Judenstaat

Aus dem Strandkorb nebenan Schlagermusik von Radio Monte Carlo, immer wieder unterbrochen durch eingeblendete Funkwerbung, durch angestrengte Witzeleien des Sprechers; dann – fast übergangslos – folgen Nachrichten: 

Stichwort Libanon; Westbeirut weiterhin von der Umwelt abgeschnitten; Wasserzufuhr gesperrt und – ja, eben erst erfährt man es – die israelische Armee soll ein Massaker an palästinensischen Zivilisten durch rechtsgerichtete Milizen nicht verhindert, nein – ermöglicht haben; und – und – und – 

Und aus dem Strandkorb nebenan schreit einer (während nun erneut Musik einsetzt): 

»– jetzt aber weg mit dem Judenstaat; abgeschafft; damit aus diesen Israeli endlich wieder Juden werden; und überhaupt, was ist das schon – ein Judenstaat, das ist doch undenkbar, genauso wie ein Dichterstaat, ein Staat von Freien oder von Frauen, das wäre ja gelacht –« 

Und so geht das Geschimpfe weiter: ein Kleinstaat als Großmacht, das sei doch ganz und gar unnatürlich, das sei doch obszön; die Israeli müßten wieder lernen (und uns – »gerade uns Deutschen!« – zeigen), was es heißt, geistige Heimat zu erwerben, ohne eine Nation zu sein; was es heißt, Heimat zu schaffen, statt bloß sie zu haben …

»– hier reden wir von der wirklich notwendigen ›Nationalität‹. Diese Nationalität ist das menschliche Leben: wir haben ihr, dem in ihrer Entwicklung zu Erreichenden, a priori einen Wert gegeben und ich finde es richtig so. Mir ist nicht verborgen, daß hier die (reine) Philosophie aufhört (denn es ist nicht zu beweisen, wird nie zu beweisen sein, daß Nichtsein nicht ebenso gut wie Sein – und somit das Böse wie das Gute – angenommen werden kann), und ich finde es richtig so.« Und so – bis zum nächsten antijüdischen Terroranschlag – auch ich. 

Merkwürdig – im doppelten Sinn von seltsam und bemerkenswert – ist übrigens, daß in Hohls »Notizen« an keiner Stelle – auch nicht dort, wo von der unvoreiligen Versöhnung gehandelt wird – die Judenfrage zur Diskussion steht; obwohl dieser Autor sehr viel Jüdisches (von Spinoza in sich aufgenommen!?) hat: Jedenfalls ist Hohl der »jüdischste« unter den Schweizer Literaten dieses Jahrhunderts. Keiner hat dem »Abdrehen ins Außen« soviel Kraftzuwachs abgewonnen wie er; er widerlegt (und bestätigt zugleich durch sein Werk) das Wort, wonach das »Leben« jener Ort sei, an dem man nicht mehr leben, nur noch überleben könne: das Ghetto. 

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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