Gerard Manley Hopkins: Sonnets

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gerard Manley Hopkins: Sonnets

Hopkins-Sonnets

DIE KERZE DRINNEN

Klar scheint ein Licht am Weg, und unverhalten
Sinn ich, wie solch ein Sein von seligem Glanz
Tilgt, gelblich feuchtend, Mildnacht, Trübnis-ganz,
Zart Strahlenzüge hin-her ziehn durch Liderspalten.

Was dort, beim Fenster, zu tun sich Finger wohl
aaaaafalten?
Schwer geh ich, erwäge, will sehr, gerad Vakanz
Von Antwort macht mehr mich wollen: Grete und Hans
Dort, daß Gott sie erhöhn, ehren sein Walten.

Komm du herein, komm heim, dein Brand genügt
Nicht mehr, blas an Lebenslicht vor Herzkammerwand:
Sei Herr dort, der sichs nach Verlangen fügt;

Was hemmts? Selbst balkenblind, doch flink zur Hand
Beim Splitter deines Nächsten? Bist dus, der lügt,
Salz, weg Gewissen wirfts, dem Salzschmack schwand?

 

 

 

Nachwort

Gerard Manley Hopkins (1844–1889), als einer der großen Dichter englischer Sprache zu Lebzeiten unerkannt, in den 20er und 30er Jahren unseres Jahrhunderts entdeckt und seitdem ein Kronzeuge für Dichtungstheorie und kritische Maßstäbe der Moderne, suchte immer wieder die Bildlichkeit verborgenen Reifens, wachsenden Gelingens: „it gathers to a greatness, like the ooze of oil“, schrieb er und beschwor das „trickling increment“ eines Baumes als Metapher menschlicher Perfektibilität. Nach eher konventionellen Anfängen, die ihm früh schon Anerkennung eintrugen, schnitt seine religiös-ethische Entwicklung Hopkins’ Dichtertum nahezu ab: In dieser Zeit konvertierte er zum Katholizismus – was ihn seiner Familie entfremdete −, wurde er zum klassischen Philologen ausgebildet, trat er in den Jesuitenorden ein. Er verbrannte seine frühen Werke und beschloß, „to write no more, as not belonging to my profession, unless it were by the wish of my superiors“. Dieser Selbstzwang eines sich streng disziplinierenden Charakters von zugleich überaus sensitiver Begabung löste sich tatsächlich erst, als er der Bitte eines Vorgesetzten entsprach, den Untergang des Fährschiffs Deutschland auf der Themse (bei dem fünf aus Deutschland exilierte Nonnen ums Leben kamen) in Verse zu bringen. Hopkins bewältigte diese Aufgabe in Gestalt eines der froßen formal innovativen und bekannten Gedichte englischer Sprache: „The Wreck of the Deutschland“. Eine Serie experimenteller, bahnbrechender Poeme schloß an dieses Werk an. Annähernd 200 Gedichte und lyrische Fragmente waren schließlich neben Aufzeichnungen, Skizzen, Kompositionen und Briefen die künstlerische Frucht eines ebenso verborgenen wie großen geistigen Spannungen abgerungenen Lebens.
Gerard M. Hopkins – „Hard Poem’s King“, wie ihn eine glückliche Anagrammfindung beschreibt – hinterließ ein Werk von oft gewalttätiger Kompression des Ausdrucks. In seiner Lyrik bediente er sich einer Reihe von Kunstmitteln, die er nach eigenem Bekenntnis aus der literarischen Tradition so gut wie aus der Alltagssprache übernahm, weiterentwickelte und perfektionierte. Ihn, der sich mit der Beobachtung sprachlicher Gesetze und Besonderheiten, auch fremder Sprachen, ein Lebenlang befaßte, stand die Steigerung des einfachen (auch dialektalen) Worts ebenso zu Gebot wie der prägnante und subtile Neologismus. Verstechnisch überbot Hopkins alle regelhaft alternierenden, allenfalls daktylisch gelockerten Schemata durch eine neuartig expressive, dynamisierte Abfolge von Hebung und Senkung. Hopkins’ Gedichte führten die harte Fügung unmittelbar aufeinander folgender Akzente ebenso vor wie langatmende Versteile und die Überlagerung eines markanten Metrums durch gegenläufigen, den ,Inhalt‘ beobachtenden rhythmischen Kontrapunkt. Über seine prosodischen Prinzipien legte sich der Dichter auch theoretisch Rechenschaft ab. Mit einem System diakritischer Zeichen – deren Bedingtheit ihm selbst deutlich bewußt war – machte er sichtbare Vorgaben für die Akzentuierung seiner Verse und wies zugleich auf laute Deklamation. Nicht zuletzt revitalisierte Hopkins die aus der germanischen Dichtung überkommene Vers-Binnenbindung durch Assonanz und konsonantische Alliteration. In der Härte seiner Verknappungen, mit seiner Technik der Lautballung und Tonverschiebung der Satzstellung ging Hopkins immer auch an die Grenze des Mitteilbaren. Doch bestimmen jenseits von Exzentrizität der Form, Vagheit und Prätention der Aussage Klarheit der Anschauung und formale Durchbildung, „forged feature“, die Qualität seiner Lyrik. Gleichwohl wirkten selbst auf Hopkins’ unmittelbare Umgebung seine Gedichte nicht selten dunkel, ja manieriert, gar sprachlich fehlerhaft. So zahlte ihre Modernität den Preis dafür, daß sie das Unerhörte, Unersehene ebenso hingegeben wie sprachlich kalkuliert zu benennen wußte.
Hopkins – Zeitgenosse Nietzsches – war ein leidenschaftlicher Dichter des Lebens. Seine Lyrik ist das Ergebnis präziser Beobachtung: der Menschen, der Sprache, der Umwelt, der Dinge. Früh übte er sich in Zeichnungen nach der Natur, erzog seine Vorstellungskraft zu konkreter bildhafter Anschauung, oft in direktem Wechselspiel zwischen Skizze und Sprache. Zu mehr als der Hälfte besteht Hopkins’ lyrisches Werk aus Sonetten und Gebilden, die aus der Sonettform entfaltet sind. Der Idee dieser abendländisch-dialektischen Kunstform schlechthin entsprach die zwiefache Absicht des Dichters: Hingabe an das ,Erz-Besondere‘, Merk-Würdige des Einzelnen und dessen Erhöhung ins Allgemeine als Auf-Hebung, nicht als Extinktion des Speziellen. Mit „inscape“ und „instress“ benannte Hopkins selbst das unverwechselbare, nach Ausdruck drängende So-Sein der Dinge, ihre ,haecceitas‘ (in der Terminologie des von ihm verehrten Duns Scotus) einerseits – die Wirkkraft solcher ,Erz-Besonderheit‘ auf das dichterische Vermögen andererseits; und immer wieder verzückte ihn die Begegnung beider als die schöne Begeisterung des schöpferischen Akts:

These things, these things were here and but the beholder wanting.

Diese Fähigkeit zu gesteigerter Erfahrung des Wirklichen aber führte Hopkins nicht in die Rätselformen der Allegorie, nicht ins selbstgenügsame Geflecht der Bezüge und Korrespondenzen, nicht in die parareligiöse Konstruktion idealischer Hinterwelten. Auch huldigt Hopkins’ Lebensbegriff weder der Verklärung naturalistischer oder vitalistischer Kreis- und Leerläufe, noch der Selbstermächtigung des dichterischen Ichs. Er war rückgebunden in der Erfahrung eines persönlichen Gottes. Indem das luzide Naturbild an der formalen Schnittstelle des Sonetts umschlägt in die religiöse Anrufung, wird es eingefügt in seinen kreatürlichen Zusammenhang, der für Hopkins Gewißheit war. So erfüllt sich die in Hopkins Dichtung immer angelegte Steigerung der Erscheinung hin zu Diaphanie auf das ens realissimim. Solche Gebundenheit und Gewißheit wird auch durch die späte Serie der ,dunklen‘ Sonette nicht in Frage gestellt. In ihnen behält nicht der Zweifel an der Verläßlichkeit Gottes das letzte Wort, vielmehr entfalten sie dichterisch sinnfällig das unlösbare Paradox des in der Erscheinungswelt inperfektiblen Geschöpfs: bis zur Kenntlichkeit grimassiert und ringt doch um seine Erlösung der Mensch.

Die vorliegende Übertragung ist die erste vollständige von Hopkins’ Sonettwerk ins Deutsche. – Der englische Text entspricht der von W.H. Gardner und N.H. MacKenzie besorgten Edition The Poems of Gerard Manley Hopkins, Fourth Edition, revised and enlarged, Oxford, New York: Oxford University Press 1986.

Wolfgang Kaussen

 

Gerard Manley Hopkins,

vor 150 Jahren geboren (gestorben 1889), Ordensmann und Dichter, war einer der großen Lyriker englischer Sprache: ein Meister neuartiger sprachlicher und verstechnischer Verfahren, ein Unzeitgemäßer, dessen dichterischer Rang seiner Epoche verborgen blieb. Erst in den 20er und 30er Jahren unseres Jahrhunderts entdeckte eine spätere Generation Reichtum und Präzision seiner Verse.

Hopkins liebte das Sonett; immer wieder stellte er sich der Herausforderung dieser lyrischen Form, lud er sie, oft zum Bersten, bildmächtig und sprachgewaltig, modifizierte sie gar, indem er ihre Proportionen mit mathematischer Genauigkeit reduzierte oder sie aufsprengte durch expansive Verssprache und neue überschießende Strukturmerkmale; im Sonett vor allem gelang ihm die Verbindung von emphatischer Welterfahrung und expressivem Kalkül. Diese zweisprachige Ausgabe enthält mit der bislang ersten vollständigen Übertragung des Sonettwerks ins Deutsche das Herzstück von Hopkins’ Dichtung.

S.P.Q., Klappentext, 1995

 

Arnfrid Astel: Ingestalt und Inkraft bei Gerald Manley Hopkins

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

 

Fakten und Vermutungen zum AutorIMDb + Internet Archive

 

Gerard Manley Hopkins – Dokumentarfilm To seem the Stranger, Teil 1/5.

 

Gerard Manley Hopkins – Dokumentarfilm To seem the Stranger, Teil 2/5.

 

Gerard Manley Hopkins – Dokumentarfilm To seem the Stranger, Teil 3/5.

 

Gerard Manley Hopkins – Dokumentarfilm To seem the Stranger, Teil 4/5.

 

Gerard Manley Hopkins – Dokumentarfilm To seem the Stranger, Teil 5/5.

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