Uwe Wittstock: Zu Thomas Braschs Gedicht „Mitten am Tag eine Furcht“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Thomas Braschs Gedicht „Mitten am Tag eine Furcht“ aus Thomas Brasch: Der schöne 27. September. 

 

 

 

 

THOMAS BRASCH

Mitten am Tag eine Furcht

Ich weiß nicht wovor
Über mir die gelbe Sonne
Vor mir das Kottbusser Tor

Hinter mir leises Rufen und Flüstern
Jeder Schritt wird mir schwer
Wer tut mir was Keiner ist hier
Aber alle sind hinter mir her

Dann ist es in der Straße still
Ich bin ausgedacht
Welches Feuer ich will
Habe ich angefacht

 

Keiner ist hier, aber alle sind hinter mir her

Wenige Monate vor seinem Tod im November 2001 besuchte ich Thomas Brasch in seiner Wohnung am Schiffbauerdamm, gleich neben dem Berliner Ensemble. Er arbeitete im Stehen, denn „Ich hab’s im Rücken“, sagte er. Er hatte zwei hohe Tische in die Mitte eines riesigen, nahezu leeren Zimmers gerückt. An den Wänden hingen kolossale, übermannsgroße Spiegel. Sie vergrößerten den Raum noch mehr. Wer einen unbedachten Schritt machte und zwischen sie geriet, vor dem taten sich endlose Spiegelschächte auf, durch die er in Abgründe ohne Boden stürzen konnte. Ein Arbeitszimmer wie ein Bühnenbild. Brasch erzählte von seinem monströsen Romanmanuskript, erzählte von dem Mädchenmörder Brunke, über den er mittlerweile 14.000 Seiten geschrieben habe. Ein Projekt, das ihn offenbar in einen endlosen literarischen Spiegelschacht hatte stürzen lassen. Und er erzählte vom Kokain, von der Kraft, die es verlieh, von der Kälte, die es mit sich brachte. Brasch hatte wenig übrig für Halbheiten, ihn reizte das Extrem. Er liebte die Poètes maudits wie Rimbaud, dem er ein Gedicht gewidmet hat. Über die Folgen, die so ein Leben mit sich bringt, versuchte er sich keine Illusionen zu machen. Er redete von den Risiken und hoffte wohl doch, ihnen zu entkommen. Er war 56, als er starb.
Braschs Gedicht „Mitten am Tag eine Furcht“ erschien bereits 1980 und spricht von seinen Erfahrungen mit dem Rauschgift. Das Kottbusser Tor gilt als einer der Hauptumschlagplätze für harte Drogen in Berlin. Die Furcht mitten am Tag, das leise Rufen und Flüstern im Rücken und das Gefühl „alle sind hinter mir her“ lässt Halluzinationen und Verfolgungsgefühle anklingen, die oft als Nebenwirkungen des Kokains beschrieben werden. Wie quälend die Gier nach dem Gift sein kann, wie übel die Folgen des Entzugs, verschweigt Brasch nicht:

Jeder Schritt wird mir schwer.

Mit dem Übergang von der zweiten zur dritten Strophe wechselt dann die Perspektive. Plötzlich gibt es keine unerklärliche Furcht, keine halblauten Stimmen aus dem Hintergrund, keine Entzugsfolgen mehr, plötzlich ist es in der Straße still:

Welches Feuer ich will
Habe ich angefacht

Das Kokain tut seine Wirkung, es befeuert den Körper und reguliert die Wahrnehmungen. Aber in diesem Fall scheint es nicht zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins zu führen, von der viele Abhängige berichten, sondern zu einem Ende des Denkens oder zu einem Gefühl der Irrealität:

Ich bin ausgedacht.

Ein Loblied auf den Kokainrausch ist das mit Sicherheit nicht, aber auch kein pädagogisches Warngedicht. Das Beobachten steht im Vordergrund, nicht das Beurteilen. Auch auf die üblichen Erklärungsmuster, die sonst als Rechtfertigung für jedwede Süchte herhalten müssen, verzichtet Brasch. Für ihn gibt es nur eine Person, die hier die Verantwortung trägt, und die nennt er in den beiden Schlusszeilen gleich zwei Mal:

Welches Feuer ich will
Habe ich angefacht

Aber man sollte darin wohl keinen Leidensstolz, keinen Selbstzerstörungs-Heroismus sehen. Vielmehr kommt es mir so vor, als würde sich Brasch in diesem Gedicht auch über sich lustig machen. „Mitten am Tag eine Furcht / Ich weiß nicht wovor“ und „Wer tut mir was Keiner ist hier / Aber alle sind hinter mir her“. Die abrupte Art, mit der Brasch einerseits Ängste aufzählt und andererseits zeigt, wie irrational sie sind, schlägt feine komische Funken. Für mich klingt das wie ein bissiger, bitterer Witz der Selbsterkenntnis. Wie sehr hätte ich Brasch gewünscht, dass ihm diese Begabung zur Selbstironie hilft zu überleben, etwas länger zu überleben.

Uwe Wittstockaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechsunddreißigster Band, Insel Verlag, 2013

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