Gerhard Schulz: Zu Wolfgang Hilbigs Gedicht „Novalis“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Wolfgang Hilbigs Gedicht „Novalis“ aus Wolfgang Hilbig:abwesenheit. –

 

 

 

 

WOLFGANG HILBIG

Novalis

ich ging von ihren tischen voller speisen
hinaus und trank im saal der schatten
was abend in den garten warf mit matten
düften denn ich sah die nacht verwaisen

trunken stieß ich auf die straße in das dunkel
die mich führte so wie einst ein gott es plante
seit ich spürte daß die schultern alles fallen ließen
blühn blumen auf ringsum die ich kaum ahnte

allem ledig seh ich nun vor meinen füßen
licht zerspringen und die hohen nächte grüßen
mit freiheit mich und ich hab raum

für meinen schmerz in dem die liebe ruht
und gottesnah und frei von hab und gut
geh ich und unerschöpflich wird mein traum.

 

Drei Ebenen

Gedichte über Dichter, wie dieses hier, besitzen drei Ebenen der Zeit. Zum einen ist das die Zeit ihres Gegenstandes, in diesem Falle also das ausgehende achtzehnte Jahrhundert des Freiherrn Georg Friedrich Philipp von Hardenberg, der unter dem Namen Novalis in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Das zweite Datum ist das Jahr 1970, in dem Wolfgang Hilbig sein Gedicht geschrieben hat. Die dritte Ebene aber ist nichts anderes als das unbestimmbare Heute, also die jeweilige Gegenwart, das Wissen, Denken und Empfinden der Lesenden, die sich zu diesen Versen in Beziehung setzen.
Daß dieses Gedicht nicht um der Literaturgeschichte willen geschrieben wurde, liegt auf der Hand. Zu wenig ist von ihr konkret erkennbar in diesen vierzehn Zeilen. Aber es setzt immerhin den Leser Hilbig voraus, der sich aus dem einen oder anderen von dessen Werken eine Vorstellung von Novalis gemacht hat. Vom Kontrast zwischen Nacht und Licht, einem zentralen Thema von Novalis’ „Hymnen an die Nacht“, ist in diesem Gedicht die Rede. Auch ein paar weitere Bilder oder Begriffe erscheinen, die in Novalis’ Poesie eine besondere Rolle spielen, Blumen zum Beispiel oder Schmerz, Liebe, Traum und Gott. Und gewählt wurde die Form des Sonetts, die als Kontrast zu antiken Versmaßen kurz vor 1800 in der deutschen Lyrik neue Belebung erfuhr, also dem Romantischen sehr angemessen ist, mit dem Novalis in der Literaturgeschichte gern verbunden wird.
Aber Hilbig verhält sich, wie Goethe sagen würde, produktiv zu seinem Gegenstand: ein Gespräch zwischen zwei Zeiten entsteht, bei dem, wie sich zeigt, die Stimme des Schreibenden über die des Lesenden dominiert. Denn natürlich schreibt hier einer über sich selbst, eignet sich historisch Fernes an, um eigenen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu geben. Allerdings geht es dabei nicht allein um Sprache, um das Spiel mit vorgeprägten, aus einer anderen Zeit überlieferten Begriffen und Metaphern. Mit einer derart produktiven Aneignung wird auch die Idee einer Kollegenschaft, einer Brüderschaft über die Zeiten hinweg suggeriert, und das kann gerade dort, wo man sich allein gelassen, ausgesetzt, fremd in seiner Welt fühlt, eine beträchtliche Stärkung und Stütze sein.
Wolfgang Hilbig, 1941 geboren, ist in der DDR aufgewachsen. Über die Entstellungen des Menschlichen, über die Zerstörung der Vernunft und des unabhängigen Denkens dort hat er in seinem trotz manchen Lobs noch immer unterschätzten Roman Ich Auskunft gegeben, der die institutionalisierte Desorientierung, ja die Auslöschung der Persönlichkeit im totalitären Überwachungsstaat zum Gegenstand hat. Im Bezug darauf läßt sich Hilbigs Novalis-Gedicht lesen. „Freiheit“ und „Raum“ zu haben waren unter diesen Bedingungen elementare Bedürfnisse um der eigenen Identität und Integrität willen, und die ängstliche oder empörte Entgegensetzung des Ichs zu den anderen wurde eine immer wiederkehrende Haltung; „ich ging von ihren tischen“.
Aber wir haben Hintergrundwissen in das Gedicht hineingetragen. Denn natürlich läßt es sich auch ohne Bezug auf die Lebensgeschichte seines Autors lesen und aufnehmen. Sogar er selbst würde wahrscheinlich solchen zeitgeschichtlichen Bezug zur Motivierung seiner Verse nicht als ausreichend empfinden. Zweimal ist von Gott die Rede und dann eben auch von Liebe und Schmerz – alles Begriffe von sehr viel größeren Dimensionen, als sie politische Realitäten besitzen, bei aller tiefdringenden Gewalt, die diese ausüben können.
In der Geschichte europäischer Lyrik spricht die Form des Sonetts stets von der Absicht, Realität nicht nur abzubilden, sondern sie in der strengen Form des Kunstwerks zu transzendieren. Auch die Bildersprache in diesen Versen ist Ausdruck davon. Mit ihrer gewissen Feierlichkeit mag sie zuweilen an den George-Kreis erinnern. Auf Novalis jedoch scheinen, wie gesagt, die Begriffe des letzten Terzetts direkt zu zielen: Schmerz, Liebe, Traum und Gottesnähe. Nur in einem wesentlichen Punkt verschiebt sich der Akzent. Bei Novalis war es die Erfahrung des Todes, die ihn zur Erkenntnis des Zusammenhangs der anderen Begriffe führte. Bei Hilbig ist es ganz offenbar die Erfahrung der Unfreiheit. Denn sie ist mit „hab und gut“, mit den „tischen voller speisen“ ursächlich verbunden. Die Nacht hingegen gibt sich als „saal der schatten“, als Medium der Trunkenheit wie der Befreiung.
So bleibt am Ende die Frage nach der dritten Ebene des Gedichts. Die aber besteht in der Schönheit seiner Form – nicht nur in der vorgegebenen Harmonie der Zeilen und Reime im Sonett, sondern in der Harmonie der Klänge überhaupt, der fein abgestimmten Laute, der Reime und Binnenreime. Und da nun ist Hilbigs Gedicht wahrhaftig ein kleines Meisterstück, wohin man auch sieht. Seine Bewährung als gutes Gedicht freilich findet es erst, wenn die drei Ebenen so sehr ineinander verschmelzen, daß man mit bloßem Auge keine Trennungslinien mehr sieht. Solche Qualität aber bin ich gern bereit, diesem Gedicht zuzugestehen.

Gerhard Schulzaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zweiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 1999

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