DAS BLUT AN DEN TÜRPFOSTEN
alter dichter
komm
brich das ungesäuerte brot
nimm das wasser
das ist deine mahlzeit der erleichterung
du fragst
wächter auf den mauern der stadt
richter der ungezählten stunden
wann klappt der tag wieder auf?
wisse dann
woanders ist es immer tag
nur du bist blind
und die schatten, die unsre welt verstopfen,
sind hügel
sind vögel
die krabbe birst aus ihrem panzer
laß den krebs aus dir blühen
erblich deine seele
nimm deinen eigenen tod,
denn weißer als schnee noch weißer
als der erste tagesanbruch
wird dein blut dich waschen
komm
sei osterlamm
gib mir deine abgestumpfte hand
beuge ich
erkenne die endliche schwarze rose
und sage
zur hölle mit dem ganzen alten kram
und stirb dann aus deiner furcht hinaus
hinaus
denn dichter
ich werde steine über dein mondbett packen
so weiß wie verse
noch weißer als die baken deiner reise,
daß der giftige dämmerregen
deine gebeine nicht verfärbt,
daß die vögel von den hügeln
nicht an deinen würmern ersticken
alter dichter
komm
schmier das blut an die türpfosten
deine erlösung steht bevor
sei froh
Übertragen von Arnold Blumer
möchte ich im Gedächtnis behalten werden als ein Dichter des Erwachens. Nicht der Nacht. Nicht des erstickenden Geruchs verschwitzter Laken und angstvoller oder hustender Leiber. Nicht der Hyänen auf dem Hügel. Nicht des ringenden Todesengels oder des Babyplärrs. Nicht des hellen Tages, der von alten und unangefochtenen Riten zeugt – den Leichen am Galgen, die Narben im Licht hinterlassen, den Aasgeiern, die mit offenen Augen schlummern, und den Greisen, die in ihrer sonnenbeschirmten Kühle mit offenem Mund schlafen; nicht des Tages der bleichen Krabben und des halbverdauten Fleisches und der nebligen und baumlosen Ebene des Meeres. Nicht des Tages der Beschlüsse oder der Nacht der Bedenken. Sondern des Erwachens, des End-Schlafens. Ich möchte ein Dichter der Grenze sein, auf der der Mensch die Augen aufschlägt und im Anbruchsbruchteil einer Sekunde alles hört, alles sieht, alles riecht, alles weiß, alles versteht, alles behält und alles vergißt – noch voller Finsternis (wie ein Mädchen vor seiner ersten Blüte), aber schon die Sonne auf der Netzhaut fühlend. Wenn dieses Ich die Wahl hätte.
Breyten Breytenbach, Klappentext, 1985
Breyten Breytenbach liest auf dem XV. International Poetry Festival von Medellín 2005.
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erschienen 18. Mai 2012
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