Gesualdo Bufalino: L’amaro miele / Bitterer Honig

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gesualdo Bufalino: L’amaro miele / Bitterer Honig

Bufalino-L’amaro miele / Bitterer Honig

TRÄGHEITEN

Mit Blicken in die Luft, Ohren aus Wachs,
versteinert entlang der Allee,
ein Volk von Marionetten;
die Fliege die flog fliegt nicht mehr.
Behaarung, Nägel, Flechten, haben zu sprießen aufgehört,
von der Lippe der Statue hängt matt ein Tropfen,
die Sonnenuhr auf dem Verputz
vertauscht Mittag und Mitternacht.
Ein Herz hat sich angehalten.

 

 

„Diese Verse,

auf Makulaturpapier geschrieben, mit einer Perry-Feder, vor vielen Jahren: fast zufällig haben sie die regelmäßigen Flammen zu Neujahr überlebt, denen es der Autor einst überließ, das Überflüssige und gehaßte aus seinen Schubladen zu beurteilen.“ (Aus dem Nachwort von Gesualdo Bufalino in der italienischen Ausgabe bei Einaudi.)
Zum Titel gibt es im Italienischen die beiden korrespondierenden Redewendungen „dolce come il miele“ / „süß wie der Honig“ und „dopo il dolce vien l’amaro“ / „Nach der Süße folgt die Bitternis“ oder „Das dicke Ende kommt noch“. Die Poesie des Sizilianers Bufalino ist auch in diesem Punkt unbestechlich. Mit einem wie doppelten Blick ist diesen Gedichten das dicke Ende längst eingeschrieben. Ihre Reihenfolgen erinnern an die von Tränen und Alpträumen, denen der Schlaf ausgetrieben wurde. Das führt mitunter zu Hellsicht, in jedem Fall verweist es auf eine weitere Bedeutung des Titels: Bitterer Honig als Medizin.

Wolfgang Schlenker, Druckhaus Galrev, Frühjahrkatalog 1995

Anmerkung zur ersten Auflage (1982)

Diese Verse auf Makulaturpapier geschrieben, mit einer Perry-Feder, vor vielen Jahren, fast zufällig haben sie die regelmäßigen Flammen zu Neujahr überlebt, denen es der Autor einst überließ, das Überflüssige und Gehaßte aus seinen Schubladen zu beurteilen. Gealtert wären sie rührselig geworden, wie die Rollen eines Pianola oder alte Photographien; wahrscheinlich hat es keinen anderen als einen privaten Wert, diese Verse ans Licht zu bringen, damit sie für einen Moment lächeln machen, wo ein Poltergeist der Jugend die Lippen noch dazu befähigt. Der wird euch wiederfinden und wiedererkennen können, im Zusammenhang mit den Relikten seiner alten, an der Küste des Mittelmeers verlorenen Liebesmühlen, mit der Erinnerung an eine lange Erwartung und Überredung des Todes, im lastenden Schatten des Krieges; und der schnellen Freuden, der langen Einsamkeiten nach der Rückkehr in den Süden.

 

Der Sizilianer Gesualdo Bufalino war bereits 61 Jahre alt,

als er 1981 sein erstes Buch, den Roman „Das Pesthaus“ veröffentlichte. 1982 folgte der Lyrikband BITTERER HONIG, der jetzt in einer deutsch-italienischen Ausgabe in der Edition Galrev erschienen ist.

Nach weiteren Romanveröffentlichungen gehört Gesualdo Bufalino inzwischen zu den herausragenden italienischen Prosaautoren der Gegenwart. Und auch die Gedichte, die teilweise schon vor Jahrzehnten („…im lastenden Schatten des Krieges“) entstanden sind, weisen ihn mit ihrer großen sprachlichen Präzision und kraftvollen Metaphorik als einen Poeten von hohem Rang aus. Diese Verse, so lässt uns Bufalino in einer Anmerkung zu seinem Buch wissen, hätten fast zufällig die regelmäßigen Flammen zu Neujahr überlebt, denen er es einst überlassen habe, das Überflüssige und Gehasste aus seinen Schubladen zu beurteilen. Dem Zufall sei Dank! Er hat dazu beigetragen, dass wir nun auch in Deutschland einen bemerkenswerten Lyriker entdecken können.

Axel Kutsch, Das Gedicht 3/1995

Die Wolken bauen eine Mauer

− Meide das Abstrakte: Gesualdo Bufalino in seinen frühen Gedichten. −

Bitterer Honig, der Titel einer Gedichtsammlung von Gesualdo Bufalino, ist ein Oxymoron, ein „Sauersüß“. So heißt die rhetorische Figur, bei der das Adjektiv dem Substantiv, zu dem es gehört, widerspricht. Aber „bittersüß“ ist eigentlich kein Widerspruch, sondern, wie wir spätestens seit der Einführung der Schokolade wissen, eine gute Mischung, und der Autor mit dem Namen der beinahe schon selbst ein Gedicht ist, weiß das auch. Er hat, bevor er mit sechzig zum Dichter und Romanautor wurde, der jüngst auch in dieser Zeitung zu Wort kam, Lateinisch und Italienisch unterrichtet. Außerdem ist er Sizilianer mit allen besonderen Süßigkeiten und Bitterkeiten, die das mit sich bringt. Seine Melancholie ist ebenso abgründig, wie seine Liebeserinnerungen hinschmelzend und leidenschaftlich sind. Der Mischung gemäß ist der erste Zyklus dieser Sammlung mit „Annalen des Übels“ überschrieben (aber wie mild melodisch klingt das auf italienisch: „Annali del malanno“!), der zweite Teil aufmunternd, wie ein Scherzo, mit „Das kurze Fest“.
Es sind, wie Bufalino selbst im Vorwort berichtet, frühe Gedichte, die der zu jedem Neujahr veranstalteten Verbrennung entgingen, und man darf vermuten, daß sie einer Reifezeit angehören, die schon vieles – die Teilnahme am letzten Krieg und Sanatoriumsjahre wegen Tuberkulose – verarbeitet hatte. Sie überwinden nicht die Schule, die in Italien seit Ungaretti, Montale und Quasimodo herrscht, die „hermetische“, aber sie führen sie mit großem Kunstverstand weiter, in der Annäherung an das Lakonische der lateinischen Vorfahren und in der Hochschätzung für das Einzelwort, so daß in zehn oder fünfzehn Versen schon alles gesagt ist. Auch Sonette mit ihren vier Strophen und vierzehn Versen finden sich, reimlos oder mit wie zufällig einander treffenden Zusammenklängen. Befolgt wird auch das Hauptrezept der Hermetiker, die Dunkelheit. Man versteht nicht auf den ersten Blick und erst recht nicht beim ersten Hören. Nachdenken wird verlangt.Man liest solche Gedichte nicht, ohne sich auszukennen. Man muß wissen, daß Boreas der Nordwind ist, aber als solcher auch ein Halbgott und Machthaber, der „die Wolke wie eine Mauer errichtet“, und es zittern die Armstümpfe der Bäume, und es wird zu Kohle der Tierkreis hoch über uns. Das Gedicht hat den Titel „Malonotte“, „Bösnacht“, und bedeutet mehr als Schlaflosigkeit, nämlich Unglück und Verwünschung. Es fährt fort: „Wie viele Wappenzeichen der Trauer, wie viel Aufzucken eines Engels oder eines Blitzes und wie das Auge der Nacht sich bewegt: von Steinen geschwollen wird der Schoß der Mütter sein, wir hören, wie sie den Schatten schelten, der unser Herz umklammert, wie sie mit schwieligen Füßen Tritte austeilen gegen die Brandungswelle, die sich naht.“
Das lyrische Grundgesetz, dem Bufalino gehorcht, lautet: Setze alles in Bewegung, verbanne die Abstrakta, laß die Welt tanzen, liebe die Gegenstände. Dafür als Beispiel ein Acht-ZeilenGedicht, das auch im Original den deutschen Teil „Eine kleine Nachtmusik“ trägt: „Die Musik kommt von den fernen Terrassen / wir liegen im Sand / die Haare wirr und glückselig, / zwischen den Mauern der weißen Flut, / überrascht, zu zweien zu existieren / unter der sanften Decke der Luft, / entfleischlicht und fleischlich, vollkommen / wie zwei nackte Palmen, vereint.“
Wahrhaftig, schade wäre es gewesen, wenn Bufalino das verbrannt hätte! Aber schade ist es auch, wie der Übersetzer das Gedicht zugerichtet hat (Gott sei Dank kann man mit dem Original vergleichen). „Bianco diluvio“ übersetzt er mit „Regenschauern“ (als ob die Liebenden dann so ruhig beieinanderblieben) und „Aria“ statt mit „Luft“ mit „Musik“. Man erfährt über ihn, dass er 1964 geboren ist, aus dem Englischen und Italienischen übersetzt und Lyrik sowohl wie Prosa schreibt. Er trifft manchmal den Ton Bufalinos gut, indem er „hart“ übersetzt, nicht „poetisch“, aber manchmal stellt sich auch heraus, daß er zu wenig Italienisch kann, wenn er etwa „minuto“ mit „Minute“ statt mit „klein“, „winzig“ wiedergibt und den Groll des Dichters sozusagen mit der Stoppuhr mißt oder wenn er den zwischen vier Wänden („canti“) Eingesperrten zwischen vier Gesänge (auch „canti“) platziert. Bekanntlich hassen Dichter das Ungefähre, dieser Übersetzer probiert es hingegen mit Vergnügen aus. Es ist wie bei der modernen Musik: Für den, der keine Ohren hat, sie zu hören, klingt alles falsch; da kommt es doch auf eine zusätzliche falsche Note gar nicht an.
Im übrigen ist das Bändchen – keine hundert Seiten – hübsch gedruckt, mit einem Bildnis des hochgetürmten sizilianischen Städtchens Comiso versehen, aus dem Bufalino kommt, und für den, der sich ins Italienische mit Hilfe der deutschen Übersetzung und eines guten Wörterbuches einliest, ein Leckerbissen.

Werner Ross, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.7.1995

 

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