Hans-Jörg Rother: Zu Attila Józsefs Gedicht „Die künftigen Menschen“

Im Kern

Im Kern

– Zu Attila Józsefs Gedicht „Die künftigen Menschen“. –

 

 

 

 

ATTILA JÓZSEF

Die künftigen Menschen

Sie werden Kraft und Zartheit sein.
Sie werden die eiserne Maske der Wissenschaft zerbrechen,
Um die Seele auf dem Antlitz des Wissens sichtbar zu machen.
Sie werden Brot und Milch küssen
Und mit der Hand, die das Haupt ihres Kindes streichelt,
Aus dem Gestein Metalle und Eisen schürfen.
Mit den Gebirgen werden sie Städte errichten.
Ohne Hast werden ihre riesigen Lungen
Gewitter und Stürme atmen,
Und die Ozeane werden ruhen.
Immer sind sie bereit für den unerwarteten Gast
Und haben für ihn gedeckt
Den Tisch und auch ihr Herz.
Möget ihr ihnen ähnlich sein,
Daß eure Kinder mit Lilienfüßen
Unschuldig das Blutmeer durchschreiten,
Das zwischen uns liegt und ihnen.

Übertragen von Stephan Hermlin

 

Sehnsucht nach Brüderlichkeit

Attila József schrieb dieses Gedicht 1923, als Achtzehnjähriger. Neun Jahre zuvor hatte er den ersten Selbstmordversuch unternommen, ein Jahr zuvor den zweiten. Sein Vater war ein Seifensieder und verließ die Familie. Die Mutter verdingte sich als Waschfrau und starb, als Attila vierzehn war, an Gebärmutterkrebs. Der Mann seiner Schwester Jolán, ein Rechtsanwalt, schickte den Jungen aufs Gymnasium nach Makó. Dort entstand Józsefs erster Gedichtband Bettler der Schönheit. Ein Staatsanwalt klagte ihn wegen des Gedichts „Rebellierender Christus“ der Gotteslästerung an. Mit neunzehn kam József auf die Universität in Szeged, von der ihn zwei Jahre später ein Professor aus Anlaß seines Textes „Reinen Herzens“ vertrieb. Das Gedicht sei hier wegen seiner desillusionierenden und darum als staatsfeindlich empfundenen Wahrhaftigkeit mitgeteilt. Die Polarität zu „Die künftigen Menschen“ charakterisiert die Spannung im Herzen des Dichters:

REINEN HERZENS

Mutter tot, der Vater – fort,
weder Gott noch Heimatort,
weder Wiege, weder Grab,
kein Bett, keinen Schatz ich hab.

Seit drei Tagen ohne Fraß,
nicht mal ein Stück Brot ich aß.
Zwanzig Jahre sind mein Heil,
zwanzig Jahre biet ich feil.

Wenn ich keinen Käufer find,
schlag ich alles in den Wind.
Breche reinen Herzens ein,
morde auch, wenn’s grad muß sein.

Fängt man mich, werd ich gehängt,
gutes Erdreich mich empfängt,
unheilvoller Kräuterwust
wächst aus meiner wackern Brust.

Übertragen von Géza Engl

1923 wußte József noch nicht, welches unerfüllte Leben ihm bevorstand, daß seine Studienaufenthalte in Wien und Paris Hungerwochen werden sollten, daß – er jahrelang um die Sicherstellung seiner Existenz als freier Schriftsteller würde kämpfen müssen, daß er trotz Freunden vereinsamen, immer vergeblicher auf eine erlösende Liebe hoffen und den erzielten Erfolgen (Mitherausgeber der Zeitschrift Das schöne Wort) gleichgültig gegenüberstehen wird, daß die illegale Partei die Verbindung zu ihm abbricht, die Psychiater, nachdem sie den Dichter womöglich noch kränker machten, als er war, ihn aufgeben und er sich vierzehn Jahre nach dem Entstehen dieses Textes nahe der Station Balatonszárszo unter einen Güterzug wirft. Er wußte auch noch nicht, daß seine große Liebe zu Márta Vágó, einem schönen, sensiblen Mädchen „aus gutem Hause“, an den sozialen Schranken scheitern wird: Die Eltern schickten Márta zum Studium nach England, während Attila József in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.
Mit achtzehn leistet man sich starke Gefühle und hochfliegende Träume. Man will ein ganz anderes Leben führen als die Eltern und die Leute ringsum und spricht laut aus, daß die Welt nicht in Ordnung ist. Aufschreien, aufbegehren, sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen. Heutzutage stürzt man sich in die folgenlose Ekstase der Rockkonzerte. Doch welche Musik und welche alternativen Lebensmodelle auch immer die Jugend in einen Taumel versetzen, die meisten versäumen nicht, sich zu qualifizieren, den Grundstein für eine solide (Familien-)Existenz zu legen. Sie leitet nicht nur die vage Sehnsucht nach einer menschlichen Erfüllung jenseits der von ihnen erlebten Möglichkeiten, sondern auch der sichere Instinkt für die drei Grundbedingungen allen Lebens: Ernährung, Schutz und Fortpflanzung. Letztlich träumt man weniger von den künftigen Menschen als von der eigenen Zukunft.
Auch József hatte berufliche und familiäre Pläne. Er wollte ein Zuhause haben, geliebt werden und lieben, ohne Hunger leben. Aber davon teilt er in diesem Gedicht (und auch in vielen anderen) nichts mit. Er geht eher davon aus, daß ihm – und seiner Generation – eine wirkliche Erfüllung nicht beschieden ist. Erst die künftigen Menschen „werden Kraft und Zartheit sein“, Gier und Hast abstreifen, die Natur nutzen und doch „Brot und Milch küssen“, freundlich von Herzen sein zu ihren Kindern, den Fremden, zu sich selbst. Zwischen dem Heute und jener hellen Zukunft aber liegt ein „Blutmeer“. Die Generation Józsefs und auch die ihr nachfolgende (es fällt nicht schwer, das Wort „Kinder“ als Anfang einer Begriffsreihe zu interpretieren: Kinder, Enkel, Urenkel…) müssen es durchschreiten. Doch wer vermag schon ein Meer zu durchschreiten? Moses konnte es, als er dem Roten Meer befahl, sich vor ihm und seinem Volk zu teilen. Das Wasser netzte nicht einmal ihre Füße, aber die Feinde, die sie verfolgten, wurden von den Fluten verschlungen. Nur in der Legende kann jemand ein Meer, und erst recht ein Blutmeer, mit (weißen) Lilienfüßen durchschreiten.
Der Dichter sehnt sich nach Brüderlichkeit in einer menschlichen Sozietät, und zugleich weiß er, daß die Realität ganz anders beschaffen ist. Während in Deutschland noch die Märzkämpfe aufflammten und die Weimarer Republik der linken Opposition immerhin Legalität einräumen mußte, wurde Ungarn, weil es stärker revoltiert hatte, bereits von einer präfaschistischen Gewalt niedergehalten. Warum träumt József davon, daß die Entfremdung der Wissenschaft (für deren Ergebnisse er sich in einem Maße interessierte, das heute manchem Autor als übertrieben erscheinen mag), der Arbeit, der Natur und der menschlichen Beziehungen aufgehoben wird? Ein Verzweiflungsschrei? Ein voluntaristischer Appell? „Möget ihr…“ Der Konjunktiv mildert die Aufforderung zu einer Bitte, die viel Verstehen menschlicher Schwäche einschließt. Das „Blutmeer“ kann von der Poesie weder ausgeschöpft noch zugedeckt werden. Das Meer aus Tränen ebensowenig.
József schrieb das Gedicht, weil er es brauchte. Der Akt des Schreibens brachte ihn sich selbst näher, oder, anders gesagt, der Gedanke an zukünftige Menschen, die arm an Eigennutz und reich an Freundlichkeit sind, senkte Ruhe in seine Brust. „Und die Ozeane werden ruhen.“ Mit „Ozeane“ dürfte er kaum die Weltmeere gemeint haben, deren Bewegung einen Menschen, der Gewittern und Stürmen trotzt, wohl nicht ängstigen kann. Es handelt sich vielmehr um die Ozeane widersprüchlicher Empfindungen, unter denen József litt. Der Liebesentzug in der Kindheit rief einen unstillbaren Liebeshunger hervor, und die schon früh erlittenen Demütigungen mußten ihn gegen jede Form der Kränkung besonders empfindlich machen, und zwar nicht nur seiner Person. Für ihn war das Bild des freundlich aufgenommenen Fremden etwas zutiefst Empfundenes. Er wünschte der Menschheit, daß sie diese ursprüngliche Freundlichkeit wiederherstellt, wußte er doch, nicht er allein litt unter verschlossenen Türen und Herzen. Zumindest im Unterbewußtsein tragen viele die Sehnsucht nach innerem Frieden.
Das Gedicht vermag solches geheime Sehnen zu stärken, zuerst im Dichter selbst. Ob József seine Stimmung damit stabilisieren konnte, sei dahingestellt. Die Anfälligkeit für Depressionen, die in unmittelbarem Zusammenhang zu seiner Sensibilität zu sehen ist, sorgte für einen raschen Abfall des Hochgefühls. Auch im Dichterleben werden die Hoffnungen oft verschüttet. Die Folge, in der neue Gedichte entstehen, der Rhythmus der dichterischen Produktivität, markiert die heftigen Wellenbewegungen auf dem Ozean der Empfindungen. Das Schreiben ist gleichsam ein Versuch, Öl auf die Wogen zu gießen oder sich des allgemeinmenschlichen und historischen Kerns der persönlichen Problematik zu versichern. Gegen das Chaos erhebt der Dichter den Anspruch der Vernunft, ohne dabei sein Gefühl zu drosseln. Vernunft, vom Kalkül befreites Denken, Mittel der Selbstentfaltung und natürlichen Übereinstimmung, Leitplanke eines Lebens ohne Hast und Müßiggang, ist das bestimmende Merkmal der Utopie in Józsefs Gedicht. Die zukünftigen Menschen kennen weder zusammengebissene Zähne noch Demut. Sie sind frei. Darum können sie auch die Köpfe der Kinder (die József gleich zweimal nennt, soviel Hoffnung bringt er für sie auf!) streicheln.
Schriebe József, wäre er statt 1905 erst 1965 geboren, auch heute ein solches Gedicht? Gewiß, Hunger, extreme Armut und Herumgestoßensein wären ihm erspart geblieben. Doch muß man der Sohn eines Seifensieders und einer Waschfrau sein, um mit äußerster Empfindlichkeit auf den unvollkommenen Zustand der näheren Umgebung wie der Welt zu reagieren? József würde vor allem die Bedrohung der Menschheit und allen Lebens heftig und schneidend zur Sprache bringen. Hätte er aber auch den Mut, jetzt, im Jahre 1982, den künftigen, gütigen und freien Menschen zu besingen? Bringen wir ihn auf? Oder sind die Visionen aus dem Leben gewichen?
Attila József setzt uns in Verlegenheit. Nicht daß sein Stil, ein persönlicher und historischer, zu imitieren wäre. Diese Gedankenlyrik, die durch starke und naive Bilder poetisiert wird, erwächst aus der gefühlten Verantwortung, sich für die wirkliche Befreiung von den sozialen Schranken, die den Menschen am Menschsein hindern, einsetzen zu müssen. Józsefs Dichtung wird vorangetrieben von dem unbedingten Interesse an gesellschaftlicher Veränderung und menschlicher Wandlung. Der Dichter sucht den Weg in die Zukunft. Das Schiff seiner Poesie steuert auf hochbewegter See zwischen der Skylla Resignation und der Charybdis Verzweiflung. Brot und Milch (die es noch immer nicht im Überfluß gibt) und Freundlichkeit für den unerwarteten Gast zu besingen, damit ein Stück Hoffnung zu stärken, das bleibt als Aufgabe auch uns.

Hans-Jörg Rother, neue deutsche literatur, Heft 11, November 1982

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