Anemone Latzina: Tagebuchtage

Latzina/Schlegel-Tagebuchtage

PAUL CELAN EINE BIOGRAPHIE

Ein Mann kommt aus Jahrtausenden.
Er muß über Berge
Und wirft sein Haus weg.
Er muß durchs Meer
Und wirft sein Kleid weg.
Er muß durchs Feuer
Und wirft sein Haar weg.
Er muß durch die Hölle
und wirft seine Sprache weg.
Und singt.
Trotzdem.
Dann ertrinkt er
In einem ganz gewöhnlichen Fluß.

 
 

Anemone Latzina gehört zu jener eher seltenen Sorte Autoren,

die das Schreiben von literarischen Texten so streng auffassen, dass daraus kein Beruf, keine berufliche Angelegenheit werden kann. Ihre „Produktion“ ist dementsprechend unregelmässig, das bisherige Werk schmal und, wenngleich noch nicht abgeschlossen, so doch hinreichend bestimmt, um sich als ausgeformtes Ganzes darzustellen.
Ein Grundgestus ihrer Gedichte ist jener des nüchtern unverhüllten Sprechens; mit understatement und beeindruckender Entschiedenheit durchkreuzt sie die vielfältigen Rücksichten und Strategien, die den alltäglichen Umgang mit Sprache in der Regel steuern (zumal in einer von emphatischer Lüge geprägten Öffentlichkeit wie der rumänischen zu Zeiten der Diktatur); kein falscher Schein, keine Pose, keine raunende Metaphorik, keine verschwommene Kontur; doch die besondere Qualität dieser Lyrik liegt nicht allein in der hundertprozentigen Reinheit des Tons, sondern vor allem in der eigenartig widersprüchlichen Ausstrahlung von Witz, sprich: robust anarchischer Angriffslust und tiefer Skepsis, ja wahrhaft umdüsterter Morbidezza.
Am produktivsten als Lyrikerin war Anemone Latzina in der zweiten Hälfte der sechziger und in den frühen siebziger Jahren; es war im Osten eine Zeit erneuernder Impulse, reformpolitischer Ansätze und grosser Versprechungen, die der Prager Frühling des Jahres 1968 auf die Spitze trieb und zugleich gründlich enttäuschte. Anemone Latzina nahm starken Anteil an dieser Entwicklung; dass sie nach 1973 allmählich verstummte, hing sicher mit einer ganzen Reihe von Umständen zusammen, unter anderem aber auch unzweifelhaft damit, dass die Kraft zu neuen politischen Hoffnungen, nach Allendes Tod weltweit versiegt schien. Anemone Latzinas Verhältnis zur Politik ist einerseits immer schon ein sehr unmittelbares gewesen, insofern nämlich, als ihr Engagement stets auch vom Gefühl mitgetragen wurde; andererseits entwickelte sie gerade aus solcher Unmittelbarkeit (da treffen dann ja auch die Enttäuschungen unmittelbar und persönlich) ein sehr ausgeprägtes Misstrauen gegen politische Heilsversprechungen jeglicher Art.
Den poetischen Blick auf die Welt hat ihr zunächst der grosse Lehrmeister Bert Brecht geschärft, doch auf Brechts Gedichtmodell hat sie sich nicht einschwören lassen; es schwingt viel anderes mit im charakteristischen Klang ihrer Verse, unter anderem Reflexe der Pop-Art, der Beat Generation und Jacques Préverts. Als die Autorin sich nach langer Enthaltsamkeit 1986 erstmals wieder lyrisch artikulierte, zeigte sie sich gewandelt. Sie legte richtig formstrenge Sonette vor eine Peripetie, die man nicht voreilig als die übliche Hinwendung der nun „reifen“ Autorin zum klassisch Gesicherten deuten sollte. Das Sonett bot in Zeiten der Krise vorübergehend offenbar eine Art Zuflucht, aber keinen dauernden Halt.

Gerhard Csejka, Druckhaus Galrev, Programmheft, 2000

 

Im endgültig unbewohnbaren Raum

− Die rumäniendeutsche Autorin Anemone Latzina und ihr Einfluß auf die Lyrik der ehemaligen DDR. −

Es ist kein Zufall, dass der Gedichtband „Tagebuchtage“ von Anemone Latzina im Autorenverlag Druckhaus Galrev erscheint: die Gedichte der rumäniendeutschen Autorin, die bisher nur einen Gedichtband in Rumänien publiziert hat, waren in der unabhängigen DDR-Literaturszene bereits seit Anfang der achtziger Jahre in Umlauf. Sie blieben nicht ohne Einfluß auf die Texte der selbstverlegten Zeitschriften; so wurde etwas das monolithisch wirkende Druckbild der „Kastengedichte“ von einzelnen Autoren übernommen – als formales Ideogramm für die Situation in der DDR.
Lakonisch, unsentimental und haarscharf zeichnet Anemone Latzina in ihren Gedichten den Schiffbruch der großen Utopien, den Alltag in Rumänien und die aufgelaufenen Sehnsüchte einer unendlichen Liebe. Der Band „Tagebuchtage“ nimmt jedoch nicht nur wegen der Entdeckung dieser Dichterin aus einer der verstecktesten Gegenden des deutschen Sprachraums eine Sonderstellung – man darf das Buch auch in gestalterischer Hinsicht als Kleinod bezeichnen: der Schriftsatz ist, den gläsernen Gedichten adäquat, von filigraner Leichtigkeit, während die Zeichnungen von Christine Schlegel in einem lebendigen Dialog mit den Texten stehen. Die Figur des Menschen, mit anatomischem Blick kühl betrachtet, hängt in den schwarzen Fäden, im durchsichtigen Käfig seiner Verhängnisse.

jaja das gedicht ist ein gefängnis
und wir sind lebenslänglich
dazu verurteilt
uns bei ihm zu holen
was man so zum leben braucht
wasser und brot

Die Gedichte von Anemone Latzina sprechen die Sprache der Notwendigkeit; ohne Schnörkel, ohne Koketterie ist es die karge Sprache von Wasser und Brot, die sich in die Fugen der Gefängniswand schmiegt, in der aussichtslosen Hoffnung auf eine verborgene Ritze im Wort „lebenslänglich“, die Aussicht gewähren könnte auf das Wunschwort „Idylle“.

Das i in wir
ist im Nebel erstickt
Bald rieselt es
auch über Sinn.

Die Sandspur des „i“ führt zum Titelwort des Gedichts: „Idylle“, verschimmelt und rissig. Der Vokal „i“ überlebt zwar, jedoch in anderen, steineren Worten, mit denen das Verschwinden der Idylle besiegelt wird: „Niemand wartet. / Winter kommt.“ Es herrscht Eiszeit in jener „besseren Welt“, deren Ideale Anemone Latzina in ihren Gedichten nicht ohne Sarkasmus einfordert. Wie Gerhard Csejka, der Herausgeber des Bandes, in seinem Nachwort schreibt, hat die Autorin zusehends resigniert; ihr „Misstrauen  gegen politische Heilsversprechen jeder Art“ halte auch nach den Umbrüchen der jüngsten Vergangenheit weiterhin an. Die Daten des Scheiterns der sozialistischen Utopie ziehen sich als Wegmarkierungen durch die Gedichte, bis sich das „i“ aus dem „Sinn“ der Utopie und der kollektiven Realität des „wir“ schließlich davongemacht hat. Mit einer grimmigen Moritat aus dem Jahr 1968 reagiert Anemone Latzina auf die Niederschlagung des Prager Frühlings:

Ich lass mir lange Nägel wachsen
und kratz dem Himmel die Farbe ab.
Dann mach ich tausend dumme Faxen
Und zwing der Sonne ein Lachen ab.

Nicht etwa, dass der Dichterin jene Sphären schwebender Poesie fremd geworden wären – „Fledermausleicht / verfängt sich / der Tag in mein Haar“. Im Kopf verknüpfen sich die Fäden der Wahrnehmung zu poetischen Bildern, die silberweiß oder rabenschwarz im Gedicht erscheinen. „Ein graugelber Fleck im Eis der Pfütze / ein grellroter Schein im zerbrochenen Fenster / und auch das ist Sonne.“

In der nüchtern gefassten Beiläufigkeit liegt die manchmal bestürzende poetische Kraft der Gedichte, denen es gelingt, die großen Lebensthemen in einfachste Formen wie Abzählreim und Refrain einzufangen. Oft wird dabei ein Lachen hörbar, hinter das man nicht wieder zurückkann – es ist das achselzuckende Lachen auf der Rückseite der Melancholie, aus dem wissen um Vergänglichkeit.

Was bleibt uns noch, wenn die Herden
der Tage über uns hinweggerollt
uns plattgewalzt, verdorben und entstellt,
was bleibt von allem, was wir einst gewollt?

Die bange Frage seht auf doppeltem Boden. Sie stammt aus einem der Sonette, die am Schluß des Bandes überraschen. Es scheint, als sollte die ungewohnt strenge Gedichtform den Schmerz der Trennung, der Enttäuschung besiegen, die nach dem Scheitern einer Liebesbeziehung am Herzen frißt.
Dahinter verbirgt sich jedoch nicht nur die private Resignation der verletzten Liebe. „Was bleibt von alle, was wir einst gewollt?“, so lautet im ewigen Herbst des Landes Rumänien auch die Frage nach der politischen Leere, nach dem Verbleib der Hoffnungen von all jenen, die an eine gesellschaftliche Idylle geglaubt haben.
Auf der Suche nach dieser verlorenen Zeit findet sich Anemone Latzinas Lyrik aus den Jahren 1963 bis 1989 im endgültig unbewohnbaren Raum, jenseits des Herbstes.

Sieglinde Geisel, Tagesspiegel, 12.7.1992

Anemone Latzina, 1942 in Siebenbürgen (Rumänien) geboren,

arbeitete nach ihrem Germanistikstudium als Dokumentaristin, Redaktionsmitglied der „neuen Literatur“ und Übersetzerin aus verschiedenen Sprachen… und schreibt auch Gedichte. Aber eigentlich sieht sie sich nicht als Dichterin, bringt nur das zu Papier, was in ihr wächst und zum Niederschreiben zwingt, hilft im damaligen deutsch-rumänischen Gebiet durch ihre sachkundige Auswahl und unbeschreiblichem Gespür für Qualität dem Literaturgeschehen zu einer anspruchsvollen Ausdruckskraft. Ihre Arbeit als Redakteurin ließ die Hoffnung aufgrund der politischen Versprechen und ihrer wirklichen Auswüchse immer lebendig in ihrem Bewusstsein bestehen, und so entstand Not … also schrieb sie.

Mit ihren Gedichten gestaltete sie sensible, teils Hoffnung erweckende, meist aber traurig-anmutige Gedanken, die – obwohl mit sentimentalem Unterton versehen – niemals anklagend wirken. Sie zeigen tiefe, reine Gefühle, Hinnahme des Gegebenen und der Veränderung. Manchmal gibt sie leichte, fast spielerische Bilder, dann führt sie ins innere, verletzte Herz, vermischt mit banalklingenden Gedanken…

Ich wollt für dich
aus der Mondzitronenscheibe
und aus dem See
Limonade machen.
du hattest Limonade schon getrunken.

Ich wollte für dich
aus roten Sorgen
und aus den Tautropfen
den Morgen bauen.
Du kanntest schon jeden Morgen.
… Mit bleibt, es anders zu tun

Läßt man sich in ihre Betrachtungen entführen, was sie alles „noch nicht getan“ hat, wird die eigene Seele sanft und lächelnd berührt.

Ich habe noch nie ein Fenster zerbrochen,
noch nie an frischen Toten gerochen
(…)
ich bin noch nie unter Bäumen aufgewacht
und habe noch nie Liebe im Meer gemacht…

Zwischen sanfter Nachdenklichkeit, leergewordenen Lebensinhalten, aussichtslosen Zukunftsperspektiven, liebevollen wie leidvollen Empfindungen begleitet man „Anemone Latzina über 20 Jahre ihrer „Tagebuchaufzeichnungen“.
Untermalt und verfeinert wird der Gedichtband durch Grafiken von Christine Schlegel. Ihre anatomisch-grazilen Kompositionen lassen die Pflanzenwelt mit Tier, Mensch und überdimensionalen Organen, bevorzugt die des Denkens, Hörens und Fühlens, in fließende, einander übergehende Symbiosen verschmelzen, die trotz ihrer Zartheit futuristische Aspekte in sich bergen und Verbindungen zwischen allen Schöpfungen, allen Lebendigen vermuten, ja sogar erkennen lassen.
Ein sehr ansprechendes Buch, zum „Nur-Verschenken“ einfach zu schade.

Inge Wagner

Geboren zu früh und zu spät

− Rumäniendeutsche Gedichte von Anemone Latzina. −

Die 1942 im siebenbürgischen Kronstadt geborene Autorin Anemone Latzina, die seit 1969 als Redakteurin der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur“ tätig ist, hat in Rumänien einen einzigen schmalen Gedichtband („Was man heute so dichten kann“, 1971) veröffentlicht. Er wurde mit einem Debütpreis des rumänischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet, doch hatte die Zensur darin eine Menge bereits anderwärts publizierter Texte ausgemerzt. Im gleichen Jahr hatte Nicolae Ceausescu seine 17 „kulturrevolutionären“ Thesen gegen die ins Kraut geschossene künstlerische Vielstimmigkeit gerichtet.
Spät, sehr spät werden nun die Wegspuren einer Schrittmacherin auf abgelegenem Gelände auch hierzulande sichtbar. Der jetzt vorliegende Band versammelt zwischen 1963 und 1989 entstandene Gedichte, die ein abgeschlossenes Kapitel rumäniendeutscher Literatur aufblättern. Als Anemone Latzina in Bukarest Germanistik studierte, durchzitterte ein Windhauch Hoffnung die kahlgeschlagene Literaturlandschaft. Der Sozialistische Realismus wurde als kunstfremde Sackgasse desavouiert, verfemte und marginalisierte Autoren konnten wieder hervortreten, die westeuropäische Moderne galt nicht mehr als dekadent und elitär, ihre Rezeption lief auf Hochtouren. Kaum jemand konnte damals vorausahnen, daß hinter dieser gesteuerten Liberalität machtpolitisches Kalkül steckte, dessen Endziel die absolute Verfügungsgewalt eines Familienclans über ein Land war „Anemone Latzinas Poesie“, vermerkt Gerhardt Csejka in einem kleinen und klugen Nachwort, „nimmt diese Wende wesentlich als eine von den allgewaltigen Lügen zur virtuellen Wahrhaftigkeit; für sich selbst hat die die Autorin das Sagen dessen, was ist,, als heilsam, ja als beglückend empfunden“.
Widerspenstige Klarheit und lakonische Frische prägen den Tonfall der frühen Gedichte. Der Duktus ist zweifellos an Bertolt Brecht geschult, an dessen verkürzter Argumentationsrhythmik und dialogischer Dialektik. Aufklärerisch-Lehrhaftes ist in kleinen Dosierungen beigemischt, obwohl einige Texte ihre Intentionen in den Schlusszeilen allzudeutlich kommentieren. Frank O’Haras Wahrnehmungsszenerien, die leichtfüßig daherkommenden Verse Jacques Prévérts und die parodistischen Etüden des Rumänen Marin Sorescu treten auflockernd und ergänzend neben das Vor-Bild Brecht.
Anemone Latzinas Gedichte sind Expeditionen in den realsozialistischen Alltag, Erkundungen eines neugierigen, beweglichen lyrischen Ich, die nicht parabelhaft stilisiert oder sklavensprachlich kodifiziert werden. In kecken, nach den Regeln der Groteske orchestrierten Chansons verulkt und provoziert sie die sturen Ordnungshüter und ihr „großes großes Einerlei“. Der Anspruch auf unverstümmeltes Leben stößt auf schreiende Diskrepanzen, auf Hindernisse, Grenzen und Verbote: „… Die Gesellschaft kommt wunderbar ohne mich aus / wie das haus ohne Mensch – / doch der Mensch ohne Haus? / Ich höre vom Sozialismus mit menschlichem Gesicht. / Ich höre – / jedoch ich sehe ihn nicht. / wird der Mensch je des Menschen Mensch sein? / Ich bin noch klein, / mein Herz ist nicht rein. / Wer soll drin wohnen.“
Die Rolle des Spielverderbers, der die Beschaffenheit einer Gesellschaft mit deren dröhnenden Verlautbarungen und trügerischen Verheißungen konfrontiert, wurde für die Autorin zusehends fragwürdiger. Die Illusionen vom Gebrauchtwerden, die Hoffnungen auf ein Mitspracherecht in der res publika schrumpfen. Die trotzige Dennoch-Haltung – „Ich gebe nicht auf“ – weicht der Sinnkrise, der spitze Einblick der klagenden Melodie des Nevermore: „Es fällt so schon auseinander, / Tag für Nacht und Nacht für Tag. / wie blüht eigentlich Oleander? / Und es hilft auch nicht mehr, dass ich’s sag. / Uns trennen im Bett die Toten, / uns trennt auch am Tisch der Wein, / vorbei die Tage, die roten, / allein ist nicht mehr allein.“
Und doch endeten die weiten Reisen, die Anemone Latzina unternehmen durfte, als viele rumäniendeutsche Autoren davon nicht einmal zu träumen wagten, mit der Rückkehr in das Land, dem der rumänische Diktator ein beschleunigtes „Voranschreiten auf dem Wege zum Kommunismus“ verordnet hatte und sich mächtig ins Zeug legte, um den Albtraum von der gesichtslosen Stadt und einem eigenschaftslosen Menschen zu verwirklichen. Von pausenlosen Abschieden versehrt, versank die Lyrikerin in Schweigen, aus dem sie nur noch selten emportauchte. In den sechs „Sonetten an G.“, die sie einem weggebliebenen Freund nach-dichtete, hinterlässt der sausende Scherz Sprünge und Risse in Metrum und Versmaß: „…Weißt du’s vielleicht? Was soll nun werden / aus alldem, was noch nicht gesagt? / Der Baum vor meinem Haus – ein Galgen kahl ins Leere ragt. / Was bleibt von uns noch, wenn die Herden / der Tage über uns hinweggerollt, / und plattgewalzt, verdorben und entstellt, / was bleibt von allem, was einst gewollt?“
Ein bisher letztes Gedicht, addiert mit versteinerter Miene die Verlusterfahrungen zu einer erbarmungslosen Summe:

den stein schon am hals
verkleidet in vielerlei düfte
verfangen im netz seltsamer sprachen
hilflos; verbannt
im land ewigen eises
verbunden die augen
die ohren verklebt
geboren zu früh und zu spät
einsam; weitweg
von mir und von dir
verbraucht; von zärtlichkeiten
vergessen, versengt an
feuern aus stroh
ausgebrannt; die tage
verträumt, vergeudet
die nächte, das leben:
vertan

Eine Stimme aus dem fernen Bukarest. Sie gemahnt an die verstörend-eindringlichen Rufe Barbara Köhlers, der jüngeren, verletzlichen Schwester in Chemnitz: „am ende dieser endlichkeit bleibt nichts mehr zu verlieren.“

Peter Motzan, Rhein-Neckar-Zeitung, 4./5. April 1992

Poesien wie Wasser und Brot

− Die Gedichte der Anemone Latzina. −

„Der Herbst stöbert in den Blättern“, hiess beziehungsreich die grosse Anthologie rumäniendeutscher Lyrik, die Peter Motzan 1984 im Ostberliner Verlag Volk und Welt herausbrachte. Es war damals schon absehbar, dass diese Literatur verwehen, unter den bedrückenden Bedingungen ihren Zusammenhang nicht wahren würde. Inzwischen sind die meisten dieser Autoren nach Deutschland emigriert; einige wurden noch Opfer des Regimes, und zu diesen muss man auch Anemone Latzina zählen, die den ständigen Druck nicht aushielt, mehrere Gehirnschläge erlitt und deren Lebensmut, wie man hört, entscheidend gekränkt ist.
Sie wurde 1942 im siebenbürgischen Kronstadt geboren, hat Germanistik studiert, konnte zu Beginn der siebziger Jahre ausgedehnt reisen und gehört der Redaktion der Zeitschrift „Neue Literatur“ an. Ihre Gedichte waren für viele der rumäniendeutschen Dichter – genannt seinen Rolf Bossert, Richard Wagner, Klaus Hensel, Horst Samson, Franz Hodjak – von bedeutendem Einfluss. Sie haben einen ganz eigenen Ton, auch wenn Brecht und das Zeitgedicht der sechziger Jahre gewiss Pate gestanden haben. Die Besonderheit kommt vor allem im Witz der Texte zum Vorschein, ein Formzug, der das engagierte Gedicht der Linken in Ost und West nicht eben auszeichnete.
Latzinas Gedichte sind sehr reich strukturiert: es gibt ganz lakonische, kleine Texte, etwa wenn das Ich und seine geringen Aussichten in drei Zeilen festgehalten werden, die den Naturvergleich des Volksliedes zu Ende bringen:

Ich
Am Morgen war der Regen da
Am Mittag kam der Frost dazu
Am Abend war der Baum aus Glas

Auch wo es um pathetische Gefühlslagen geht, um Liebesverlust und Verletzungen, zugemutetes Anderswerden, halten die Bilder stets noch eine Distanz ein, die Ästhetik, anschauende Erkenntnis, ermöglicht. „Der Freund hat mein Vertrauen verloren, / hat es achtlos aus der Tasche gezogen, / und ich soll den Stand der Dinge loben?“
Ein grosses Gedicht heisst „Widerliche Erkenntnis“ und arbeitet mit Zweizeilern, die jeweils eine politische Anspielung auf den Privatbefund reimen und sich so zentrale Anstössigkeiten leisten, da heisst es etwa:

Ich habe noch nie ein Fenster zerbrochen
Und hab noch nie an frischen Toten gerochen.
(…)
Ich habe noch nie LSD genommen
Und hab noch nie einen Orden bekommen.
(,..)
Ich habe mich noch nie von innen gesehen
Und werd – wahrscheinlich – nie Selbstmord begehn.
P.S.
(Irgendwann werd ich ganz sicher sterben.
Dieser Text kann gekürzt und verändert werden.)

Gewiss ist man geneigt, die Gedichte Latzinas vor allem auch als Zeugnisse zu lesen; ausdrücklich sei festgehalten, dass ihnen das nicht gerecht wird. Anemone Latzina arbeitet mit Grotesken und höchst gekonnten Wiederholungsfiguren, mit Intertexten und Montagen, mit der Moritat, dem Sonett, dem Lied, dem Rondo, auch dem Prosagedicht, vor allem mit starken gesetzten Gesten, die, sehr anrührend, fast stets ins Leere gehen.
Breyten Breytenbach hatte vom (zeitgenössischen) Gedicht gesagt, es sei „eine Stahlstruktur ohne Öffnungen, in der der Affe Selbstmord begeht (indem er sich den Schädel an den Wänden einrennt)“. Ungefähr gleichzeitig (1977) reflektiert Anemone Latzina die Geschlossenheit des Gedichts als Ausdruck von „gebremsten“ Leben: „das gedicht ist ein gefängnis / in seinen zellen hocken / verdächtige figuren, stilfiguren, / zwielichtige gedanken / verkommenen bilder / unter ihnen auch spitzel.“ Breytenbach war ja (danach) für viele Jahre ins Gefängnis gekommen, das so seinen radikalen Metaphernglanz verlor, er hat das produktiv überstanden. Latzinas vorsichtigere Bildeinstellungen haben ihr ironischerweise weniger geholfen: „ja ja das gedicht ist ein gefängnis / und wir sind lebenslänglich / dazu verurteilt / uns bei ihm zu holen / was man so zum leben braucht / wasser und brot.“
Die Gedichte der Anemone Latzina leben sozusagen von Wasser und Brot, Üppigkeit wird man bei ihnen vergeblich suchen. Wohl aber überrascht sie immer wieder mit einem Wechsel der Töne, der jede Gefühligkeit vermeiden will und gerade deshalb viel durchlässt. Im Gedicht „Gefangen in Feiheit“ folgen alle Strophen einem Grundgestus, dem Wunsch, dürfen zu dürfen. Darin heisst es:

sprechen dürfen: wie ich will
mal laut / mal rumänisch / mal unverständlich

gehen dürfen: wohin ich will
zur Arbeit / ins Kino / ins Wasser

lieben dürfen: was ich will
aal A / und mal Jazz / und mal Camembert

Die Gedichte von Anemone Latzina finden immer wieder überraschende Lösungen, im Blick auf die Verkommenheit entdeckt sie Sonne, den Lobpreis der Sonne nennt sie Klagegesang, das ergibt dann ein lakonisches Gedicht, was formal schon der im Titel angeführten Gattung widerspricht:

Eine Elegie
Ein graugelber Fleck im Eis der Pfütze
Ein grellroter Schein im zerbrochenen Fenster
Und auch das ist Sonne

Es ist ein sehr wichtiger Gedichtband, der lange fällig war und für den wir dem kundigen Herausgeber Gerhard Csejka, der auch das Nachwort schrieb, sehr dankbar sein dürfen. Der Verlag hat den Band mit vielen Zeichnungen von Christine Schlegel ausgestattet.

Alexander von Bormann, Neue Zürcher Zeitung, 6.2.1992

Intimer Dialog

− Die Gedichte von Anemone Latzina. −

Die deutschsprachige Anemone Latzina ist in Rumänien geblieben. Sie hat ausgeharrt, beflügelt von Tauwettern, animiert von ihrer Liebe zu ihrer Szene. Sie hat in der Gebrochenheit, die sich mit dem Scheitern der Versuche, die Grobheiten im Lande aufzuweichen, in die Radikalität der Poesie zurückgezogen. Und so sind ihr luzide, angreifende, aber nie verhärmt ausufernde Gedichte gelungen, die den Geist der Freiheit atmen, die sich mit Innenwelt & Außenwelt auf beste Weise in einen intimen Dialog einlassen. Geprägt auch von den Lyrikern der Beat-Generation sind ihr spannungsreiche, luftige & ermunternde Poeme von eigensinniger Schärfe gelungen, die befreien & zugleich zurückwerfen auf die Urerfahrungen von Existenz, auf die Einsamkeit des Lebens, auf die Zerrissenheit der Liebe in einem lieblosen Gefilde. Zum Teil im planen Vers Ausdruck findend, in Reim & Sonett gefangen, hat sie ihre besten Momente, wenn sie über den eigenen Horizont eines vielschichtigen, sensiblen Bewusstseins hinausgerät, hinein in eine Sphäre eindringlicher Kommunikation mit der Wesenheit des Menschen, dem Biotop Erde. „Ars // jetzt machen wir Verse / sagte die Katze im Ofen. // Jetzt schreiben wir Prosa, / sagte die Blume im Topf. // Jetzt dichten wir Kritik, / sagte der Vogel im Fenster. // gut, / sagte das Mädchen im Bette, / blühte auf / und flog schnurrend davon.“ Es ist ein schmales, zwischen 1963 und 1989 entstandenes Werk, das sie, dem Lyrik-goes-Graphik Konzept des Verlagshauses folgend, mit Zeichnungen von Christine Schlegel durchwirkt, vorlegt.
Dem Verstummen gerade noch entronnen, sich aufreibend in politisch schmerzenden Tagen, zu sich findend in der strengen Form des Sonetts, gelöst sprießend in den frühen, vom Reisefieber markierten Versen, schafft sie es, eine Lebenssituation wiederzuspiegeln, die erhellt.

Hadayatullah Hübsch, MID, Nr. 69, Dez./Jan. 1991/92

 

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