alle dinge liegen klar in meinem herzen das modell
der schwarze vogel februar tanzt auf den wochen & ich
habe angst dass er eines tages im august alles zurück
dreht um es wieder september zu nennen
alle dinge liegen klar in meinem herzen denn die
gelegenheitsstunde an der weissen parkuhr unschuld
hat zwei zeiger die jedes lied sechzig mal teilen & das
ist auch das alibi für das ende der zeit
alle dinge liegen klar in meinem herzen nichts wird
vergessen werden denn der punkt am ende ist nach
zwei der menschlichen seiten offen & nur auf den
pfauenaugen taut der schnee zum mittag restlos
alle dinge liegen klar in meinem herzen so dass mir
nichts bleibt als an den abenden wenn ich der graue
spiegel über dem wortefluss bin jenes schwarze recht
eck nacht auf die namen und reime zu legen
alle dinge liegen klar in meinem herzen zeugen wird
es nicht geben mutter sag dass der krieg eine er
findung ist & alles wurde nur erfunden um in den spiel
höllen die väterlichen taschen zu wechseln
alle dinge liegen klar in meinem herzen das modell
der weisse vogel november tanzt auf den wochen & ich
habe angst dass er eines tages im februar alles zurück
dreht um es wieder frühling zu nennen
von Jeder Satellit hat einen Killersatelliten und sieben Jahre nach der Bestätigung des Stasivorwurfs kann man einen zweiten Blick auf Sascha Andersons ersten Gedichtband werfen. Vierzehn alte Gedichte sind neu hinzugefügt. In Weimarer Elegie (1981) finden sich die Zeilen:„wer zahlt nun / den steigenden preis / für meinen sinkenden wert“. Wie ein Seiltanz zwischen Prophetie und Selbstverrat liest sich heute manches wie „ich hab mich sattgefressen / am fleisch im widerstand“. Jonglieren mit Uneindeutigkeit, zurückgenommene Verneinung, Paradoxien sind ein unabweisbarer Oberton, der alle Gedichte begleitet:„ich bin kein artist, ich mach kein spagat / ich häng mit meinem weißen hals im heißen draht“. In die romantische Ironie von Liebe und der Literatur fällt mitunter bleischwerer Ernst, der fast immer den Tod als Zeugen aufruft:„ich bau mir meine mauer selber durch den leib / die eine hälfte fault sofort / die andere mit der zeit“. Als Ort des Sprechens weist Anderson das Niemandsland zwischen Absurdität und „ostwestlicher die wahn“ aus: „die zusammenhänge sind / einfach & irreal“.
Eine sarkastische Leichtigkeit des Seins vermittelt auch die zweite Lektüre der Liebesgedichte, und ein Gran Jung-Wertherscher Ernst weht aus „alle dinge liegen klar in meinem herzen“ herüber. Andersons lyrische Melange aus Politik und Poesie entzog sich schon zu ihrer Erstveröffentlichung einer klaren Scheidung zwischen literarischer Betrachtung und Lektüre als politischem Schlüsseltext. Damals dachte man unangestrengte ,postmoderne’ Dissidenz zu erkennen, heute glaubt man Verrat und Selbstverrat herauszuhören. Literaturkritik sui generis wird hier auf absehbare Zeit keinen neutralen Grund finden. Die Lektüre bleibt ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
Gabriele Dietze, Druckhaus Galrev, Programmheft, 1998
− Das Debüt des DDR-Autors Sascha Anderson. −
In seinem Essay „Vom großen Aufstand“ behauptet Henry Miller, „daß es viele Rimbauds in der Welt gibt und daß sie allmählich immer häufiger vertreten werden“. Miller geht es mit dieser Prognose nicht um künstlerische Genialität – da ist er eher skeptisch, sondern um den sich verschärfenden „Kriegszustand zwischen dem Kollektiv und dem einzelnen“. Auch der junge Dichter Anderson ist ein „Rimbaud-Typ“, ein einzelner, der sich vehement lossagt von den Bindungen an das Kollektiv, an die Welt derjenigen, die es stets nur „gut meinen“ mit ihm.
Andersons Gedichte sind ein Versuch der Befreiung. An den Anfang seines ersten Lyrikbandes hat er die desillusionierte, programmatische Erklärung gestellt: „Ich weiß keine weltanschauung keine fernfahrkarte oder weiteres ding worauf mehr als der preis geschrieben steht und ich habe außer meiner sprache keine mittel meine sprache zu verlassen.“ Diese seine Sprache aber handhabt Anderson in einer erstaunlichen Variationsbreite. Sie ist rebellisch und respektiert keine Begrenzungen. Manches Gedicht birst förmlich unter dem Ansturm der Phantasiebilder, der immer rascher aufeinander folgenden Assoziationen, denen mit formal-logischen Kriterien kaum noch beizukommen ist.
John Lennon und Yoko Ono in New York, die dreitausend Soldaten an Polens Ostgrenze, Charlie Chaplin und Rosa von Praunheim, die Liebknecht-Gedächtniszelle in Luckau und ein Leningrader Konfekt namens Krupskaja: allem öffnen sich diese Gedichte, ohne in sinnloses Gestammel zu münden. Selbst da, wo auf den ersten Blick nichts als dadaistischer Nonsens steht, in dem poème trouvé „eNDe II“, muß sich der Leser schließlich mit einem Lachen geschlagen geben. „eNDe II“ beginnt mit den Zeilen „abendstern ahn alle alles am auf auge / bereiche bewegter / dämmrung der der der die die…“ und endet „weiden widerspiegelnd / zauberschein zitterst zuerst.“ Das ist Goethes Altersgedicht „Dämmrung senkte sich von oben“, dessen Wörter streng alphabetisch aneinandergereiht worden sind – ein respektloser Beitrag zum Jubiläumsjahr.
Anderson (geboren 1953 in Weimar) lebt in Dresden, im Geltungsbereich einer Kulturpolitik, die seit einigen Jahren sehr konkrete Vorstellungen über die „Bedeutung der Erbeaneignung und Traditionsbildung für den literarischen Schaffensprozeß“ entwickelt hat. Richten sich Anderons Goethe-Parodie und sein unkonventioneller Umgang mit tradierten lyrischen Formen (Volkslied, Sonett, Prosagedicht) nicht auch gegen solch bürokratisch steife Annäherungsversuche an die Großen seiner Heimatstadt?
Eine kaum überbrückbare Distanz zur staatlichen Emblematik prägt alle Gedichte dieses Bandes. Anderson hat sich von den offiziell geförderten oder zumindest geduldeten „verschiedenen Handschriften“ viel weiter entfernt als sein ebenfalls recht aufmüpfiger Berliner Altersgenosse Uwe Kolbe. Das gilt nicht nur für Andersons hemmungslos experimentierende „wilde“ Sprache, sondern mehr noch für die angesprochenen Themen.
Dem Leser wird mitunter angst und bange vor der Radikalität, mit der die Entfremdung von Familie und Gesellschaft mitgeteilt wird. Das zwei Seiten lange Prosagedicht „mann kann watzmann geheißen haben mit zet & en en“ liest sich wie ein Stenogramm der „Unvollendeten Geschichte“ von Volker Braun, ja, es übertrifft diese noch in der Eindringlichkeit und Kompromißlosigkeit, mit der die Zerstörung der eigenen Jugend notiert wird. An dieser Zerstörung ist der Konformismus des Vaters, der „die fahnen raushängt wenn dazu aufgerufen wird gestern heute morgen“, ebenso beteiligt wie die Willkür der Behörden. Aber der Leser findet keine Klage, kein Selbstmitleid, schon gar nicht Verkniffenes, sondern stets das stark ausgeprägte Bewußtsein eigener schöpferischer Freiheit: „ich habe außer meiner sprache keine mittel meine sprache zu verlassen.“
Am eindrucksvollsten zeigt sich die poetische Begabung des jungen Dresdner Autors in einem sorgsam komponierten Zyklus von zwölf Liebesgedichten. Anderson erzählt in diesen Gedichten über eine romantische Liebe zwischen Ost und West, der DDR und den Niederlanden. Das allerprivateste „Ich küsse dich / ich liebe dich lege mir die hand auf die adern / der nacht soleil et chair“ verbindet sich mit der Verachtung für jene „Staatsorgane“, die sich bereits durch die Liebe zweier junger Menschen bedroht fühlen.
In den Liebesgedichten artikuliert sich ein Außenseiter, der die eigene Existenz aufs Spiel setzt (auch darin ein Millerscher Rimbaud), der bereit ist, „den roman bis zum blutigen / ende im drahtverhau / zu treiben was auch bitte sehr / nur eine metapher ist die ich verrate“. Große Betroffenheit schließlich löst das lange Gedicht „het litteken“ (niederländisch: das Zeichen, die Narbe) aus. In ihm hat Anderson alles spielerisch Experimentelle zurückgenommen, die Sprache ist leise, es geht um den Augenblick des Abschieds, um den verzweifelten Versuch, ihn aufzuschieben, ihn rückgängig zu machen. Aber die Anstrengungen der Phantasie sind vergeblich.
Rezension der Erstveröffentlichung
Andreas F. Kelletat, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.5.1982
Herbert Wiesner: Bilder einer wunden Welt, in: Süddeutsche Zeitung, 19.5.1982
lettern schwarz auf weißem grund
schwarz die nationen ihre rolle spielen
(schwarz als reaktion auf weiss
weiss als reaktion auf schwarz)
vielleicht sollte man die wahrheiten
die durch die literatur verbreitet
werden grau auf grauem grund
drucken. ich weiß keine weltanschauung
keine fernfahrkarte oder
weiteres ding worauf mehr
als der preis geschrieben steht
ich habe ausser meiner sprache keine
mittel meine sprache zu verlassen.
Bereits das Eingangsgedicht in Sascha Andersons Gedichtband dokumentiert seine poetische Grundüberlegung. So bildet die Reflexion der eigenen Person in ihrer Beziehung zur Umwelt mit Hilfe der Sprache für Christine Cosentino eines der zentralen Themen von Andersons Dichtung. Sobald sich Sprache auf einen Gegenstand richtet, wird dieser durch die Sprache in ein bestimmtes System, in einen bestimmten Kontext eingeordnet. Reflektiert man mit Hilfe der Sprache über sich, so hebt man mit Hilfe der Sprache die eigene Identität auf, man überschreitet die Grenze der eigenen Identität und wird sich selbst ein Fremder. Auf diese Weise werden die gesellschaftlich vorgegebenen Grenzen der Sozialisation sichtbar.
Diese Analyse ist mehr als nur Ursachenforschung, da sie die Zusammensetzung der eigenen Identität als Person und damit auch als Künstler hinterfragt. Sie untersucht die künstlerischen Grundlagen des eigenen Schreibens und thematisiert das Ergebnis dieser Analyse mit künstlerischen Mitteln. So endet das Gedicht auch mit einer Zeile, die an die Sprachspiele Wittgensteins erinnert. Anderson schafft eine irritierende Gleichzeitigkeit von „Drinnen“ und „Draußen“, indem er die eigene eingebundene Situation als Außenstehender reflektiert. Diese Grenze wird gerade durch ihren Übertritt eine manifeste, und zwar dadurch, daß dieser Prozeß ein sich Selbstbewußtmachen der sozialen Rolle ist, die sich innerhalb des konkreten Kontextes gebildet hat. Anderson faßt diesen Vorgang als eine Form der Schizophrenie auf.
„ich bin nicht schizophren, sondern ich bin der, der schizophrenie als mittel zur verfügung hat, d.h. ich brauche nicht die zwei welten, in denen ich existiere und mich ausdrücke, und ich kann eine immer sterben lassen, welchen sinn das hat, interessiert dabei erstmal weniger als die möglichkeit.“
Im Gedicht „dresden zum dritten“ greift Anderson diese Form der Schizophrenie durch Reflexion auf sich selbst noch einmal auf. Dort heißt es: „und so spalt ich mich, ihr lieben und bin immerfort der Eine ich weiß dass die selben wiederkehren um andere zu sein“. Am deutlichsten wird diese Diskursivierung der eigenen Identität im Gedicht „Ich bin Mary Westcott“ thematisiert, in dem Anderson seinen Eigennamen benutzt.
ich bin mary westcott
& ausserdem dass
ich unter dem namen s. anderson
worte für den rosenkranz
der generationen
jage in die doppelherzalben
Formal wird dieser Vieldeutigkeit in Andersons Gedichten durch die Zeilenbrüche und die Verwendung des Satzzeichens „&“ Rechnung getragen. Denn durch die Brechung der Zeileneinheiten lassen sich Andersons Texte, so Annelie Hartmann: „oftmals sowohl mit dem Vorangehenden als auch mit dem Nachstehenden in Bezug setzen. Indem sie rückwärts wie vorwärts weisen, geraten die Zeilen ins Fließen, werden doppelbödig, mehrdeutig“
Die Erfahrung einer entfremdeten Identität baut für Anderson auf einer entfremdeten Welt auf. Die Erkenntnis dieser Grundlage wird von Anderson in dem Gedicht „eNDe“ thematisiert, und zwar dadurch, daß er pointiert typische Versatzstücke der DDR-Realität aufzählt.
eNDe IV
östwestlicher die wahn
machs gut mit spekulatius
machs gut mit kohlenanzünder dem weissen
machs gut mit erika love again
machs gut schöne grosse blonde leere
rin machs gut ödipus
machs gut unten spiegelverkehrt
eine nuance zu concafé machs gut
augenblicklich signiert machs gut ein
tv zwei
die macht sie fördert frauenliteratur unter dem aspekt
steigt laicht das bewusstsein ein frontstaat zu sein
machs gut im aquarium
sitzen immer die anderen machs gut
amnestie für die angebrochene
packung kekse marke favorit
Dieses Gedicht ist eine offensichtliche Charakterisierung der DDR, zumal Andersons „eNDe“-Gedichte eine Anspielung auf das offizielle Parteiorgan der DDR, das „Neue Deutschland“ (ND) sind. Anderson verfolgt jedoch eine weitere Intention, als nur den (scheinbaren) Sinn im „Neuen Deutschland“ durch Unsinn zu ersetzen „und damit bloßzustellen“. Anderson stellt die in der DDR geläufigen staatlich genormten sprachlichen Zeichen in einen Kontext, so daß sie einen neuen Sinn ergeben. Dadurch, daß er den Zusammenhang von Signifikant und Signifikat auf eine unkonventionelle Weise neu bestimmt, schafft er einen „Sprachwitz“, der ein Vorgriff auf die Etablierung einer neuen Sprachrealität und damit letztlich einer neuen gesellschaftlichen Realität darstellt. Diese Form des Sprachspiels stellt durch die Neudeutung eine kommunikative Grenzüberschreitung dar, und in der Neuschaffung einer sprachlichen Realität liegt zugleich auch ein Gegenentwurf zum herrschenden Diskurs vor.
Durch den Bezug auf Goethe („West-östlicher Divan“) spielt dieses Gedicht mit dem „Erbe-Begriff“ der DDR-Kultur. Das Gedicht wird mit diesem Bezug auf die „Erbe“-Aneignung in einen politischen Kontext gestellt („östwestlicher die wahn“), in dem die DDR-Kulturpolitik als ein Teil des Kalten Krieges überführt wird. Diese Kritik wendet sich zugleich auch gegen den Westen, der das andere Extrem in diesem stabilen Duopol der Abschreckung markiert.
Sacha Szabo, „Sascha Arschloch“. Verrat der Ästhetik – Ästhetik des Verrats, Tectum Verlag, 2002
Sascha Anderson antwortet auf die Standartfragen von faustkultur.