Heidrun Loeper: Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Mein blaues Klavier“

Im Kern

Im Kern

– Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Mein blaues Klavier“ aus dem Lyrikband Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier. –

 

 

 

 

ELSE LASKER-SCHÜLER

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
− Die Mondfrau sang im Boote −
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür…..
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
− Ich aß vom bitteren Brote −
Mir lebend schon die Himmelstür −
Auch wider dem Verbote.

 

Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Ein Klagelied, das einen Verlust – besingt. In vier von fünf Strophen wird das Schicksal eines Musikinstruments beklagt und gegenständlich geschildert: Das Klavier steht im Abseits des dunklen Kellers, beim Gerümpel, aber doch nahe der Tür. Vielleicht ist es in Eile abgestellt worden oder in der Hoffnung, es eines Tages wieder hervorholen zu können? Doch diese Hoffnung trügt: schon haben die Ratten von ihm Besitz ergriffen, seine Tastatur zerstört. Das Instrument wird beweint wie ein lebendiges Wesen. In der fünften und letzten Strophe klagt das Ich des Gedichts nun um sich selbst. Aber die Klage ist in einen Wunsch gekleidet, in den Wunsch, diese „verrohte“ Welt verlassen zu dürfen, in eine andere, bessere Einlaß zu finden – in jene hinter der „Himmelstür“! Das klingt wie ein Todeswunsch, wäre nicht das Verlangen ausgedrückt, „lebend schon“ die andere Welt zu sehen: das Paradies des Jenseits, das jedem Christenmenschen erst nach dem Tode zu schauen erlaubt ist.
Die fünf Strophen des Gedichts sind von nur zwei Reimpaaren umschlossen, die ihnen lautlich den Charakter einer Litanei geben, einem sich in jedem Vers wiederholenden Singsang. Aber der Reim gibt hier dem Klagelaut eine eigentümlich leichte, eingängige Melodie. Ihr Variantenreichtum tritt hervor, wenn Zeile für Zeile die Vokale des Reimwortes näher geprüft werden. Die Vokale ,i‘ und ,o‘ bilden das Reimpaar, wobei das dunkle ,o‘ keine Variationen erfährt. Das helle ,i‘ wird gedehnt durch ein ,ie‘ und mehrmals durch das ,ü‘ gedämpft. In der mittleren Strophe ist der Vers durch eine dritte Zeile ergänzt, und durch das dort eingesetzte harte, kurze ,i‘ hört man das Klirren des zerbrochenen Saitenspiels. Wie eine klaffende Wunde hält diese Zeile das Reimpaar offen, unterbricht sie doch dessen Harmonie und bringt das Geschehen zum dramatischen Höhepunkt, indem die erste Zeile des nächsten Verses diesen Part weiterführt: zur „Klaviatür“, dem Herzstück des geliebten Instruments, das nun zerbrochen ist, einem gebrochenen Herzen gleich. Darüber läßt sich vergessen, daß es sich um die Klaviatur des Klaviers handelt, die dem Reimpaar angepaßt wird. Nun erst kann der Kreis wieder geschlossen werden, indem auch das Thema abgeschlossen ist: mit dem schwarzen Laut der ,blauen Toten‘ ist das Reimpaar wieder vollendet. In ihm spiegelt sich noch einmal die ,verrohte Welt‘, die als Ursache für das Sterben des ,blauen Klaviers‘ klar hervortritt. Die letzte Strophe schlägt zwar das gleiche Lautpaar an, doch einen anderen Ton, ein anderes Thema. Im gedoppelten Vers verleiht sie der Sehnsucht nach einer anderen Welt flehentlichen, anrührenden Ausdruck, in dem die Harmonie das Unmögliche der Wunscherfüllung zu übertönen sucht. Der Hinweis darauf, daß vom „bitteren Brote“ schon gegessen worden ist, daß viel Leid auf dieser Welt erfahren wurde, läßt auch Todesangst ahnen vor dem, was noch bevorstehen könnte. Neben der lautlichen Prägung des Gedichts, seiner einfachen Versstruktur prädestiniert auch die Zeichensetzung den Text für einen Vortrag, ein lautes Lesen. Es war die Gewohnheit der Dichterin, ihre Dichtungen selbst vorzutragen, sie mit allen Nuancen auszuschmücken, und dazu mögen ihr auch Satzzeichen gedient haben. Hier fallen zwei Paranthesen auf, welche die darin eingeschlossenen Fügungen besonders betonen, absetzen. Eine gedankenschwere Pause scheint sich in den fünf Punkten nach der zerbrochenen „Klaviatür“ auszudrücken, als sei viel mehr als nur sie zerstört. Der Gedankenstrich im letzten Vers mag den Abstand andeuten, der zwischen dem Wunsch und seiner Erfüllung liegt.
Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie denn der Verlust eines Klaviers eine so existentielle Klage rechtfertige, fallen die Attribute und Eigenschaften auf, die ihm zugeordnet sind. Zunächst ist das die Farbe blau. Das Wort wiederholt sich als einziges im Text dreimal. Es bringt das Klagelied in Zusammenhang mit der gesamten Dichtung Else Lasker-Schülers. Die Farbe blau ist darin häufig anzutreffen und steht für die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, für Transzendenz mit dem verlorenen Paradies, für die Suche nach ihm. Dieser Suche widmete die Dichterin ihr Leben und ihre Poesie. Die Farbe blau erscheint in unzähligen Wortkombinationen: gegenständlich wie im „blauen Klavier“, im „blaublühenden Meer“, in den „blauen Wänden“ eines Zimmers, das Geborgenheit bietet… oder sinnbildlich in der „blauen Allmacht“ des Himmels, der die Erde umschließt, in der „leuchteblauen Liebe“, in „süßen Wettern mit blauen Wehen“… Besonders in den Gedichtsammlungen Styx (1902), Der siebente Tag (1905), Meine Wunder (1911) und in Hebräische Balladen (1913) ist es gegenwärtig. Dieses Wort – Gottfried Benn nannte es für sich das „südlichste Wort“ – steht bei Else Lasker-Schüler vor allem für die Fähigkeit der Dichtung, mit dem Ewigen, Unvergänglichen, Schöpferischen umzugehen. „Gottes Lieblingsfarbe“ nannte sie das Blau und fühlte sich in ihrer Dichtkunst als Mittlerin zwischen dem Alltäglichen und dem Wunderbaren, Gottnahen, wie bruchstückhaft und momentan diese Vermittlung auch immer gelungen sei. In der Liebe, in der Freundschaft fand sie die Augenblicke ganzheitlicher Welterfahrung am reinsten verwirklicht. So heißt es im Gedicht „Gebet“ (1917):

Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag

Das „blaue Klavier“ erinnert diese Tradition der eigenen Dichtung und legt nahe, daß es für die Fähigkeit zu dichten überhaupt steht. Diese eben scheint bedroht.
Das Ich des Gedichts tritt nun hervor als das Ich der Dichterin Else Lasker-Schüler selbst. Es steht vor den Trümmern seiner Fähigkeit des Spiels, seiner Einmaligkeit. Und als weiteres Zeichen des Besonderen, Unersetzbaren wird der geheimnisvolle Vorgang des Spiels erinnert: „Es spielten Sternenhände vier“ – als sei es nicht die Dichterin gewesen, die ihr Instrumentarium beherrscht hätte, sondern ein Wesen mit vier Händen – vielleicht wie im Zustand erhöhten Glücks, in einer Sternstunde, in der Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit, da Sterne auf die Erde geholt werden. Auch hier das Anknüpfen an eigene Tradition. Wie der Farbe blau kommt auch Sternen und Mond eine Wesenheit in vielen Gedichten Else Lasker-Schülers zu. Sie verwendet nicht nur das Wort dafür in vielerlei Abwandlungen, sie setzt auch Sterne als Satzzeichen in ihren zahllosen Briefen an Freunde, versieht ihre Zeichnungen zu eigenen Dichtungen mit Sternen und Monden ohne Zahl. Sie erhöhen alle Gegenstände und Personen auf spielerische Art, geben ihnen das Zeichen des Himmels auf Erden. Fast in der Nachbarschaft dazu steht das Wesen des Engels, welches Schutz verheißt, aber auch zu einem Spielgefährten gemacht werden kann. Spiel und Religiosität gehen so ineinander über, beides zusammen als Dimension des Menschlichen gefaßt.
Klagegedichte finden sich nicht selten in der Poesie Else Lasker-Schülers, aber keines stellt das Dichten selbst in den Mittelpunkt wie das vorliegende. Es entstand in den ersten Jahren der Emigration. Am 19. April 1933 war die bereits 64jährige Dichterin aus Berlin, wo sie seit 1894 gelebt hatte, nach Zürich geflohen, nachdem sie die Schrecken des Antisemitismus am eigenen Leibe erfahren hatte. Als antibürgerliche Künstlerin war ihre fragile Existenz im Kaiserreich und in der Weimarer Republik in Künstlerzirkeln, Freundeskreisen, durch kunstbewußte Verlage und Förderer recht und schlecht gesichert, hatte ihre literarische Produktion immer wieder Anregung erfahren. Mit der Errichtung des „Dritten Reiches“ war das Reich ihrer Dichtungen, in dem sie sich und ihre Künstlerfreunde mit phantastischen Mitteln zu „Prinzen“, „Königen“ und „Scheichs“ erhob und so von Karl Kraus in Wien bis zu Franz Werfel in Prag einen ganzen Kreis Gleichgesinnter in ihrer Phantasiestadt Theben vereinte, in Deutschland endgültig zusammengebrochen. Ihre Dichtungen brannten am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz zu Berlin, zusammen mit denen ihrer Freunde.
Fand nun Else Lasker-Schüler in der Schweiz, in Zürich ein „zu Hause“, von dem im Gedicht die Rede ist? Dagegen spricht, was sie am 7. Januar 1937 an den Schauspieler Ernst Ginsburg schrieb:

Ich möchte fliehen übers Meer. Wirklich! Ich habe Sehnsucht nach zu Hause nach unserm Garten und Turm. Was will die Welt von mir?

Darin drückt sich die Sehnsucht nach der Geborgenheit der Kindheit aus: Else Lasker-Schüler wurde 1869 in Elberfeld/Wuppertal in einem jüdischen Elternhaus geboren. Den Garten, den Turm ihrer Kindheitslandschaft hat sie in ihrer Prosa beschrieben. Von Zürich aus unternahm die Emigrantin mehrere Reisen in südliche Länder, nach Griechenland, Ägypten und vor allem nach Palästina: 1934, 1937 und 1939. Doch sie wollte immer wieder zurück war sie ja in der Schweiz der Sprache ihrer Dichtungen, dem Deutschen, am nächsten. Aber nichts konnte den Verlust der Freunde in Deutschland dämpfen, die nun vereinzelt, zerstreut leben mußten. Dazu gehörten zum Beispiel die Dichter Paul Zech (1881-1946), Paul Leppin (1878-1945), Albert Ehrenstein (1886-1950), der Regisseur Max Reinhardt, der ihr 1932 noch in Deutschland erschienenes Stück Artur Aronymus und seine Väter inszenieren wollte und nicht mehr dazu kam. Besonders quälte sie, daß Gottfried Benn in Deutschland geblieben war, zu dem sie seit 1912 eine innere Verbindung hatte. Sein anfängliches Interesse an dem neuen, dem nationalsozialistischen Staat, traf sie tief. In dem Gedicht „Die Verscheuchte“ (1934) beklagt sie ihr Emigrantendasein als Verlust vertrauter Menschen. Sie hat nie aufgehört, diese Menschen in ihre Dichtungen einzubeziehen, wie sie auch das „zu Hause“ in Deutschland, in Berlin lange nicht vergessen konnte:

Ich war so lange nicht in Deutschland. Nie kann ich seine Schönheit vergessen, die lieben Wälder alle bei Berlin, um Berlin… Grüße die vielen Lieben, alle sind mir Engel – sie sollen für mich beten

schreibt sie am 13. Oktober 1936 an Abraham Stenzel, einen vergessenen jiddischen Dichter.
Am 17. Februar 1937 erscheint das Gedicht „Mein blaues Klavier“ im Erstdruck, auf dessen Fassung hier zurückgegriffen wurde, in der Pariser Tageszeitung, in der viele deutschsprachige Emigranten ihre neuen Texte vorstellen konnten, da es in Deutschland nicht mehr möglich war: Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Arnold Zweig… Else Lasker-Schülers Gedicht mag sich wie ein Hilferuf gelesen haben in jenen Tagen. Als im Jahre 1943 ihr letzter und einziger Gedichtband nach 1933 erscheinen konnte, trug er den Titel unseres Gedichts. Die Dichterin lebte seit Juni 1939 in Jerusalem/Palästina, nachdem sie keine Einreise mehr für die Schweiz erhalten konnte. Freunde in Jerusalem, Emigranten wie sie oder jüdische Einwanderer wie der Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) oder der Schriftsteller Werner Kraft (1896-1991) hatten diese Publikation in deutscher Sprache befördert. So lasen ihre Freunde in Jerusalem und in aller Welt jene Widmung, die sie ihrem Gedichtband Mein blaues Klavier gegeben hatte:

Meinen unvergeßlichen Freunden und Freundinnen in den Städten Deutschlands – und denen, die wie ich vertrieben und zerstreut in der Welt, In Treue!

In Jerusalem starb Else Lasker-Schüler am 22. Januar 1945. Sie wurde am Ölberg begraben, auf der arabischen Seite. Wie sehr ihre Gedichte selbst in jenen Jahren geliebt und geachtet wurden, war auch nur wenigen Menschen der Zugang zu ihnen möglich, davon zeugt ein Brief des Arztes und Schriftstellers Paul Goldscheider (geb. 1902), der Else Lasker-Schüler aus jeder Entfernung seit 1927 freundschaftlich verbunden war. Er schrieb ihr am 12. Juni 1944 aus London:

Vor mir liegt Ihr Blaues Klavier, und ich trinke seine sternenhellen Akkorde gierig wie ein Verdurstender. Es ist gut zu wissen, daß, was immer Häßliches geschehen mag, Schönheit ist und bleibt. Mir wurde es Trost und Offenbarung und dafür wollte ich Ihnen danken.

Heidrun Loeper, aus Peter Geist, Walfried Hartinger u.a. (Hrsg.): Vom Umgang mit Lyrik der Moderne, Volk und Wissen Verlag, 1992

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