Franz Baermann Steiner: Am stürzenden Pfad

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Franz Baermann Steiner: Am stürzenden Pfad

Steiner-Am stürzenden Pfad

FERN VON ITHAKA

Dies ist die zeit (o wind überm meer,
Wind von Ithaka, frühlingwind),
Wenn in der heimat der schäfer
Geht durch den blauen abend, als wäre er lang
aaaaaunterwegs;
Länge seiner schritte und sklavenwehmut der augen
Genährt von kleinem
Bruchteil der wanderschaft;
Damals hüpften die kinder
Über die wurzeln der buschigen dämmerbäume,
Bargen sich, da er von ferne zu ferne vorbeischritt.

Qual und ein schüchtern verlangen,
Das keim und kapsel haarig überspinnt,
Lind durch die brust steigt, daß die früchte
Erwählbar werden…
Verloren werden..
Verwesen.
Vernimms, da die goldnen kraniche
Sich drehn am gewölbe, der nacht geduld
Stimme und stirn beklemmt.
Die sehnsucht vernimm und laß sie vorüberwallen.

Das schiff fährt zitternd, das kinn ist auf die brust gesenkt,
Mond ist voll und segel zerrissen,
Bernsteinaugen der frau
Im frierenden flickwerk,
Erwählbar werden.. verloren..
Damals hüpften die kinder
Über die wurzeln..
Die jüngst, ein leichtes kätzchen, spielte,
Hängt in der hohen jahre armutwind
Die leere der enttäuschten brüste.
Kinder hüpften und bargen sich.
Bäume gefällt und flott
Versanken ins meer.

Aber es blieb die zeit,
Wann in der heimat der schäfer
Geht durch den blauen abend, aIs wäre er lang unterwegs.

 

 

Nachwort

„Kleine vermerke am stürzenden pfad“

Franz Baermann Steiner war einer der letzten bedeutenden Dichter der Prager deutschen Literatur. In den Jahren um 1940, als die Prager Schule schon zersprengt war, schuf er in England ein großangelegtes lyrisches Werk, das ihn als einen der bemerkenswerten Dichter der Jahrhundertmitte ausweist. Denn da die alte Welt, der er verpflichtet war, in Trümmer zerfiel, verlieh er der Lyrik eine neue, ethisch ausgerichtete Spannung und dem dichterischen Wort eine durch Erfahrung überzeugende Würde. Landschaften und Menschen, Intimes und Soziales vermochte er in einer „Sprache der Dringlichkeit“ zu „beschwören“. Indem er sich zugleich dem religiösen Erleben wie auch dem politischen Handeln zuwandte und diesen sich selbstkritisch, aber mit innerster Anspannung hingab, setzte er schließlich die Geschehnisse seiner fluchwürdigen Zeit in eine zumeist stille, immer wahrhafte Sprache um.
Schon früh wurde seine Bedeutung von einigen Zeitgenossen erkannt. Etablierte Dichter wie Stephen Spender und Gottfried Benn, aber auch jüngere wie Johannes Bobrowski entdeckten Steiners Werk bei der Erstveröffentlichung einiger Gedichte in maßgeblichen Zeitschriften. Doch das Scheitern einer wichtigen Buchpublikation und der frühe Tod des Dichters bald danach verhinderten Steiners Weg in die Öffentlichkeit. Der kalte Krieg, der das alte Europa abermals zersplitterte, und die mit der Teilung verbundenen Wandlungen von Politik und Poesie in Ost und West verbauten den Weg für Steiners dichte, manchmal schwierige und immer anspruchsvolle Sprache. Heute dürften jedoch die Vorbedingungen für die Aufnahme dieses deutschen Dichters, der in seinem Leben höchstens ein paar Wochen in Deutschland verweilte, weitgehend erfüllt sein.
Steiners Werk war schon der Anlage nach vielgliedrig: Die große, mit langem Atem in vielen Zyklen sich ausbreitende Sammlung von Gedichten, die den Mittelpunkt seines Schaffens bildet; eine Fülle wissenschaftlicher Essays zur Sozialanthropologie; und buchstäblich tausende Aufzeichnungen, die in Form und Inhalt zwischen wissenschaftlichem Denken und lyrischer Intensität vermitteln. In diesen Feststellungen und Versuchen heißt es einmal: „Die wirklichen Begebenheiten eines Dichterlebens erklären das Grundsätzliche allen Dichtens besser, als Mythen es konnten. Ja, manches kann man kaum von Mythen unterscheiden…“ Was wäre das Grunderlebnis von Steiners Leben, das in seinem Schaffen geradezu als Mythos zum Ausdruck käme? Von seiner Heimat in die Fremde verbannt, mußte Steiner zusehen, wie seine Familie, sein Volk und sein Land der Vernichtung ausgesetzt wurden. Zwar kein Opfer im Üüblichen Sinne, nahm er jedoch das Schicksal jenes Volkes auf sich, bis das Leid auch ihn zerbrach.
Er selbst hat seinem Leben in den Eroberungen eine mythische Gestalt verliehen, jenem „metaphysischen autobiographischen Gedicht“, welches das „Kernstück meines Werkes“ bildet. Hier begreift er sich als Wanderer, als Einsamer, als Sterbender. Eine Zigeunerin deutet ihm das Schicksal: „Reisen, reisen, reisen… in keinem Lande daheim. … Einsicht, aber kein Glück.“

Franz Steiner wurde 1909 in Prag geboren. Er teilte in vielem das Schicksal und die Eigenheiten der deutsch-jüdischen Autoren jener Stadt. Das Elternhaus war bürgerlich und Steiner wuchs in assimilierten jüdischen Verhältnissen auf. Man wohnte im Vorort Karlín, jener „hinkende(n) vorstadt“. Als das Wachsleinen- und Linoleum-Geschäft des Vaters gedieh, zog man in die Prager Innenstadt. Der Vater Heinrich Steiner stammte von Landjuden aus dem südlichen Egerland, einem Ausläufer des Böhmerwaldes ab, die Mutter, Marta, geborene Gross, kam aus Prag. In späteren Jahren, alter jüdischer Sitte folgend, nahm Franz den Vornamen des Großvaters Baermann an und nannte sich Franz Baermann Steiner. 1913 wurde seine Schwester Suse geboren, die 1932 mit neunzehn Jahren einer Streptokokkeninfektion erlag. Ihr Tod war der erste von vielen Schicksalsschlägen, die Steiner immer härter treffen sollten. „Erinnerung an den Neusiedler See“ hält später die Trauer um Suse fest.
In den Sommerferien wandte sich der Knabe der Natur zu, er entdeckt sein Interesse für Biologie: „Atemlos wandernd entlang dem verbrannten feldrain; / Flatternd zu häupten das grüne schmetterlingsnetz“. Die Faszination hält an, doch wird der Fortschritt durch eine Augenschwäche behindert, die ihm das Mikroskopieren unmöglich macht. Dafür stößt man in den späteren Gedichten immer wieder auf botanische oder zoologische Einzelheiten, „Dukatenfalter“ und „Ringeltaube“, Schildkröten und Schnecken finden Eingang ins Gedicht. Das schlechte Sehvermögen wird durch eine Dichtung des Sehens wettgemacht. Schon früh wird auch das Lesen zur Lebensnotwendigkeit. Reiseliteratur zieht den Jungen an, vor allem Robinson Crusoe. Später kommt die Bekanntschaft mit der Mystik Jakob Böhmes hinzu sowie die Vertiefung in fernöstliche Religionsphilosophie. Steiners Exemplar der Bhagavadgita trägt die Inschrift „Prag Januar 1927“. Noch in der Oxforder Zeit galt ihm die Gita als Lieblingsbuch. Dann, im Jahre 1926, begann mit dem Eintritt in den Roten Studentenbund die „Zeit meines Gymnasiastenkommunismus“, wie Steiner rückblickend bekannte, „als ich von Versammlung zu Versammlung lief und Marx und Trotzki auswendig kannte“.
Im November 1928 beginnt Steiner zu dichten. Die frühesten Texte müssen als verloren gelten, doch deckt sich das Erhaltene durchaus mit folgender Beschreibung eines Jugendfreundes. „Die ersten Verse entstanden wie zufällig, waren in der Thematik phantastisch, halb von [E.T.A.] Hoffmann, halb von dem nächtlichen Zauber des alten Prag erfüllt.“ Man fühlt sich an Hugo Salus und Gustav Meyrink erinnert. In ihrer Form strahlten die Gedichte schon Eigenständigkeit aus, wiesen aber auch den Einfluß Momberts und der damals beliebten Übersetzungen östlicher Lyrik auf, dann kommen Reime hinzu. Später ersetzt Rilke Mombert als Wegbegleiter, bis es eines solchen nicht mehr bedarf.
In dieser Zeit beginnt auch das Reisen, bald mit den Pfadfindernden „Landfahrern“ – in den heimischen Böhmerwald, weiter nach Dalmatien, da in dem Heranwachsenden die Liebe für den Süden erwacht, auch nach Südfrankreich, Palästina, Zypern und Griechenland. Der eher kräftige Junge (Steiner war ein guter Boxer und ein wendiger Ringkämpfer) erleidet 1929 während eines Sommeraufenthaltes in Dalmatien einen schweren Unfall. Die Neigung zum Exzeß und die eng mit dem Reisen verbundene Liebe zur Gefahr beginnen nun auch die Gesundheit zu unterminieren, und so entwickelt sich Steiners charakteristische Lebenskonstellation. Reiseliteratur und jugendlicher Marxismus erwecken das Interesse für ferne Völker. Im Orient waren es China und Indien, die ihn besonders anzogen, später kam die arktische Ethnologie als Lieblingsgebiet hinzu. Auch hier sind es Extreme, die ihn reizen.
Die Schulbildung folgte dem üblichen Weg jener Jahre, unterstützt vom gebildeten Elternhaus. Nachdem Steiner 1920 in das deutsche Staatsgymnasium in der Stephansgasse eingetreten war, wechselte er 1925 in das Staatsrealgymnasium in der Heinrichsgasse, wo er 1928 die Reifeprüfung ablegte.
Da an der Prager Deutschen Universität die Möglichkeiten für die ersehnte ethnologische Ausbildung eingeschränkt waren, entschloß sich Steiner, als er sich immatrikulierte, semitische Sprachen zu studieren. Um modernes Arabisch zu lernen, verbrachte er 1930-31 ein Jahr an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er wohnte bei dem aus Prag stammenden Philosophen Shmuel Hugo Bergman, dem Jugendfreund Kafkas, und blieb zeitlebens mit Bergman und seiner Frau Else befreundet. Jerusalem erlebte er als Wiedergeburt: „Er glaubt…, daß er vor jahren stand vor der Heiligen Stadt“. Palästina wird in Gedichten gefeiert, die an Else Lasker-Schüler erinnern. Von nun an empfindet sich Steiner als Orientale im Westen.
Vermutlich war nicht zuletzt die Bekanntschaft mit Hugo Bergman maßgebend für Steiners Entwicklung. Gemeinsam mit Gershom Scholem und J.L. Magnes gründete Bergman die zionistische Bewegung Brit Shalom, die eine gemäßigte Politik und einen Ausgleich mit den Arabern suchte. Man beriet sich bei den Bergmans über aktuelle Probleme, und Steiners jetzt beginnender Zionismus verfolgt die Richtung von Brit Shalom. Das ist in dem frühen Aufsatz „Orientpolitik“ aus dem Jahre 1936 erkennbar. Hier plädiert Steiner für Modernisierung und für Kontakt mit den fortschrittlichen Kräften unter den Arabern. Erst unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs verändert sich Steiners Position. Der dichterische Pazifismus der Eroberungen wird 1942 durch das Memorandum abgelöst, in dem Steiner mit anderen Mitgliedern einer jüdischen sozialistischen Partei die englische Regierung auffordert, jüdische Kampfeinheiten zuzulassen, und schließlich 1946 durch den großen „Brief an Herrn Gandhi“, mit dem Steiner versuchte, Gandhi als idealen Fürsprecher aller Asiaten, also auch der Juden, zu einer judenfreundlichen Politik zu bewegen. Gandhis gewaltlose Haltung habe keinen Sinn, da die Existenz eines ganzen Volkes von Gewalt bedroht sei. Die Selbstwehr der Juden in Palästina sei gerechtfertigt. Steiner glaubte an die politische Wirkung dieses Briefes, und tatsächlich hat sich später Gandhis Einstellung den Juden gegenüber gemildert. Was Steiner betraf, war in ihm inzwischen die Einsicht gereift, Israel habe nur als Theokratie eine Zukunft. Mit dem Zionismus war auch der Sinn für das Judentum als Religion erwacht. Nach der Rückkunft aus Palästina und später, während des Krieges, pflegte er zunehmend jüdische Bräuche und Riten.
Steiner war in der künstlerischen Welt beheimatet. Er war mit dem Avantgarde-Photographen Frantisek Dřikol befreundet, der Steiner vor seiner Palästina-Reise das Photographieren beibrachte. Steiner machte einige schöne Bilder auf seiner Reise, weitere gute Aufnahmen in Ruthenien. Später beschränkte er sich eher auf Porträts – etwa von Veza Canetti und Iris Murdoch. Dřikol porträtierte Steiners jüngere Schwester Suse, und die Profilaufnahme, die Steiner 1932 nach der Rückkehr aus Palästina zeigt, dürfte auch von Dřikol stammen, zumal sie die Wende in Steiners Leben symbolisch wiedergibt.
Steiners literarische Laufbahn schien auf eine Weiterführung der Prager Schule hinzudeuten, auf die Bildung von neuen Dichterkreisen. Er kannte zwei Größen der älteren Generation, Hugo Salus und Paul Leppin, und begegnete jüngeren Autoren wie Werfel und Brod. 1929 traf er in der Neuen Freien Gruppe mit Paul Leppin jr., Friedrich Ost und Wolf Salus, dem Sohn von Hugo Salus, zusammen, 1933 mit dem späteren Germanisten Heinz Politzer. Dann bildete er mit H.G. Adler, dem späteren Musikologen Peter Brömse und dem später im Krieg gefallenen Helmut Spiesmeyr eine neue Gruppe, die aber kaum in die Öffentlichkeit gelangte. Die ersten Veröffentlichungsmöglichkeiten taten sich auf. Ein Gedicht erschien 1933 im Prager Tagblatt, 1935 kam Steiners Übersetzung der Planeten des tschechischen Dichters Emanuel Lešehrad im bekannten Orbis-Verlag heraus. In den Wiener Jahren entwickelte sich eine Freundschaft zum jungen Dichter Paul Bruell, und hier fand 1937 auch die entscheidende Begegnung mit Elias Canetti statt. Zur Lyrik traten jetzt auch andere literarische Formen hinzu. Manche frühen Novellen haben sich erhalten, die Romanprojekte Der Friedhof von Turschau und Die Pickiade gelten als verloren. Das ebenfalls verlorene Dramen-Fragment über Ramon Lull reflektierte wohl den Prager Mystizismus jener Jahre. Allerdings scheint Steiner nicht ernstlich daran gedacht zu haben, sich als Dichter seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vielmehr setzte er seine Studien konsequent fort – auch aus prinzipiellen Gründen. Schon 1933 nämlich „verbot ich mir selbst die Veröffentlichung in deutscher Sprache, eine Art selbstverhängtes ,Schreibverbot‘ also“. Das war das erste Opfer, das den Weg in die Öffentlichkeit verbaute.
Nach dem Prager Studienabschluß im Jahre 1935 mit der Dissertation „Studien zur arabischen Wurzelgeschichte“. begann Steiner das Ethnologie-Studium in Wien. Seine ethnographischen Anfänge sind der damaligen Kulturkreis-Methode verpflichtet, deren Einfluß sich bis in die Oxforder Jahre erkennen läßt. Schon 1936 jedoch ging er nach London, um am Britischen Museum zu arbeiten und bei Bronislaw Malinowski die moderne Feldforschungs-Methode zu erlernen. Ethnographische Einzelheiten sollten nicht wie in der mitteleuropäischen Schule theoretisch im großen, vergleichenden Kontext erfaßt werden, sondern in ihrer konkreten sozialen Situation. Die Lyrik Steiners reflektiert zunehmend die spezifische soziale Bezogenheit von Bildern und Begebenheiten, indem er Szenen, Landschaften, Kultur und Menschen als reale Einheit behandelt. Bei einer kurzen Forschungsreise nach Ruthenien, seit 1918 dem Osten der Tschechoslowakei eingegliedert, sollte 1937 die neuartige Forschungsmethode erprobt werden. Das Gedicht „Ruthenisches Dorf“ bezeugt die Sicht des Anthropologen, indem es diese Welt in realistischer Weise festhält. Wie in Prag und Jerusalem begegnete dem jungen Wissenschaftler in Ruthenien eine gemischte Gesellschaft, in der verschiedene ethnische, religiöse und soziale Gruppen zusammenlebten. Sein Interesse galt den Zigeunern, die Steiner – dank ihrer indischen Herkunft – den Juden gleich als Orientalen im Westen verstanden haben dürfte. Die Ode „Zigeunerinnen“ bekundet seine Verbundenheit mit diesem Volk.
Der heiteren, ausgelassenen Wiener Zeit folgten düstere Jahre. Nach der Rückkehr aus den Karpaten hielt Steiner in Prag seine erste Vortragsreihe zum Thema „Die Kunst der Primitiven“. Anders als in seinen späteren ethnologischen Arbeiten deckt sich hier in ganz offenbarer Form das künstlerische mit dem wissenschaftlichen Bemühen. Die Parallelität schien auf eine glückliche Laufbahn hinzudeuten. Doch dies war der letzte Besuch in der Heimat, der letzte Aufenhalt in einem deutschsprachigen Milieu, und die weitere Laufbahn sollte alles andere als leicht werden. Prag und die Eltern hat Steiner nie wiedergesehen. Von London aus besuchte er noch den Zweiten Internationalen Ethnologenkongreß in Stockholm, doch wurde er nach dem Münchener Abkommen im September 1938 und endgültig 1939 nach der Besetzung Prags zum Flüchtling. Später hielt er fest: „Meine Heimatlosigkeit ist die Welt.“
In einer Hinsicht hatte Steiner Glück. 1939 lernte er den klassischen Philologen Christopher Cookson kennen, bei dem vor dem Ersten Weltkrieg Ernst Stadler studiert hatte. Cookson lud Steiner auf einen kurzen Besuch ein, daraus wurde ein jahrelanges Wohnrecht Steiners, der schließlich bis zu Cooksons Tod als sein Gast in Oxford verweilte: „Vor einer Bücherwand saß ich und fraß mich durch, und sie wuchs immer nach, und der gute alte Herr hatte seine Freude daran“. Nun konnte der Unbemittelte, zum Teil von Cookson unterstützt, später auch als erster Stipendiat der tschechoslowakischen Exilregierung, unter Anleitung von A.R. Radcliffe-Browne sein Studium mit einer Dissertation, „Eine vergleichende Studie über die Soziologie der Sklaverei“, fortsetzen. Das Sujet war ihm „Pflicht“, war „Opfer“. Zu allem Unglück verlor er 1942 die Arbeit mit allen Materialien bei einer Bahnreise zwischen Oxford und London. Der Verlust hat ihn zutiefst getroffen. Von diesem Schock hat er sich nie wieder erholt. Schon zu seinen Lebzeiten wird der Verlust zum Bestandteil der Legende, die sich um den Dichter bildet. In mühseliger Kleinarbeit nimmt Steiner das Thema wieder auf und beendet 1949 die zweite Fassung. Die Abwesenheit der Oxforder Professoren und die Schwierigkeiten bei der Wiederaufnahme der Dissertation kamen vermutlich dem Dichter Steiner zugute. Während des Weltkriegs beginnt eine ungeheure dichterische Produktivität, die große Wendung in Steiners Kunst. Es entstehen jetzt gut ein Drittel der Gesammelten Gedichte.
Während der Arbeit an der Dissertation vollzieht sich in den vierziger Jahren eine Wandlung in Steiners Anthropologie, analog der großen Wende in der Lyrik. Es wird ihm jetzt die formale Soziologie Simmelscher Prägung zum Paradigma. Sklaverei bedeute eine von jeglicher Verwandtschaftsbeziehung abgetrennte Existenz. In dieser Hinsicht ähnelt der Sklave dem Fremden, dem Reisenden, dem Exulanten. Das wissenschaftliche „Opfer“ Steiners spiegelt das Schicksal der jüdischen Nation, stellt eine unmittelbare Beziehung zum versklavten Volk her. Verwandte Gedankengänge spiegeln sich in den Feststellungen und Versuchen, die ab 1943 entstehen. Steiners Denken erreicht den Grund, den seine Lyrik zunehmend berührt. Im langen Augenblick des Wahnsinns hegt der Dichter die Lauterkeit des Wortes. „Ein Leben ohne Leid ist wertlos. Eine Welt ohne Leid ist Wert-los.“ So wird am Ende der Aufklärung die Aufklärung auf den Kopf gestellt. Nun heißt es: „Der leidende Mensch ist das wichtigste Geschöpf der Welt.“ Steiners milder Glaube an Bildung und Fortschritt wird schwer angegriffen: „Der Zivilisierungsprozeß ist die Eroberung des Menschen durch die Naturkräfte, die Dämonen“, heißt es jetzt in der großen Aufzeichnung Über den Prozeß der Zivilisierung. „Es ist der Marsch der Gefahr ins Herz der Schöpfung.“ Gefahr ist nun allgegenwärug, mitten in der Gesellschaft. „Wer dies erkennt, lebt in der Nacht der Verzweiflung. Die erhellt nur ein einziger Stern, der Stern einer Doppellehre vom Menschen, der in Seinem Ebenbild geschaffen, von der Gesellschaft, deren Grenzen im Bund unverrückbar festgelegt sind.“ Solche Einsichten, in dunkelster Stunde gewonnen, bilden den Ausgangspunkt für das reife Werk. Sie spiegeln sich gleichermaßen in Lyrik und Wissenschaft der späteren Jahre.
Die Aufzeichnungsform, die er in der Einsamkeit entwickelt, hilft ihm, nicht nur sein Denken bis an ein Äußerstes heranzuführen, sondern auch dem Einfallsreichtum seiner zum Universalwissen heranreifenden Bildung in eine knappe Gestalt zu bringen. Dichtung, Wissenschaft, Zeitkritik, Religion: Alles findet in dieser Kurzform den angemessenen Ausdruck. So treten die Aufzeichnungen in direkte Beziehung zur Wissenschaft, verzahnen sich aber gleichzeitig mit der lyrischen Produktion und eröffnen den Weg zu den späteren reflexiven Gedichten.
Die Lyrik Steiners wird zunehmend durch die metrischen Studien, die in der Nachfolge Klopstocks zu den strengen Oden „Wandlung flußabwärts“ führen, gefestigt. Neben lyrischen Sujets findet jetzt auch das Zeitgeschehen ausdrücklichen Eingang in den Vers. Durch diese Klärung wird schließlich ab 1940 die strenge Versform der Eroberungen ermöglicht, wodurch lyrisches Sagen das gleiche schwere Gewicht erhält wie wissenschaftliches Denken. Die Idee der „Sklaverei“ tritt im Denken Steiners in eine Wechselbeziehung mit der der „Eroberung“, indem er beide Begriffe umdenkt, wobei er mit einer charakteristischen Geste die herkömmliche Begrifflichkeit aufhebt. „Sklaverei“ sei ein Konstrukt westlichen Denkens, des westlichen Eroberungswillens. „Eroberungen“ seien lediglich das Eigene, das es aufzuopfern gilt. Die Einsicht steht fest. Der Augenblick des Anti-Kolonialismus ist da. Indem sich der Westen zerstört, demontiert der Dichter das westliche Ich, das sich seit der Renaissance zunehmend in Philosophie und Lyrik sowie in der Unterdrückung des Anderen behauptet hat. Wie sich aus der Dissertation das wissenschaftliche Spätwerk entfaltet, gruppieren sich nun um das große Projekt Eroberungen Steiners andere Zyklen wie von selbst. Wenn jene den religiösen Mythos gegen den Krieg einsetzen, so greift Steiner in den Variationen bewußt die Lieder nur jener Völker auf, die am Krieg nicht teilnehmen. Der Dichter versteht sich als „Einsamer“, als „Hüter der Mythen aller Völker“. Die Identität als Prager deutsch-jüdischer Dichter, stets fremden Einflüssen aufgeschlossen, erweitert sich zu einer weitausholenden, allen Völkern, Kulturen und Religionen hingegebenen Persönlichkeit, in deren Lyrik die von Herder und Goethe eingeleitete Weltliteratur einen neuen Höhepunkt feiert. Doch gerade das, was das Volkslied seit dem Sturm und Drang charakterisiert, nämlich die liedhafte Strophenform, streift Steiner in den Variationen ab, um den brüchigen, archaischen Kern der Gattung herauszuarbeiten.
In England setzt sich das literarische Leben fort. 1939 greift Canetti die Wiener Freundschaft mit Steiner auf, jenem wird der Zyklus Bilder und Berichte gewidmet, und es entfaltet sich eine intensive Beziehung sowohl zu Canetti selbst als auch zu Veza. Steiner befreundet sich mit dem  englischen Dichter David Wright, durch diesen lernt er Tambimuttu kennen, eine führende Figur der damaligen Literaturszene, und so kommt es mit der Aufhebung des „Schreibverbots“ zur Veröffentlichung mehrerer Gedichte in Poetry London. Die Publikation deutscher Gedichte mit englischen Übersetzungen in London mitten im Weltkrieg spiegelt die vertrackte Lage Steiners im Exil wider. Schon früher entstehen auch Beziehungen zu den Exildichtern, so zum jungen Georg Rapp, der mit seinem Narrenspiel hervortritt. Die junge, heute in Israel lebende Dichterin Eva Erdélyí stößt auch zu Steiners Kreis. 1943 kommt es zu einer Lesung aus den Eroberungen, für die der Autor eine einleitende Erklärung schreibt. Die Lesung erregt Aufsehen bei den „Spitzen der Emigration“, wie die Freundin Esther Frank berichtet. Dann, wohl erst nach dem Krieg, lernt Steiner Erich Fried kennen, mit dem er 1947-50 zum Mittelpunkt einer Dichter-Gruppe wird, zu der neben Georg Rapp auch H.G. Adler, der Dichter und Psychologe Hans Werner Cohn und der spätere Germanist Hans Eichner gehören. Jetzt schließt er auch Freundschaft mit Michael Hamburger und seiner Frau Anne Beresford. So formte sich der unmittelbare Wirkungskreis, durch den Steiner später langsam zum Durchbruch gelangen sollte. Zu seiner Tragik gehört es aber, daß sich sein einsames Schaffen trotz der sozialen Verbundenheit zu Lebzeiten nicht durchzusetzen vermochte. Steiners Lyrikband In Babylons Nischen, vom Willi-Weismann-Verlag geplant, scheiterte an der finanziellen Lage des von der Währungsreform getroffenen Verlages und gelangte 1950 nicht über das Umbruchsstadium hinaus. Er dachte daran, das Dichten aufzugeben, schrieb kaum neue Gedichte, wollte sich (wenig glaubwürdig) der Malerei widmen. Die einzige selbständige Veröffentlichung zu Lebzeiten blieb das 1947 von Erich Fried auf grauem Papier hektografierte Heft Gestade.
1945 erfährt er vom Tod der Eltern in Treblinka. Die Nachricht hat er nie verwunden. Auch die Familien der Eltern sind fast vollständig vernichtet worden. Er berichtet später: „Beide sehr umfangreichen Familiengruppen sind durch die Nazis umgekommen, die väterliche Familie sogar spurlos.“ Im Jahre 1945 vertieft sich auch die Trauer in den Gedichten. Die Gesundheit Steiners, schon dadurch geschädigt, daß die Wirtschafterin seines Gastgebers seine Rationen selbst aufaß, und Steiner dadurch zeitweise Hunger leiden mußte, wird nun angegriffen; 1946 erleidet er einen Nervenzusammenbruch, 1949 eine Koronarthrombose. Die Krankheit macht ihm das Atmen schwer, im Oxforder Institut wird ihm ein Stuhl auf dem Treppenabsatz eingerichtet, damit er auf halbem Wege ausruhen kann. In diesen durch Leid und Krankheit gezeichneten Jahren entstehen Steiners späte, exemplarische Gedichte, in denen sein Können einen Höhepunkt erreicht, es verdichten sich die gebetartigen Monologe, 1947 verfaßt er das große Trauergedicht „Gebet im Garten“. Als Ethnologe hat Steiner ein eigentümliches Verständnis für seinen Zustand: „Bei manchen Völkern wird das zu opfernde Tier besonders sorgfältig getötet, damit ja kein Blut vergossen wird. Der Herzkranke ist so ein Opfer.“ Das „Herz“, stets Schlüsselwort in seiner Dichtung, wird zur Wunde.
Mit der Promotion 1950 und dem Beginn der Lehrtätigkeit etabliert sich Steiner als Wissenschaftler, eine außerordentliche Professur steht in Aussicht, Hugo Bergman will den erfolgreichen Anthropologen zu Vorträgen nach Israel einladen, auch eine Professur an der Hebräischen Universität scheint möglich, wenn Steiner auch nie ernstlich an die Ausreise nach Israel denkt. Ernster sind die geplanten Forschungsreisen nach Afrika. Nun wird er zu einer führenden Gestalt im kleinen Kreis um E.E. Evans-Pritchard, aus dem die moderne angelsächsische Sozialanthropologie hervorgeht. Seine Präsenz am Institut, der Ruf des „Dr. Steiner“, seine Universalbildung wird auch von Studenten anderer Fakultäten wahrgenommen. In rastloser Arbeit entsteht ab 1950 in wenigen Monaten ein wissenschaftliches Lebenswerk: Die Vorlesungen über taboo, die das Tabu-Verhalten als Klassifikationsmittel begreifen, durch die eine Gesellschaft Werte herstellt und Gefahren bannt; die Gedanken über die Soziologie der Arbeit und über die Ökonomie der Naturvölker, in denen die substantiell verstandenen Begriffe „Arbeit“ und „Wirtschaft“ als Formen gesellschaftlicher Handlung dekonstruiert werden; und der Vortrag über den Wahrheitsbegriff der Chagga, in dem die soziale Gebundenheit aller Wahrheitsbegriffe aufgewiesen wird. Wie der Dichter wendet sich der Sozialanthropologe zunehmend dem Konkreten zu, der sozialen Realität, in der ein zunächst verborgener Sinn allmählich aufscheint.
In den Gedichten Steiners begegnet man immer wieder Frauen und Freundinnen. Zu einer dauernden Verbindung mit einer geliebten Frau ist es zeitlebens nicht gekommen. 1938 hat er sich mit der Neuseeländerin Kae Faeron Hursthouse verlobt, der die Läuterungen gewidmet sind, auch später hat er die Freundschaft mit Kae gepflegt, aber das Verlöbnis mißglückte. Dann, fast in letzter Minute, hat er 1951 Iris Murdoch kennengelernt, es entspann sich eine enge Beziehung, man wollte heiraten. Auch hier, in der kaum zu verwirklichenden Liebe des dem orthodoxen Judentum Verpflichteten zu christlichen Frauen, erkennt man die tragische Grundkonstellation des Steinerschen Lebens.
Iris ließ ein Umbruchexemplar von In Babylons Nischen binden, in das er ein Widmungsgedicht schrieb, auch schickte er ihr aus Spanien, das er auf zwei letzten glücklichen Reisen 1951 und 1952 entdeckte, späte, leichtere Gedichte. Jahre später bekannte Iris Murdoch, was Franz Steiner ihr bedeute, und erinnerte seinen Witz, seine Lebensfreude, seine Religiosität. Für eine Bindung war es aber zu spät. Es blieb ihm keine Zeit, die Isolation, wie er sie im vorletzten Lebensjahr geschildert hatte, zu überbrücken: „Es ist alles so grotesk sinnlos. … Da sitze ich also Abend für Abend, mit einem Buddhabild, einem englischen Gebetbuch, ein paar englischen Detective-Romanen, ein paar ungedruckten Gedichten und einem Bündel Arbeit. Und gleichzeitig gibt es leuchtende Länder, liebenswerte Völker…“ Sein Herz gesundete nicht. Im Herbst 1952 verschlechterte sich sein Zustand, am letzten Abend war Iris bei ihm. Er feilte noch an seinem Gedicht „Über dem Tod“. Sie hat in ihrem Tagebuch festgehalten, wie Franz ihr erklärt habe, warum es im Titel dem und eben nicht den Tod heiße. In der Nacht ereilte ihn ein Herzanfall.

Die Entstehungszeit der Gesammelten Gedichte reicht von 1929 bis 1952 und umfaßt damit fast die ganze dichterische Karriere Steiners. Die Angaben zu Entstehungsort und -zeit der Gedichte im Typoskript, die im ausführlichen Inhaltsverzeichnis am Ende des Bandes aufgeführt sind, dokumentieren gleichsam auch den Lebensweg Steiners. Freilich ist sein Verfahren alles andere als autobiographisch. Die Daten lesen sich eher wie die faktischen Informationen, die man in der japanischen Literaturkritik antrifft, die sich damit begnügt, mitzuteilen, der Dichter sei zu dieser und jener Stelle gereist und habe dort dieses und jenes Gedicht verfaßt. Doch entsteht durch die Datierung ein kompliziertes Abbild der Lebensreise des Dichters, die alle wichtigen Stationen festhält, aber auch Orte, die er wie durch Zufall besucht hat. Die Texte selbst jedoch sträuben sich gegen das, was Steiner einmal mit Bezug auf Rousseau als die Bravura des Bekennens abtat, sie widersetzen sich dem modernen Psychologismus, und das subjektive Ich der Erlebnislyrik tritt kaum in Erscheinung: „die schrift im buch / Bin ich“. Mit der Zeit jedoch gibt sich der Dichter immer mehr preis – als Trinker, als Beter, als Sünder, als Liebhaber −, und wer sich die Zeit nimmt, die Gedichte der Reihe nach zu lesen, dem fügen sich die Texte wie die Steinchen eines fragmentarischen Mosaiks zu einem Bild zusammen, in dem Inneres neben Äußerem, Gedachtes  neben Geschehenem, Erlebtes neben Geträumtem, Intimes neben Sozialem zu stehen kommt: So ergeben die Gesammelten Gedichte ein in der modernen Literatur vielleicht einzigartiges Wort-Gemälde eines Dichters in seiner Zeit.
Die rund 300 Gedichte, die wir den Gesammelten Gedichten mit einiger Sicherheit zurechnen können, repräsentieren etwa ein Viertel der Produktion Steiners. Manche Stücke hat er selbst ausgeschaltet, ein paar späte Entwürfe haben es nicht bis zur Ausarbeitung bzw. Aufnahme gebracht, und das Gros der frühen Produktion ist verloren. Als Franz Steiner 1936-38 nach England kam, ließ er rund 800 Gedichte in Prag zurück, die wohl als verschollen gelten müssen. Das Frühwerk kennen wir nur aus dem, was er im Gepäck nach London mitbrachte und vor allem – in verläßlichen zeitgenössischen Fassungen – aus der kleinen Sammlung, die er in Jerusalem für Else Bergman zusammenstellte und aus jener, die er in Wien dem Freund Paul Bruell mit einem Widmungsgedicht gab. Die tatsächliche Entwicklung läßt sich daher nur ungefähr rekonstruieren, sie tritt neben dem Weg, den die Texte selbst dokumentieren wollen, zurück.
Der vieldeutige Weg, den die Gedichte widerspiegeln, reicht von der Wiedergeburt in Palästina bis zurück in die Kindheit und endet schließlich in der Todesnacht. Das frühe „Meine Wiederkehr und keine Fragen“, das in Jerusalem entstand, dient dem Dichter als Ausgangspunkt für seine Reise. Frühe Bilder und Fahrten bringt weitere Palästina-Gedichte, der Stil festigt sich in den strengen Vierzeilern in Zwischen Stimmen und Stunden, da der Blick des praktizierenden Anthropologen menschliche Szenen im Kontext beobachtet. Die „Abwendung vom politischen Sozialismus“ markiert das Gedicht „Unter den Kiefern“. Der Anfang des Exils wird in Texten festgehalten, die bei der Reise nach Kopenhagen zur Zeit des Münchener Abkommens entstehen, „Ankunft Blau-Weiß-Gold“ und „Vor dem Aufbruch“. Mit Bilder und Berichte erweitert sich der Gesichtskreis, der Dichter wendet sich dem Mythos zu, bei der Feldarbeit in den Karpaten entsteht ein Gedicht zu Kirke, auch Odysseus und seine Nachfahren Sindibad und Robinson dienen Steiner als Modell. Mit Wandlung flußabwärts wendet sich Steiner der Odenform zu. Er entwickelt eine innovative Theorie der Metrik, in einer Anmerkung festgehalten, die mit den seit Opitz gültigen Prinzipien, bricht. Dann eröffnen sich in den meditativen Zyklen Vorklang und Läuterungen neue Ausdrucksmöglichkeiten. Dort rechnet der Dichter mit seiner mißglückten Verlobung ab. Immer wieder kommt es bei den Zyklen zu Überlagerungen und Querverbindungen, bis schließlich ein großes zyklisches Gefüge entsteht. Bezeichnenderweise blieb es in Heimaten bei einem einzigen Gedicht.
In einer Betrachtung überlegt Steiner einmal, was ihm seine Kunst bedeute: „Was ist mir mein Dichten? Ich weiß es nicht.“ Dann fährt er fort: „Ich weiß nur, was die vier Impulse sind, die mich zum Dichten bringen: Der Wechsel der Jahreszeiten, die Leiden der Menschen, die Schönheit der Frauen, Trost und Glück des Gebetes.“ Diese „Impulse“, die man ohne weiteres in Thematik und Bildwelt seiner Gedichte wiedererkennt, sind je unerläßlich: „Ohne eins der vier würde die Erlebniswelt, in der mein Dichten besteht, nicht sein. Ich könnte oder würde dann nicht dichten. Mein Dichten würde aber nicht beeinträchtigt, wenn ich keine Männer sehen, wenn ich Fröhlichkeit und Wunscherfüllung von Menschen nicht mehr feststellen könnte…“ Dichtung heißt also auch Spannung, Gegenüber-Sein, heißt sich der Natur in ihrem Wechsel und der Erfahrung hingeben. Doch was in der herkömmlichen Lyrik Liebe heißt, wird nicht als subjektive Emotion begriffen. Jenes Gefühl wird im Anderen erlebt, in der „Schönheit der Frauen“. Entsprechend begegnet man in Steiners Versen der Gestalt von Mädchen und Frauen, der Figur der Geliebten oder der Freundin. Es sind ganz konkrete Geschöpfe. Und wenn das Leid den Dichter bewegt, so ist es nicht bloß eigenes, sondern „die Leiden der Menschen“. Der Dichter seziert die herkömmliche Erlebniswelt der westlichen Lyrik und ersetzt das ausgesungene Lieben und Leiden mit erkennbaren Körpern und Bewegungen, mit Handlungen und Schicksalen.
Steiner ist ein Dichter des Leides. Dieses ist aus seiner Kunst nicht wegzudenken. Schon früh ist ihm, der es in jungen Jahren wagt, noch ein Gedicht „An den Mond“ zu schreiben, der Mond „bild des leids“, ein Mädchen wird spät der „kammwanderer des leids“ genannt, das Gebet im Garten widmet sich schließlich bis zur Selbstauslöschung dem Leide des anderen.
Eine verwandte Aufzeichnung überschneidet sich mit diesen Überlegungen: „Das Gedicht, das ich schreibe, ist für mich etwas zwischen Gemälde und Gebet, das Gedicht, das ich lese, entweder zwischen Musik und Beichte, oder etwas zwischen Gebot und Erinnerung.“ Mit den gelesenen Gedichten ist die dichterische Tradition gemeint. Bei „Musik und Beichte“ denke man etwa an die Erlebnislyrik und an jenen Strom, der von der Romantik bis zum Symbolismus, zur Poetik Verlaines und Rilkes führt, ein Singen, das Steiner in bezug auf Rilkes frühere Gedichte mit der Formel „Heimweh in der Fertigwarenwelt“ abstempelte. Bei der Formulierung „Gebot und Erinnerung“ denke man etwa an die hieratische Stellung in manchen Goethe-Gedichten, an Hölderlin oder George. Mitnichten bedeutet Steiners Betrachtung eine grundsätzliche Ablehnung solcher Dichtung, zumal auch manche seiner Lieblingsdichter sich so beschreiben ließen. Doch weist er den Leser auf die eigene Poetik hin, wie sie schon früh in den Gesammelten Gedichten zutage tritt.
Bald schon wird das Gebet im Bild der Andacht deutlich, bald zeigt sich des Dichters Hang zur bildhaften Darstellung. Gesten, Menschen, Szenen – sie alle kommen prägnant als Bild zu Wort. Der aufmerksame Leser wird hin und wieder auf direkte Übernahmen stoßen. Claude Lorrain und Vermeer sowie van Gogh und Matisse zählen zu den Malern, denen Steiner direkt nacharbeitete. Wenn manche frühen Zeilen wie ein statisches Bild wirken, runden sich manche der späten „exemplarischen Gedichte“ zu lebenden Bildern. Die Verbindung dieses ut pictura poesis mit der Haltung des Beters, also mit der Versenkung, der Hingabe, der formelhaften Wiederholung schafft einen neuartigen, stillen, zur Meditation tendierenden Stil, der seine reinste Ausformung im Gebet im Garten findet. Sinnbild für diese Haltung ist das in immer neuen Formen auftretende Bild der gefalteten Hände. Das Beten schließt aber das Bordell nicht aus: „zu keiner verbesserung mag ich mich entschließen / Bin ohne bedeutung…“
Aneignung und Verwandlung gehören zu den wichtigsten Mitteln der Dichtung Steiners. Wenn er ein Buch erwähnt, verspürt man die Lust, darin zu blättern. Lesefrüchte sind ihm stets auch Inspiration, und so leben ältere Dichter und Gedichte in seinen Zeilen stets wieder auf. Seine Dichterporträts enthalten jeweils Hinweise auf Angeeignetes, verweisen auf wiederkehrende Themen und Motive. Das frühe Stück „Chinesischer Dichter“ hieß in der Urfassung „Ode an Li-tai Po“. Es ergeben sich eine Fülle von Beziehungen zu diesem Vorgänger. Nicht zuletzt als Wanderer bietet Li Po eine Identifikationsfigur, und seine beliebtesten Motive wie Traum, Mond und Trunk kehren alle bei Steiner wieder, ja selbst das berühmte Gedicht über den Wasserfall findet ein spätes Echo in „Die Wahrheit“. Ebenso werden Donne als Priester oder Hölderlin als Deutscher in schlimmster Stunde gepriesen, der Zyklus Leser im Regen ruft sodann gleich mehrere Schriftsteller lobend und tadelnd in Erinnerung. Steiner dichtet ein Porträt Quevedos. Bis ins Detail wirken die Zeilen wie ein Spiegelbild – selbst die eigene Brille findet sich hier wieder. Die geliebten Landsleute Stifter und Kafka kehren in mehr als einer Verwandlung wieder, wobei sich auch hier feinmaschige Anspielungsnetze fortspinnen, etwa zur ethischen Naturschilderung in Stifters Witiko oder zur Türhüterlegende in Kafkas Prozeß, die Steiner als Mythos verwertet. Im Gedicht an Eliot dagegen wendet sich Steiner spöttisch gegen ein geschätztes Vorbild. Die Abwendung von Rilke wird in einem Gedicht über die Sonette an Orpheus angedeutet. Noch deutlicher freilich ist die Kritik im unveröffentlichten Vortrag Rilkes Weg zur Beschwörung, der die eigene Position als Dichter erarbeitet. So kommt es bei Steiner stets auch zu Spaltungen: „Was immer kommt: es trennt.“ Wenn Steiner hinter den Dichter-Porträts verschwindet, so muß er diese Vielfalt im eigenen Ich erfahren, das stets reisend ist, nie zur „ruhe“ kommt. Im Gedicht „Spätere Jahre des Dichters“ hält er dieses Dilemma fest: Selbst in der Sprache erfährt er lediglich „trennungen durchs eigene wort“.
Eng verwandt mit den Dichter-Porträts ist die direkte Übernahme von Textstellen. Eine Passage über Wordsworth’ Augen bei James Leigh Hunt dient Steiner als Vorlage für ein Gedicht. Stellen aus dem Tagebuch des Richard Jefferies, jenes präzisen Naturdichters, werden übersetzt und montiert und gehen verwandelt als eigenes Gedicht hervor. In einer Anmerkung bietet der gelehrte Autor dem Leser die Vorlage. Hier und an anderen Stellen mehr wird also das „vergleichende Lesen“ der Fußnote eingesetzt, das Lesen wird zum vergleichenden Quellenstudium, an anderen Stellen versteckt sich der Autor, zieht es vor, den Leser sich selbst und der eigenen Dechiffrierlust zu überlassen.
Das Montieren von Zitaten wird zur eigenen Kunst, auf die Steiner große Stücke hält. Eliots Montage im Waste Land erntet seinen Tadel, denn die bei Eliot offenliegende Zitatform muß erst abgeglättet werden, damit Eigenes entstehen kann. So stößt man bei Steiner stets auf literarische Echos, Zitiertes, das ins Verstehen eingeht. Erinnerungen an „Hälfte des Lebens“ geistern durchs gesamte Werk, Anspielungen auf „Brod und Wein“ tauchen auf, man begegnet einer Kontrafaktur zu Trakls „Traum des Bösen“, an anderer Stelle sind es Eichendorff-Anklänge, die unseren Genuß erhöhen. Dann wiederum liest sich eine Strophe wie ein Haiku, oder man stößt auf ein humorvolles Zitat aus der Zauberflöte. Es war Steiners Stolz, ein poeta doctus zu sein, ein gelehrter Dichter. Und wenn seine Art an die der Renaissancedichter erinnert, an die Poetik der Nachfolger von Petrarca oder Ronsard, für die nicht Originalität, sondern Übersetzung, Imitation, Anspielung zum Wesen der Lyrik gehörten, so haben solche Mittel auch durchaus etwas Östliches. Man fühlt sich an Bashô erinnert oder an die Art, wie die Leserschaft des Genji der Hofdame Murasaki Anspielungen und Zitat eifrig dekodiert. In anderen Gedichten wie „Der Aufseher“ ist es die Bibelexegese, die Steiner für sich in Anspruch nimmt, indem er Schrift-Stellen in der Art der Rabbiner bearbeitet. Oder aber er setzt die Kabbala für seine Kunst ein. Und doch wirkt das Gelungene direkt, unmittelbar, wortmächtig bar jeglicher Erklärung.
Einen überraschenden, wenn auch unauffälligen Perspektivenwechsel kennzeichnet häufig Steiners Blickpunkt, zumal bei der Behandlung mythischer Themen. Wenn er auf „Das Pferd in Troja“ zurückblickt, so vermeidet er die herkömmliche Perspektive – die der Eroberer aus Ithaka – das Pferd ist eben kein Trojanisches – und bedenkt das Unglück der Stadt, die Vergeblichkeit der Opfer und Gebete auf seiten der Eroberten. (Fast liest sich der Text wie eine Vorahnung des sich vorbereitenden westlichen Verrats an der Heimat.) Dann schildert „Verlassenes Haus“ Robinsons Insel nach seiner Abreise aus der Perspektive der Wilden. Und „Weib des Uriah“ behandelt ein biblisches Thema mit ähnlicher Unerschrockenheit: Nicht des Königs Lust bildet jetzt den Mittelpunkt der Legende, sondern das ungestillte Verlangen der von ihrem Mann zurückgelassenen Frau.
Der Mythos, dem Steiner huldigt, ist in der realen Welt verankert. Kommt er auf „Leda“ zu sprechen, so wendet er sich implizit gegen die malerische Verschönerung. Es ist das geschändete Kind, um das es im Gedicht geht, also eben um „Leda“ und nicht um den Schwan. Erkennen die Dorfbewohner wie auch die Eltern den Gott, so empfindet das Kind die Vergewaltigung als entwürdigende Beschmutzung. Die klassische Welt Ledas unterscheidet sich im wesentlichen nicht von der Dorfwelt, die uns in „Ruthenisches Dorf“ begegnet: Hier wie da sind es reale Gegenden, ein enges Netz sozialer Verbindungen, gelebte Landschaften, die der Dichter aufnimmt. So verrichtet er seine Feldarbeit am Mythos, faßt er Riten, Opfer und Göttliches als Teil eines lebendigen Geschehens auf. Die Aura, die dem Mythos in der Neuzeit zukommt, wird ihm genommen. Zurück bleibt eine ursprüngliche, oft einfache Menschlichkeit. Das Wilde, das Gefährliche, den Gott des Anderen werden wir gewahr.
Mit Beginn des Krieges wuchs die Verantwortung. Im Widmungsgedicht für Paul Bruell entfaltete Steiner schon früh eine Poetik des Abgrunds: „Schmucklose bilder, zeugnisse / Unverwehrter sicht; / Kleine vermerke am stürzenden pfad.“ Des Lyrikers Haltung mag bescheiden sein angesichts der Gefahr, bleibt aber nicht ohne Sinn: „Widerstand beut ihr nicht, / Doch die zeichen lebender ordnung, / Hier, die verblieb.“ In den Gedichten häufen sich die Anzeichen der kommenden Gefahr. Soldaten treten auf, zunächst fast als unschuldige Bilder. Da die Stimme reift, findet der Krieg ausdrücklichen Eingang ins Gedicht. Andere Texte hingegen folgen dem Pfad der Erinnerung, und es entstehen die melancholischen Naturbilder in Mündung und Geleise. Als zu lösendes Problem stellt sich die Frage, wie die eigene Perspektive mit dem Weltgeschehen zu verbinden ist. In „Küste im Krieg“ leitet ein Spaziergang am Meer zur Betrachtung über. „Nächtlicher Besuch“ wählt als Mittel den Traum. Die Mitschuld ist klar: „Im hurentroß der heere sind wir alle.“ Das Gedicht „In den Werften“ liefert eine Vision: Der Dichter sieht vor sich die Schiffe, die unschuldigen Flüchtlingen zum Verhängnis wurden. Auch, ja gerade das Gedicht an Hölderlin bezieht sich auf die Zeit: „Es blieben die länder der zuflucht“. Ein anderes Gedicht, „Hannibal“ genannt, wird in die Gesammelten Gedichte nicht aufgenommen. Hier war die Sprache zu deutlich. Dem Denker Steiner ist die historische Fragestellung klar: „Tätig oder leidend“ seien wir in einen „grausigen… zusammenprall gerissen…, den zwischen dem individualistischen Westen, alter demokratischer Tradition und der barbarischsten Kollektivgesellschaft, die zu erdenken möglich ist.“ Dieser Konflikt wühlt die Begrifflichkeit des Dichters auf. Plötzlich wird der dem Osten, dem Kollektiv Hingegebene ins Lager des Westens gestoßen, in dem er unter verkehrten Voraussetzungen den ursprünglichen Frieden wieder aufsuchen muß. So treibt das Zeitgeschehen den Dichter in die Einsamkeit.
In den Eroberungen schließlich findet er den adäquaten Zugang zum Zeitgeschehen: Eine metaphysische Selbstbiographie, in der sich der Sprecher dem Volke nähert, dessen gefährliches Schicksal der in Sicherheit Lebende als religiösen Mythos erlebt. Die Versform löst sich von der Metrik Klopstocks und distanziert sich von Hölderlins freien Rhythmen und ihrer Tradition, baut im Gegensatz zu ihr auf Eliots freien Rhythmen auf England ist nun praktisch und poetisch Ort der Flucht. London wird zu Babylon, denn der flüchtige Ort der Zuflucht ist zugleich Großmacht, Mittelpunkt früherer Eroberungen. Dem Besucher des Britischen Museums treten so dann die entwurzelten Götter anderer Völker entgegen: Geschichte wird durch mythische Wiederholung aufgehoben, durch die Erkenntnis der andauernden Verkettung von Verfolgung, Verbannung und Skaverei. Das Erleben reicht bis in die biblische Zeit zurück. Noch bevor der Begriff des Völkermords geprägt wurde, hat ihn Steiner im Gedicht genau erfaßt: Ausrottung ist wahllos, ist „gesetz“. Während nun der neue Eroberer wütet, der schon dadurch im Gedicht abgetan wird, da ihm kein Ich, keine Persönlichkeit zugeschrieben wird, denn im Sinne des Judentums bleibt dieser ungenannt, geht der Dichter in stiller Meditation, wie in einem Ritus der kreisenden Wiederholung, dem Wesen der Eroberung nach, und findet es im eigenen Ich verankert. Die Herrschaft, um die es geht, ist jene des Herzens. Hier, wenn nicht in der Welt, kann der einzelne sich der Macht widersetzen, vermag er sie zu zersetzen, um Herrschaft und Eroberung endgültig abzulegen. Das heißt, sein Schicksal dem Fatum anderer gleichstellen, heißt Selbstaufopferung. Wollen die Duineser Elegien den Tod überwinden, so versuchen die Eroberungen das Gegenteil: Selbstauflösung. Was dabei auf den Leser vielleicht wie Hermetik wirkt, rührt zum Teil von der nahtlosen Aneignung tief verschütteten Gedankenguts her, das den Erfahrungen sowie der Sprache des Dichters nahtlos einverleibt wurde. „Geleitstücke“ bereiten den Leser auf die Gedanken des Gedichtes vor. Anmerkungen sollen das Verständnis erleichtern. Dem Aufmerksamen geht der Sinn wie eine Erleuchtung auf. Der Sprecher wird zum „einsamen“, zum „sterbenden“, der, dem Zaddik der Hassidim ähnlich, zur „feste“ der Welt wird. Das Ich entwickelt sich im Sinne jener Religionen, die das Gedicht im synkretischen Mythos eines neuen Robinson verbindet. Der Wanderpfad verwandelt sich in den Weg des Tao, am Schluß erreicht der Sterbende einen dem Nirvana ähnlichen Zustand, die Einheit des Jichud. Das erste und das letzte Gedicht sind vorhanden. So sind Weg und Ziel klar. Steiners Notizen deuten auf Fehlendes hin, und aus Selbstzeugnissen wissen wir, daß es auf keinen Fall bei zehn Gedichten bleiben durfte, das hätte an Rilkes Elegien und an die zehn Gebote erinnert. Zu mehr als elf Teilen kam es aber nicht. Das Gedicht, für dessen Beendigung Zeit und Können durchaus ausgereicht hätten, ließ Steiner liegen. Der Anlage stimmte er später nicht mehr zu, und schließlich war 1945 der Augenblick vorbei. Blieben also die Eroberungen innerlich Fragment, so sind sie doch im wesentlichen vollständig: Ein bleibender „vermerk“ jener gefährlichen Jahre, aus dem uns der Weltordnung Gesetz mit verschwiegener Klarheit entgegenleuchtet. Wie Steiner nach dem Krieg beim Lesen der Anthologie De Profundis bekannte: „Doch geschehen ist das zeugnis, auch in strengster finsternis / Siegen die schwachen…“
Als Aussage werden die Eroberungen durch das Gebet im Garten abgeschlossen. Der Entwurf ist zugleich politisch und religiös, ein Echo der Coplas por la morte de su padre des Spaniers Jorge Manriuqe. Gleich dem Brief an Herrn Gandhi versteht sich das Gebet als Eingriff in das Zeitgeschehen. Den aktuellen Hintergrund bildet das Verhalten der britischen Regierung, die sich dem jüdischen Anspruch auf einen Staat widersetzte, indem sie den jüdischen Flüchtlingen aus Mitteleuropa die Einreise nach Palästina verwehrte. Der bekannteste Fall ist das Schiff „Exodus“, das 1947 mit deutschen und polnischen KZ-Überlebenden beladen von Genua nach Palästina reiste, aber von den Engländern nach Hamburg verwiesen wurde. Der aktuelle politische Anlaß wird zum Ausgangspunkt einer weitausholenden Meditation. Die Versenkung eines Schiffes steht für den Völkermord. Andere Schiffe, die Steiner im Gedicht „In den Werften“ anruft, etwa das Schiff „Struma“, das 1942 mit insgesamt 767 jüdischen Flüchtingen torpediert wurde, wobei bis auf einen einzigen alle ums Leben kamen, Opfer der Politik der Alliierten; oder jenes, das irrtümlich durch ein zionistisches Bombenattentat zerstört wurde. Der eine namenlose Fall im Gebet ist exemplarisch, ist der Inbegriff aller Fälle. Bei diesem Verfahren wird die Wirklichkeit aus ihrem üblichen Rahmen herausgelöst. Im Sinne der Ethik läuft Steiners Haltung auf „redistributive justice“ hinaus: Herkömmliche Unterscheidungen zwischen Freund und Feind, zwischen Gut und Böse, werden durch das Aufweisen allgegenwärtiger Schuld aufgehoben. Unter den Menschen lassen sich Gegensätze, Feindschaft, Unrecht nicht auflösen. So leitet das politische Gedicht zum religiösen Handeln über. In dieser Welt gilt auch die Kategorie Zeit nicht. Geschichte ist lediglich mythische Wiederholung. Babel liefert zwar wieder den Namen des Feindes, ist aber auch hier allgegenwärtig. Der Dichter gibt sich daher dem Gebet gänzlich hin, „Zum mund machte ich meine wunde.“ Im Gebet erwacht das Bild der Eltern wieder:

Ich seh zu meiner linken hand
Das vornehmste, das ich auf erden fand,
Ich seh meines vaters schlichtes, genaues gesicht,
Ich hör der worte leisen klang,
Die er zu der leiseren spricht;
O ihr beiden,
Was mußtet ihr erleiden.

So erreicht der Dichter anhand eines jedes Maß, jedes Verstehen übersteigenden Verhängnisses eine menschliche Aussage. Als einer der Überlebenden spricht er für die Toten: „Zeugen, zeugen, / Schließt euch in mein sagen ein…“. Das Schicksal des Volkes ist zugleich ihr Gesetz: „Alle geschöpfe müssen über das meer, / Das erbarmen gibt es nur auf dem meer“. Die Bedingung für dieses Sagen ist Selbstaufgabe. Hier geht es nicht mehr um jene Ich-Auflösung der Eroberungen. Synkretismus genügt nicht, um jüdische Historie zu gestalten. Jetzt bleibt lediglich die Anrufung des Einen „Gottes“, den Steiner hier, ein einziges Mal in seinen Dichtungen, nennt. Der Logik des Gebetes folgend, der sakralen Handlung entsprechend wird der Dichter schließlich selbst zum Opfer. Innerlich nimmt er die Schmerzen der Toten auf sich. Er empfindet ihr Leid im „herzen“, spürt ihren Tod als den eigenen: „Über mein herz ist ein großes frieren gekommen…“ Sagen läßt sich das Leid nur, wenn der Dichter Schuld und Opfertum in Wahrheit selbst erleidet.
Mit dem Gebet im Garten hat Steiner den Höhepunkt seiner Kunst erreicht. Die großen „exemplarischen Gedichte“ der letzten Jahre liefern aber eine Fülle von Erfahrungen, Gedanken und Bildern. Die Poetik des „exemplarischen Gedichts“ – der Begriff erinnert an Cervantes’ Exemplarische Novellen – verweist auf die künstlerische Ausformung realer oder real wirkender Situationen. Die Hingabe zum Konkreten, zur einfachen, urtümlichen sozialen Situation – man denke an die schwangeren Frauen und Freundinnen, die bei Steiner auftreten kennzeichnet manche der bekanntesten Gedichte. Schon früh beginnt sich die Gattung mit Gedichten wie „Kleine Tänzerin“ auszuformen, in Oxford festigt sich dann die Form, oft indem der Dichter Erinnertes verarbeitet, Erinnertes diverser Natur: Eine Liebesnacht in Marseille. Landschaftszenen. Ein Benzinfleck in einer Pfütze. Zerbombte Häuser. Nach dem Krieg vertiefen sich die Erfahrungen. Die Erlebnisschichten, die Steiners Texte beschwören, überlagern sich. „Elefantenfang“ spiegelt den alten Plan, eine Soziologie des Elefanten zu schreiben, impliziert aber auch das Leiden der Lagerinsassen. In „Kafka in England“ verschränken sich ironisch die Welten der Engländer, der Emigranten und der Opfer mit der untergegangenen Welt des Prager Dichters, dessen mit Pathos gedacht wird.
Schließlich erlebt Steiners Lyrik mit den Spanienreisen eine letzte Steigerung. Die verlorenen Gedichte aus Palästina, die er von Else Bergman zurückerhielt, werden aufgenommen und umgearbeitet. Es entstehen die wenigen Gedichte für Iris Murdoch und die Gelegenheitsgedichte aus Cadiz. Als er die eigene Heimat nicht mehr aufsuchen konnte, entdeckte er Spanien – das Land, aus dem seine Vorfahren 1492 verbannt worden waren. So schließt sich der Kreis, den die Gesammelten Gedichte nachziehen. Im Vierzeiler „Zeichen“ hatte Steiner schon früher eine neue Variation seiner Poetik verfaßt, in der sein Wesen zum Ausdruck kam: „Unruhe ohne uhr, herdlose flamme…“. In den spätesten Vierzeilern tritt endlich sein Humor, sein Sinn fürs Groteske, seine Selbstironie hervor. Späte Gedichte, die Steiner nicht aufnahm, verweisen in dieselbe Richtung. Lyrisches Sagen verbindet sich mit der von Steiner geliebten Fabelform, Mythisches verschränkt sich nahtlos mit Aphoristischem. So dient diese Lyrik stets der Wahrheit: „Welch fremdling ist das leben in der welt“.
Blieb das Lebenswerk Fragment, so ist es zugleich dem Wesen nach stets dort vollendet, wo immer sich Bild und Sagen zum Sinn verdichten. Diese Dichtung, und sei sie noch so weltlich, wird zur rituellen Handlung, zum Mittel, Gefahren zu bannen und dem Leben im Zeichen der Trauer eine bleibende Form zu verleihen. Mit typischer Bescheidenheit hält eine Aufzeichnung diese Haltung fest: „So lege ich denn das kleine Steinchen der Wahrheit auf das Grab meiner Freude…“

Die andauernde Schwierigkeit von Steiners Lage ab 1933, von der sich die Kraft seiner Dichtung herleitet, hat sich nach seinem Tode in verhängnisvoller Weise auf sein Werk übertragen und die Rezeption der Gedichte mitbestimmt. Oft fanden die Gedichte Anerkennung, doch immer wieder mißglückte der Durchbruch. Schon früh erkannte Rudolf Hartung, Steiners Lektor im Weismann-Verlag, seine Bedeutung. Dieser sei der eigentliche Dichter der Nachkriegszeit, seine Dichtungen stellten „den ersten mich überzeugenden Versuch“ dar, „unsere so grundlegend veränderte Daseinssituation mit wahrhaft adäquaten künstlerischen Mitteln auszudrücken“. Hartung verdanken wir wichtige Veröffentlichungen in Zeitschriften, aber das von ihm so verständnisvoll lektorierte Buch blieb unveröffentlicht. So verging der Augenblick der ersten Nachkriegslyrik. Dann stieß Adorno mit wahrhafter Begeisterung auf Steiner. Doch hinderten ihn seine Bemühungen um das Werk Walter Benjamins daran, Steiners Fall aufzugreifen. Adorno empfahl das Werk an Gershom Scholem. Dieser dürfte sich an den jungen Studenten im Hause Hugo Bergmans nicht erinnert haben. Für ihn war Steiner jetzt einer, den man in Deutschland veröffentliche, und dafür interessiere man sich in Israel gar nicht. So verging auch die Gelegenheit, für Steiner den Durchbruch im Umkreis von Adorno, Benjamin und Scholem zu erzielen.
Einige Germanisten haben Steiners Werk von Anfang an gefördert. Werner Milch schuf die Verbindung zum Weismann-Verlag, Peter Michelsen schrieb bald ein einschlägiges Essay, das Steiners Stellung deutlich umreißt, Hans Eichner und Lore Salzberger lieferten weitere Beiträge, auch Siegbert Prawer behandelte ihn in einem Aufsatz, der Steiner neben Paul Celan einstufte. Besonders in der englischsprechenden Welt blieb Steiners Name wach, etwa durch wichtige Anthologien. In Italien setzte sich Guidt Luzzato entschieden für ihn ein. Dann kamen auch längere Arbeiten auf Deutsch. Die weiterhin unentbehrliche Dissertation des Alker-Schülers Alfons Fleischli schuf die entscheidende Basis für die Erforschung von Leben und Werk, Marion Hermann bemühte sich um die Feststellungen und Versuche, dann widmete Jürgen Serke dem Dichter ein Kapitel in seinem Buch Böhmische Dörfer.
Es waren aber die Dichter, die am nachdrücklichsten für die Veröffentlichung der Gedichte warben. H.G. Adler sicherte den Nachlaß und edierte einen Auswahlband sowie die Eroberungen. Auch die Freunde Erich Fried und Michael Hamburger setzten sich über Jahre hinweg für Steiners Werk ein. Schließlich legte dieser einen repräsentativen zweisprachigen Auswahlband vor. Später kam Canetti hinzu, dann auch jüngere Dichterkollegen und Kritiker. Immer wieder fanden sich Zeitschriften-Herausgeber, die sich Steiners Lyrik annahmen. Das Interesse für das wissenschaftliche Werk wuchs in den letzten Jahren, die Lyrik kam wieder ins Gespräch. Mit der Übernahme des Nachlasses Franz Baermann Steiners in das Deutsche Literatur-Archiv in Marbach am Neckar und mit der Marbacher Kabinett-Ausstellung Ortlose Botschaft im Jahre 1998 begann die Heimkehr. Das vielgliedrige Europa, aus dem Steiner stammte, fand wieder zusammen. So entstanden nach und nach die Bedingungen, seinem Werk gerecht zu werden. (…)

Jeremy Adler, Nachwort, August 2000

Zur Edition

Franz Baermann Steiner erlebte nie den Druck auch nur einer größeren Auswahl seiner Gedichte, hinterließ aber den Umbruch zu einer Sammlung In Babylons Nischen sowie Pläne für eine größere Ausgabe. Die vorliegende Edition der Gedichte Steiners gibt soweit wie möglich sein eigenes Handexemplar der Gedichte, auch als Exemplar letzter Hand (ELH) bezeichnet, wieder. Es handelt sich dabei um gesammelte Gedichte, nicht um eine Gesamtausgabe, da manche frühe Texte sowie spätere, unausgefeilte Entwürfe und vom Dichter als unvollständig betrachtete Gedichte fehlen. Auch für eine größere, kritische Ausgabe hat Steiner Materialien in eigens angelegten Mappen hinterlassen (KGA), so daß der Herausgeber prinzipiell dem Dichter darin zu folgen vermag, zwischen einer Ausgabe der gesammelten Gedichte und einer kritischen Gesamtausgabe zu unterscheiden. Hier geht es lediglich um einen kritisch durchgesehenen Text der gesammelten Gedichte.
Zu Steiners Lebzeiten sind lediglich 41 seiner Gedichte erschienen, also weniger als vier Prozent der mutmaßlichen Produktion. Rund 90 dieser Gedichte liegen heute in Buchform vor, weitere 60 sind in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien verstreut. Etwa die Hälfte der hier vorgelegten Gedichte erscheint zum ersten Mal im Druck.
Eine Gesamtanlage Steiners aus dem Jahr 1948 sah fünf Bände für seine Ausgabe der Gesammelten Gedichte mit folgenden Titeln vor:

I. Scherben und Läuterungen. Gedichte 1928-1943.
II. Mündungen und Geleise. Gedichte 1942-1946.
III. Sorge und Begegnung. Gedichte 1947-1948.
IV. Eroberungen.
V. Fabeln und Sprüche.

Diese Ausgabe ist als Typoskript in vier Quartmappen überliefert:

I. Blaue Mappe: entspricht S. 9-98 dieser Ausgabe.
II. Rote Mappe: entspricht S. 99-209 dieser Ausgabe.
III. Grüne Mappe: entspricht S. 211-334 dieser Ausgabe
IV. Blaue Mappe: entspricht S. 335-382 dieser Ausgabe

Steiner hat für Band I-III eine Inhaltsübersicht in Form eines Typoskripts, das die einzelnen Gedichtgruppen gliedert, sowie detaillierte Inhaltsangaben dieser Zyklen für Band I und III hergestellt. Diese Pläne hat er weitgehend verwirklicht. Für Band II lag jedoch keine Inhaltsangabe für die einzelnen Gedichtgruppen im Nachlaß vor.
Ziel der hier vorgelegten Ausgabe ist es, ELH so genau wie möglich zu reproduzieren, um erstmals einen Text jener Gedichte, die F.B.S. für eine Ausgabe vorsah, in einer Form, die den letzten Intentionen des Dichters möglichst entspricht, der Öffentlichkeit vorzulegen. Das bietet allerdings verschiedene Schwierigkeiten, die es hier kurz zu erörtern gilt.

Als H.G. Adler nach dem plötzlichen Tod des Dichters den Nachlaß 1952 übernahm, war die Anlage von ELH nur unvollkommen verwirklicht. Steiners Gedichte liegen fast immer in mehreren von Steiner als ,Fassung‘ begriffenen Versionen vor, wobei der Begriff Fassung alles von einer kompletten Umarbeitung inklusive der Form bis hin zur Veränderung einiger weniger Wörter einschließt. Auch in scheinbar endgültigen, längst beendeten Typoskripten trug F.B.S. kleine, handschriftliche Revisionen ein. Da in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die letzte Fassung eines Gedichts des Dichters Wunsch nach Klarheit, Konzentration und Prägnanz deutlich zum Ausdruck bringt, kann man prinzipiell davon ausgehen, daß die letzte Fassung auch als gültige Fassung für eine Edition dieser Art zu betrachten sei. Was nun für den Zustand der einzelnen Gedichte gilt, trifft in erhöhtem Maße für ELH zu. In den geplanten Bänden I-III fehlten manche Gedichte, die im Inhalt genannt sind, manche Typoskripte waren unvollständig, andere Gedichte waren durch spätere, nicht aufgenommene Umarbeitungen, die an anderer Stelle aufbewahrt wurden, bereits überholt oder befanden sich noch in Arbeit, einige Gedichte erhielten sich in gültigen Fassungen anscheinend nur in dem von Erich Fried herausgegeben Heft – Gestade (G) −, wiederum andere Texte lagen in der spätesten Fassung im Umbruchexemplar von In BabyIons Nischen vor (BN). Im Falle von Band II fehlten im Handexemplar sowohl die genauere Inhaltsangabe als auch viele Gedichte. Ferner blieben die Eroberungen unvollendet, und für Band V Fabeln und Sprüche gab es kaum Material. H.G.A. unterzog daher ELH einer kritischen Prüfung. Soweit wie möglich komplettierte er die Ausgabe, indem er fehlende Typoskripte aus anderen Mappen, die sich im Nachlaß erhielten, hinzuzog, neue Abschriften verfertigte, Versionen aus G und BN aufnahm, und die fehlende Ordnung von Band III herzustellen versuchte. Die Typoskripte in ELH versah er mit editorischen Bemerkungen, die alle Eingriffe verdeutlichen. Sein kurzer Herausgeberbericht, der in Band II steht, sei hier zitiert:

Während Band I und III der Lyrik verhältnismäßig einfach in einen Zustand gebracht werden konnten, der den letzten Intentionen des Dichters entsprach, ergaben sich für die Zusammenstellung des II. Bandes ziemliche Schwierigkeiten, weil nur 32 der vorgesehenen Gedichte im Band letzter Hand […] enthalten waren, und außer einem Gruppenverzeichnis – es nennt acht Gruppen, der Text kennt nur fünf – kein Einzelverzeichnis wie bei Bd. I und III beigegeben war. So blieb nichts anderes übrig, als nach einem undatierten Gesamtverzeichnis des lyrischen Werkes […], das aber gewiß nicht immer die letzten Intentionen erkennen läßt, und nach dem Umbruchexemplar In BabyIons Nischen […] eine Ordnung zu versuchen. Nun fanden sich in den losen Blättern nur ziemlich wenige als endgültig anzusehende Maschinenschriften […], die ich in den Band einreihen konnte. Den Rest habe ich aus [BN] abgeschrieben. Steiner beabsichtigte gewiß, viele Gedichte dieses Bandes in neuen Fassungen vorzulegen, wofür auch Präzedenzfälle fehlender Gedichte in den übrigen Bänden sprechen. Für die Gruppenbildung hielt ich mich an die Einteilung [im undatierten Gesamtverzeichnis], doch habe ich nach dem Vorgang von BN „Deutlich und Undeutlich“ und „Tage und Nächte“ unterteilt. […]
Die als Sonderband vorgesehenen „Fabeln“ habe ich wegen ihrer geringen Anzahl und wegen ihrer Entstehungszeit [dem dritten] Band als Anhang beigefügt.

Die vorliegende Ausgabe basiert auf H.G.A.s Edition, die ich kritisch durchgesehen habe. Angesichts des Zustands der nachgelassenen Typoskripte und Handschriften schien es kaum sinnvoll, den Kanon zu erweitern oder die Anlage noch einmal zu ändern. Dabei wären lediglich Gedichte von zweifelhafter Qualität in Frage gekommen, und Entwürfe, die Steiner in dieser Form kaum selbst gedruckt hätte.
Meine Anmerkungen geben über das editorische Verfahren sowie über H.G.A.s Vorgehen Rechenschaft. Sie liefern einen kleinen Einblick in den Zustand der Originale, indem sie die Eingriffe bei der Erschließung des Typoskripts auflisten, das Vorhandensein von handschriftlichen Zusätzen des Dichters anmerken, und die wenigen, gleichzeitigen Varianten wiedergeben. Da prinzipiell der Text von ELH berücksichtigt wurde, wird dies nicht eigens vermerkt. Nur solche Text-Träger sind genannt, die Probleme aufweisen. Wo der Text mangelhaft war oder fehlte, und andere Quellen herangezogen wurden, namentlich BN und G sowie die von H.G.A. hergestellten Typoskripte, wird dies vermerkt.
Steiner hielt stets die Angaben zu Entstehungsort und Datum fest. Er notierte diese im Typoskript oder gab unter Weglassung des ursprünglichen Entstehungsdatums die Angaben zu späteren Fassungen wieder, z.B. der 3. und 4. Fassung, wobei ihm manchmal geringfügige Fehler unterliefen. In der Inhaltsangabe zur dieser Ausgabe gebe ich als Eckdaten lediglich Angaben zur ersten und letzten Fassung wieder. Die wenigen Korrekturen H.G.A.s zu den Daten, welche dieser aufgrund des handschriftlichen Befunds vornahm, werden stillschweigend übernommen. Im ausführlichen Inhaltsverzeichnis am Schluß des Bandes gebe ich lediglich das Datum der frühesten vollständigen Fassung an.
Im Falle von Steiners geplantem Band IV Eroberungen wurde anders verfahren. Hier liegt eine von H.G.A. kritisch erarbeitete Fassung in Form einer Edition (E) vor. Diese gibt den Text des Typoskripts exakt wieder. Unter Weglassung der in E als Anhang abgedruckten Frühen Kurzfassungder Eroberungen diente diese Edition als Druckvorlage. Eine Anmerkung erläutert die Entstehungsgeschichte.
Steiner hat selbst Anmerkungen zu seinen Gedichten verfaßt, die in verschiedenen Fassungen überliefert sind. Diese werden am Ende der Ausgabe wiedergegeben. In ELH stehen sie am Ende des jeweiligen Bandes. In BN befinden sie sich am Schluß der Auswahl. Hier wird diese letztere Darstellungsart beibehalten. Dabei ergibt sich folgendes Problem: Manchmal finden sich die gleichen Anmerkungen in ELH und in BN, manchmal sind die Anmerkungen in mehreren, grundsätzlich verschiedenen Fassungen erhalten. F.B.S. pflegte zwei Sorten von Anmerkungen und schwankte offenbar in der Wahl: 1. bibliographische Stellennachweise, bzw. Annotationen; 2. kurze Essays. Hier wird folgendermaßen verfahren: Die jeweilige Anmerkungsform wird prinzipiell beibehalten, wobei die Zeichensetzung und Zitierart behutsam standardisiert werden. Lediglich steht die Abkürzung ,Z‘ (= Zeile), wo Steiner ,V‘ (Vers/Strophe) benutzt. Inhalt und bibliographische Einzelheiten wurden grundsätzlich nicht geändert. In den meisten Fällen wird die vermutlich letzte Fassung geboten, jeweils durch ELH oder BN gekennzeichnet. Wo Steiner sowohl Annotationen als auch einen kleinen Essay hinterließ, und diese grundlegend verschieden sind, gebe ich beide Versionen.
Steiners metrische Schemata stehen ebenfalls unter den Anmerkungen. Er wollte urprünglich seine metrischen Prinzipien in einer Anmerkung und, nach Klopstocks Vorbild (Oden, 1771), Versschemata im gedruckten Text, rechts unter dem Titel der jeweiligen Ode, bringen und bestand auf diesem Verfahren für den Druck in Poetry London (1944). Später ließ er sich von seinen Freunden hiervon abbringen und gab sich damit zufrieden, sieben metrische Beispiele nach der entsprechenden Anmerkung in BN zu bringen. Hier wird nach BN verfahren, es folgen aber außer besagten sieben Beispielen alle weiteren Schemata Steiners, die in ELH rechts – meistens unter – dem Titel der jeweiligen Ode stehen. Steiner bezeichnete jede Silbe mit einem Querstrich (-), jeden Akzent mit einer horizontalen Linie (I) auf dem entsprechenden Querstrich…

Anders mußte bei den Anmerkungen zu den Eroberungen verfahren werden. Wie Steiners Einleitung zu den Anmerkungen dort verdeutlicht, beabsichtigte er, mehr Zitate, als im Nachlaß notiert sind, nachzuweisen. In E hat H.G.A. dieses Fehlen zum Teil durch seinen Kommentar gutgemacht, ohne jedoch die Bibelnachweise und manches andere nachzuliefern. Da es sich um ein unvollständiges Werk mit fragmentarischen Anmerkungen handelt, wird hier folgendermaßen vorgegangen: 1. nehme ich jene Notizen auf, die ausdrücklich als Anmerkungen des Dichters gelten können. Diese, nach der kritischen Ausgabe zitiert, werden durch E gekennzeichnet. 2. folge ich E darin, Steiners „Erklärende Bemerkungen anläßlich einer Vorlesung der 1942er achtteiligen Fassung“ des Gedichts in Form von Anmerkungen zu den einzelnen Gedichten abzudrucken (= EB). 3. gebe ich exemplarisch einige Notizen Steiners (= N) nach E wieder, die Steiners Intentionen verdeutlichen. Schließlich 4. zitiere ich sparsam aus H.G. Adlers Kommentar (= A). In einem Fall steht eine von H.G. Adler rekonstruierte Anmerkung (= A nach S). Auf anderes Material und auf Steiners längere Betrachtungen zu Themen, die im Text vorkommen, wird verzichtet. Für weitere Erklärungen zu den Eroberungen sei grundsätzlich auf E verwiesen.

Zum Buch:

Das noch zu entdeckende lyrische Werk eines der letzten großen Dichter der Prager deutschen Literatur.

Franz Baermann Steiner (1909-1952) – nur Steiner ist der Zuname, Franz Baermann lauten die Vornamen – gehört zu den letzten großen Dichtern der Prager deutschen Literatur. Sein Frühwerk ist im 2. Weltkrieg verschollen, doch blieb seine umfangreiche, im englischen Exil geschaffene Lyrik vollständig erhalten. Dieses vielgliedrige, anspruchsvolle Oeuvre enthällt eine Fülle von „exemplarischen Gedichten“, die in einer „Sprache der Dringlichkeit“, Stimmungen, Beobachtungen, Menschen und Szenen mit wortmächtiger Präzision beschwören. Höhepunkt des Werkes bilden Steiners „Eroberungen“ – in der Tradition der Duineser Elegien verfaßt – und das Trauergedicht, „Gebet im Garten“, dem ein Platz neben Celans „Todesfuge“ gebührt.
Zu Lebzeiten schon von Dichtern wie Benn und Bobrowski geschätzt, gelangte Steiners Werk nach seinem frühen Tod kaum an die weitere Öffentlichkeit. Lediglich als Wissenschaftler – er wurde in England zu einem führenden Sozialanthropologen – erlangte er einen bedeutenden Ruf. Erst in letzter Zeit kamen auch seine Dichtungen erneut in die Diskussion. Die Ausgabe enthält die rund 350 Gedichte – viele davon bisher unveröffentlicht −, die Steiner selbst für eine Gesamtausgabe vorsah. Ausgewählte Dokumente zur Wirkungsgeschichte und ein Nachwort des Herausgebers erleichtern den Zugang zu diesem spannungsgeladenen, bedeutsamen Werk.

Wallstein Verlag, Ankündigung

Am stürzenden Pfad

Manche Lyrikerin hat, zu Endlebzeiten oder danach, ihre Advokaten; mancher Dichter hat – oder gewinnt – seine Gemeinde von Exegeten. Man muß dann weniger um Nachwirkung und Werkausgaben bangen. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sind gestorben und seither, weil betreut, unvergessen Johannes Bobrowski, Günter Eich, Iwan Goll, Peter Huchel, Nelly Sachs. In den schönsten Fällen stehen Verlagsinteressen hinter einem Autor, der nicht mit Pauken und Trompeten abgegangen ist und uns also deshalb im Gedächtnis bleibt, weil er im Bücherhandel bleibt: mit kritischen Gesamt- und leicht beschaffbaren Taschenbuchausgaben. Beiderlei auffällig für die namhaften Benn und Celan und Hesse, für Maire Luise Kaschnitz, sogar Mascha Kaléko.
Nachhaltiger Ruhm oder, moderater, ein Verbleib im Bewußtsein der Amateure gelingt freilich nicht für alle. Am wenigsten für Franz Baermann Steiner, der gar nie im Mund der Literatur(be)kenner gewesen ist und – man könnte sagen: – ohne Ruf gestorben ist. Verwunderlich ist das nicht, da Steiner, Jude, 1938 die Geburtsstadt Prag verlassen und bis zum frühen Tod in Oxford gelebt hat. Ein Lebensgang mehr, dessen Verlauf der Nationalsozialismus verpfuscht hat: die Heimat enteignet, das Wohnrecht verwehrt, die nächste Verwandtschaft deportiert und umgebracht.
Zwar haben sich – von England aus – Freundschaften angelassen, mit Elias Canetti, Erich Fried, Michael Hamburger; später mit Rudolf Hartung, Ilse Aichinger. Mit Zeitgenossen, die alle den Rang der Lyrik Steiners haben einschätzen können. Aber die Veröffentlichungen, die Steiner gelingen, sind leis geblieben; die Jahre dazu sind mißgünstig, die deutschsprachigen Leserschaften sind anderweitig beschäftigt, Franz Baermann Steiner ist nie namhaft. Und Hans Günther Adler, dem Londoner Freund, gelingt es zu keiner Zeit, 1954 nicht und zehn Jahre später nicht, Steiners Gedichtwerk anerkannt zu machen. Zu des Autors Lebzeit sind nur rund vierzig Gedichte erschienen. Von 300 Texten, derer sich jetzt H.G. Adlers Sohn, Jeremy Adler, angenommen hat, können sogar Beflissene keine Hälfte gekannt haben.
Seit einem halben Jahr wären wir nicht mehr dispensiert: es gibt die Ausgabe der Gesammelten Gedichte unter dem Titel Am stürzenden Pfad. Von Vater und Sohn Adler liegen breite Editionsberichte, Erläuterungen und Anmerkungen vor – man möchte sich fragen, wozu oder für wen? Aber dem Gedichtwerk Steiners tut die Kommentierung not: es geht um Lyrik in einer Stilhöhe von Rilkes Elegien, Stefan Georges zyklischen Dichtungen, von Borchardts oder Arendts Lyrik oder eben des Spätwerks von Nelly Sachs. Da sind wir Nachfahren nicht bloß angewiesen auf, sondern ausgeliefert an Hilfestellung in allen Punkten: Lesart, Geographie, Literaturgenossenschaft, Zitatenschatz und Lektüreverweise. Auch froh sind wir um Steiners eigenhändige Erklärungen zu schwer zugänglichen Texten.
Jeremy Adlers Buch beantwortet viel Wissensgier und pariert manchen Erläuterungsnotstand. Ich halte mich ans Schlichtere aus dem Bestand und rühme – das Buch insgesamt anzuempfehlen – Franz Baermann Steiners sechstes Stück aus der Abteilung „Eroberungen“. Arbeiten hauptsächlich der Jahre 1940 bis 1942. H.G. Adler taxiert die Dichtung als „subtile geistige Selbstbiographie“ und hält die Beschäftigung mit den dreizehn Stücken (oder „Teilen“), mit den gut 1400 Verszeilen, für unbedingt ertragreich. Übrigens dürfe man wörtlich lesen. Wörtlich nehmen wie eine Versprachlichung von Erlebtem, Erfahrenem, Erinnertem und Reflektiertem.
Lesen wir das sechste Stück wörtlich! Eine Geliebte und ihr Liebhaber sind im Blick. Londoner Sonntagmorgen, ein Einzelner steht am Fenster, Blick auf Straßen, Kirchen, ein Gräberfeld, die Stadtsilhouette. Im Rücken des Fensterstehers liegt die Schläferin. Zwischen beiden, im Zimmer, Mobiliar und Akzessoires. Strümpfe, „hängendes paar / Seidiges fransenzeug, rosiger flitter / Gebauscht und geknäult“. Das Unerhörte am Bild ist: dieses Schlafgeschöpf schläft hinüber „von bette zu bett“. Vom Schlafbett zur Ruhestatt auf dem Friedhof – dem Echtbild davon in den Weichteilen Londons oder einer Vision Gräberfeld, wo erst und definitiv Einsamkeit statthaben wird, und zwar leidlos. Von dort aus gilt: es ist ausgeflüchtet, ausverführt, ausgeliebt. „alle Geliebten / Gleiten von bett zu bett / Von der bettstatt ins grab.“ Gewiß ist das Jetzt kostbar, sind kostbar „das blumenhaar“, der „saubergemeisselte leib“, die „hohen beine“, das schräge Haupt, die Neugier der Geliebten. Aber der Weg endet nicht im Zimmer der Liebenden, sondern der Weg fließt, flieht, leitet ins Weite.
Seit 1990 bin ich Parteigänger dieses Gedichts, solcher Gedichte. Damals habe ich Steiners Eroberungen in der 150seitigen Ausgabe des Heidelberger Verlages Lambert Schneider gefunden. Jetzt findet, wer will, Steiners lyrisches Opus in der 500seitigen Ausgabe des Göttinger Wallstein Verlages. Der Autor ist am 27. November 1952 an schwerer Herzkrankheit verstorben und einen Tag danach auf dem Oxforder jüdischen Friedhof beigesetzt worden. Uns bleiben seine – und seiner Schläferin – Fragen: „was siehst du / Von deinem fensterplatz?“ bzw. „ist es weit, / Ist es nah von einem zum andren baum?“ – Uns bleibt Steiners Gedichtantwort, zu beziehen auf den imaginierten, den todsicheren Ruheort aller, die Wege gehen, Liebe üben, Zukünfte denken:

Hier ruht, achgott, achgott, geliebt von allen
Ein mensch, ein tier, ein spielzeug ohne fehl.

Rainer Stöckl, Österreichisches Bibliothekswerk

Dokumente

1. Otto Pick, Rezension einer öffentlichen Lesung, Prager Tageblatt, 1929

Die Gedichte von Franz Steiner vermitteln den reinsten Eindruck. Sie wachsen aus einem starken Erlebnis und ein ausgeprägter Formwillen hat sie gebildet. Manches ist erst Andeutung, Versuch, manches schwebt schon mit leisen, selbstsicheren Schwingen.

2. Veza Canetti an Steiner, 1939

Ich gehöre zu „the happy few“, die Ihr Gedicht verstehen und ich danke ihnen sehr [zweimal unterstrichen]. Es ist mein einziges Glück, daß ich Gedichte verstehe. (Oh, Goethe)
Am Meer war es schrecklich und ich hatte eine böse Zeit. Ich beginne mich wieder zu fassen und arbeite fleissiger.
Die letzten Strophen eines Hundes sind besonders schön.

3. Marie Louise von Motesiczky an Steiner, 1942

Spät danke ich Ihnen für Ihren lieben Brief und für die Gedichte. […] Würde ich mich in der Sprache der Malerei ausdrücken, so würde ich sagen, daß sie zum Leben erwachten Bildern gleichen, die man mit geschlossenen Augen ansieht. Man atmet sie ein, Geräusche dringen bis in’s Ohr während aus dem Dunkel, leise sich bewegend das Bild aufsteigt.

4. Stephen Spender, Rezension von Poetry London Sunday Times, 1944

The poet who is really a revelation to me is Franz B. Steiner; he handles the German language very well, and he is a master of rhythms.

5. Elias Canetti an Steiner, 1944

Eben entnehme ich einer Besprechung von Spender in der Sunday Times, daß Gedichte von Ihnen in Poetry erschienen sind. Ich freue mich mehr darüber als ich in Worten sagen kann. Ich weiß nicht, um welche Gedichte es sich handelt, ich werde mir den Band Poetry erst morgen oder übermorgen beschaffen können. … Vielleicht wird man jetzt einen ganzen Band herausbringen können […]. Ich bin neugierig auf die Übersetzung.

6. Elias Canetti an Rudolf Hartung, 1948

In (Steiners) Anfängen kreuzt sich der Einfluß Hölderlins mit dem der Chinesen. Diese Synthese schien mir schon darum besonders interessant, weiI er französisch kaum las und so den ausgetretenen Pfad von Baudelaire und den späteren französischen Symbolisten her nicht unmittelbar gegangen ist. Später in England hat er sich zu einem gründlichen Kenner der englischen Lyrik herangebildet. Ihre Einflüsse auf sein Werk sind so legitimer und komplexer Natur, daß man sie nicht leicht erkennt; ich glaube, daß nirgends sonst das Werk Eliots und des späten Yeats so tiefe Wurzeln im deutschen Medium geschlagen haben.

7. Rudolf Hartung an Steiner, 1948

Ich muß gestehen, daß ich Ihre Gedichte als den ersten mich wirklich überzeugenden Versuch empfand, unsere so grundlegend veränderte Daseinssituation mit wahrhaft adäquaten künstlerischen Mitteln auszudrücken. Die Lyriker bei uns in Deutschland scheinen m.E. größtenteils nicht begriffen zu haben, daß die „Beschreibungen“ definitiv und rational geordneter Situationen heute ebensowenig Gültigkeit besitzen und wirklich ansprechen wie die plastische Darstellung von „Gestalten“ im herkömmlichen Sinne. In Ihren Gedichten fand ich die für unsere Zeit und demgemäß für den Künstler fundamentale Einsicht verwirklicht, daß die „Heimat“ des Künstlers, von der ausgesprochen wird, das Überall und Nirgendwo zugleich ist und daß nur von einem solchen Standpunkt aus das Phänomen der Gestalt in seiner Komplexität und in der rational nicht mehr zu ordnenden Fülle ihres Schicksalsraums sichtbar gemacht werden kann. Ich glaube, daß gerade die Publikation Ihrer Arbeiten in Deutschland dem literarischen Leben hier sehr neue und fruchtbare Impulse vermitteln würde.

8. Ilse Aichinger an Steiner, 1948

Seit ich in England bin, hatte ich das Gefühl, daß alle diese Geretteten hier nicht gerettet sind. Sie sind der erste Gegenbeweis. In Ihren Gedichten ist dieses letzte Gesetz, das einen sofort umfängt und einem das Gefühl von Rettung gibt. Ich dank Ihnen dafür! […] Daß gerade Sie die „größere Hoffnung“ auch als Hoffnung empfinden, ist eine wirkliche Freude für mich. Wie furchtbar müssen alle diese langen Jahre für Sie gewesen sein, die Unmöglichkeit, zu helfen u. das Gefühl der Unsinnigkeit. Aber ich glaube trotz allem, daß Leiden das Maß ist, und daß man gerade in der letzten Unsinnigkeit den Sinn findet – so wie Sie ihn gefunden haben.

9. Iris Murdoch, Tagebuch, 1952

I told F. that asking him to read Rilke with me was like asking Baudelaire to read Rimbaud.

10. Hugo Bergman an Steiner, 1952, Über Gebet im Garten

Ich habe die Deutschen beneidet, daß sie ein solches Gedicht bekommen.

11. H.G. Adler, 1952

Dem Andenken Franz Baermann Steiners

Treibe nicht zurück die vorigen Grenzen
Von deinen Vätern gemacht.

Einer, eingelassen allein gelassen, Einer
Mit seinem Gesicht, Asche in den Augen,
Nebelruß, erkaltete Glut voll schmerzlicher
Schwärze. Wollten sie nur nicht rufen
Immer zu unzeitlicher Stunde. Einer im
Groben Hemde, von keiner Mutter genäht, irgend
Auf ausgekühlter Stätte, Zeichen des Verrats,
Aber so heftig nicht, sanft der Arbeiterin
Zertretener Schuh. Nur keine Hoffnung
Erwartet. Nur gar nichts. Welkes Gewitter.

Die vor dem Tore lungern, willig treten sie
Nicht ein. Auch jene geliefert schon, Haare
Allein schmücken sie nicht. Klauen, Hufe
Und Pratzen, auch Pfötchen … Du armes Herze,
Schließe die Wunder nicht, wenn der sterbende
Dichter die Stunde verrückt auf dumpfem
Felde gefallener Gäste. Schon ist sie
Abgeschafft. Ein Übel die Zeit, ein heiser
Gebilde, und im hart verdrehten Herbst
Beklommen die Nacht, zerknitterte Reiser.

Wie man vor Bildern spricht, Kinder selbst
Wissen es, sie schreien, so keck die Maschen
Gestutzt, so steif die lieben Kleider angetan.
Ach, ahnten sie den Arg, weniger lüstern wären
Offene Mäulchen. Warum noch Wände, wenn immer
Allein ohne Freude gelassen? Ach, und arg
Fallen sie aus der Wolkenhand, Gruben unter dem
Schicksal sind ihr Ziel, ein sehr endliches
Gehege, darin die Haut ihnen schorft vor
Spitzen Schnüffelnasen, welch elende Weide.

12. Theodor W. Adorno an H.G. Adler, Januar 1954

[…] der Anlaß, unsere leider seit August 1951 unterbrochene Korrespondenz wieder aufzunehmen, ist Ihre Publikation aus dem Nachlaß von Franz Baermann-Steiner.
Der Eindruck, den ich davon empfing, war ganz außerordentlich. Einmal um der Sache selbst willen, die eine Qualität hat, wie man sie ganz selten findet – es ist ein Symptom des Weltzustandes, daß man von einem solchen Mann, dem man sich wirklich bis ins Innerste verbunden fühlt, erst nach seinem Tode etwas erfährt; – dann aber auch aus einem mir wesentlichen Grunde: seine Kafka-Interpretation scheint mit meiner eigenen in einer fast bestürzenden Weise – im Gegensatz zu fast allem anderen, was je über Kafka geschrieben wurde, übereinzustimmen. […] Ich möchte Ihnen für die Publikation aufs tiefste danken.
Selbstverständlich muß alles geschehen, damit Steiners Nachlaß an die Öffentlichkeit kommt. Am nächsten läge es für mich, deshalb bei meinem Verleger Suhrkamp zu intervenieren, aber das vermag ich im Augenblick deshalb nicht, weil ich mit der größten Energie die Publikation des Nachlasses meines Freundes Benjamin verfolge und diesem Plan nicht in die Quere kommen kann.

13. Gottfried Benn, Mitteilung an H.G. Adler von Hans Paeschke, um 1954

Benn sagte, daß die Gedichte Steiners, die er im Merkur gelesen habe, zum originellsten in der neueren deutschsprachigen Lyrik zählten. Er hob vor allem die Bildkraft und die Konzentration der Gedichte hervor und wünschte, mehr von Steiner kennenzulernen. Gefragt, ob nicht in Benns Korrespondenz etwas über Steiner stünde, beteuerte Paeschke, Benn habe seine Ansicht nur mündlich vorgetragen. Ungefähr zwei Jahre später ist er gestorben.

14. Andreas Okopenko, Rezension von Unruhe ohne Uhr, Neue Wege, 1958

Das konkrete Gedicht in einer seiner schönsten Möglichkeiten wurde von diesem Prager- und später England-deutschen in die Wirklichkeit umgesetzt, die er, an Intensität seelenverwandt mit dem älteren großen Prager, Kafka, so zu erleben und zu beschwören geliebt hat. Ungerechterweise ist er im deutschen Sprachraum, auch nach seinem Tod im Jahr 1952, fast unbekannt geblieben. Und doch ist er gewiß der größte Magier der Wirklichkeit seit Stefan George, dazu um ein ganzes Zeitalter moderner, also uns unmittelbar nahe, und von Georges mindergünstigen Ästhetizismen frei; ein George unserer existenzphilosophischen Ära; nicht zufällig gilt eines seiner epigrammatischen Gedichte Sören Kierkegaard, ein anderes dem in England literarisch auferstandenen Kafka.

15. H.G. Adler, „Nachwort“, Eroberungen, 1964

In Unruhe ohne Uhr steht das kurze Gedicht „Beim Lesen der Anthologie De Profundis“ […] Ich entsinne mich der Rührung Steiners über diese Anthologie, bei der er wenig auf den größeren oder geringeren dichterischen Wert der einzelnen Gedichte, sondern vor allem auf das Zeugnis sah, auf die Botschaft der Sanftmütigen inmitten des grellen mörderischn Geschreis. Es wäre zu wünschen, daß sich beim Bedenken dieser Votivtafel des Exulanten nun bald auch in Deutschland Menschen fänden, die für die Aufnahme Steiners in den wirkenden Bestand der deutschen Literatur sorgen. An ihm ist noch alles gutzumachen […]

16. Erich Fried, 1987

Fünfunddreißig Jahre nach einem Begräbnis

Jedes Wort
verstehe ich
jetzt
da du
der die Worte
geschrieben hat
nichts verstehst
nichts mehr
auch nicht dein
eigenes Wort

Verstündest du noch
meine Worte
daß ich von deinen
Worten jetzt jedes verstehe
du würdest vielleicht
lächeln
leicht aber schwermütig
schwermütig aber ein wenig
boshaft (wie damals):
„Wirklich schon jedes Wort?“

17. Erich Fried an den Bundespräsidenten, Richard von Weizsäcker, Plädoyer für die Veröffentlichung der Gedichte Steiners, 1987

Nach meiner Meinung und vor allem nach Meinung von Paul Celan, gehört Franz Baermann Steiner zu den originellsten und wichtigsten deutschsprachigen Dichtern der letzten siebzig Jahre. Er vereint Fachwissen und Phantasie, poetologisches Wissen und Weisheit auf eine Art, die ich sonst nicht kenne.

18. Iris Murdoch an Sue Summers, Mail on Sunday, 1988

Franz was certainly one of Hitler’s victims. But, though so terribly sad and wounded, he was one of the wittiest, merriest, sweetest people I ever met, with a remarkable capacity for enjoyment. He was gentle and good and full of spirit and imagination. […] In spite of his melancholy, he was always a cheerful, happy person, very tender, very full of feeling. He was a good man, a religious man in a deep sense. I still miss him.

20. David Wright, Elegies, 1990

Erinnerung an Franz Steiner

Franz, kaum vierzig, schon ein alter Mann:
Versengt sah sein Gesicht aus. Ich bild’ mir ein,
Jene Verbrennungen – Bücher, Körper dann, Mitteleuropas
Alp, den keiner hier sich vorstellt −
Ließen jenes dürren Überlebenden Haut verdorren.
Immer unglückseliger Franz, Mann ohne Familie,
aaaaaVerbannt aus seiner Sprache, weiterlebend.

Gebildet, voll Sarkasmus, Anthropologe, der
Freud töricht aussehen ließ (jenes Buch über Tabu,
Die Notizen und das Manuskript in Paddington verloren
Samt all der Arbeit, die nochmals zu machen war,
Gemacht auch wurde). Immer unglückseliger Franz,
Der stets die Spiegel in meinem Zimmer verhängte
− „Ich möchte’ nicht mein Gesicht zufällig sehen“ –

Dessen Ehrfurcht vor seiner wirklichen Berufung,
Das Abwägen der Silben von Wörtern für den Vers,
Der von dem Unbekannten zehrte, um bekannt zu machen,
Den Dilettanten, der ich war, ans Licht stets brachte.

Den Gebrochenen und Nicht-Besiegten, ich sehe ihn,
In komischer Courage am Telefon.
„Doch deine Stimme klingt so seltsam – Franz,
Stimmt etwas nicht?“
− „Ich rufe grad aus einer Zelle auf dem Bahnhof an.
Ich kriegte Nasenbluten. Mein Unterstes ist zuoberst,
Ich stehe auf dem Kopf“ – war die Erklärung.

(Aus dem Englischen übersetzt von Hans Raimund)

21. Michael Hamburger In Akzente, 1992

„Meine Heimatlosigkeit ist die Welt“, schrieb Steiner in seinem Aphorismus-Buch. Eine der vielen Bedeutungen dieser wenigen kryptischen Worte erklärt bis zu einem gewissen Grad, warum sein Werk bis jetzt noch keine Heimat gefunden hat […] aber Dichtung wie seine hatte schon immer ihren Platz außerhalb des normalen Kreislaufs von Angebot und Nachfrage […].

 

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