Elke Heidenreich: Zu Reiner Kunzes Gedicht „Apfel für M.R.-R.“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Reiner Kunzes Gedicht „Apfel für M.R.-R.“ aus Reiner Kunze: auf eigene hoffnung. 

 

 

 

 

REINER KUNZE

Apfel für M.R.-R.

aaaIch finde, es ist höchste Zeit, daß es wieder
aaaetwas Neues von Ihnen zu lesen gibt.
aaa(M.R.-R., brief vom 12. dezember 1978)

aaaBitte, lassen Sie von sich hören und schicken Sie
aaamir Manuskripte, denn es ist ja nun höchste
aaaZeit, daß es in unserer Zeitung etwas von Ihnen
aaazu lesen gibt.
aaa(M.R.-R., brief vom 29. mai 1980)

Höchste zeit kommt von innen

Höchste zeit ist, wenn die kerne
schön schwarz sind

Und das weiß zuerst
der baum

 

Der Gärtner und die Kritiker

Was soll das sein, ein Gedicht? Am Anfang werden – schamlos? – zwei Briefe zitiert, dann folgen fünf lapidare Zeilen. Doch wohl eher ein Epigramm als ein Gedicht? Die Überschrift sagt: Es ist ein Apfel. Etwas, wovon ich mich ernähren kann, das mir guttut. Dieser Apfel ist für jemanden bestimmt, für einen M.R.-R., der im Dezember 1978 und im Mai 1980 wohl diese Briefe geschrieben hat, und da es nicht allzu schwer ist, herauszufinden, wer M.R.-R. sein mag, läßt sich hier ausnahmsweise die Geschichte eines Gedichtes gut recherchieren.
1977 übersiedelte der Lyriker Reiner Kunze nach jahrelangen, geradezu lebensbedrohlichen Schikanen der DDR-Regierung in den Westen, eine sehr beachtete Reise. Ein Neuanfang? Anfangs schien es so. 1978 schrieb er das Drehbuch zum Film Die wunderbaren Jahre, dann wurde es still um ihn, den großen Lyriker der kleinen, knappen Form. Und weil es gar zu still wurde, schrieb M.R.-R. im Dezember 1978 ebenjenen ersten Brief und fragte an – sollte es nicht etwas Neues zu lesen geben? Ein unerhörter Vorgang: Ein Kritiker mahnt an, daß wieder Gedichte geschrieben werden müssen. Gedichte, die die privateste, komplizierteste, persönlichste Form der Literatur sind!
Es scheint, als habe der Angesprochene, der Dichter, darauf auch gar nicht reagiert. Aber der Kritiker ließ nicht locker. Es sei höchste Zeit, befand er anderthalb Jahre später, daß es in „unserer“ – will sagen: in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nun endlich wieder etwas vom Dichter zu lesen gäbe. Noch ein Jahr verging. Der Dichter schwieg, und wir denken: Vielleicht war er gekränkt? Und eigentlich nehmen wir ihm dieses Gekränktsein ein klein wenig übel, denn eigentlich sollte er sich doch freuen, daß ein so starker Wunsch nach seinen Gedichten besteht, ein derart beharrliches Interesse eines wichtigen deutschen Literaturkritikers. Andere würden vor Freude das ganze Füllhorn ihrer Produktivität unverzüglich vor diesem Kritiker ausbreiten, und er, er schweigt?
Er schweigt bis 1981, dann erscheint Reiner Kunzes erster Gedichtband nach der Übersiedelung in den Westen. Er heißt auf eigene hoffnung und verzaubert mit Gedichten, die mich seither täglich durch mein Leben begleiten. Gedichte über uns und die unbegreifliche Welt, in der wir leben – warum putzen wir das Auto? Weil das Schreiben so schwer ist, oder, wie Kunze es nennt, „wegen der entfernungen / von einem wort zum andern“. Und das Gedicht über Bach, der gewiß zu Füßen Gottes sitzt, wenn Gott denn Füße hat, und zwar sitzt er dort, er, der Künstler, und nicht der Magistrat von Leipzig. Man möchte, ich möchte, das ganze Buch zitieren, jedes Gedicht ist ein solches Glück. Und dann plötzlich dieses: „Apfel für M.R.-R.“ Ist das Trotz? Eine Kränkung? Ein Hinweis, man möge ihn in Ruhe lassen? Es ist der Versuch, die Schwierigkeit zu beschreiben, die das Verfassen eines Gedichtes bedeutet. Das geht nicht mal eben so. Das muß wachsen, reifen, es muß sich – und sei es noch so kurz! – entwickeln. Wie ein Apfel am Baum. Erst ist da eine Blüte, eine Idee, dann eine winzig kleine Frucht, und wann das Ganze reif ist, gut für uns, fertig – das, lieber M.R.-R., weiß eben zuerst der Baum, nicht der Kritiker. Ein Gedicht als Antwort des umworbenen Autors an einen Kritiker, der sich um ihn sorgt. Nachgefragt, wie ihn dieses Gedicht berührt oder erreicht hat, sagt Marcel Reich-Ranicki:

Ich habe Kunze damals widersprochen und gesagt, nein, der Baum weiß gar nichts! Wann der Apfel reif ist, das weiß allein der Gärtner.

Wir Leser brauchen alles: Baum, Gärtner, Apfel und vor allem: Gedicht. Ein Wort zum Gärtner sei erlaubt: Der gute Gärtner hegt und pflegt, aber wir, die wir den Literaturbetrieb kennen, wissen, wie auch allzuoft kritische Gärtner zarte Pflanzen schon im Ansatz vernichten. Auch dazu finden sich in Reiner Kunzes Band auf eigene hoffnung anderthalb Zeilen auf den Literaturbetrieb:

Sie wollen nicht deinen flug, sie wollen
die federn.

Im vergangenen Juni waren es fünfunddreißig Jahre, daß sich der Herausgeber dieser Frankfurter Anthologie darum kümmert, daß Gedichte wahrgenommen und verstanden werden. Er will immer Flug, niemals Federn. Die Rezensentin verneigt sich dankbar und ißt den Apfel.

Elke Heidenreichaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiunddreißigster Band, Insel Verlag, 2010

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