Braun, Volltext, Heft 2, 2019

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