Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Letzte Werke (Teil 1)

Letzte Werke

 

Dass mit zunehmendem, höherem, höchstem Alter die intellektuelle Luzidität und literarische Produktivität naturgemäss abnimmt, ist werkbiographisch vielfach belegt. Die letzten Schriften von Samuel Beckett, Marguerite Duras, Michel Leiris sind beispielhaft dafür: Alternde Autoren tendieren zu immer knapperem Ausdruck, schliesslich zum Verstummen. Doch es gibt auch die gegenläufige Bewegung, den graphomanischen Altersstil, die späte Überproduktion, zu beobachten bei Martin Walser, Alexander Kluge, H. M. Enzensberger.
Im Lyrikbereich ist solch «letzte» Graphomanie eine seltene Ausnahme. Hier herrscht gemeinhin die asketische Schreibweise vor, begleitet von schwindender Ausdruckskraft, bisweilen aber auch verbunden mit merklicher Verdichtung, so wie in Ilse Aichingers späten Gedichten und Notaten oder in ihren minimalistischen «Subtexten» zu E. M. Cioran.
Schreiben, meint Aichinger, «hängt immer mit dem Tod zusammen», ist also stets ein Schwundprozess, ein Finale auf das Schweigen hin, auf die «Nicht-Existenz». – «Ich wollte am liebsten alles in einem Satz sagen», betonte sie in einem späten Zeitungsinterview: «Nicht in zwanzig.» Andernorts präzisiert sie: «Verknappung lässt sich nicht am Äusserlichen messen, sondern daran, ob jeder Satz notwendig ist.» Von solcher Notwendigkeit zeugen Sätze wie: «Es ist zu Ende.» Oder: «Ich will verschwinden.» Entsprechend bei Marguerite Duras: «C’est tout.» Das ist alles – so der Titel ihres letzten schmalen Buchs. «Man ist Null», heisst es hier: «Nichts. Eine Doppelnull.»
Für Aichinger wie für Duras war das Schreiben ein Sterbeprozess, ein Akt permanenten Verschwindens, zugleich ein Akt des Überlebens; den Tod fürchteten sie nicht, er war für sie lediglich der Endpunkt ihrer Schreibbewegung.

… Fortsetzung hier

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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