Utz Rachowski: Poesiealbum 339

Rachowski/Beurich-Poesiealbum 339

FAIR VIEW

Wenn Gettysburg
dann fern ist
Nairobi Malaga Dakar

vergiß auch Dresden nicht

am Teich beim Reservoir
im Central Park schläft
müde noch vom Spiel

mein Hund

als wärs mein Alter nun
die ganze Welt vier Jahre alt
doch wie mit vier

erwartungsvoll wie du:

Wo ist der Ball
der nie den Grund erreicht?

Der Mond nimmt jetzt
erstaunlich zu

 

 

 

Poesiealbum 339

Utz Rachowski ist kein Autor, der im Mainstream schwimmt. Nach Ausflügen in die Welt lebt er heute wieder in seiner Heimatstadt Reichenbach; lebt und schreibt in dem literarischen und gesellschaftlichen Umfeld, in dem er aufgewachsen ist. Das sind keine heiteren Sommerspiele, das ist keine besonnte Vergangenheit: Gegen das Vergessen und in Erinnerung an die Dauer der Bedrohung, Schatten der Vergangenheit und Blicke in hellere Zeiten.

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2018

Stimmen zum Autor

Die Bücher der ausgebürgerten Ost-Autoren sind mir so lieb, die Wunderbaren Jahre von Kunze, Der letzte Tag der Kindheit von Utz Rachowski, die Gedichte von Jürgen Fuchs und Biermanns genialische Sachen, weil mir die Einsamkeits-Erfahrungen dieser Leute sehr nah sind…
Hans Sahl (Poesiealbum 303)

Vielleicht wurde Rachowskis Schreiben durch die Opposition zum DDR-Regime geweckt, aber er bedarf keines Gegners um zu schreiben. Rachowski ist ein Schriftsteller sui generis.
Hans Joachim Schädlich

Solche Menschen wie Rachowski sind eben auch ein echtes DDR-Produkt, im allerbesten Sinne: es ist auch der Seelen-Sound in seiner Sprache. Östliche Tugenden, die es im Westen genauso gibt, aber vielleicht seltener: altmodische Leidenschaft, moralischer Ernst, melancholischer Humor.
Wolf Biermann

Ich bewundere die frische und gelassene Aussagekraft der Gedichte.
Adam Zagajewski

Von Brodsky stammt das kluge Diktum „Ästhetik ist Ethik“. Rachowskis Texte beweisen das in geradezu atemberaubender Eindringlichkeit.
Marko Martin

Die Texte beziehen einen gehörigen Teil ihrer poetischen Stärke aus der Verbundenheit des Autors mit seiner Landschaft, mit den Menschen in seiner Familie und ihren Lebensläufen.
Salti Sallmann

Es ist schon so, wie es das Märchen vom singenden und klingenden Bäumchen erzählt: wer zurückkehrt aus der Fremde, den küssen die Hunde. Manchmal kommt eine Prinzessin dazwischen. Vielleicht bestimmen diese Bilder die Texte von Utz Rachowski, seine Gedichte vom Erinnern und Zeitenwechsel, und „von den Sehnsüchten des Menschen“.
Klaus Walther

 

Utz Rachowski: Der Heimatlose

– Utz Rachowski ist aus der Welt zurück ins Vogtland gekommen. Die Gedichte in seinem Poesiealbum erzählen davon, dass dies keine Heimkehr war, vielleicht aber eine hätte sein können. –

Einmal auf irgendeinem Bahnsteig der Welt möchte ich zu ihnen gehören
„Viva Italia“ rufen oder „Es lebe die Schweiz“.
Aber ich mit Gefühlen von drüben dem Pass von hier und meinem polnischen Namen
muss alles erklären.

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1982 eröffnet das jüngste Heft des Lyrikbandes Poesiealbum, das dem 1954 in Plauen geborenen Utz Rachowski gewidmet ist. Er schrieb es zwei Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR, die einer 14-monatigen Haft wegen „staatsfeindlicher Hetze“ folgte.Die Trauer um eine verlorene, nie besessene Heimat ist den Gedichten Utz Rachowskis bis heute eigen. Die von dem Zwönitzer Literaturwissenschaftler Klaus Walther ausgewählten knapp 40 Texte in dem, wie immer, 32-seitigen Heft, folgen in etwa der Biografie des Vogtländers, der nach seiner Entlassung in die Bundesrepublik die Welt erkundete, aber nirgendwo eine Heimat fand. Über die „Tauben von Leipzig“ schreibt er, die Tauben von  Erfurt und Weimar, über „Warschau bei Nacht“, später über einen Besuch in Athen, eine Ansicht, die ihm Einsicht wurde:

Ich war fünfundzwanzig Jahre betrogen um diese Einsicht
Wegen irgendwelcher Einsichten die keine Berge versetzten.

Über viele Orte in den USA schreibt er, Philadelphia, Pennsylvania, Washington, das sich so lang streckt „wie Leipzig“, wo das „Weiße Haus so klein“ ist und wo „hinter Gittern so groß … Freiheit im Käfig gemacht“ wird.

Nach der Wende kehrt Utz Rachowski ins Vogtland zurück. In die Landschaft seiner Kindheit, seiner Mutter, die ihren Jugendfreund sucht und findet:

Wer sollte da Zweifel haben die Welt sei nicht schön wenn Liebe länger bleibt und endlos ihre Kreise zieht.

Die Liebe, auch die verlorene, ist vielleicht die einzige Konstante in diesen Gedichten, die sich zu einem Bild der Verlorenheit in der Fülle fügen. Wie in einer der Collagen von Thomas Beurich, der das Heft illustrierte, reiht sich Bild an Bild zu einem Mosaik des melancholischen Scheiterns, das in den Kellern der Staatssicherheit auf dem Karl-Marx-Städter Kaßberg  begann. Rachowskis Verse leben nicht so sehr von der kunstvollen Metapher, vom poetischen Bild, eher von der nicht durch Punkt und Komma getrennten Aneinanderreihung von Eindrücken, Gedanken, Erinnerungen an Orte, Begebenheiten, Lektüreerlebnissen. Von einer Suche nach Heimat, die immer mit der Erkenntnis endet:

ich gehörte nie zu ihnen
hatte nie ein Volk das ich mein nannte

Das Poesiealbum gehört zu den verlegerischen Glanzleistungen in der DDR. Begründet von Bernd Jentzsch und Klaus-Dieter Sommer, nun weitergeführt von Klaus-Peter Anders, hält auch das Heft mit Gedichten von Utz Rachowski den hohen Ansprüchen an die Publikation stand, in der die Elite internationaler Lyrik versammelt ist. Utz Rachowski gehört, wie er sich selbst nennt, zu den Dichtern des Poesiealbums „mit dem flatternden Herzen“ aus einem „Land ohne Glück“. Für die Leserinnen und Leser aber sind solche Dichter ein Glück.

Matthias Zwarg, Freie Presse, 24.7.2018

Ein spätes Poesiealbum für den nachdenklichen Dichter

aus dem Vogtland

Mit seinem Hamlet-Gedicht war Utz Rachowski auch in der jüngst in der Reihe Poesiealbum neu erschienenen Auswahl Worthaft. Texte politischer Gefangener vertreten. Er war nie so präsent als dissidentischer Dichter wie etwa Lutz Rathenow oder gar Wolf Biermann. Und wahrscheinlich würde er sich auch verwahren, in dieser Schublade zu landen. Denn eigentlich ist er ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schnell sensible Dichter in die Mühlen der DDR-Behörden gerieten.
Wer den Band Worthaft gelesen hat, weiß, dass das eben nicht nur eine schöne Sammlung von „Häftlings-Gedichten“ ist. Die hätte anders ausgesehen. Viele der darin vertretenen Autorinnen und Autoren aber stammten direkt aus der großen und eindrucksvollen Lyrikerszene des Ostens. In Gedichten war vieles noch sag- und beschreibbar, was in unpoetischer Prosa sofort die Sicherheitsbehörden auf den Plan gerufen hätte. Und auch das wäre noch nichts „Dissidentisches“ gewesen.
Zuletzt haben wir ja an dieser Stelle Klaus Auerswalds Buch Sonst kommst du nach Schwedt! besprochen, in dem er schildert, wie wenig an Kritik es brauchte, um als Soldat in die Mühlen einer rabiaten Korrektionsmaschine zu geraten, die aus kritischen Worten sofort Staatsverrat und militärische Zersetzung konstruierte.
Das ist ja das eigentlich Bedrückende an all diesen Erzählungen von Betroffenen – bis hin zu Erich Loest und Walter Janka –, wie wenig es oft brauchte, um zum Beobachtungssubjekt der Staatssicherheit zu werden und zum Inhalt von Aktenvorgängen, in denen nichts vergessen wurde. Vielen Ostdeutschen war es selbst 1990 noch nicht bewusst, wie sehr die ganze Bevölkerung permanent auf Wohlverhalten hin bewertet wurde.
Und dass all die Menschen, die dann in der Presse so gern verdammt und zu Staatsfeinden erklärt wurden, stets nur Unangepasste, Suchende und Fragende waren. Bis hin zu einem Rudolf Bahro, der den Wirtschaftsexperten des Ostens vorrechnete, wie sie den Ostblock gerade in Grund und Boden wirtschafteten.
Und schon in der DDR waren die Leserinnen und Leser hellwach, lasen aufmerksamst jede Veröffentlichung von Volker Braun, Uwe Kolbe oder Sarah Kirsch. Manchmal in Büchern, die eigenwillige Verlagsleiter quasi in Guerilla-Taktik durch die Zensur geschoben hatten.
Letztlich aber gingen viele – sehr viele – begabte Schriftsteller des Ostens in den Westen. Und viele verstummten dort, weil ihr Thema ja nun einmal der Osten war. In all seiner Verstaubtheit, Schönheit und Zerrissenheit.
Einige der Begnadeten entgingen diesem Schicksal, prägten dann zum Beispiel die bis heute beeindruckende Sächsische Dichterschule, die nicht nur durch ihre Bildhaftigkeit frappiert, sondern auch durch ihre Liebe zum durchwachsenen Alltag – was dann auch einen Begabten wie Andreas Reimann dennoch oder gerade deshalb in die Mühlen der DDR-Justiz brachte.
Und eben auch den in Plauen geborenen Utz Rachowski, dem vor allem zum Verhängnis wurde, dass er Texte der von ihm geliebten Autoren Jürgen Fuchs, Reiner Kunze und Wolf Biermann weitergab. Alle drei veröffentlichten ja nur noch im Westen. Ihre Bücher waren beliebte Schmuggelware.
Aber selbst die weitergereichten Texte von Gerulf Pannach, dem Texter der Leipziger Gruppe Renft, wurden ihm angekreidet. Man rechnete ihm das als „staatsfeindliche Hetze“ an und verurteilte ihn zu 27 Monaten Haft. Was eben nicht nur Anklage und Haft bedeutete, sondern auch die zermürbenden Verhöre von Stasi-Offizieren, etwas, was er in den Gedichten „Biografie oder Was die reden“ und „Mein Lieblingstier“ thematisiert. Letzteres beginnt so:

Jetzt
haben Sie die Katze aus dem Sack gelassen

schrie der Richter…

Drei Zeilen, die im Grunde all das sichtbar machen, was die DDR so zermürbte: Niemand konnte sich sicher sein, dass ihm ganz gewöhnliche Worte nicht im Munde umgedreht wurden und die „Staatsmacht“ ihn dann nicht in nächtlichen Verhören oder gestellten Gerichtsverhandlungen als „Feind“ entlarvte. So wurde aus einem fragenden, vorsichtig erkundenden Dichter ganz schnell ein „Staatsfeind“ gemacht. Und auf einmal war der Verfemte kein Kandidat mehr für eins der beliebten Hefte der Poesiealbum-Reihe, von denen jeden Monat eins erschien, sondern ein Verdammter, der froh sein konnte, wenn er vom Westen aus der Haft freigekauft wurde. So auch Utz Rachowski, für den sich Reiner Kunze einsetzte.
Sein Poesiealbum hat er nun doch noch bekommen, im Märkischen Verlag Wilhelmshorst, das mit Genehmigung des alten DDR-Verlages Neues Leben, wo die Reihe über Jahrzehnte erschien, auch das Layout übernehmen und die Reihe der Dichterinnen und Dichter fortsetzen konnte. Übrigens ganz ähnlich wie die Leipziger Reihe Poesiealbum neu, die zwar das Layout übernahm, mit ihren Veröffentlichungen aber vor allem thematisch arbeitet und jedes Mal verschiedenste Lyriker aus der ganzen Republik versammelt. Eben so wie in dem Band Worthaft.
Man merkt nun freilich in der Auswahl, die Klaus Walther für dieses Poesiealbum 339 gemacht hat, dass die Zeit im Gefängnis und in den Mühlen der DDR-Justiz den heute 64-jährigen Rachowski noch immer beschäftigt und wohl auch quält. So etwas wird man nicht los. Darauf war das alles ja auch angelegt. Aber nach dem Mauerfall kehrte Utz Rachowski in seine Heimat Vogtland zurück, wurde Mitbegründer der in Dresden erscheinenden Literaturzeitschrift Ostragehege.
Und gerade das Hamlet-Gedicht, das auch in diesem Band enthalten ist, zeigt ihn nach wie vor als sensiblen ostdeutschen Dichter, der eindrucksvolle Texte über seine Verwurzelung in einem besonderen Landstrich schreiben kann und gleichzeitig – aus der Perspektive des Verwurzeltsein – den Blick auf die Welt richtet und das, was dort (für so viele unfassbar) vor sich geht.
Denn er hat sich neben dieser tiefen Verbundenheit mit einer störrischen, zuweilen auch sehr einsamen Landschaft, auch den kritischen Blick bewahrt auf das Treiben der Mächtigen, die Unerbittlichkeit dessen, was Mächtige tun. Die Welt ist nicht heil. Man könnte sich diesen Hamlet auch mit Totenkopf auf dem Friedhof vorstellen mit den letzten Worten des Gedichtes:

Der Rest ist wenn du dich erinnerst und
meine Worte je dir etwas sagten Schweigen

Natürlich klingt das. Was ja die dritte Eigenart der Sächsischen Dichterschule ist: Die Vertreterinnen und Vertreter dieser „Schule“ beherrschen das Metrum, wissen, wie Gedichte klingen müssen, wie man sie regelrecht stimmt – so, wie einst Herr Bach seine Orgeln. Und einige von Rachowskis Gedichte sind im Grunde ordentliche Orgelpartituren, grundiert durch – Kennzeichen Nummer 4 dieser besonderen Dichterschule – fundiertes Wissen um Literaturgeschichte bis zu den alten Griechen.
Man könnte wahrscheinlich alle diese stillen Werkstätten der sächsischen Dichter bereisen und würde überall dieselben Bändchen aus dem Reclam und dem Aufbau Verlag stehen sehen, die literarische Verortung in einer Welt, die immer größer war als das kleine Land, in dem geschrieben wurde, und praktisch den ganzen Kosmos des europäischen Denkens umfasste. Und Griechenland sowieso, als Flucht und Zufluchtsort im Geiste. So wie in Thomas Fritz’ Roman Kinder des Labyrinths oder in Mattheuers Sisyphos-Grafiken.
Sisyphos, wie er den Stein endlich rollen lässt. Dädalos, der gelernt hat, vorsichtig zu fliegen und sich den Herrschenden dienstbar zu machen. Ein gewisses Bild der Vergeblichkeit, das am Ende bleibt. Denn es waren auch 1990 nicht die Dichter, auf die man hörte. Man galoppierte einfach weiter und redete lieber nicht über die Verwundungen. Wer wird denn stehenbleiben und sich besinnen wollen? War da was? In Rachowskis Tauben-Gedichten kommt noch einmal die ganze Tristesse der Oststädte ins Bild, in denen einem überall dieselben grauen Stadttauben begegneten. Auch Leipzig ist dabei. Kein Lob-Gedicht diesmal.
Eben eher eines im Stil der Sächsischen Seher-Schule, die sich mit Goethe-Sprüchen nicht abspeisen lässt, sondern hinter der Maskerade die nackte Wahrheit sucht. Und natürlich findet, was uns heute noch immer beklommen machen sollte: das Ausgegrenzt- und Ausgesperrtsein. Dabei ist nur, wer nicht auffällt und nicht aus dem Rahmen fällt.

Ich blieb
sitzen
für immer.

Behutsam geht Rachowski nicht nur den Weg hinauf nach Wolkenstein, sondern auch durch die Gassen Wetzlars, wo er ausgerechnet vor „Jerusalems Haus“ ins Grübeln kommt, durch Warschau und Kreuzberg. Kein Ort, wo das Nachdenken aufhört und das Verwundertsein darüber:

das Unbegreifliche
nie begriffen
zum Greifen nah

(in „Philadelphia pH-Wert“).

„Neuerdings geschehen seltsame Dinge“, schreibt er in „Abschied“.

So staunt einer immer noch darüber, dass man sich sehr seltsam fühlen kann in der Welt, wenn man nur aufmerksamer dafür ist, was einem so geschieht. Immer noch geschieht und immer wieder. Und selbst wenn er längst wieder da ist und Wort ergreift für sein Stück Heimat, wird er die Frustration des Exils nicht los.

mit sieben Nägeln
schlägt es zu

Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung, 2.12.2018
Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

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Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Andreas Schirneck singt Gedicht von Utz Rachowski
am 1.10.2015 im Malzhaus Plauen bei „Jürgen Fuchs nicht zu vergessen“, Literarische Blicke auf unser Land
Schriftstellerlesung Utz Rachowski & Udo Scheer Musikalische Begleitung Andreas Schirneck

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