Eugen Gomringer: eugen gomringer 1970–1972

Gomringer-eugen gomringer 1970–1972

das wort
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das wort

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das wort

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das wort

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das ohnewort
das wort

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das zukunftswort
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das wort

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das abendwort
das schweigewort
das überwort
das wort

das liebeswort
das todeswort
das rote wort
das schwarze wort
das wort

das nehmewort
das gebewort
das einfaltswort
das endewort
das wort

 

 

 

nachwort: am ende der konkreten poesie?

die frage – im bereich der literatur-fragen –, die in den letzten jahren am meisten an mich gestellt wurde, war:

ist die konkrete poesie am ende?

ich habe mich selbst schon wiederholt dahin geäussert, dass die konkrete poesie als kind der fünfziger Jahre ein abgeschlossenes kapitel der internationalen nachkriegsliteratur sei. ich beziehe diese aussage auf die herstellung von konkreter poesie, so wie sie sich zu beginn, heute kann man sagen: in der klassischen periode, selbst verstanden hat. in diesem sinne sind z.b. die im vorliegenden band versammelten konstellationen ein nachtrag. wo vielleicht veränderungen festgestellt werden, dürften diese weniger in der form und der spiel-weise als in der thematik zu erkennen sein.
doch ist die konkrete poesie ein sehr weites feld geworden. sie ist bis zu den sublimsten möglichkeiten des gerade-nochexistierens, zu magischen zeichen vorgestossen, denen gegenüber die frühesten konstellationen und ideogramme als naiv-kräftige bauklötze erscheinen. sie ist aber anderseits auch zu vielseitigen intermedialen experimenten ausgefranst, welche neuer definitionen dringend bedürfen. mit bedenken wäre da zu beachten, wie oft versucht wird, von einem vermeintlichen „gruppen-hermetismus“ – einer der nicht ausdiskutierten irrtümer um die konkrete poesie! – wegzukommen und den heutigen menschen realistischer anzusprechen. das ende solcher versuche ist nicht selten, wie immer wieder feststellbar, ein subjektiver hermetismus, eine individuelle mythologie, dilettantische grafik, verlust an sprachlicher substanz, soweit man gewillt ist, auch manieristische entwicklungen der konkreten poesie anzuhängen, ist diese sicherlich noch lange nicht am ende angelangt.
auf absehbare zeit nicht auszuschöpfen ist jedoch die rezeptive beschäftigung mit der konkreten poesie. in dieser hinsicht glaubt man heute oft wieder am beginn der bewegung zu stehen. erst jetzt wird ihre eignung als aktuelles didaktisches material, ja ihre herstellung als didaktische methode erkannt. nicht ausgewertet worden sind bisher auch die auswirkungen der konkreten poesie auf nachbargebiete, in denen sie sich oft erstaunlich ansteckend erwies – nur wurde dort aus mangel an synoptischem überblick die wahre urheberschaft oft übersehen. man denke an beispiele, wo man mit exponiertem sprachlichem material zur kunstbefragung ansetzte oder wo auf die gebräuchlichen bildnerischen gestaltungsmittel verzichtet wurde, um dafür denkprozesse mit hilfe sprachlicher nachrichten in gang zu bringen. man denke an das bedürfnis nach meditation, das seit jeher eine der geistigen grundlagen der konkreten poesie war.
wenn es heute begreiflich ist, dass die quellen solcher wirksamkeit im raschen wandel leicht in vergessenheit geraten, so ist es jedoch unverzeihlich, dass die literarische tageskritik – die rühmlichen ausnahmen wissen sich von diesem vorwurf selbstverständlich frei – grösstenteils vor der konkreten poesie versagte. noch vor wenigen jahren, als bereits eine stattliche sekundärliteratur vorlag, war es möglich, dass der kritiker einer bedeutenden tageszeitung meine arbeit als ein „stammeln“ bezeichnete. der unverstand und die leichtfertigkeit einer solchen beurteilung, die gleichzeitig eine ignoranz weit über den gegenstand der konkreten poesie hinaus offenbaren, wären zu ertragen, wenn sich damit heute nicht wieder ein gefährlicher jubel über das neue „lyrische“ verbände. es darf wieder gedichtet werden – scheint einer der stossseufzer der erleichterung im jahr 1973 zu sein. die dürren jahre der „formalistischen spielereien“ – eine beliebte simple gedankenlosigkeit dieser kritiker – seien gottseidank vorüber. anschauungen und meinungen dürfen wieder in althergebrachter form zum ausdruck gebracht werden. hätte es solchen kritikern nicht wenigstens auffallen müssen, dass konkrete poesie nicht so von ungefähr und gleichzeitig in vielen ländern geschaffen wurde? dass viele konkrete gedichte gerade die lyrik ernsthaft beim und ins wort nahmen, die sie jetzt wieder zu hören vermeinen?
man wird besonders nach einer solchen lyrischen phase umso dankbarer wieder auf die konkrete poesie zurückkommen, denn je mehr neoliterarische lyrik verbreitet wird, desto wichtiger werden alle die versuche werden, deren ziel es ist, sinneseindrücke und kommunikationsbedürfnis möglichst ehrlich, das heisst gewiss nicht anbiedernd und irgendeiner „forderung des tages“ sich fügend, mit sprachlichen mitteln zu reflektieren, zu realisieren. deshalb wird der anstoss, der durch die konkrete poesie in den fünfziger jahren gegeben wurde, weiterwirken. wir haben erst ein paar bausteine des zukünftigen sprachsystems geschaffen und ahnen, zusammen mit den biologen, seine möglichkeiten.

Eugen Gomringer, Nachwort

 

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Nora Gomringer: Gedichtanalyse 2.0
Nora Gomringer: Ich werde etwas mit der Sprache machen, Verlag Voland & Quist, 2011

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
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Eugen Gomringer: kein fehler im system.

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