Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Lasker/Schwarz-Mein blaues Klavier

ABENDZEIT

Erblaßt ist meine Lebenslust – …..
Ich fiel so einsam auf die Erde,
Von wo ich kam hat nie ein Mensch gewußt,
– Nur du, da ich vereint einst mit dir werde.

Ich bin von Meeresbuchten weit umstellt,
Jedwedes Ding erlebe ich im Schaume.
Der Mensch, der feindlich mich ereilt, zerschellt!
Und ich weiß nur von ihm im Traume.

Und so erlebe ich die Schöpfung dieser Welt,
Auf Erden schon entkommen ihrer Schale.
Und du der Stern, der hoch vom Himmel fällt,
Vergräbt sich tief in meines Herzens Tale.

Die Abendzeit verdüstert sehr mein Blut –
Durchädert qualvoll meine müde Seele.
Nackt steigt sie wieder aus der vorweltlichen Flut
Und bangt, daß sie verkörpert hier auf Erden fehle.

Und was der Tag, noch ehe er erwacht,
Versäumte morgenrötlich zu erleben,
Reicht ihm das träumerische Bilderspiel der Nacht
In lauter bunterlei Geweben.

Es bringen ferne Hände mir nach Haus
Aus gelben Sicheln einen frommen Strauß.
Der Zeiger wandelt leise um das Zifferblatt
Der Sonnenuhr, die Gold von meinem Leben hat.

Sie glüht vom Pochen überwacht
Und läutet zwischen Nacht und Mitternacht …..
Da wir uns sahen in der rätselhaften Stunde –
Dein Mund blüht tausendschön auf meinem Munde.

All meine Lebenslust entfloh
Im dunkelen Gewande mit der Abendzeit.
Ich suchte unaufhörlich einen Himmel wo …..
Nur in der Offenbarung ist der Weg zu ihm nicht weit.

 

 

 

Biografische Aufzeichnungen und Dokumente

Prinz Jussuf in Jerusalem

Mitte Mai 1937 begann es bei mir Karten und Briefe [jeder ein Kunstwerk an Wort und Bild und ein Irrgarten der Schrift] zu regnen. Else Lasker-Schüler, „Jussuf, der Prinz von Theben“, rüstete zur Fahrt ins Bibelland. Diese Fahrt war eigentlich eine Wiederkunft, denn schon 1934 war die Dichterin in Palästina gewesen, und nun lag bereits ihr phantastisch-bunter Reisebericht Das Hebräerland vor. Wir – meine Frau und ich und ein kleiner Freundeskreis – freuten uns herzlich, Else Lasker-Schüler bald in den Mauern Jerusalems, der heiß geliebten Urheimat ihrer Hebräischen Balladen, empfangen zu dürfen.
Wir dankten dem großzügigen „Lloyd Triestino“, der Prinz Jussuf eingeladen hatte, auf einem Schiffe der Gesellschaft wieder in das geliebte Hebräerland zu reisen, aber es gab noch allerlei zu erledigen, um die Ankunft im Lande zu ermöglichen, und mir fiel das Amt zu, bei der Jewish Agency, dem Rektor der hebräischen Universität und da und dort alles Nötige zu bestellen. Die „geflügelten Boten“ der Luftpost eilten zwischen Jerusalem und Zürich [dem damaligen Wohnorte der Dichterin] in verschwenderischem Maße hin und wieder, und endlich, am 16. Juni 1937, war Prinz Jussuf da.
Ihre Ankunft mußte geheimgehalten werden, denn Else Lasker-Schüler hatte beschlossen, ihre Freunde und Bekannten zu überraschen, ja sie wollte sogar bei einigen zur Essenszeit zum Fenster hereinklettern, um die Überraschung noch zu erhöhen, „denn ich bin’n Tiger“, erläuterte sie ihr Vorhaben.
Gegen Abend kam ich ins Hotel Vienna, in dem die Dichterin abgestiegen war. Ich muß gestehen, daß der erste persönliche Eindruck der Frau, deren Verse ich tief verehre, ein erschütternder war. Ein müder Mensch, dessen Antlitz von zerstörter Schönheit zeugte und in dessen großen schwarzen Sulamith-Augen der Wahnsinn aufloderte, saß mir gegenüber. Es war eigentlich kein Sitzen, sondern mehr ein Kauern. Ich wurde stark an wahrsagende Zigeunerinnen erinnert, ja dieser Eindruck wurde durch die exzentrische Kleidung der Frau – Pelmütze im drückend-heißen Sommer und übergroße korallrote Ohrringe – noch erhöht.
Etwas Müdes, Gehetztes, von namenloser Furcht Getriebenes beherrschte diese [kein anderes Wort ist hier tauglich] gequälte Kreatur. Wie ein gefangenes Tier rannte sie in dem engen, ungemütlichen Hotelzimmer auf und nieder, bejammerte hemmungslos die Kargheit dieses Raumes, wies aber meinen Vorschlag, in ein anderes Hotel, oder noch besser in eine wohnliche Pension umzuziehen, mit Entrüstung, ja geradezu mit Erbitterung zurück.
„Herr Korin“ [sie sagte nie anders zu mir], flehte sie mich an, „ich beschwöre Sie, sagen Sie nichts zu den Wirtsleuten… sie sind ja so lieb zu mir gewesen. Überhaupt, ich kann es nicht ertragen, wenn man mir helfen will. Die Leute meinen immer, der Dichter brauche Hilfe, aber das stimmt nicht: wir Dichter sind doch immer die Klügeren und behalten zum Schluß gegen die Bürger recht.“
Am aufgebrachtesten war sie aber gegen das sogenannte „Rescheth“ [Mückennetz] vor ihrem Fenster. Sie mutmaßte, man habe diese nützliche Vorrichtung ihr zum Ärgernis angebracht und nur unter Aufbietung meiner ganzen rhetorischen Fähigkeiten gelang es mir, sie davon abzuhalten, das Drahtnetz mit einer kleinen Schere zu zerstören.
Ich schrieb die sonderbare Erregtheit, welche die Dichterin bei dieser ersten Begegnung beherrschte, den Strapazen der Reise zu und empfahl mich, sobald es ging. Aber es ging nicht bald. Sie hatte zuweilen panische Angst vor dem Alleinsein und bat mich geradezu flehentlich, sie nicht zu verlassen.
Als wir uns anderen Tages in einem Café trafen, war sie wesentlich aufgeräumter als tags zuvor. Sie liebte es nicht, über Dinge der Kunst zu reden, ihre Leidenschaft gehörte – eingestandenermaßen – der Politik. Und so kam das Gespräch auf die gespannte Lage, die in diesen Sommertagen blutiger Unruhen Palästina beherrschte.
„Wissen Sie, wer hier Präsident werden sollte?!“ fragte sie, plötzlich das Gespräch unterbrechend, und ohne eine Antwort abzuwarten, gab sie sie selbst: „Fritz von Unruh!“ Ich war einigermaßen erstaunt, den großen rheinischen Dramatiker als Präsidenten des Heiligen Landes kandidieren zu sehen. Aber die Dichterin ließ sich nicht beirren.
„Ja, Unruh wäre der Richtige“, sagte sie, „der könnte schon mit den Arabern reden… er hat es mir auch selbst in Padua gesagt, daß ich hier einmal das Terrain für ihn sondieren soll.“ Meinen scherzhaften Einwand gegen ihren Präsidentschaftskandidaten, daß wir in Palästina seit Jahren „Unruh“ genug hätten, wies sie ärgerlich zurück. Sie war sichtlich gekränkt, daß ich den Vorschlag nicht ernst genug nahm.
Nachdem wir uns darüber verständigt hatten, daß ich dort wohnte, „wo die wilden Juden in den schwarzen Zelten hausen“ [sie meinte ein Beduinenlager], kam sie am 27. Juni zu uns zum Abendbrot. Ich hatte ihr schriftlich ihre Lieblingsspeise, Schokoladenpudding mit Himbeersauce. zugesagt, und es wurde ein Fest. Wie ein Schulmädchen konnte sie lachen und die tollsten Streiche erfinden. So beschlossen wir, an diesem Abend eine „Räuberhöhle“ in dem wohlhabenden Stadtteil Rechavia zu gründen und zwei Professoren der Universität, die einander spinnefeind waren, fingierte Einladungen zuzusenden, so als lüde einer den anderen zu sich zum Tee ein. Als wir später in meinem Zimmer beim Kaffee saßen und ihr Blick auf das schöne Bildnis Stefan Georges von der Hand Curt Stoevings fiel, erzählte sie von ihrer ersten und einzigen Begegnung mit dem Meister. In Berlin war es um die Jahrhundertwende, als sie dem Manne, der wie ein nordischer König aus den Sagas durch die laute Stadt ging, auf der Straße begegnete. Zufällig trug Else Lasker-Schüler eine Blume in der Hand, und so trat sie auf den stillen Mann im schwarzen, priesterlichen Rock zu und überreichte ihm wortlos die Blume. Dann erst sagte sie:

Ich bin Joseph von Ägypten.

George nahm die Blume der Huldigung an, lächelte ihr zu und verschwand im Gewühl der Straße.
Noch einmal trat sie in den Bannkreis Georges. Das war in München, als sie verkleidet als Joseph von Ägypten [ihre Lieblingsmaske] bei Karl Wolfskehl erschien, aber auf Zehenspitzen – und durch die Küche – wieder gehen mußte; weil der Meister schlief.
Von der zeitgenössischen deutschen Literatur pflegte sie übrigens zu sagen:

Ich kenne die Leute doch alle – wozu soll ich noch ihre Bücher lesen?

Sie kannte tatsächlich alle. Auch Gerhart Hauptmann, der ihr gram war, weil sie zu ihm sagte:

Sie sehen aus wie die Großmutter von Goethe…

Es wäre unwahr zu sagen, daß sich Else Lasker-Schüler während ihres Aufenthaltes in Jerusalem wohl fühlte. Vergeblich suchte sie in den Straßen der neuen Stadt [die Altstadt war aus Sicherheitsgründen nur selten zu besuchen] das Jerusalem ihrer Träume und Verse. Die Geschäftigkeit der Menschen stieß sie ab, und sie war unglücklich, in der Urheimat ihrer traumöstlichen Dichtung auf sehr wenig Verständnis zu stoßen.
Eines Tages erhielt ich eine Karte von ihr, in der sie mich bat, sie noch am Abend im Hotel aufzusuchen, sie habe dringende politische Projekte mit mir zu besprechen. Da ich aber für den Abend schon verabredet war, kam ich am Spätnachmittag ins Hotel, um mich zu entschuldigen. Sie war tief unglücklich über meine Absage und beschwor mich, sie in der Nacht noch – wann auch immer – aufzusuchen, die Sache dulde keinen Aufschub, und das Wohl und Wehe Palästinas hinge davon ab.
Gegen elf Uhr kam ich wirklich nochmals ins Hotel, sie hatte auch auf mich gewartet, war aber vor Übermüdung auf einem Stuhl in der Halle eingeschlafen. Am nächsten Morgen trafen wir uns in einem Café. Nur zögernd konnte sich die Dichterin dazu entschließen, ihr Projekt preiszugeben.
„Wir werden alle ausgesorgt haben, wenn die Sache wird“, versicherte sie mir, „Sie werden Direktor, aber ich selbst muß immer noch entscheidende Stimme im Direktorium haben.“
Ich war mächtig gespannt. Nachdem ich tiefste Diskretion zugesagt hatte, begann sie:

Wissen Sie, wie man das jüdisch-arabische Problem lösen kann? Es gibt nur einen Weg: Freude schaffen. Wir gründen einen Rummelplatz für Juden und Araber, den beide Völker besuchen werden und wo sie gemeinsam Reibepfannkuchen essen, Karussell fahren und Glückshafen spielen.

Sie erging sich sodann in anschaulichen Schilderungen vor allem des Karussells und gab mir – vertraulich – Rezepte für die Reibepfannkuchen. „Über dem Eingangstor zum Rummelplatz aber muß stehen ,Für Gott‘“, schloß sie ihren mit unerhörtem Elan gehaltenen Vortrag.
Wir erwogen sodann die Möglichkeiten, den Plan – bei Wahrung der geistigen Urheberschaft – publik zu machen, und Else Lasker-Schüler wollte, daß wir sofort nach Zürich abreisten, wo der 21. Zionistenkongreß tagte. Dort wollte sie vor das Plenum hintreten und ihren Plan der Öffentlichkeit enthüllen.
Es gelang mir nur schwer, sie von diesem Vorhaben abzubringen. Wütend wurde sie aber, als ich ihr auseinandersetzte, daß auf dem Kongreß nur Delegierte sprechen dürfen. „Und mich wird man nicht sprechen lassen?“ fragte sie gereizt und fügte abschließend hinzu:

… ich bin’n Fürst.

Einige Tage später erwähnte sie den Plan nicht mehr, und es hatte fast den Anschein, als sei die ganze Sache in Vergessenheit geraten…
Das tiefste Wort über ihr rätselhaftes Wesen sagte die Dichterin selbst eines Tages ganz unvermittelt, als ein jovialer alter Herr, der sie noch aus Berlin kannte, auf der Straße in Jerusalem sie herzlich begrüßen wollte. „Wer sind Sie denn?“ fragte die Dichterin, ihn mit ihren großen, scheuen Augen von unten her ansehend. „Ich kenne mich selbst nicht, wie sollte ich da Sie kennen?“… und ließ den Verdutzten stehen.
Ich kenne mich selbst nicht war in ihrem Munde keine Phrase. Sie blieb sich tatsächlich selbst Geheimnis, was sich insbesondere in ihrer Beziehung zum eigenen Werk ausdrückte. Sie stand ihm nicht kritisch-wägend gegenüber, wie sonst ein Autor seinen Büchern. Sie lehnte jeden Wert-Unterschied zwischen ihren Schöpfungen kategorisch ab, da sie ihnen den Rang von Offenbarungen beimaß und einmal im Gespräch mit Martin Buber auch öffentlich den Offenbarungs-Charakter ihrer Dichtung betonte.
War sie so erfüllt von ihrer prophetischen Sendung, so darf man sie sich nicht etwa feierlich-pathetisch vorstellen. Im Gegenteil: sie sprach sehr salopp. Sie war schlagfertig und voll Humor [allerdings nicht mehr in der letzten Zeit]. Als ich sie einmal zum Abendessen einlud, nahm sie die Aufforderung gerne an und fügte hinzu:

Machen Sie Umstände, Butterbrot hab ich all eine.

Zur Schande Jerusalems muß es gesagt werden, daß es nicht ganz leicht war, einen Vortrag der Dichterin in der Heiligen Stadt zu veranstalten. Die zentralen zionistischen und kulturellen Körperschaften der Stadt sahen ihre Aufgabe keineswegs darin, die größte lebende Dichterin des jüdischen Volkes in gebührender Weise zu ehren, ja, nur den Rahmen zu schaffen für einen würdigen Rezitationsabend.
So mußte von privater Seite dafür gesorgt werden, daß Else Lasker-Schüler vor den zahlreichen Verehrern ihrer großen Kunst ihre unverwelklichen Verse und ihre buntschillernden Geschichten lesen konnte. Rabbiner Dr. W. und ein Jerusalemer Buchhändler hatten einen hübschen Saal in Rechaviah gemietet, die Dichterin bestand darauf, selbstgeschriebene und mit dem Davidstern geschmückte Plakate in den Buchhandlungen der Stadt auszuhängen, und durch mündliche Propaganda waren alle Freunde der Dichtung benachrichtigt worden.
Die Vorlesung selbst war ein durchschlagender Erfolg. Alles Müde, Zerstreute, Gehetzte war von Else Lasker-Schüler gewichen. In einer husarenhart verschnürten schwarzen Samtjacke saß sie in königlicher Würde am Vortragspult [natürlich las sie bei Kerzenlicht] und sprach mit großer Feierlichkeit die Gedichte, welche ihren Weltruhm begründet hatten. Sie las nach einer Art Ritus, oft begleitet von Glöckchen und einer Kinderorgel. Mit dem unvergeßlichen Gedicht „Mein Volk“, das anhebt:

Der Fels wird morsch, dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe

begann die Rezitation. Die dichtgedrängte Hörerschaft folgte gebannt den sprachgewaltigen Visionen dieser echten Enkelin der Psalmisten. Nach einer halben Stunde ließ die Vortragende eine kleine Pause eintreten, und nun ereignete sich etwas, was die Zuhörerschaft auf eine harte Probe stellte. Abermals wurde es dunkel, abermals setzte sich die Dichterin an das Vortragspult und abermals begann sie:

Der Fels wird morsch, dem ich entspringe …

Wir, die wir um ihre grenzenlose Zerstreutheit wußten, standen Höllenqualen aus. Sollte sie vergessen haben, daß sie dieses Gedicht vor einer halben Stunde rezitiert hatte, oder las sie gar noch einmal den ganzen ersten Teil des Programms? Zum Glück fiel es ihr aber doch noch rechtzeitig ein, daß sie mit der Wiederholung des soeben Vorgetragenen begonnen hatte, und so ging sie dazu über, ihre phantastische Schilderung Jerusalems aus dem Hebräerland vorzulesen. Freilich wirkte dieses Traumbild der Stadt hier – mitten in ihrer Alltagsrealität – ein wenig skurril, aber der große Schwung und begeisterte Atem ihrer Dichtung half auch über diese Klippe hinweg.
Kurze Zeit nach dem Vortrag befiel die Dichterin große Unruhe. Die Aufführung ihres Stückes Arthur Aronymus und seine Väter machte ihre Anwesenheit in der Schweiz nötig, und so entschloß sie sich, die Abreise auf den 24. August festzusetzen. Nur ungern sahen wir sie scheiden, hatten wir doch gehofft, daß es möglich sein würde, ihr in Palästina ein dauerndes Heim zu schaffen. Verstimmt war sie auch darüber, daß die Ausstellung ihrer Aquarelle zum Hebräerland nicht den erhofften und verdienten Erfolg gebracht hatte. Überhaupt setzte ein Zustand der Überreiztheit ein, und die wenigen Tage vor der Abreise waren getrübt von einer oft grundlosen Haßentfaltung gegen die wohlgesinntesten Personen, die oft an Verfolgungswahn grenzte. Am meisten litt die Dichterin selbst unter diesem Zustand, ja sie schien fast dem körperlichen Zusammenbruch nahe, doch half ihre unerhörte Energie ihr auch über diese gefahrvolle Krise hinweg…
Unablässig kreisten ihre Gedanken um Gott und Israel. In ihrer unpathetischen Weise konnte sie sagen:

Wenn die Juden sich nicht besser benehmen – sagen Sie selbst! –, erwählt sich Gott vielleicht ein anderes Volk!

Oder:

Wenn wir zusammen graben, stoßen wir vielleicht einmal auf Gott.

Wenn sie dichtete – „meinen Bauplatz“ nannte sie ihr Prosawerk – fühlte sie sich ganz als Gottes Kind. Aber wenn sie, in unproduktiver Einsamkeit, erschauernd das Alter spürte, konnte sie an Gott zweifeln und an seiner Gerechtigkeit verzweifeln.
Sie hatte Visionen, aber sie wußte nicht, von wem sie stammten. Sie war voll der Ahnung des Göttlichen, aber ohne die Gewißheit der Rechtgläubigen, die niemals so tief und leidvoll um die letzten Erkenntnisse gerungen hatten wie diese größte Dichterin, die das jüdische Volk in den zweitausend Jahren seiner Zerstreuung hervorgebracht hat.
Immer wenn ich von meinem Fenster aus die Sonne hinter den Hügeln Judas zur Rüste gehen sehe, ziehen mir die herrlichen Worte Else Lasker-Schülers durch den Sinn, mit welchen ihr Bibelgedicht „Sulamith“ schließt:

Und meine Seele verglüht in den Abendfarben
Jerusalems.

Übergoldet vom Glanz ihrer Verse sehe ich das müde, zerstörte und dennoch hoheitsvoll-schöne Antlitz der Dichterin vor mir, die Peter Hille einst den „schwarzen Schwan Israels“ genannt hatte.

Schalom Ben-Chorin, 1945

Else Lasker-Schüler in der Emigration

Wir kannten sie aus ihren herrlichen Gedichten, Prosa und Drama, die einst eine ganze Zeit begeistert hatten, die Zeit des literarischen Expressionismus. Unter ihren Bewunderern befanden sich so wesensverschiedene Geister wie Karl Kraus, Peter Hille, Max Reinhardt, der Radierer Hermann Struck, Gottfried Benn. Ein weiter Weg führte sie von Elberfeld über Berlins Romanisches Café, das Café Größenwahn, nach Zürich und Jerusalem. Alle Wege führten für sie nach Jerusalem.
Vor etwa acht Jahren sollte ich ihr begegnen. Diese Begegnung war zutiefst erschütternd. In ihr offenbarte sich das dunkle Geschick einer begnadeten Dichterpersönlichkeit, der im Alter der schreckhafte Blick in den Abgrund nicht erspart blieb. Des gehetzten Menschen in der unheimlichen Verlassenheit, dessen allliebende Stimme dennoch tönen mußte für und für. Trunkenem Rausch und gläubigem Gottsuchertum trat erbarmungslos die Wirklichkeit entgegen.
Wir hatten sie zu einem Vorlese-Abend nach Haifa eingeladen. Wir waren sehr gespannt. Sie kam. Saß uns in einem Café gegenüber, angestrengt von der Fahrt. Musterte uns kritisch, mißtrauisch. Bald kamen wir ins Gespräch.
Uns gegenüber saß ein Mensch, der nicht dieser Zeit anzugehören schien. Ein Geschöpf, zierlich, klein, in seltsamem Aufputz. Über schmale Schultern fiel ein dreiviertellanges schwarzes Samtcape, von einer silbernen Sicherheitsnadel zusammengehalten. Auf dem Kopf saß ein kleines Leopardenmützchen. Schwarze lange Locken in wunderlichem Gemisch quollen darunter hervor. In schwarzweiß karierte knielange Tafthosen war Else Lasker-Schüler gekleidet. Von den Ohren baumelten große korallenfarbene Glasohrringe, die später mit giftgrün schillernden vertauscht wurden. Ein übergroßer rechteckiger Glasring leuchtete vom Zeigefinger der edel geformten Hand. Auf schwarzen Schuhen waren kleine Silberglöckchen befestigt.
Wir blickten in ein Gesicht, dessen Alter unerratbar schien. Es war beherrscht von glühenden Augen aus Kohle, von unbeschreiblicher Schönheit. Die Augen waren in ständiger Bewegung, leuchteten verwirrend und überhellten das verwitterte Gesicht mit unfaßbarer Jugend. Wir waren sprachlos. Vor uns saß ein leibhaftiger Kobold, entstiegen einem Märchen. Ein Kobold von unbeschreiblicher Grazie. Ein Kobold, der beim Erzählen – und wie konnte er erzählen! – von einem zum andern sprang, kicherte, ausfallend wurde, begütigend einlenkte, aufstrahlte und erlosch. Verschwenderisch streute Else Lasker-Schüler aus, was ihr Phantasie und skurrile Assoziation eingab, glitt unvermittelt in Trauer und Schmerz, dessen Echtheit fast körperlich weh tat, um flugs bezaubernd in einer Manier zu schauspielern, die Augen zu heben und zu senken, daß eine Duse sie beneidet hätte. Alle Gegensätze waren vereint, bezwingender Zauber und geheimnisvolle Dämonie schlugen entgegen. „Ich bin nämlich Else Lasker-Schüler“, herrschte sie uns an und streckte uns gleich die versöhnende Hand entgegen.
Wir fuhren mit ihr nach Hause. Tief unten streckte sich die Stadt Haifa. Else Lasker-Schüler blieb stehen, nahm das Bild in sich auf: die aufgebaute Stadt, das weite Blau des Mittelmeers, die wehenden Büsche, den sich ihr zu Häupten breitenden Karmel, überflutet vom Licht. Sie streckte den Arm aus, wies auf die Landschaft, nickte. „Heroisch“, sagte sie kurz und zwingend.
Wir betraten die Wohnung. Else Lasker-Schüler zog ihren kleinen Reisekoffer heran und packte aus, was sie an Andenken mit sich führte: einen Schal und ein Seidenjäckchen, die ihr einst Max Reinhardt geschenkt, Erinnerungen von Peter Hille. „Diese beiden Ringe“, sagte sie mit rührender Gebärde, „hat mir Arthur Holitscher aus Indien mitgebracht. Wollen Sie sie haben?“ Sie drückte sie meiner Frau in die Hand. „Damals war ich noch der Malik, Prinz Jussuf und Tino von Bagdad“, klagte sie. „Wer weiß es heute noch?“ Ich widersprach. Sie wehrte ab. „Ich schrieb mein Preis-Gedicht ,Der Tibetreppich‘, und Jürgen Fehling führte mein Stück Die Wupper auf.“ Ich fragte sie nach Peter Hille. „Das war ein Heiliger“, meinte sie ernst. „Kannten Sie Gottfried Benn?“ Ich fragte sie, ob sie wisse, daß Benn sich gleichgeschaltet habe. „Ich habe davon gehört“, erwiderte sie und schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht fassen.“ Ihr Blick war rätselhaft entrückt. „Welche Zeit“, sprach sie still, „meine Zeit ist vergessen, die Menschen sind schlecht geworden und undankbar. Ach, und mein Sohn Paul – –.“ Sie sprach in guten Worten von der Schweiz und daß der Schweizer Konsul ihr Asyl angeboten habe. „Aber ich gehöre nach Jerusalem“, meinte sie energisch und strich sich ihr pechschwarzes Haar zurück. „Haben Sie übrigens die Kerzen zu meinem Vortrag besorgt? Ohne Kerzen lese ich nicht.“ Ich versprach es ihr.
Dann kam der Abend. Der Saal war überfüllt, wurde verdunkelt, vor Else Lasker-Schüler brannten nur zwei Kerzen. Ihre Vorlesung war ein unvergeßliches Erlebnis. Draußen lag die Welt, wütete der Krieg. Hier aber, in einem kleinen Raum, vor einer ergriffenen Hörergemeinde, erhob sich der schöpferische Genius einer Weltliebenden, von Schmerz und Liebe zu singen im Wissen um Sehnsucht und Tragik des Menschengeschlechts, strömte und blutete das Herz einer Liebenden:

Auf einmal mußte ich singen –
Und ich wußte nicht warum?
– Doch abends weinte ich bitterlich.

Es stieg aus allen Dingen
Ein Schmerz, und der ging um –
Und legte sich auf mich.

Mehrere Male kam sie nach Haifa. Immer wurden die Abende zu unvergeßlichen Erlebnissen.
Else Lasker-Schüler hatte in Jerusalem eine Vortragsgemeinschaft „Der Kraal“ gegründet, für den sie sich in rührender Weise einsetzte. Sie lud bekannte Wissenschaftler, Publizisten und Künstler zu Vorträgen ein, ließ aber auch weniger bekannte jüngere Dichter und Dramatiker zu Wort kommen. Stets trug sie selbst die Einladungen zu den Abenden aus. Etwas Indianertreues lag in der Freundschaft, mit der sie sich einsetzte. Sie schrieb kurz vor ihrem Tode einen Gedichtband Mein blaues Klavier, der zum Schönsten und Ergreifendsten der deutschen Lyrik gehört. Eine kleine Auflage wurde in Jerusalem gedruckt. Daneben beendete sie ein tollgespenstisches Stück Ich und Ich, das Hitler und Goebbels in der Hölle auftreten läßt…
Einsamkeit und Krankheit löschten sie aus. Zu Beginn des Jahres 1945 starb sie. Sie ist auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Das jüdische Volk verlor seine größte Sängerin. Die deutsche Literatur die größte Dichterin seit der Droste. Aber ihre Freunde den treuesten Freund, den sie besaßen.

F.S. Großhut, 1950

 

Else Lasker-Schülers letzte Lebenszeit in Jerusalem

Zuerst begegnete ich ihr in dem langen, dämmrigen Korridor unseres Hauses. Als ich ihr den Friedensgruß bot, fragte sie:

Sprechen Sie vielleicht gerne über Literatur? Ich hasse Frauen, die über Literatur reden.

Ich verneinte lachend ihre Frage, und wir kamen einander nahe. Lange Winterabende verbrachte ich in ihrem Jerusalemer Zimmer – in dem ärmlichen, reichen Zimmer. Da war das kleine Tischchen und darauf die kleine Dochtmaschine, auf der sie ihre kargen Mahlzeiten zu bereiten pflegte, und daneben die Schreibmaschine, auf der sie wieder und wieder ihre Gedichte schrieb. Ein Glas noch – und darin Blumen – waren auf dem Tisch, Wasserfarben und allerlei Spielsachen. In einer Zimmerecke Waschgerät, eine Leine und darauf Wäsche. An der Wand der Spielzeugkasten – ihre Puppen, ihrer Hände Arbeit, und sie liebte sie sehr. In diesen Puppen gestaltete sie die Helden eines der Kinderspiele, die sie gedichtet. Und vielfältig waren die Spielsachen in dem Kasten und in musterhafter Ordnung. Stunden konnte sie davor stehen, sie ordnen, ihnen lustige Melodien summend und die Geschichte eines jeden der Spielzeuge erzählend. – In einer anderen Zimmerecke wieder: geschlossene Koffer. In ihnen ihre Schätze, ihre Werke… Kein Bett war in dem Zimmer; ein Liegestuhl nur, über den eine bunte Decke gebreitet; und ein Püppchen, ein kleiner schwarzer Kobold, nistete darin. „Dies ist mein Talisman“, sagte sie darauf deutend, „mein treuer Begleiter durch viele Jahre.“ An einer zweiten Wand – feierlich – ein breiter Leinenstuhl, davor ein kleiner Teppich. Dies war der Platz, dem König David bestimmt. „Auch in Berlin pflegte er zu mir zu kommen“ [ihre glänzenden Augen auf den Stuhl richtend]. „Dort war er groß, überlebensgroß! Die Decke hob sich, wenn er eintrat… Aber hier – irgendwie ist er hier kleiner von Gestalt – es ist, als wenn er menschlicher, näher wäre.“ Und ihre herrlichen Augen leuchteten. Viel erzählte sie über ihre Gespräche mit David, dem König, den sie liebte.
Ihren Tag pflegte sie mit den Tauben zu beginnen, die unter ihrem Fenster ihren Schlag hatten. Jede Taube war von ihr mit einem Namen benannt, und sie fütterte sie mit Brosamen von Biskuit und Schokolade. Jenseits der Türe hörte man ihre Gespräche mit den Tauben:

Du brauner Vielfraß, friß doch nicht so viel, meine Gage reicht nicht für mehr, das ist alles, was ich habe.

Wenn sie dann die Türe öffnete, kam ein Guten Morgen, das den dunklen Gang mit Licht und Wärme füllte. Sie bat um ein Glas gekochtes Wasser mit Entschuldigung und Dank und verschwand. Morgens sprach sie nur wenig zu den Mitbewohnern, hingegen unterhielt sie sich gerne mit den Blumen im Hofe. Und einmal, als die ersten Berichte über die finsteren Untaten Hitlers kamen, erhob sie, auf der Treppe stehend, ihre Augen: „Daß jetzt noch die Blumen blühen!!“ und stieg beschwerten Schrittes hinunter zur Straße. – Einmal fand ich sie, einer Ameise den Weg freigebend, mit liebevollem Ernst, wie zu einem Mitgeschöpf: „bitte“… An einem Morgen gingen wir zusammen auf die Gasse. Plötzlich verschwand sie, kam wieder mit einem Päckchen, das mit einem rosa Bändchen verschnürt war, näherte sich dem Bettler, der in der Ecke stand und überreichte ihm das Päckchen, wie man eine Blume überreicht – „bitte“. Einen Augenblick zögerte der Bettler, dann öffnete er vorsichtig das Päckchen, und ein leises, gütiges Lächeln breitete sich über sein Gesicht, als er behutsam den Kuchen an den Mund führte. Sie kam zu mir zurück: „In Jerusalem sollten keine Bettler sein“, und mit dem ihren Augen eigenen Seherblick fing sie an, vor mir das Bild ihres Jeruschalajim“ aufzurollen. – Wieder an einem Tage hörte ich ein Weinen aus ihrem Zimmer, und als ich eintrat, erzählte sie mir tränenschwer:

Dieser Schuhputzer an der Ecke, dessen Kind, das immer mit ihm war, ich oft Bonbons gab, war heute allein und so traurig. Ich fragte und erfuhr: das Kind ist tot – Typhus…

Und dann sprach sie mir von ihrem einzigen Sohn. Sie sprach über das Bohèmeleben, das er führte, sprach von sich selbst, wie sie nicht verstanden hatte, Mutter zu sein und ihn zu behüten, erzählte von seinem Sterben und weinte bitterlich.
Einmal geschah es, daß ein Freund von ihr, ein arbeitsloser Klavierkünstler, für den sie in Jerusalem ein Konzert arrangiert hatte, durch ein Auto verletzt wurde. Sie brachte ihn in ihr Zimmer, bettete ihn auf ihren Liegestuhl und schlief selbst auf dem Fußboden. Es waren gerade die schweren Winternächte in Jerusalem, und sie besaß keinen Ofen. All meine Bitten, sie möchte doch in meinem Zimmer schlafen, halfen nichts.

Es schläft sich gut am Boden, wenn man sein Bett einem Menschen gibt.

Sie pflegte den kranken Freund Tag und Nacht, und erst als nach einigen Tagen der Zustand sich besserte, brachte sie ihn zu Freunden nach Tel Aviv.
Einmal trat ich in ihr Zimmer und erkannte ihren Tisch nicht – er atmete Feiertag: eine weiße Decke, Blumen, Süßigkeiten. In schwarzen Samt gekleidet, erwartete sie einen Gast. Es war dies ein junger, hungernder Dichter, den sie zum Abendessen eingeladen hatte. Hilfe annehmen wollte sie von keinem. Das einzige, was sie gerne von Freunden annahm, war Spielzeug.
Tagsüber arbeitete sie viel. Nachts ging es nicht, denn ihre Sehkraft war geschwächt. In den Nächten, da Jerusalem verdunkelt war, war ihr Fenster das einzige, aus dem Licht strahlte. Und wenn Aufseher kamen, sie auf das Ungehörige aufmerksam zu machen, lud sie sie ein und bewirtete sie, indem sie ihnen ihre Gedichte in englischer Übersetzung vorlas. Einmal geschah es, daß einer dieser Leute, ein junger englischer Soldat, an meine Türe klopfte und voller Begeisterung sagte:

Es wohnt hier mit Euch eine große Dichterin, Ihr müßt lieb zu ihr sein und auf sie achten!

Vieles erzählte sie mir über ihre Dichterkameraden, Freunde, mit denen sie verbunden war bis zu ihrer letzten Stunde. Über ihr Liebesleben sprach sie, in dem Licht und Schatten verwoben waren, über ihren Vater, der ihren Geist verstand, als sie noch ein wildes, ungebändigtes Kind war, über ihre wilden Eskapaden, die sie gemeinsam in ihrem Städtchen ausführten, über die Mutter und die Schwestern und über ihre phantastischen Romane.
Sie hatte ihre eigensten, vielfachen Feiertage, Gedenktage an Menschen, die ihr teuer und die nicht mehr waren. Dann schmückte sie ihre Bilder mit Blumen und Lichtern. Als die Nachricht von Stefan Zweigs Selbstmord eintraf, war sie tagelang aufgewühlt und traurig. Murrend ging sie herum:

Nur einen Augenblick… einen Augenblick nur noch… im nächsten hätte er es ja nicht mehr getan!

Immer, immer war sie in jemanden verliebt, erwartete ihn, sehnte sich nach ihm, schmückte sich für ihn, schmückte das Zimmer zu seinem Empfang, war eifersüchtig und haßte die Frauen, die sie verdächtigte, daß sie sich ihr in den Weg stellten. Sie schrieb ihm Liebeslieder und durchlebte all die Empfindungen einer Achtzehnjährigen. Als ich sie einst in einem dieser Zustände sah, fragte ich:

Wie alt sind Sie eigentlich?

Worauf sie mit großem Ernst erwiderte:

Achtzehn- und zweitausend!

Einmal besuchte uns der Dichter Kariw, und ich ersuchte sie, ihm ihre Gedichte vorzulesen. Sie stimmte zu. Sie erschien bei uns in Samt und Seide, ihr Haar frisiert, und Ohrringe – die Holzringe, die sie in Bethlehem gekauft und hellblau gefärbt hatte, als sie liebte – schmückten ihre Ohren. Ihren Hals umwand eine braunfarbige Glasperlenkette. und die Augen strahlten in ihrem edlen Gesicht. Sie setzte sich und bat, wir möchten entfernt von ihr uns auf dem Teppich niederlassen. Leise las sie mit ihrer tiefen, bewegten Stimme und war wie eingehüllt in ihr Lied. Ihr Fuß, den sie etwas über den Fußboden erhöht hielt, blieb unbewegt bis zum Ende der Vorlesung – drei Stunden lang. Sie glich einer schwingenden Saite, erzitternd in Heiligkeit, Weh und Glück! Und erst als sie aufhörte zu lesen, setzte sie den Fuß nieder, und ihre Augen kehrten aus Weltenfernen zurück. Als ich ihr am nächsten Tage sagte, daß Kariw ihre Gedichte ins Hebräische zu übersetzen wünsche, sagte sie staunend: „Aber sie sind doch hebräisch geschrieben!“ und verbot eine Übersetzung.
War sonniges Wetter, so lachte sie und war voll Humor. Wintertage stimmten sie traurig und weckten ihre Sehnsucht nach Heimat und Freunden. Als ich sie das letzte Mal in Jerusalem besuchte, fand ich sie krank. Fieberglühend lag sie im Lehnstuhl – ihrem Bett… Das Zimmer sah verlassen aus, die Blumen welk, das Geschirr war ungewaschen. Es war schon um die Mittagsstunde, und sie hatte noch nichts gegessen. Ihr Herz war verbittert und sie sagte:

Dieses Jerusalem, um dessentwillen ich als Kind schon mich mit meinen Freundinnen überwarf und um das ich aus der Schule gejagt wurde, diese Stadt, die ich so besungen habe – ein Heim habe ich nicht in ihr…

Nach Kriegsende wollte sie in die Schweiz – ins Tessin –, dort wußte sie ihre Freunde und wußte gläubigen Herzens, daß sie erwartet wurde. Im Tessin sollte das Leben neu anfangen, und es sollte ein interessantes Leben werden. Sanft legte sie ihre Hand auf die meine: „Dich werde ich mitnehmen ins Tessin“, und ihre Augen erstrahlten in Jugendlichkeit. Sie streifte ihren Ring ab und gab ihn mir. Es war ein Blechring mit einem farbigen Glasstückchen darin. Ich wußte, was dieser Ring für sie bedeutete und sagte ihr:

An Ihrem Finger ist das doch ein Edelstein, und an meinem Finger wird es ein Glassplitter – schade!

Sie lachte und küßte mich…
Ich habe ihre Augen nicht mehr lebend gesehen. – Ich kam zu ihrem Begräbnis. Sie lag einsam, schön und ruhig im Angesicht der Berge von Jerusalem. Nur der junge Dichter, den sie liebte, saß an ihrer Seite.
Sie wurde zu Grabe getragen auf den Schultern derer, die mit ihren Liedern herangewachsen waren – und wie sonst Psalmen, wurden auf ihrem letzten Wege Verse aus ihren Gedichten gesagt. So fand die große Dichterin ihre letzte Ruhe in ihrem Jeruschalajim.

Rachel Katinka, 1950

Ein Brief aus Jerusalem vom 23. Januar 1945

… heute früh um 10 haben wir unsere Tino begraben. Ich hatte keine Möglichkeit, Sie noch rechtzeitig zu verständigen. Auch Ihren wunderschönen Brief konnte ich ihr nicht mehr geben, da sie seit Tagen ohne Bewußtsein war.
Man hatte sie am 16. abends um 11 in die Hadassa eingeliefert, nachdem sie einen sehr schweren Herzanfall erlitten hatte. Ich erfuhr erst am 17. spät nachmittags, daß sie so plötzlich erkrankte. Vom 18. ab war ich täglich Vor- und Nachmittag mehrere Stunden bei ihr. Die letzten beiden Nächte und Tage habe ich sie dann nur noch vier Stunden allein gelassen; ich brachte es nicht mehr übers Herz, von ihr wegzugehen.
Sie hat entsetzlich gelitten. Das Herz wollte nicht nachgeben. Trotz starker Morphiumdosen erfolgten die Anfälle in Abständen von zehn Minuten. Erst am Montag gegen 5 Uhr morgens wurde die Atmung ruhiger. Die letzte M-Spritze brachte ihr dann die ersehnte Erleichterung. Um 7 Uhr 25 morgens hauchte sie buchstäblich ihr Leben aus, sehr leise, ohne Kampf und in großer Ruhe. Die beiden letzten Nächte waren nur ihr Freund Andreas Meyer und ich bei ihr. Als sie starb, war ich als einziger bei ihr. K. hatte vorher die ganzen Tage bei ihr zugebracht und ihr, soweit es möglich war, geholfen. Tino litt an einer Angina Pectoris, die zu einem Infarct geführt hatte. Eine Thrombose, der noch eine Urämie vorangegangen war, hat dann zum Tode geführt.
Ich habe ihr, wenn sie für Sekunden ihr Bewußtsein wiedererhielt, gesagt, daß Sie sie grüßen lassen und zu ihr kommen werden. Auch K. hat ihr etwas Ähnliches gesagt, um ihr zu zeigen, daß sie nicht allein ist.
Die Beerdigung war so würdig, wie es zu erwarten war. Ungefähr sechzig Leute erwiesen ihr das, was man so die letzte Ehre nennt.
Der Rabbiner Wilhelm sprach ihr Gedicht „Ich weiß“ aus dem Blauen Klavier. Gerson Stern sagte das Kaddisch.
K. legte als einzige auf ihr Grab wenige schöne Blumen. Und dann gingen alle zur Tagesordnung über…
Es ist eine Maske vom Gesicht und von den Händen abgenommen worden. Eine Zeichnerin hat einige Porträts versucht. Hoffentlich ist die Maske gelungen.
Ich bin todmüde und wie zerschlagen… Für heute nur diesen traurigen Gruß

Euer W.

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Carl Stern: Erinnerungen an Else Lasker-Schüler

Beitrag zum 70. Todestag der Autorin:

Burkhard Reinartz: „Meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“
deutschlandfunk.de, 21.1.2015

 

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