Breyten Breytenbach: Poesiealbum 207

Breytenbach/Breytenbach-Poesiealbum 207

DAS BLUT AN DEN TÜRPFOSTEN

alter dichter
komm
brich das ungesäuerte brot
nimm das wasser
das ist deine mahlzeit der erleichterung

du fragst
wächter auf den mauern der stadt
richter der ungezählten stunden
wann klappt der tag wieder auf?

wisse dann
woanders ist es immer tag
nur du bist blind
und die schatten, die unsre welt verstopfen,
sind hügel
sind vögel

die krabbe birst aus ihrem panzer
laß den krebs aus dir blühen
erblich deine seele
nimm deinen eigenen tod,
denn weißer als schnee noch weißer
als der erste tagesanbruch
wird dein blut dich waschen

komm
sei osterlamm
gib mir deine abgestumpfte hand
beuge ich
erkenne die endliche schwarze rose
und sage
zur hölle mit dem ganzen alten kram
und stirb dann aus deiner furcht hinaus
hinaus

denn dichter
ich werde steine über dein mondbett packen
so weiß wie verse
noch weißer als die baken deiner reise,
daß der giftige dämmerregen
deine gebeine nicht verfärbt,
daß die vögel von den hügeln
nicht an deinen würmern ersticken

alter dichter
komm
schmier das blut an die türpfosten
deine erlösung steht bevor
sei froh

Übertragen von Arnold Blumer

 

 

Wenn dieses Ich die Wahl hätte,

möchte ich im Gedächtnis behalten werden als ein Dichter des Erwachens. Nicht der Nacht. Nicht des erstickenden Geruchs verschwitzter Laken und angstvoller oder hustender Leiber. Nicht der Hyänen auf dem Hügel. Nicht des ringenden Todesengels oder des Babyplärrs. Nicht des hellen Tages, der von alten und unangefochtenen Riten zeugt – den Leichen am Galgen, die Narben im Licht hinterlassen, den Aasgeiern, die mit offenen Augen schlummern, und den Greisen, die in ihrer sonnenbeschirmten Kühle mit offenem Mund schlafen; nicht des Tages der bleichen Krabben und des halbverdauten Fleisches und der nebligen und baumlosen Ebene des Meeres. Nicht des Tages der Beschlüsse oder der Nacht der Bedenken. Sondern des Erwachens, des End-Schlafens. Ich möchte ein Dichter der Grenze sein, auf der der Mensch die Augen aufschlägt und im Anbruchsbruchteil einer Sekunde alles hört, alles sieht, alles riecht, alles weiß, alles versteht, alles behält und alles vergißt – noch voller Finsternis (wie ein Mädchen vor seiner ersten Blüte), aber schon die Sonne auf der Netzhaut fühlend. Wenn dieses Ich die Wahl hätte.

Breyten Breytenbach, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1985

Breyten Breytenbach

Breyten Breytenbach ist Südafrikaner, ein Weißer, der über das Leben der Schwarzen unter den Bedingungen der Apartheid schreibt, über das Leben der Weißen auf Kosten der Schwarzen. Radikalität, die aus der Gegensätzlichkeit erlebter Landschaften und Kulturen entsteht, bestimmt die Bildwelt seiner Verse, die kritisch engagierte, leidenschaftliche Haltung in den sozialen Konflikten gibt seinem Weltbild scharfe Konturen.

Verlag Neues Leben, Ankündigung in Poesiealbum 206

 

Breyten Breytenbach

1
Es ist dunkel. Gegen das schräge Dachfenster rauscht der Regen sehr sanft. Ich kann ihn beobachten, und ich kann die nassen Spuren auf der staubigen Oberfläche verfolgen. Auf der anderen Seite der Dunkelheit sind jenseits des Gebäudes Fenster erleuchtet, und wenn man lang genug hinschaut, kann man Leute hinter den Vorhängen sich bewegen sehen, konzentriert auf ihre nächtlichen Pflichten und Vorlieben, ein jeder von ihnen lebt in seinem eigenen Kokon von Vorstellung, Begehren, Ritual und Gewohnheit.

Dies ist der Beginn des ersten Kapitels der Erinnerungen des südafrikanischen Autors Breyten Breytenbach, die unter dem Titel Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen (1984) erschienen sind. Gegenstand sind die mehr als sieben Jahre Gefängnishaft in Südafrika.
August 1975, der internationale Flughafen Jan Smuts, Johannesburg. Ein Mann mit französischem Paß auf den Namen Galaska will gerade ein Flugzeug besteigen, das nach Europa zurückkehrt, und wird verhaftet. Noch vor der Verhaftung eilt er zur Toilette, wo er ein Blatt Papier hinunterschlingt. Er wird in einen Verhörraum des Flughafens geführt, und dort läßt Oberst Snaaks ihn seinen Lebenslauf schreiben. Mit der Vorstellungskraft eines Schriftstellers stellt Breyten die Lebensgeschichte und die sozialen Verwicklungen des Herrn Galaska zusammen. Der Assistent des Oberst fischt bei der Untersuchung eine Pfeife aus der Reisetasche heraus. Der Oberst gibt Breyten die Pfeife in die Hand und redet ihn plötzlich in Afrikaans an.

Das war’s wohl, Breyten, das Spiel sollte aus sein. Wir wissen, wer du bist. Nicht wahr, du hättest es gern, wenn wir deinen älteren Bruder herbeiriefen?

Später erfuhr Breyten, daß zur selben Zeit der südafrikanische Präsident von einer Reise zurückgekehrt war. Alle hohen Tiere waren zur Begrüßung zum Flughafen gefahren, darunter auch sein älterer Bruder.
Ich lese seit kurzem besagte Bekenntnisse. Breyten hat mir das folgende auf die Titelseite geschrieben:

Für den lieben Freund und Mitsänger Bei Dao, mit den besten Wünschen, Lissabon, 29. September 1994

Neben seinen eigentlichen Namen hat er in Umschrift seinen chinesischen Namen gesetzt: Bian Tingbo.
Im Herbst 1994 tagte das internationale Schriftstellerparlament in Lissabon. Eines Abends gingen wir gemeinsam ins Stadtzentrum, um Fado zu hören, jenen tieftraurigen portugiesischen Volksgesang. Heutzutage verlangt auch die Traurigkeit deftige Preise. All die Restaurants und Bars, wo Fado aufgeführt wird, sind erschreckend teuer. An ihren Türen sucht man ausländische Gäste anzulocken. Breyten übernimmt die Führung und leitet seine alte Freundin Julienne und mich heimlich aus der Menschenmasse heraus. Er zeigt sich seiner Untergrund-Herkunft würdig. Während er mit irgendwelchen Leuten redet, gibt er uns einen Wink: Wir sollen uns in das Gäßchen verdrücken, und er folgt uns auf den Fersen. Es geht anhand eines vorbereiteten Wegeplans weiter. In der Tiefe einer schmalen Gasse finden wir eine kleine Bar, in die nur Einheimische gehen. Sie ist vom Rauch vernebelt und rammelvoll. Der Sänger ist ein Bursche, der alles Leid des menschlichen Lebens aus sich heraussingen muß. Fado erinnert mich an den schrillen Klappergesang von Shanxi, der einem eine Gänsehaut verpaßt. Wir kommen zu spät, bald darauf löst sich alles auf. Wir sind aber noch guter Stimmung, also bleiben wir auf ein paar Gläser. Auf dem Heimweg sticht uns der Fado, der Alkohol tut sein übriges. Wir drei stimmen ein Lied an. In dunkler Nacht schüttet jeder sein Herz aus. Ich weiß nicht, wie uns geschieht – die bitteren Gesänge dreier Länder gehen zu guter Letzt in die Internationale über. Breyten singt auf englisch, Julienne auf französisch, ich auf chinesisch. Als hätten wir ein Leben lang geübt, so harmonisch klingen wir. Um Mitternacht stolzieren wir erhobenen Hauptes auf den Prachtstraßen von Lissabon. Wir schmettern aus vollem Hals ein Lied, welches die Welt längst vergessen hat.
Wann ich Breyten kennengelernt habe, daran erinnere ich mich nicht mehr genau. Mit Sicherheit habe ich ihn vor mehr als zehn Jahren auf dem Rotterdamer internationalen Lyrikfestival gesehen. Damals war ich gerade aus China ausgereist. Ich erinnere mich heute an niemanden mehr. Menschen und Daten mischten sich damals wie Karten beim Poker. Daß wir uns wirklich kennenlernten, muß nach den Ereignissen des Jahres 1989 liegen. Im Sommer 1990 tauchte Breyten plötzlich in Rotterdam wie Pik-König vor mir auf. Er besaß die Würde eines Angeschlagenen. Seine Haut war dunkel, sein Vollbart graumeliert. Was mir den tiefsten Eindruck machte, waren seine Augen. Klage und Mitgefühl stand in ihnen geschrieben. Sie wirkten so leidenschaftlich wie kühl und so durchdringend, daß sich die Frauen in acht nehmen mußten. Er hatte etwas von einem Geistlichen an sich, doch ganz und gar nicht nach der Art eines normalen Pfarrers und noch weniger nach der eines Kardinals. Er sah aus wie Christus höchstpersönlich – ein afrikanischer Christus. Ich rief ihn „Christus“. Er war verblüfft: „Was, ich?“ Er brach in Gelächter aus und rief mich „Mao“.
Er war einer der Richtungsgeber des Rotterdamer internationalen Lyrikfestivals. Er nahm fast jedes Jahr daran teil. Er war eine öffentliche Person, auf die alles achtete. Ob Medien oder Publikum, man hörte auf seine Worte.
Seine Rede ist scharf, er gibt niemals nach, wenn er recht hat. Ich selbst bin nicht redegewandt, und insbesondere wenn ich Englisch sprechen soll, habe ich sehr bald mein Pulver verschossen. Ich gehöre zum Tierzeichen Gelbfisch – ich bewege mich am Rande. Daher traf ich während des Festivals Breyten immer nur zufällig, etwa wenn er der Öffentlichkeit müde war. In seiner Gegenwart entspannte ich mich, wir machten unsere Späße, über kurz oder lang wurden wir gute Freunde.
Die Bekenntnisse sind der zweite Band seiner dreibändigen Erinnerungen. Der erste Band trägt den Titel Augenblicke im Paradies. Er handelt von der ersten Heimreise nach drei Jahren im Exil. Das war 1973. Er hatte ein Visum für drei Monate erhalten. Nachdem Mandela 1991 freigelassen worden war, kehrte er ein weiteres Mal für drei Monate zurück und vollendete den dritten Band Rückkehr ins Paradies. Diese dreibändige Erinnerung läßt sich als die Geschichte eines Mannes im gegenwärtigen Südafrika ansehen. Ich besitze nur den zweiten Band, so daß ich wie durch den Notausgang in sein Leben eindringe und von der „heutigen“ Position aus sein Leben betrachte, seine Vergangenheit und seine Zukunft. In Dantes Göttlicher Komödie gibt es drei Abschnitte: Es geht von der Hölle ins Fegefeuer und von dort ins Paradies. Die Bekenntnisse sind bestimmt das Fegefeuer, sind die bittersten Tage im Leben Breytens.
Besagter Oberst Snaaks erscheint kurz vor dem Ende der Reise schon in Augenblicke im Paradies. Eines Abends tauchten, von seinem älteren Bruder, einem Polizeioffizier, eingeladen, zwei Gäste auf. Einer von ihnen war Oberst Snaaks. Das Gespräch war eine Machtdemonstration, um Breyten zu zeigen, wie genau man über ihn Bescheid wußte. Zwei Jahre später ließ der Oberst ihn auf einem Flughafen die Pfeife in Händen halten und sagte plötzlich zu ihm: „Das Spiel sollte zu Ende sein.“ Breyten war für seine Pfeife bekannt. Als er unter anderem Namen nach Südafrika eingereist war, begann er Zigaretten zu rauchen. Eines Tages streifte er über den Markt von Kapstadt. Da erlag er der Versuchung des aromatischen Tabakdufts, kaufte sich eine Pfeife und Pfeifentabak, kehrte ins Hotel zurück, wo er heimlich zu rauchen begann.
Breyten schreibt:

Schau, wie sie die Vergangenheit eines einzelnen Menschen ausgraben, wie sie seine Zukunft entwerfen, wie sie seine Gegenwart ändern. Ich habe kein privates Leben. Alles liegt in ihren Händen. Sie wissen noch viel mehr von mir als ich. Sie haben ein Archiv, sie haben Computer. Sie kennen meine Wege, meine Steckenpferde, mein Zubehör, meine kleinen Geheimnisse, meine Gärten, ganz gleich, ob politischer oder sexueller Natur…

Lange erst nachdem ich Breyten kennengelernt hatte, erfuhr ich, daß er kein geborener Revolutionär war. Er war empfindsam wie die Saite einer Zither. Diese Saite, von Orkanen auf das heftigste erfaßt, ist noch immer nicht gerissen. Das ist wirklich ein Wunder. Und Wunder wie dieses haben oft ihren Ursprung im Leiden, so wie das Los von Christus.

2
Im Mai dieses Jahres bin ich von Amerika nach Durban in Südafrika gereist, um am dortigen Lyrikfestival teilzunehmen. Auf dem internationalen Flughafen von Johannesburg hörte ich die folgende Lautsprecherdurchsage:

Herr Breytenbach, bitte schnell zum Gate 18, die Maschine ist startbereit.

Vor 23 Jahren war ein anderer Breytenbach hier, der wenige Minuten vor Besteigen des Flugzeugs verhaftet wurde.
Nachdem ich in Durban angekommen bin und mein Gepäck im Hotel abgestellt habe, führt man mich in ein italienisches Restaurant. Breyten kommt mir zur Begrüßung entgegen. Er umarmt mich fest und sagt:

Mein Lieber, willkommen in Südafrika.

Wir hatten uns an Orten wie Paris, Mexico City, Lissabon, Straßburg, Hongkong getroffen. Zu guter Letzt bin ich nun Gast in seiner Heimat. Breyten kann einer solchen Betrachtung keinesfalls zustimmen. Heute ist die ganze Welt seine Heimat. Er lebt überwiegend in Paris, während des Sommers in Spanien. Nur für drei Monate im Jahr kommt er nach Südafrika, unterrichtet an verschiedenen Universitäten creative writing und hilft bei der Organisation des afrikanischen Lyrikfestivals. Die Zeit, die er hier verbringt, muß man in Relation sehen. Ich meine, Südafrika nimmt in seinem Herzen einen bestimmten Platz ein. Er hat kein Vaterland. Er gehört zu den Menschen, die in einer Art „Zwischenzone“ ihre Grenzen selber abstecken.
Heute abend ist die Eröffnung seiner Gemäldeausstellung. Leider komme ich zwei Stunden zu spät und habe sie verpaßt. Breyten, der Maler, und Breyten, der Dichter, sind zwei Spiegel, zwischen denen er sich verborgen hält.
Ich erwähne die Sache mit diesem Breytenbach auf dem Flughafen von Johannesburg. Er sagt, sein Familienname sei in Südafrika höchst selten. Möglicherweise handelte es sich da um einen Verwandten. Ursprünglich kam die Familie Breytenbach aus Deutschland. Und während ihrer keiner Logik unterliegenden Wanderschaften mischte sich unter sie das Blut von Holländern, Afrikanern, Malaien. Die Blutsbande waren so vielfältig wie auf einer Farbpalette. Sein Großvater war auf dem Lande Knecht gewesen. Mit seinem Vater ging es bergauf. Nach der marxistischen Klasseneinteilung in China hätte er zu den „oberen Mittelbauern“ gehört. Er selbst packte mit beiden Händen zu, hob Kanäle aus, legte Brunnen an, betrieb Bergbau. Breyten hatte zwei ältere Brüder und eine ältere Schwester. Der älteste Bruder war derjenige, der den Ministerpräsidenten willkommen geheißen hatte, als Breyten am Flughafen verhaftet wurde. Er war Befehlshaber der Sondereinheit zur Guerilla-Bekämpfung. Der andere Bruder war ein Journalist, der mit dem Faschismus sympathisierte, ein Mitläufer der Geheimpolizei. Und Breyten nun war ein „Terrorist“, der Gedichte schrieb. Ich fragte mich, wie wohl seine Beziehung zu seinen beiden Brüdern sein würde. „Geht so. Wir reden allerdings nicht über Politik, wenn wir zusammen sind“, gestand er mir. Während seines Exils in Paris kam ihn einmal der älteste Bruder auf einer Dienstreise besuchen. Die beiden gingen von einer Bar zur nächsten und tranken, bis der Morgen kam.
In den Bekenntnissen schüttet Breyten sein Herz einem ständig anwesenden „Herrn Zensor“ aus, den er manchmal auch „Herr Auge“ nennt, manchmal „Herr Ich“. Sein Ton ist voller Sarkasmus. Ich glaube, daß „Herr Zensor“ eine Doppelrolle einnimmt. Einerseits ist er der Komplize der Geheimpolizei, andererseits ist er der einzige Zuhörer für den inneren Monolog eines Mannes in auswegloser Situation.
Falls Breyten Christus war, dann war der „Herr Zensor“ Gott. „Ach, Herr Zensor, Sie meinen, ich bin schuldig? Ja, ich habe die Schuld eines Überlebenden auf mich geladen.“ So schrieb Breyten.
Der Chef der Geheimpolizei namens Huntington war ein kranker Typ. Einmal wurde Breyten vors Gefängnistor gerufen. Huntington stellte ihm seine Nichte vor, die damals gerade Pädagogik studierte. Die junge Frau war eine Bewunderin seiner Gedichte, sie versprach unter Tränen, ihn von seinem Leid zu befreien. Huntington lud ihn des weiteren zu sich nach Hause ein und zeigte ihm seinen Garten. Dahinter lagen die Berge, die Umgebung schien ohne Wachpersonal zu sein. War das eine versteckte Aufforderung zur Flucht? Oder eine Falle, um ihn auf der Flucht zu erschießen? Die beiden noch kleinen Töchter baten Breyten um ein Autogramm mit ein paar Worten. Kurz vor dem Ende des Mittagessens klingelte das Telefon. Als Huntington zurückkehrte, fragte er Breyten, ob er sich in seinem Bad duschen wolle, ja, er könne auch seine Zahnbürste benutzen. Doch er bitte um Entschuldigung, man müsse ihn danach wieder zurückbringen. Als Huntington ihn ins Gefängnisbüro brachte, wartete dort Breytens Frau. Sie heißt mit Familiennamen Huang, und ihr Vorname ist Lian.
Am dritten Tag nach meiner Ankunft in Durban luden mich Breyten und seine Frau zum Mittagessen in ein chinesisches Restaurant ein. Mai in Südafrika bedeutet bereits Winter, doch ohne kalt zu sein. Er scheint wie ein Sommer in Kalifornien, die Sonne wirft ein herrliches Licht. Kinder surfen auf dem Meer.
Das chinesische Restaurant lehnte sich an ein großes Hotel. Breyten wartete dort auf mich. Er legte die Zeitung weg und ließ den Blick wandern, als wolle er meinen ersten Eindruck von Südafrika in Erfahrung bringen. Ich hatte gerade ein Gedicht geschrieben, und zwar für ihn.

Der Wahn, den du entläßt,
ist die Wahrheit, welche die Stille formt.
Der Stolz funkelt wie eine innere Wunde.
Er macht die Diskurse fahl.

[…]
Der Wind, der Wagenspuren liest,
salutiert blauer Seide,
fern dem Schmerz.

Er fragt mich, ob sich irgend etwas für mich in China geändert habe. Ich antworte:

Wenn man dem Orakel Glauben schenken darf, kann ich im nächsten Jahr heimkehren.

Er starrt mich lächelnd an. Ich komme mir im Angesicht dieses alten, mit allen Wassern gewaschenen Exilanten noch ein wenig unbedarft vor. Auch er schenkt mir ein Gedicht. Darin ist die Rede von Orakel und Heimweh. Verse voller Zärtlichkeit.
Plötzlich war Lian da. Sie ist nicht besonders groß. Sie versteht es, elegant aufzutreten und sich auszudrücken. Ich hatte sie vorher noch nie getroffen, lediglich am Telefon hatten wir ein paar Worte gewechselt. Sie ist eine Auslandschinesin aus Vietnam, spricht aber kein Chinesisch. Ihre Heirat mit Breyten verstieß damals gegen die Gesetze Südafrikas. Anders als in China, wo einst vor jeder Eheschließung drei Generationen auf ihren Klassenhintergrund untersucht wurden, durfte seinerzeit hier ein Weißer wie Breyten keine Farbige heiraten. Als ihr Mann im Gefängnis saß, war sie seinetwegen in der ganzen Welt unterwegs, um Unterstützung zu finden. Ein Vierteljahrhundert ist seitdem verstrichen, aber die Schatten von Breytens bewegtem Leben haben in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen – eine stille Betrübnis. Wenn sie ihn betrachtet, dann offenbart sie eine zärtliche Liebe und eine Ratlosigkeit, als wäre er ein großes Kind, das Unruhe stiftet. Lian verriet mir, auf chinesisch sollte sie Huang heißen. Ihr ganzer Name sei Huang Lian. Ich erschrak, aber ich sagte ihr nicht, welch tieferen Sinn ihr chinesischer Name barg. [Der Name Huang Lian läßt sich als „gelber Lotus“ übersetzen und erinnert an die Redewendung „wie ein Stummer gelben Lotus essen“. Gelber Lotus schmeckt bitter. Wer wie ein Stummer gelben Lotus ißt, der kann über seinen Kummer nicht klagen.]
Die Wirtin war aus Shanghai, höchst geschäftig. Ich bestellte trunkenes Huhn, gedämpften Fisch und Bohnenquark Hausmannsart. Was auf den Tisch kam, war wie in China. Breyten und ich tranken Bier aus Tsingtao, wir plauderten. Jedesmal, wenn ich nach Paris zurückkehre und Breyten dort ist, gehe ich mit ihm in das kantonesische Restaurant Zur allseitigen Freude im 13. Arrondissement. Das ist ein seltener Moment der Muße. Hier schienen wir am selben Ort zu sein, nur daß die Aussicht vor dem Fenster eine andere war. Breyten beobachtete die Kinder auf dem Grünstreifen in der Straßenmitte und lachte laut.
Das Verhör begann. Breyten schrieb:

Ich weiß, eine Ratte, die noch einen Atemzug zu leben hat, ist so weich und kraftlos im Schlund der Schlange – die Augen weit offen, wünscht sie sich den Tod.

Das getäfelte Gerichtsgebäude war wahrscheinlich früher eine Synagoge, es machte einen depressiv. Die Verhandlung dauerte Tage, Zeugen kamen und gingen. Der Vater saß im Publikum, wie erstarrt. Breyten wurde zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Huntington brachte ihn in sein Büro, er schien wegen des harten Urteils verärgert, ja entsetzt zu sein. Aber seine Untergebenen kamen einer nach dem anderen, um ihm zu gratulieren. Einer ging sogar so weit, Breyten auf die Toilette zu begleiten und ihm dort ein volles Glas Wein einzuschenken, als ob sie gemeinsam einen Festtag begehen sollten. Zu guter Letzt führte Huntington Breyten in die Gefängniszelle und setzte sich ihm gegenüber, mit einer schwarzen Sonnenbrille auf der Nase. Er begann von seiner Naivität in jungen Jahren zu sprechen, von den finanziellen Nöten der Familie und wie er sich von der Leibwache des Präsidenten zur jetzigen Stellung heraufgearbeitet hatte. Während seines Berichts wurde er ganz bleich, als habe er etwas wie einen Orgasmus erlebt. Während der Haft hat er sogar die im Gefängnis geschriebenen Gedichte Breytens veröffentlicht. Unter der Bedingung, daß er ihm das Buch widme.
3
Die Lektüre von Breytens Buch ist keine Sache der Entspannung. Sein Vokabular ist sehr reich, dazu kommen noch Französisch und Afrikaans, die er seinen Texten beimischt. Breyten gleicht einem wilden Strom, und ich gleiche einem zu kleinen Flußbett, das, überschwemmt, zum Katastrophengebiet wird. Manchmal ist es umgekehrt. Ich bin nicht mehr der implizite Leser, wenn ich ungeduldig herausspringe aus dieser Rolle, und mache mit beim Schreiben. Ich bin dann der Breyten von 1975 und zu neun Jahren Haft verurteilt.
Ja, in dem Moment, in dem ich mein Vaterland betrete, werde ich schon verfolgt. Nein, schon viel früher, als ich mit dem Paß von Herrn Galaska in Rom ein Visum beantragte. Das Netz war bereits weit ausgelegt. Ich rasierte mir den Vollbart ab, änderte meine Frisur, setzte eine Brille mit breitem Rand auf. Im Flugzeug Richtung Südafrika lernte ich die Stewardeß Anna kennen. Sie gab mir ihre Telefonnummer.
Es ging umstandslos durch die Paßkontrolle. Die ersten Tage zog ich hierhin, zog ich dorthin und verschwand in der Menge. Ich suchte zuerst alte Freunde auf, die mit Politik nichts zu tun hatten. Danach trat ich in Kontakt mit Untergrundorganisationen. Nach meiner Verhaftung erzählte mir Huntington, man hatte noch vor dem Zimmermädchen jede einzelne Flasche, die ich getrunken hatte, aus meinem Hotelzimmer geholt.
Anna ruft mich an und verabredet sich mit mir, um ins Theater zu gehen. Ihre Ehe scheint unglücklich zu sein. Ihr Mann hat sie im Stich gelassen. Sie fährt mich in ihrem Wagen zu einem Aussichtspunkt in der Nähe von Johannesburg. Wenn sie wegfliegt, werde ich in ihr Apartment einziehen.
Als ich nach Kapstadt kam, ließ ich mich im ruhigen Vorgebirge nieder und traf mich immer wieder mit Vertretern der Untergrundorganisationen. Einmal, als sie mich mit dem Wagen abholten, entdeckte ich, daß wir von einem weißen Ford verfolgt wurden. Wir fuhren kreuz und quer, bis wir ins Zentrum gelangten. Ich sprang aus dem Auto und schlüpfte in den Keller eines Geschäftes. Dort zog ich meine Windjacke aus und streifte eine Wollmütze über. Ich stürmte durch einen anderen Ausgang hinaus. Am Nachmittag nahm ich einen Bus, um zum Hotel zurückzukehren. Ohne das Licht anzuschalten, beobachtete ich vom Fenster aus den weißen Ford. Zwei Kerle rauchten darin. Ein Sturm erhob sich, die Meereswellen schlugen gegen die Betonpfeiler. Die ganze Nacht hindurch verbrannte ich Dokumente. Am Morgen stieg ich im Hinterhof des Hotels über die Mauer und fuhr mit dem Bus bis zur Endstation in der Innenstadt. Kaum war ich ausgestiegen, erschien auch schon der weiße Ford an der Straßenkreuzung. Ich nahm die Beine in die Hand und rannte los. Ich stolperte an den verlassenen Obstständen vorbei. Diese Szene schien wie aus einem drittklassigen Film.

Mit einem Male war ich entkommen und versteckte mich bei einem alten Freund. Gegen Abend brachte er mich fort in eine andere Stadt. Dort stieg ich in den Zug zurück nach Johannesburg und ging dann gleich zu Anna. Sie war gerade im Begriff, mit Freunden zu einer Bergtour zu aufzubrechen. So schloß ich mich an. Ich hätte nicht gedacht, daß ich mich damit die Falle begeben hatte, denn Anna war Geheimpolizistin.
Ich weiß nicht, warum ein chinesischer Dichter für diesen Abschnitt meiner Geschichte ein besonderes Interesse hat. Er will mich unbedingt ersetzen; nicht nur benutzt er die erste Person, er will auch noch den Inhalt von zig Dutzend Seiten zu solch einem kleinen Absatz komprimieren.
Breyten, Flucht, so glaube ich, ist ein ewiges Thema. Nicht nur du bist auf der Flucht, auch ich bin es. Jeder, der sich nicht mit der Macht identifizieren will, ist auf der Flucht. Ich kehre jetzt zum Mai 1998 zurück.
Ich schlenderte im Rathaus von Südafrikas größter Hafenstadt, Durban, herum. Da war gerade eine Ausstellung von Breytens Bildern. Es gab nicht viele Besucher. Ein Alter schüttelte, unzufrieden mit den Bildern, den Kopf und murmelte etwas vor sich hin. Beim Großteil der Gemälde Breytens handelt es sich um Selbstporträts – voller Selbstironie. Er hat sich mal als Kuh, mal als Pferd, mal als Mao Zedong dargestellt. Manchmal ist da auf seinem Kopf ein Fisch, das Christus-Symbol. Seine Bilder strotzen vor männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen.
Er erklärte mir ganz offen, daß er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach Frauen verrückt war und eine nach der anderen hatte. In Paris hatte er einmal mit einer Südeuropäerin zusammengewohnt und mit ihr ein Kind bekommen. Die Bande dieser Beziehung waren wie ein Netz, aus dem er nicht entkam. Lian akzeptierte diesen Umstand. Sie nahm das Kind als ihre eigene Tochter an.
Wir sind keine Heiligen und haben kein Recht, ein moralisches Urteil über die Erfahrungen anderer abzugeben. Ein Gefängnisaufenthalt, der unauslöschlich im Gedächtnis bleibt, ist etwas, was wir, die wir das Glück haben, vor den hohen Mauern zu stehen, nicht nachvollziehen können. Wenn ich die Bekenntnisse lese, habe ich oft Alpträume und bekomme nach dem Erwachen kaum Luft. Mitunter muß ich einige Abschnitte oder Kapitel auslassen, wie die Nadel eines Plattenspielers, die auf den alten Platten zu springen beginnt.
In südafrikanischen Gefängnissen müssen frisch Verurteilte erst drei Monate allein einsitzen. Man nennt das „Beobachtungszeitraum“. Im Falle von Breyten zog der sich über zwei Jahre hin. Eine solche Isolation hat die weitgehende Zerstörung eines Menschen zur Folge. Breyten begann sich mit den Ameisen zu unterhalten, spielte gegen sich selbst Schach und freute sich wie verrückt über einen Vogel, der über die hohe Mauer hereingeflogen war.
Im Winter 1982 wurde Breyten freigelassen und kehrte nach Paris zurück. Ich hörte, daß er das erste halbe Jahr jeden Morgen früh aufstand und in den nahen Jardin du Luxembourg ging, wo er barfuß lief. Während er seine Runden drehte, weinte er. Innerlich hatte er die hohen Mauern überhaupt nicht verlassen. Nach wie vor folgte er dem Tagesplan im Gefängnis: morgens 30 Minuten an die frische Luft.
Breyten hatte einmal im internationalen Schriftstellerparlament die Funktion des Schatzmeisters innegehabt. Er war damit für die wirtschaftliche Lebensader verantwortlich. Zu den wichtigsten Mitgliedern des Parlaments gehörten einige französische Denker wie Derrida oder Bourdieu. Breyten verabscheute leeres Gerede. Im Herbst 1994 gab es eine Konferenz in Lissabon. Breyten gab einem französischen Fernsehsender ein Interview. Er erklärte:

Wir müssen uns von der Sprache der französischen Salons befreien.

Danach meinte er zu mir, daß das nur ein kleiner Sender gewesen sei und außerdem für eine Vormittagssendung, da gäbe es wohl nur 100 Zuschauer. Wider Erwarten hatte Derrida die Sache mitbekommen und ihn zur Rede gestellt. Breyten bemerkte ironisch:

Ich habe das Recht, so zu reden, falls Sie noch anerkennen, daß wir in einer freien Welt leben.

Unter dem vielfältigen Druck der französischen Regierung, des internationalen PEN etc. hatten sich die südafrikanischen Behörden gezwungen gesehen, Breyten am 2. Dezember 1982 vorzeitig zu entlassen. Die Freilassung kam plötzlich. Lian wollte eigentlich an diesem Tag nach Paris fliegen und kam vor der Abreise noch einmal, um sich zu verabschieden. Am frühen Morgen des 1. Dezember wurde Breyten in die Stadt gebracht. Im Zimmer eines noblen Hotels traf ihn ein ranghoher Vertreter der südafrikanischen Regierung. Auf dem Rückweg ins Gefängnis fuhr der Gefangenentransport am Meer vorbei langsamer. Man ließ ihn die Fensterscheibe herunterkurbeln, damit er den salzigen Meerwind riechen konnte. Am selben Abend schrieb Breyten seiner Frau einen Brief. Er hatte vor, ihr den am nächsten Tag zu geben:

… ich weiß nicht, ob der Augenblick gekommen ist oder nicht. Ich wage keine Hoffnung auf das alles zu setzen, was heute passiert ist… In diesen Jahren bist du mir noch näher gekommen, bist für mich noch wertvoller geworden. Im Vergleich zu früher weiß ich gar weniger von dir. Deine Kraft ist mir ein Rätsel…

Am nächsten Tag konnte Lian ihn nicht wie vereinbart besuchen. Breyten ging wie gewohnt seiner Arbeit nach. Mittags wurde er ins Gefängnisbüro gebracht. Dort verkündete man ihm die Entscheidung seiner Freilassung. Er hörte gar nichts, er stand am Fenster und sah eine weiße Wolke über den Bergen die Stille befragen.
Breyten scheint nie eine Identitätskrise gehabt zu haben. Er spricht Afrikaans, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Er ist jetzt französischer Staatsbürger, überdies führt er einen Diplomatenpaß von Senegal. Ich fragte ihn einmal, wie er denn daran gekommen sei. Stolz antwortete er, daß der senegalesische Staatspräsident sein Freund sei. Das brachte mich auf den Gedanken, in ähnlicher Weise an einen solchen Paß zu kommen. Ich könnte dann stolz wie ein König nach China zurückkehren oder an die Botschaft von Senegal in Peking als Kulturattaché gehen. Doch die Sache ist schwieriger. Senegalesen sind durchweg schwarz, wie käme also ein gelbes Gesicht unter ihre Verwandten?
Mit der Lektüre der Bekenntnisse bin ich zwar noch nicht ganz fertig, doch ich bin bereits völlig erschöpft. Es war nicht einfach, mit Breyten Schritt zu halten. Plötzlich möchte ich mit ihm reden und telefoniere ihm ohne jeden Erfolg überall hinterher. Er müßte der Jahreszeit nach jetzt in Südafrika sein. Doch wer weiß das schon mit Sicherheit? Er fliegt in der ganzen Welt umher. Jetzt ist er wahrscheinlich gerade unterwegs.
Die Bekenntnisse enden so:

Abflug. In der Luft über der großen Erde. Noch mehr Sekt, vorsichtig nachgeschenkt. Komplimente für das Personal. Afrika gleitet unter mir dahin, meine Liebe. Verwirrung, als das Essen kommt: Ich weiß nicht, wie man Messer und Gabel benutzt, und dann noch die verschiedenen Gänge. Ich habe nur einen Löffel gehabt, für so eine lange Zeit. So lang. Kein einziges Wort, keines. Huang Lian, meine Favoritin, und ich, Hand in Hand. Sie ist eingeschlafen… Um 21 Uhr 40 werden wir auf dem Flughafen Charles de Gaulle landen. Da wird es regnen. Es ist vollbracht…

Bei Dao, aus dem Chinesischen übersetzt von Wolfgang Kubin, aus Bei Dao: Gottes chinesischer Sohn, Weidle Verlag, 2012

Gespräch mit Breyten Breytenbach

Claude Wauthier: Breytenbach, Sie haben sieben Jahre im Gefängnis in Südafrika verbracht. Welche Erinnerung ist am stärksten?

Breyten Breytenbach: Zweifellos die Erinnerung an die Gesänge der Afrikaner vor ihrer Hinrichtung. Wenn die zum Tode verurteilten Weißen von der Ablehnung ihres Gnadengesuches erfahren, schweigen sie. Die Schwarzen dagegen singen. Und alle schwarzen Häftlinge im Gefängnis singen mit. Sie singen fast ohne Unterbrechung während der acht Tage, bis zur Hinrichtung. Kirchenlieder, besonders Psalmen, aber auch Blues, nationale Gesänge, Erfolge von Myriam Makeba… Dieser gewaltige Chor von schwarzen Stimmen stützt – „trägt“ – die Verurteilten physisch bis zu dem Augenblick, da sich die Falltür unter ihren Füßen öffnet.
Die Art, in der man den Verurteilten die Ablehnung ihres Gnadengesuches und das Datum ihrer Hinrichtung mitteilt, ist besonders unheimlich: Der Henker selbst bringt den offiziellen Bescheid, schwarz umrandet, wie eine Todesnachricht. Alle Schwarzen, die hingerichtet werden sollen, versammeln sich dann in einer Zelle, die man den „Topf“ nennt. Und dort singen sie. Die Gesänge erreichen ihren Höhepunkt, nachdem die Verurteilten zum letzten Mal von ihren Familien besucht wurden, wenn sie mit langsamen Schritten das Besuchszimmer verlassen.
Meine ersten beiden Haftjahre in Pretoria wurden fast wöchentlich von diesen Gesängen unterbrochen. Man zählt in Südafrika im Jahr durchschnittlich etwa zweihundert Hinrichtungen – ein Weltrekord –, nach offiziellen Statistiken überwiegend Schwarze. Schwarze und Weiße sitzen in Südafrika in gemeinsamen Gefängnissen, aber in getrennten Gebäuden, nach den Regeln der Apartheid, und das Gefängnis von Pretoria ist das einzige, wo man Todesurteile vollstreckt. Es gibt sieben Galgen.
Auch wenn Weiße und Schwarze unterschiedlich auf ihr Todesurteil reagieren, kann sich ein südafrikanischer Weißer im Gefängnis doch fast mit einem Schwarzen identifizieren. Aber nur mit einem Schwarzen in seinem täglichen Leben in Südafrika, wo die Afrikaner aller Ausdrucksmöglichkeiten beraubt sind, in die Ghettos der schwarzen Viertel gepfercht, ständig von der Polizei und ihren Helfern überwacht. Aber da hört die Identifikation auf: Die schwarzen Häftlinge werden gedemütigt, geschlagen, gequält, was bei den Weißen selten der Fall ist. Die Selbstmordrate bei schwarzen Häftlingen ist so gestiegen, daß sich die südafrikanische Regierung vor kurzem gezwungen sah, eine Verordnung über das Wohlverhalten ihrer Gefängnisaufseher zu erlassen.
In der Tat, was der Weiße auch tut oder versucht, er gehört weiterhin zur privilegierten Klasse. Es ist eine Illusion zu glauben, daß ein Weißer von den Schwarzen als vollwertiges Mitglied bei ihrem Kampf angesehen werden kann. Die Weißen, die gegen die Apartheid kämpfen, tun das, weil sie sich schuldig fühlen, weil sie Gerechtigkeit wollen, die Schwarzen tun es, weil sie dazu gezwungen sind. Aus diesem Grunde, unter anderm, konnte mir der Widerstand gegen das System der südafrikanischen Rassendiskriminierung in Form meiner Schriften – abgefaßt in der bedingten Behaglichkeit meines Exils in Frankreich – nicht genügen.

Wauthier: Deshalb hatten Sie die Idee, das Netz Okhela zu schaffen und 1975 nach Südafrika zu fahren. Welches waren nun exakt die Ziele dieses Netzes?

Breytenbach: Okhela ist ein Zulu-Wort und bedeutet soviel wie „das Feuer anzünden“. Aber dieses Projekt stammte von einer Gruppe weißer Exil-Südafrikaner, die in Südafrika eine Organisation von Weißen auf die Beine stellen wollte, die gegen die Apartheid kämpfen würde. Okhela war keineswegs, wie zu lesen war, gegen die illegale Südafrikanische Kommunistische Partei gerichtet, noch wollte sie dem kommunistischen Einfluß im verbotenen African National Congress (ANC) entgegenwirken. Es kam darauf an, weiße, liberale oder andere Südafrikaner zu interessieren, die gegen die Apartheid kämpfen, aber weder Mitglieder noch Sympathisanten der KP sind, in der es keine Rassentrennung gibt. Die Schaffung der Okhela wurde in Übereinstimmung mit den Verantwortlichen des ANC beschlossen.
Schließlich empfahl das Programm von Okhela die Zusammenarbeit mit der KP. Auch wenn wir nicht in allem mit ihr einverstanden sind, blieb sie trotzdem unser sachlicher Verbündeter.

Wauthier: Es scheint, daß Sie von einem Mitglied der holländischen Antiapartheidbewegung, Barend Schuitema, denunziert wurden, daß Sie verfolgt wurden seit Ihrer Abreise mit dem falschen Paß, daß man Ihnen in Südafrika in den wenigen Wochen, da Sie Kontakte aufnahmen, nachspionierte?

Breytenbach: Schuitema gab zu, daß er seit 1978 für die südafrikanische Polizei gearbeitet hat, um dem kommunistischen Einfluß im ANC entgegenzuwirken. Schon vor einiger Zeit kehrte er nach Südafrika zurück – er stammt aus Südafrika, lebte aber lange in den Niederlanden –, wo die Polizei ihn etwa hundert Tage eingesperrt hatte. Dann hat sie ihn wieder Freigelassen, ohne Prozeß und Urteil.
Er war derjenige, der dem Okhela-Netz eine antikommunistische Haltung nachsagte: Vielleicht weil er aus der holländischen Antiapartheidbewegung ausgeschlossen wurde, unmittelbar nach einer Auseinandersetzung zwischen Pro- und Antikommunisten, in der die Prokommunisten den Sieg davontrugen. Heute ist er allein, von allen gemieden. Ich will ihn nicht belasten, er hat genug gelitten.

Wauthier: In Paris hatten Sie Kontakt zu Henri Curiel, dem Begründer des Netzes „Solidarität“, das die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt unterstützte. Curiel wurde 1978 unter Umständen ermordert, die bis heute nicht aufgeklärt wurden. Was hielten Sie von ihm?

Breytenbach: Man wollte glauben machen, Curiel sei ein sowjetischer Agent gewesen. Ich habe ihn oft besucht und kann sagen, daß er nicht verheimlichte, Kommunist zu sein, aber er war gewiß kein Agent des sowjetischen Geheimdienstes. Bei meinen Verhören in Südafrika habe ich bestritten, Curiel unter seinem wirklichen Namen zu kennen. Ich sagte, daß ich ihn nur unter seinem Pseudonym „Haymond“ kannte. Die südafrikanische Polizei besitzt eine sehr ausführliche Akte über Curiel, die man mir gezeigt hat. In dieser Akte wurde ich nicht erwähnt. Man wollte Curiel mit dem international sehr bekannten Terroristen Carlos in Verbindung bringen. Nun, Curiel war ganz und gar gegen die Methoden von Carlos. Auch mir wollte man nachweisen, daß ich Kontakt zu Carlos hätte. Die Südafrikaner machten mich darauf aufmerksam, daß ich in Paris hundertfünfzig Meter von der Wohnung entfernt wohnte, wo Carlos 1975 während einer Schießerei mit der Polizei beinahe festgenommen worden wäre. Auf diese lächerliche Anschuldigung antwortete ich, daß sich meine Wohnung auch in der Nähe der Wohnung François Mitterands befände. Nichtsdestoweniger veröffentlichte eine große südafrikanische Wochenzeitung in Afrikaans einen Artikel, der mich mit den Netzen des internationalen Terrorismus in Verbindung bringt. Aus der Haft habe ich diese Zeitung wegen Verleumdung verklagt. Schließlich hat man sich lieber mit meinen Rechtsanwälten gütlich geeinigt, statt zu prozessieren, und mir eine Entschädigung gezahlt. Der Artikel war von einem gewissen Jacques Delacour unterzeichnet, ohne Zweifel ein Pseudonym. Er wurde wahrscheinlich vom südafrikanischen Geheimdienst inspiriert. Um diese Geschichte abzuschließen, hier eine Anekdote: Nach der Ermordung Curiels besuchte mich ein höherer Offizier der südafrikanischen Polizei im Gefängnis und sagte fröhlich:

Curiel hat man geschnappt, du bist der nächste.

Diese Art von Scherzen gehörte zum Spiel derer, die mich verhörten, und nachdem sie mir anfangs nachweisen wollten, daß ich Mitglied des sowjetischen Geheimdienstes sei, änderten sie plötzlich die Taktik und beschuldigten mich, Agent des CIA zu sein. In der Tat besaß die südafrikanische Polizei eine unglaublich ausführliche Akte über mich, was vermuten läßt, daß ich in Paris unheimlich überwacht wurde. Und ich frage mich, ob die französische Polizei den südafrikanischen Geheimdienst unterstützt hat.

Wauthier: Wie waren die Bedingungen Ihrer Haft, Ihre Beziehung zu den Wärtern – einer von ihnen war ein Polizeispitzel –, Ihr tägliches Leben?

Breytenbach: Die Haft ermüdet, sie zerbricht moralisch und physisch viele Häftlinge, die sich treiben lassen, sie verfallen, was die körperliche Hygiene betrifft, und sexuell. Um durchzuhalten, muß man sich strenge Disziplin auferlegen, was Körper und Geist betrifft. So habe ich in der Haft aufgehört zu rauchen. Ebenso müssen wir den beiden Versuchungen widerstehen, die uns in den Beziehungen zu den Wärtern anfechten: die erste ist, die Wärter als Ungeheuer zu betrachten, sie als Schufte anzusehen, auf ihre Verachtung zu reagieren, auf ihre Beleidigungen – wenigstens im Innern. Man muß sich überzeugen können, daß es zumeist nur arme Teufel sind, die weder die Wahl noch die Möglichkeit hatten, einen anderen Beruf zu ergreifen.
Aber man muß auch der anderen Versuchung widerstehen können, der Kumpanei, sich überzeugen, daß Freundschaft mit einem Wärter unmöglich ist, selbst wenn er Ihnen im Laufe der Zeit soviel aus seinem Privatleben anvertraut hat, daß Sie ihn besser kennen als Ihre besten Freunde. Denn der Wärter bleibt ein Feind, der wesentlicher Bestandteil des südafrikanischen Polizeisystems ist, wenn man ihm den Befehl dazu gibt. Zwei Jahre lang war ich völlig isoliert, in Einzelhaft in der Abteilung für erhöhte Sicherheit im Gefängnis von Pretoria. Die Wärter durften nicht mit mir sprechen – nach und nach haben wir diese Anordnung übertreten – und mein einziger Besucher war der Gefängnisarzt, der mir jede Woche einen beinahe makabren Besuch machte: Er kam zu mir, nachdem er den Tod der Verurteilten festgestellt hatte, die gerade gehängt worden waren. Vorher wusch er sich in einem Raum, der meiner Zelle gegenüberlag, die Hände.
Es war nach meinem zweiten Prozeß, im Jahre 1977, als ich in das Gefängnis von Pollsmoor, nahe am Kap, überführt wurde und die Isolation für mich aufhörte. Wegen Fluchtversuch erschien ich wieder vor Gericht: Ein Wärter, der Polizeispitzel war, hatte einige hundert Rand angenommen, um meine Flucht zu organisieren. Ich wußte, daß es sich um eine zweifelhafte Operation handelte, aber es gehörte zu der moralischen Disziplin, der ich mich unterworfen hatte, daß ich die Operation plante. Ich durfte nicht resignieren, ich mußte etwas unternehmen, kämpfen um jeden Preis. Dieser zweite Prozeß endete wie ein Witz; ich wurde lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt, weil ich durch diesen Wärter Briefe aus dem Gefängnis geschmuggelt hatte. Der Druck, den meine Freunde unaufhörlich ausübten, besonders die Afrikaans-Schriftsteller, bewirkte schließlich, daß mich die Regierung von Pretoria nach Pollsmoor überführen ließ, zu den „allgemeinen“ Häftlingen. Dort habe ich die Welt der Gefängnisse kennengelernt, eine eigenartige, außergewöhnliche und faszinierende Welt, eine Subkultur mit ihrer Sprache, ihrer Hierarchie, ihren eigenen Strukturen. Wer die Erfahrung macht, wird sie nie vergessen, sein Auge und sein Ohr werden immer unwiderstehlich angezogen von jeder Notiz über die Gefängnisse in Presse, Rundfunk oder Fernsehen.

Wauthier: Bei Ihrem ersten Prozeß, 1975, haben Sie sich beim damaligen Ministerpräsidenten, Johannes Balthazar Vorster, den Sie in einem Gedicht als „Schlächter“ bezeichnet hatten, entschuldigt. Warum?

Breytenbach: Das war eine Art stillschweigender Handel mit den Richtern. Man wiederholte mir unaufhörlich, daß ich siebzehn Personen schwer gefährdet hätte, zu denen ich Verbindung aufgenommen hatte und die verhaftet worden waren. Ohne daß es ausdrücklich gesagt wurde, war diese Entschuldigung die Bedingung für ihre Freilassung. Und in der Tat wurden diese siebzehn Personen kurz nach meinem Prozeß ohne Strafe freigelassen.

Wauthier: Ihnen wurde gestattet, im Gefängnis zu lesen und zu schreiben, aber nicht zu malen. Was haben Sie aus diesem Vorrecht gemacht, und wie haben Sie die Einschränkung empfunden?

Breytenbach: Die Malerei hat mir sehr gefehlt, denn sie ist eine wunderbare Therapie, zweifellos weil sie Körper, Hände und Geist gleichzeitig einbezieht. Was die Schreiberlaubnis betrifft, so wurde sie mir erteilt, damit ich weiterhin „der Sache der Afrikaans-Literatur dienen“ könnte – so die offizielle Erklärung. Für die Afrikaans Sprechenden ist das Überleben ihrer Sprache als Bürge für ihre kulturelle Identität gegenüber dem Englischen eine Sorge ersten Ranges. Aber alles von mir Geschriebene mußte am gleichen Abend den Gefängnisbehörden vorgelegt werden, und ein hoher Beamter der Gefängnisverwaltung warnte mich:

Ein falsches Wort und Ihre Afrikaans-Literatur geht zum Teufel.

Über meine „offiziellen“ Schreibereien hinaus habe ich heimlich geschrieben, in der klassischen Art der Häftlinge, auf Toilettenpapier in Kleinbuchstaben, und dann schrieb ich auch nachts, im Dunkeln, ohne die Buchstaben zu sehen, ein wenig wie in einem zweiten Zustand, vielleicht analog der automatischen Schreiberei der Surrealisten. Es kam vor, daß schlecht gezeichnete Buchstaben neue und unbekannte Wörter schufen, deren Wohlklang jedoch eine Bedeutung zu haben schien.
Einige dieser heimlichen Schriften konnte ich aus dem Gefängnis hinausschmuggeln. Ich bin gerade dabei, eine Novellensammlung abzufassen. Mehrere Novellen wurden in der Haft geschrieben. Die Sammlung wird bei Stock erscheinen. Ich werde sie selbst aus dem Afrikaans ins Englische übersetzen, danach wird sie ins Französische übersetzt. Die Sammlung wird Mouroir heißen: Für mich ruft das Wort nicht nur „la mort“, den Tod, wach, sondern auch „le miroir“, den Spiegel, in dem man sich sterben sieht, wenn man allein ist, wie der Häftling in seiner Zelle.

Sinn und Form, Heft 2, 1984
Aus dem Französischen von Dorothea Feiler

 

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Breyten Breytenbach liest auf dem XV. International Poetry Festival von Medellín 2005.

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