Hans Magnus Enzensberger: Landessprache

Enzensberger-Landessprache

ANWESENHEIT

hier verharre ich wie eine auster,
hier wo ich bin. hier war ich einst,
einst werd ich hier sein, an einem tag
ohne geiz, an einem tag auf der erde.

die abdecker kommen und gehn,
die erbsen verfallen dem herbst,
die eilboten fiebern. ich,
ich gehe nicht fort, ich bleibe,

mildherzig unter den wurzeln,
wie eine auster im meer, und harre,
und lausche in meinen bronchen
dem süßen wind, wie ein strauch.

hier bin ich, ein schiff aus rauch,
hinter dem mond zuhaus, ein mann
unter den wurzeln des meers, bewohnt,
wie ein totenacker, ein totenstrauch,

von nattern und tauben, zuhaus
im blühenden sternsarg, allein
im feuer der windrosen wohnend
bei meinen lidern, den tauben im wind.

ich bin ein einstiger mann.
einst ist mir niemand erschienen,
einst wird er wiederkommen. ich harre
und warte nicht, sondern harre nur:

niemand wie eine monstranz,
niemand, ein schiff aus wind,
niemand unter den wurzeln, hier,
an einem tag ohne geiz,

wie eine auster aus rauch.

 

 

gebrauchsanweisung

1. diese gedichte sind gebrauchsgegenstände, nicht geschenkartikel im engeren sinne.

2. unerschrockene leser werden gebeten, die längeren unter ihnen laut, und zwar so laut wie möglich, aber nicht brüllend, zu lesen.

3. das längste gedicht in diesem buch hat 274 zeilen. es wird an lukrez erinnert, der sich und seinen lesern 7415 zeilen abverlangt hat.

4. zur erregung, vervielfältigung und ausbreitung von ärger sind diese texte nicht bestimmt. der leser wird höflich ermahnt, zu erwägen, ob er ihnen beipflichten oder widersprechen möchte.

5. politisch interessierte leute tun gut darin, vorne anzufangen und hinten aufzuhören. für die zwecke der erwachsenenbildung, des vergnügens und der rezension genügt es, kreuz und quer in dem buch zu blättern. lesern mit philosophischen neigungen wird empfohlen, die lektüre im krebsgang, von hinten nach vorne vorzunehmen.

6. die motti sollen darauf hinweisen, daß der verfasser nichts neues zu sagen hat, und avantgardistische leser abschrecken. gründliche liebhaber der alten schriftsteller finden sie auf diesem blatt so gut übersetzt, wie sie der verfasser verstanden hat. im übrigen können die gedichte auch ohne motti benutzt werden.

 

Enzensberger schreibt Zeitgedichte

und beruft sich auf Lukrez. Er reiht mit berserkerhafter Emphase die groteskesten Bilder aneinander – und lächelt dazu. Er nimmt die Positur Savonarolas ein – und nennt seine zornigen Schreie: Gebrauchsgegenstände. Er plündert das Arsenal der Umgangssprache, spricht von Tarifpartnern, Wellpappe, Cellophan, Plombierzange, Schlußverkauf, Nahkampfspangen, von „geigerzählern und alten meistern“ – und bettet das ganze Vokabular, Jargon-Abfall und Cockney-Splitter, in Zusammenhänge, die den zerkauten Alltagsworten unversehens neue Bedeutung geben, sie gleichsam denunzieren und zur enthüllenden Selbstbezichtigung zwingen.

Walter Jens, Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1969

 

Einer der auszog, das Fürchten zu verlernen

Da ich ein sehr ansässiger Mensch bin, fällt es mir natürlich besonders auf, daß Enzensberger es nirgends lange aushält. In den Gedichten summieren sich dann die vom Schreck diktierten Wörter. Ist einer irgendwo zu Hause, kann er sich halbwegs einrichten, muß der Schreck zum zähen Belagerungskrieg übergehen, muß sich dünn machen, um einzudringen, die Kampfart wechseln, List hilft auch ein bißchen, die Furcht wird eine Art Landregen, ein monotones Geräusch. Aber Enzensberger kann sich offensichtlich nicht einrichten. Er verläßt einen Ort um den anderen, kein Wunder, daß er von jedem Gewitter auf offenem Feld angetroffen wird.
Wie jeder Mensch, versucht er es mit Namengeben. Was ihm zuwider ist, tauft er, gibt ihm den rechten Namen, wehrt es so, ab, zahlt ihm so den erlittenen Schrecken heim. Das Fürchten wird er natürlich nicht verlernen, aber bei so viel Fahrt in unheimlichem Wald lernt er das Singen, lernt es immer besser. Was da zuerst da war, die Schreckhaftigkeit oder der Spaß am Singen, läßt sich bei Enzensberger leicht entscheiden. Beides war von Anfang an da. Zum Glück. Es gibt genügend Gedichte von Enzensberger, die er nicht zeitgenössischer Schreckhaftigkeit verdankt, sondern der ursprünglichen Lust, mit Namen und Wörtern um sich zu werfen und auch noch das Hinfälligste dingfest zu machen.
Lyriker, das weiß man ja, nehmen die Sprache ernst, halten sich an die Wörter, im Guten und im Bösen. Die besten unter ihnen unterwerfen die Sprache einem andauernden Kreuzverhör. Die Geständnisse notieren sie. Die Sprache vertritt dabei die Wirklichkeit. Die Lyriker halten sich zwar an die Sprache bei ihrem Verhör, aber ihr „Schuldig“ oder „Schön“ gilt der Wirklichkeit.
Setzen wir das fort, unterwerfen wir die Sprache Enzensbergers einem Verhör, denn in seiner Sprache muß ja aufbewahrt sein, was ihm begegnete. Halten wir uns an Wörter, das ist vorerst einfacher als von Satzbau oder Rhythmus zu reden, und es ist bei Enzensberger besonders naheliegend. Ich kenne keinen, der die Wirklichkeit so deutlich in Wörter aufgeteilt hat, in Wörter des Widerwillens und in Wörter der Zuneigung. So wie er seinen ersten Gedichtband verteidigung der wölfe einteilte in „freundliche Gedichte“, „traurige Gedichte“, „böse Gedichte“, so kann man alle seine Wörter einteilen in Wörter für Angenehmes und Unangenehmes. Nicht „schwarz“ und „weiß“, sondern angenehm und unangenehm oder freundlich und schrecklich. Zum Beleg: eine willkürliche Folge von Hauptwörtern, die inzwischen schon jeder halbwegs Interessierte als einen Katalog Enzenbergerschen Unmuts erkennt:
„Abdecker“, „Staatsbanken“, „Speichel“, „Kongreßteilnehmer“, „Tränengas“, „Baracken“, „Kontoauszug“, „Bidet“, „Generalstäbe“, „Warzen“, „Schweiß“, „Makler“, „Eilboten“, „Schaum“, „Jauche“, „Hauptversammlungen“, „Schlachthöfe“, „Gebärmutter“, „Privatpatient“, „Zuchtbullen“, „Fistel“, „Orden“, „Drüsen“, „Handelsspannen“, „Pudding“, „Totschläger“, „Sahnebaiser“, „Cheftexter“.
Ich wählte absichtlich keine von Enzensberger geprägte Metaphern, sondern einfach ein paar Hauptwörter, die bei ihm vorkommen: die noch deutlicher werden, wenn man ihnen einen Katalog der Anmut gegenüberstellt, der zeigt, wovor Enzensberger nicht erschrickt, wohin er also auszieht, um Schlachthöfe, Orden und Warzen zu vergessen:
„Auster“, „Gesell“, „Dünung“, „Glanz“, „Fels“, „Perlmutt“, „Korken“, „Brise“, „Jäger“, „Spargel“, „Großmut“, „Sellerie“, „Zauber“, „Robben“, „Windhaar“, „Gletscher“, „Blauwal“, „Spatzen“, „Bratäpfel“, „Meer“, „Ottern“, „Wüste“, „Schiffschaukel“.
Verhören wir noch ein paar Tätigkeits- und Eigenschaftswörter. In der Welt der Abdecker und Geigerzähler finden sich da, zum Beispiel:
„fett“, „feucht“, „klebrig“, „zäh“, „farblos“, „gedunsen“, „blutig“, „räudig“, „triefend“, „schmierig“, „geifernd“, „eiternd“, „mickrig“, „fies“, „feist“ und „poliert“.
In der Welt der Blauwale, Spargel und Gesellen dagegen:
„gefiedert“, „trocken“, „beharrlich“, „neu“, „fest“, „furchtlos“, „fein“, „weiß“, „widerstrahlend“, „feierlich“, „gläsern“, „gesalbt“, „schwebend“, „blühend“, „klar“, „stark“ und „kalt“.
Könnte man so gegensätzliche Kataloge aus jedem Gedichtband zusammenstellen? Und wenn man es könnte, so deutlich würden die Gedichte selbst sich kaum irgendwo trennen lassen in solche traurig oder böse hingesagten Widerwillens und solche trauriger oder liebender Werbung.
Mir ist es immer komisch zumute, wenn ich wieder einmal irgendwo lese, Enzensberger sei ein zorniger junger Mann. Diese Marke haben die Kritiker bei uns für ihn geprägt. Sie mußten dazu zuerst einen englischen Markennamen schlecht übersetzen, dann hatten sie endlich eine Elle, mit der sie junge Autoren messen konnten. Sie haben Enzensberger auch zum politischen Dichter und zum Muster-Non-Konformisten gestempelt. Nun sind Leute, solange sie eine Kritik schreiben, oft unfreiwillig berufstätig, sie haben gerade keine andere Möglichkeit, also sollte man das auch nicht zu ernst nehmen. Ich bin mit Enzensberger befreundet, soweit ein Seßhafter mit so einem Fahrenden befreundet sein kann. Ich lese die Gedichte, die er irgendwo geschrieben hat, und lese da viel mehr Klage als Anklage. Ich sehe: Da wehrt sich einer seiner Haut, die er andauernd auf fremden Märkten bedroht sieht. Ich lese da, daß er eigentlich gern in einer Gitarre schlafen möchte, der April könnte ihm gar nicht lang genug dauern, er hätte auch gern ungestörten Umgang mit Ziegenhirten und Ballerinen, in der Zeitung müßte vielleicht stehen: Theresia von Konnersreuth hat den Lenin-Friedenspreis bekommen, oder noch besser: Sämtliche Atombomben sind plötzlich von einer unerklärlichen Virusinfektion dahingerafft worden.
Aber, wie bekannt. Die Welt ist nicht danach. Sie ist nach wie vor, und wahrscheinlich für immer: voller Schrecken. Man macht es sich zu leicht, wenn man alle fällige Empörung an einen zornigen jungen Mann delegiert, der dann sozusagen auch gar nicht mehr so ernst zu nehmen ist, weil es nun einmal seines Amtes ist zu schimpfen. Der Ekel, der einen Teil der Enzensbergerschen Gedichte hervorgebracht hat, ist nicht engagiert.
Es ist nicht nötig, Enzensberger in Schutz zu nehmen; es passiert ihm ja nichts, wenn er engagiert und zornig genannt werden müßte. Aber um ihn richtig einzuschätzen, um ihn nicht zum gewohnheitsmäßigen Protestierer zu degradieren, muß man sehen, daß sich in seinem Widerwillen gegen die veränderungsbedürftige Welt nicht viel Hoffnung und Hinweis ausspricht. Deshalb wird, was als Anklage beginnt, immer wieder Klage. Die Klassifizierer sollten ihn weniger Brecht als Nestroy zugesellen. Es erinnert nur sehr äußerlich an Brecht, wenn er sich als Kirschendieb ins Geäst setzt, aber es ist der Rückzug Nestroys, wenn er, von dort aus, dem „apokalyptischen Aas“ „lächelnde Steine“ in die „welken Rippen“ spuckt.
Besser, wir verzichten auf diese ungefähren Einkreisungen mit fertigen Namen. Es ist Enzensbergers gutes Recht, am meisten sich selbst zu gleichen und uns mit jedem Gedicht deutlicher zu werden. Und er macht es uns leicht, von seinen Gedichten auf sein Gesicht zu schließen. Das ist ein Glücksfall. Ionesco zum Beispiel sah ich einmal mit Gummimantel und dünner Aktentasche oberhalb Heidelbergs über den Neckar fahren und glaubte zuerst, hier begebe sich ein braver Installateur nach Feierabend noch zum Angeln. Anouilh dagegen sieht aus, als habe er Ionescos Stücke im Auftrag einer Untergrundorganisation geschrieben. Enzensbergers Gedichte passen in sein Gesicht. Wenn er die gepflegten und brutalen Verwalter unserer Welt auf ihren Terrassen auch mit noch so heftigen Schmähworten eindeckt, man spürt doch immer, daß er eigentlich sagen will: Ist es nicht fürchterlich, daß es so was wie euch gibt! Gebt doch zu, daß das fürchterlich ist! Und am lautesten höre ich ihn sagen: Warum muß alles, was widerlich ist, gerade mir auffallen! Ich würde meinen Bedarf an Häßlichkeit doch viel lieber mit erdachten Hexen decken, warum dringt ausgerechnet auf mich, der ich soviel Freude an einer schönen Küstenlinie habe, alles Gedunsene und Widerwärtige ein! Dann schreibt er seine Gedichte vielleicht fast in der Hoffnung, die Angegriffenen würden sich zur Wehr setzen, würden sich trennen von ihren Erscheinungen und Praktiken und würden sich ihm freundlicher nähern und sagen: Wir sind ja gar nicht so, wir sehen vielleicht so aus, da hast du recht.
Bitte, das ist eine Vermutung. Sie beruft sich auf Enzensbergers Gedichte und auf sein Gesicht. Dieses Gesicht hat Übung im Staunen, im skeptischen und bösen Lächeln. Man sieht aber sofort, mit diesem Gesicht wäre sehr viel Freundliches, Liebenswürdiges und Charmantes anzufangen, auch Spitzbüberei und Frechheit, bloß ist dazu nicht immer Anlaß. Öfter scheint es zu schmollen oder ängstlich zu sein. Das wirkt sich auf den Mund aus. Sehr, sehr viel später wird es einmal gut zu diesem Gesicht passen, daß Enzensberger schlecht hört; jener listige und zweifelnde Ausdruck, den der Schwerhörige annimmt, um sich einen Satz noch einmal wiederholen zu lassen, ist in diesem Gesicht jetzt schon zu Hause: Das kommt, weil er es einfach nicht begreifen kann, daß alles so ist, wie es ist. Und weil er den Zustand der Welt offensichtlich nicht für den bestmöglichen hält, weil er glaubt, daß er schlecht abschneidet, wenn er sich in dieser Welt so aufführt, wie er eigentlich möchte, weil also die Welt kein Fjord ist mit einer angenehmen Temperatur, deshalb wappnet er sich, zieht sich eine Wolfskappe über sein allgäuisches Arielgesicht, bleckt, wo er eigentlich lachen möchte, und wird traurig, wenn er bemerkt, daß die Welt in ihm einen Egoismus züchten will, vor dessen Dürftigkeit ihn schaudert.
Ich habe mich schon seinetwegen geniert. Wenn ich mit ihm etwa die Bahnhofshalle in Hamburg-Dammtor durchquerte und er plötzlich kleine heulende Schreie ausstieß. Aus Übermut. Aus eher traurigem Übermut. Das klang halb nach einem Hund, halb nach einer Eule. Passanten sahen sich besorgt nach uns um. Nun sah er, langbeinig, dünn und mit viel Geschick bekleidet, neben mir sowieso aus wie ein Windhund, für den ich die Steuer nicht bezahlt haben konnte. Seine kleinen Schreie bewiesen mir, daß er auf mich keine Rücksicht nehmen wollte oder konnte. Das paßt zu ihm, dachte ich. Ihm ist es gerade danach zumute, also stößt er kleine Schreie aus. In der Bahnhofshalle wirkte es fast wie eine Provokation, zumindest wie eine Aufforderung, auch in solche Schreie auszubrechen. Irgendeinen Grund hätte wahrscheinlich jeder gehabt. Aber vielleicht nicht die Stimme, die nötig ist, um diese Art Schreie so lange hervorzustoßen, daß sie hängen bleiben zwischen Klage und Frechheit. Falls Sie einmal sowas hören in einer überfüllten Bahnhofshalle oder auf dem Trottoir und dann noch ein Mann in der Nähe ist, der seine hagere Figur mit Erfolg bekleidet hat und der auf eine zielbewußte Weise zwischen Ihnen hindurchschlenkert und -pendelt, dann ist es ziemlich sicher Hans Magnus Enzensberger.

Martin Walser, Die Zeit, 15.0.1961

Einatmen – Ausatmen

Als der 30jährige deutsche Lyriker Hans Magnus Enzensberger Anfang dieses Jahres von Rom nach Frankfurt übersiedelte, um dem Suhrkamp Verlag als Lektor zu dienen, bekam er einen „Schock“. So jedenfalls nennt er das, was er nach fast dreijährigem Italienaufenthalt angesichts der florierenden Stadt am Main empfand.
Die literarische Frucht dieses Schocks war „Landessprache“, ein sieben Buchseiten langes politisches Poem, Titelgedicht seines soeben erschienenen zweiten Versbandes. Der Verfasser sei „in der Tat ein bedeutender Lyriker, der einzige vielleicht, der sich – heute, zornig und zart, ,ein‘ Erbe Bertolt Brechts nennen darf“, begeisterte sich flugs Enzensbergers Kollege von der Gruppe 47, Walter Jens, in der Zeit.
Wenn der Vergleich mit Brecht auch etwas hochgegriffen erscheint, so ist doch sicher richtig, daß politisch engagierte oder interessierte Lyriker in der Bundesrepublik heute dünn gesät sind. „Gräserbewisperer“, wie Gottfried Benn die Naturlyriker boshaft nannte, und pseudo-avantgardistische Wortklauber nach Art der movens-Bande (SPIEGEL 37/1960) beherrschen die literarische Szene.
Enzensberger jedoch, dessen Laufbahn so modisch-konventionell wie die vieler seiner jungen Dichterkollegen begann – mit einem Förderungspreis der Hugo-Jacobi-Stiftung (1956) und mit Beiträgen für die Anthologien Junge Lyrik, Jahresring und Transit –, legt heute großen Wert darauf, nicht als „Jung“, „modern“ oder gar „avantgardistisch“ zu gelten. In einer „Gebrauchsanweisung“, die er, nicht ohne Koketterie, seinem neuen Gedichtband beilegen ließ, erklärt Enzensberger, „avantgardistische Leser abschrecken“ zu wollen. Die seinen Versen vorangestellten Zitate klassischer Autoren, wie zum Beispiel Plinius, Heraklit und Vergil, sollten „darauf hinweisen, daß der Verfasser nichts Neues zu sagen hat“.
1957 hatte Enzensberger einen Freiplatz in der Villa Massimo in Rom bereits nach wenigen Wochen, im Stich gelassen:

Das ist deutsche Inzucht. Ich mietete mir ein Haus bei Rom.

Auch einen zweiten Förderungspreis lehnte er ab.
Statt dessen gab sich Non-Avantgardist Enzensberger dem „Einatmen“ hin – so nennt er seine diversen Auslandsaufenthalte. Ehefrau – Dagrun aus Norwegen und das mittlerweile dreijährige Töchterchen Tanaquil atmeten mit, bis 1957 in einem Blockhaus im norwegischen Stranda, später in jenem Landhaus bei Rom. Der Zeitpunkt des „Ausatmens“ war gekommen, als Enzensberger, von Frankfurt schockiert, eine Verlagswohnung im vornehmen Frankfurter Westend bezog. Und solcherart waren die Atemstöße, in deutsche „Landessprache“ übersetzt:

hier geht es aufwärts,
hier ist gut sein,
wo es rückwärts aufwärts geht,
hier schießt der leitende herr den leitenden herrn mit dem gesangbuch ab,
hier führen die leichtbeschädigten mit den schwerbeschädigten krieg,
hier heißt es unerbittlich nett zueinander sein.

Enzensberger selbst ist alles andere als nett zu seiner Umwelt. Auf seiner Schwarzen Liste lyrischer Schmähungen stehen unter anderem: blindekuhspielende Polizisten, amtliche schmierige Adler, Bewohner schmutziger Nebensätze, ein bestochenes Jüngstes Gericht, Päpste in Leihwagen, abgeschabte Genies, unaufhörlich fressende Leichen bei Kranzler, Schaumgummihochhäuser in Düsseldorf, Nobelpreisträger in Rudeln, automatische Bachwochen, Gesichter aus Mayonnaise und Kitt sowie Kapuziner, die rosig ihre Gebete gurgeln.
Des Preisens würdig ist dem Lyriker Enzensberger allenfalls das Firmament,

… das zehnmal zehntausend faden hoch
harrt,
nirgends nämlich,
das unser und seiner geschwelgt und königlich labt
den nächstbesten, der sonstwie heißt
oder iljitsch, pius, philemon
oder enzensberger, fremdbrödler von beruf,
im gewimmer
wohnhaft, mikrobenbeet,
umsonst getauft,
unter doppelgängern zuhaus.

Gelegentlich fällt auch ein kleines Lob für die Lachse; die Wale, das Nordlicht, den Sozialismus oder die Sellerie ab. Zwiespältig dagegen ist Enzensbergers Haltung zu seinem zwiegespaltenen Vaterland, das er einmal als „arischen Schrotthaufen“ besingt:

deutschland, mein land, unheilig herz der völker,
ziemlich verrufen, von fall zu fall,
unter allen gewöhnlichen leuten:

meine zwei länder und ich, wir sind geschiedene leute,
und doch bin ich inständig hier,
in asche und sack, und trage mich.
was habe ich hier verloren?

Eine Dichterlesung im April dieses Jahres in Leipzig, von dem ostzonalen Germanisten Professor Hans Mayer geleitet, ließ Enzensberger diese „zwei Länder“ am eigenen Leib erfahren. Eine interne Diskussion zwischen den eingeladenen Autoren – Peter Huchel (Potsdam), Stephan Hermlin (Ostberlin), Ingeborg Bachmann (Zürich) und Hans Magnus Enzensberger – war ein glatter Mißerfolg. Enzensberger:

Hermlin und ich redeten in zwei verschiedenen Sprachen. Ich kam sehr deprimiert zurück. Es ist noch viel schlimmer drüben, als es in der FAZ zu lesen ist.

Die stets von ihrer Würde durchdrungene Frankfurter Allgemeine ist dem politischen Dichter Enzensberger überhaupt ein Ärgernis. So dichtete er zum Beispiel in „Landessprache“:

… verloren an dieses fremde, geschiedne geröchel,
das gepreßte geröchel im
neuen deutschland,
das frankfurter allgemeine geröchel
(und das ist das kleinere Übel),
ein mundtotes würgen, das nichts von sich weiß

Sorgte sich Enzensberger beim Erscheinen seines Buches:

Das Schlimmste, was mir passieren könnte, wäre eine gute Kritik von (Friedrich) Sieburg.

Obwohl ihm solches Ungemach vermutlich erspart bleiben wird – in der Frankfurter Allgemeinen kritisierte inzwischen Rudolf Krämer-Badoni den landessprache-Autor als einen „Mann mit bewundernswerten Gehirnpartien und mit klirrender, manchmal scheppernder, manchmal treffender Stimme“ –, will der lyrische Atemtechniker Enzensberger in etwa achtzehn Monaten das Land, wo man „unerbittlich nett zueinander“ ist, wieder verlassen und zu neuem Luftholen fern der Heimat aufbrechen.
Vorher jedoch wird der fleißige und vielseitige Dichter, der sich neuerdings zur Schonung seiner strapazierten Handgelenke einer elektrischen Schreibmaschine bedient, mindestens noch eine internationale Lyrik-Anthologie unter dem Titel Museum der modernen Poesie, ferner eine Übersetzung der Beggar’s Opera von John Gay sowie ein Hörspiel Der Mittelmäßige und schließlich auch noch eine Sammlung von Kinderreimen ausatmen.

Anonym, Der Spiegel, 28.9.1960

landessprache

Der 1960 veröffentlichte Gedichtband landessprache ist Hans Magnus Enzensbergers zweiter Lyrikband. Thematisch beziehen sich die Gedichte auf die westdeutsche Wirtschaftswunderwelt der 50er Jahre, zu der Enzensberger eine nonkonforme Haltung einnimmt. Seine Gedichte zeichnen das Bild eines Landes, das von „Anpassungsdruck und Mitläufertum, […] Aufstiegsdenken und […] Wohlstandeuphorie“ und „selbstgerechter Ignoranz“1 geprägt ist. Enzensberger charakterisiert Deutschland einerseits als „Musterland“2 und andererseits als „Mördergrube“ (S. 9). Damit ist landessprache der Versuch einer „intellektuellen Standortbestimmung“ (KLG, S. 3) innerhalb einer Gesellschaft, in der „es aufwärts geht, aber nicht vorwärts“ (S. 7).
Jedem der fünf Abschnitte des Gedichtbandes ist ein Zitat in Originalsprache vorangestellt. Nach Aussagen des Schriftstellers sollen die Zitate vor allem verdeutlichen, dass er in diesem Gedichtband nichts Neues mache, denn schon die alten Griechen hatten Schriften verfasst, in denen sie scharfe Kritik an ihren Landsleuten und der Politik zum Ausdruck brachten. Dies lässt sich exemplarisch besonders gut am ersten Zitat aufzeigen:

Er [Parrhasius] wollte sie [seine Landsleute] so darstellen, wie sie ihm vorkamen: also von gescheckter Art, reizbar, ungerecht, zum Opportunismus neigend; dabei leicht zu beeinflussen, weichherzig, gutmütig, selbstlos, hochtrabend, eingebildet, gemein, blindwütig, hasenfüßig – und zwar all das auf einmal und zugleich.
(Plinius, Hist. Nat. XXXV, X).

Somit stehen die Zitate zwar in Zusammenhang mit den Gedichten, da sich in ihnen die zeit– und gesellschaftskritische Thematik der Lyrik deutlich widerspiegelt, zum direkten Verständnis der Gedichte seien sie, so der Autor, jedoch nicht vorausgesetzt. Dies erklärt auch, warum die deutschen Übersetzungen der Zitate dem Buch nur in Form eines losen Blattes unter dem Titel gebrauchsanweisung beigefügt sind. In dieser gebrauchsanweisung gibt Enzensberger an, dass seine Gedichte „Gebrauchsgegenstände, nicht Geschenkartikel“ (ebd.) seien, und er betont, dass das Ziel seiner Gedichte „nicht Erregung, Vervielfältigung oder Ausbreitung von Ärger“ (ebd.) sei. Vielmehr solle der Leser über seine Gedichte nachdenken, und dann selber entscheiden ob er ihnen zustimmt oder nicht.
Aus heutiger Sicht ist landessprache als ein wichtiges Werk der deutschen Nachkriegsliteratur einzustufen; im Erscheinungsjahr 1960 jedoch war Enzensbergers Lyrikband alles andere als unumstritten, sondern löste heftige Kontroversen aus. Diese Kontroversen bezogen sich gerade auf die Aspekte der Gedichte, die sie rückblickend so bedeutsam machen: erstens Enzensbergers Verständnis von einem politischen Gedicht und zweitens die modernen Stilmittel, die er verwendet.
In landessprache setzt Enzensberger die in seinem späteren Aufsatz „Poesie und Politik“ (1962) deutlich zur Sprache gebrachten Grundsätze zum Verhältnis von Literatur und Politik bereits in die Praxis um. Laut Enzensberger müsse „der politische Aspekt der Poesie […] ihr selber immanent sein. Keine Ableitung von außen vermag ihn aufzudecken.“ (KLG, S. 6) Ferner sei es der „politische Auftrag“ jedes Gedichtes, „sich jedem Auftrag zu verweigern und für alle zu sprechen noch dort, wo es von keinem spricht, von einem Baum, von einem Stein, von dem, was nicht ist. […] Das Gedicht, das sich […] verkauft, ist zum Tod verurteilt.“ (ebd.) Durch diese Grundsätze bestimmt sich Enzensbergers lyrikgeschichtlicher Standort, sie sind, zumindest für die ersten drei Lyrikbände, ein Markenzeichen seiner Gedichte und verleihen ihm in der Poesie der Nachkriegszeit klares Profil: politische Analyse und Kritik sind nicht unmittelbar und parteiergreifend, sondern ein immanenter Bestandteil seiner Lyrik. Doch nicht nur inhaltlich, auch stilistisch verfeinert Enzensberger mit landessprache seine Technik der Collage und der Montage, mit der er in verteidigung der wölfe neue Wege in der Nachkriegslyrik gegangen war. Er „mischt mehrere Ebenen: Losungen der Boulevard–Presse […], Reklame, Ikonen der Konsumgesellschaft, […] ramponierte Reste einer Bildungssprache […], ironisch gewendete Gebetsformeln, [und] schließlich Zeitungsphrasen […]“ (KLG, S. 4) – all diese Ebenen werden zusammengefügt. Durch diese Collage– und Montagetechnik „erweitert er die Sprache des Nachkriegsgedichts um einen Bereich, der [zuvor] noch häufig […] verborgen war.“ (KLG, S. 4)
1969 erschien eine Neuausgabe von landessprache im Taschenbuchformat in der edition suhrkamp (Nr. 304). In der sechsbändigen Ausgabe der Gedichte von 1999 sind die Gebrauchsanweisung und die Übersetzungen der Zitate merkwürdiger Weise nicht enthalten.

Hans Magnus Enzensberger-Projekt

Die Sprache des Hans Magnus Enzensberger

Was habe ich hier verloren
in diesem Land,
dahin mich gebracht haben meine Älteren
durch Arglosigkeit?

So fragt Hans Magnus Enzensberger am Anfang seines Gedichts „Landessprache“ auf der ersten Seite des gleichnamigen Gedichtbandes. Es ist sein zweiter und nach dem virtuosen, vielschichtigen Start mit Verteidigung der Wölfe auch ein ungleich politischeres und auf gesellschaftliche Kritik fixiertes Werk (erschienen 1960), insbesondere im zweiten Teil „Gedichte für die Gedichte nicht lese“ und eben in diesem ersten Gedicht „Landessprache“ in dem Enzensberger fortfährt:

Was habe ich hier? Was habe ich hier zu suchen,
in dieser Schlachtschüssel, diesem Schlaraffenland,
wo es aufwärts geht, aber nicht vorwärts,
wo der Überdruss ins bestickte Hungertuch beißt,
wo in den Delikatessengeschäften die Armut, kreidebleich,
mit erstickter Stimme aus dem Schlagrahm röchelt und ruft:
es geht aufwärts!

Heute, nach über 50 Jahren, ist ein Gedichtband, der so einsetzt und dessen Autor sich seither mehrmals in seiner politischen und künstlerischen Einstellung (letztere nur unwesentlich) umentschieden hat, mit Vorsicht zu genießen. Enzensbergers Sprache steht bar jeder Kritik noch immer modern und aktuell da. Aber wie ist es mit den Themen?
Nun: Enzensberger scheint, auch in diesem Band, zwar ein kritischer, aber nicht doktrinärer Dichter (gewesen) zu sein. Denn seine gesellschaftlichen Gedichte nehmen sich auch heute noch im Allgemeinen als warnend und darstellerisch trefflich aus. Das bemerkt man schon am Anfang des Gedichts „Die Scheintoten“:

Die Scheintoten warten vor den Kartellämtern,
sie warten, ohnmächtig, aus beiden Lungen rauchen,
vor den Eichämtern und vor den Arbeitsämtern.
Ihr bleicher, farbloser Jubel weht
wie eine riesige Zeitung im Wind
gegen die vielen vergitterten Schalter.

Gewiss, heute könnten solche Gedichte wahrscheinlich nicht mehr geschrieben werden (vor allem aber wohl wegen der heutigen Ästhetik der (politischen) Poesie), aber sind sie deshalb heute nicht immer noch zutreffend? Und ist nicht gerade dies Gedicht, sein Anfang, sogar mit den Jahren gewachsen? 7 Regierungen sind über dieses Gedicht gegangen, politische Kurswechsel und 50 Jahre gesellschaftlicher Geschichte – und dennoch hat dies alles die innewohnenden Symbolik und Botschaft dieses Gedichts nicht eliminieren können.
Weiter in der Mitte steht das längere, überbordende Gedicht „Schaum“. Es bildet die Brücke zwischen dem ersten engagierten und dem zweiten, nicht weniger kritischen, aber oft ungleich abstrakteren Teil „Oden an Niemand“. „Schaum“ selbst ist eine Art intelligente Tirade, Namedropping und Analyse wechseln sich ab, Momente der Offenheit, gehen über in Rundumschläge. Es ist ein bizarres Gedicht, bei dem man trotzdem das ungute Gefühl nicht losführt, es enthülle langsam aber sicher eine (vielleicht furchtbare) Wahrheit, unter all dem Schaum.

alle wunden Wäscher
in den kranken Kassen
ruhn mit blinden Hunden
in den toten Hemden.

Bei manchen Dichtern hat man das Gefühl, dass sie mit uneinnehmbarem Ernst dichten, andere dichten allein mit ihrer Freude. Bei Enzensberger kann man es nur aus den einzelnen Zeilen herauslesen und nicht aus dem Gedicht insgesamt. Sicherlich war er stets mit seinen Gedichten um Engagement und/oder sogar Schönheit bemüht, wie die wenigen, seltenen, fast zärtlichen, bildhaften Gedichte beweisen, in denen er Szenen der Einsamkeit oder des Zusammenseins einfasst. Doch bei vielen anderen, eher abstrakten Gedichten, meint man doch den Verspielten im Ernst der Verse zu erblicken.
Gealtert ist dieser Gedichtband, aber gut gealtert. Natürlich gibt es an den Rändern noch mehr zu entdecken, als ich hier offenbaren und verzeichnen kann. Enzensbergers Poesie lebt auch von einer gewissen Unberechenbarkeit, die gerade in deutschen Landen (bei Dichtern, die nicht komisch Dichten) selten ist, und die jedes Gedicht zu einer eigenen Erscheinung macht. Das kann man auf die schlechte oder die gute Seite der Waage legen, wie es einem beliebt.
Enzensberger wird beides nicht stören…

Hier bin ich, ein Schiff aus Rauch,
hinter dem Mond zu Haus, ein Mann
unter den Wurzeln des Meeres, bewohnt
wie ein Totenacker, ein Totenstrauch

von Nattern und Tauben, zuhaus
im blühenden Sternsarg, allein
im Feuer der Windrosen wohnend
bei meinen Lidern, den Tauben im Wind.

Timo Brandt, amazon.de, 3.3.2012

REZENSION IN DER LANDESSPRACHE

(hans magnus enzensberger, landessprache
suhrkamp verlag frankfurt/m sechstes bis siebentes tausend 1962)

Du bist der Neuste von uns! da steigst du nun
Gleich Afrodite endlich aus Amoks Schaum
Auf auf in die wirbelnde Welt! Und Hurra! ein Knabe!
Ein Stammhalter unerhörtesten Stammtischgeschlechts!
überm Kreuzwort der Zungen: neu steigen die Rätsel der Menschen!
O neuer Zungenschlag! Und neue Liebe jeweils im Mai!
Endlich läßt du, Kolumbus, das Ei aus dem Sack
Für die Pfanne des Volks. Spiegelei. Seitdem
Hat DIE ZEIT ihre Hoffnung

Du bist der Mutigste von uns – na und?
Steht nicht der Grashalm aufrecht vor der Sense?
Geht nicht manche mutig den Strich lang? schreit nicht der stolze
Eichwald unterm elektrischen Fallbeil? oder die lustigen
Zeitungen: preisen sie nicht die Continental-Reifen
Auch der Überfallwagen? war denn
Michel Kohlhaas nicht tollkühn, das heroische Kalb?
Schlägt nicht die Windmühle um sich – und
Legt sie den Wind?

Du bist der Ehrlichste von uns – ah! ehrlich
Wie der sterbende Gallier, wie ein medizinisches
Wörterbuch: das sagt eben alles, grundehrlich
Wie  Z I N N 40, wie den Fangspruch fügt
Eubulides, dein Spießgeselle, ja wie ein
Regenwurm fast: er erbleicht auf offnem
Bürgersteig! wie die Nichtmehrgeliebte: holt nicht die dritte
Tortur der Verzweiflung alles raus, und zwar
Mehr als die Wahrheit?

Du bist der Unbestechlichste von uns – du beherrschst
Die objektive Syntax. Sein Bewußtsein
Bastelt der Kenner in Heimarbeit! Und es macht nichts, daß du
Zufällig Deutsch kannst – Rundspruchabonnent
Unterm Flick-Himmel! vom Schlagwort Getroffner in
Niemandes Land! Sprachpfleger am Rück-Spiegel, werdet
Starkritiker um einen Preis: tragt wieder
Kleinere Übel! Der Fliege auch tut
Der Leim wohler, den sie verhöhnt

Du bist der Konsequenteste von uns, du gehst ans Ende
Deiner Weisheit. Der Kämpfer gegen die Schlächter
Bleibt in der Schlachtschüssel. Und das Skalpell erst denkt
Scharf genug von der Menschheit. Von Freitag zu Freitag
Den Stab gebrochen über die allgemeinunmenschlichere Welt!
Side-step und Siebenjahrplan! Mischt mit, geleimte Erzengel
In der Zweifrontenschlacht! wider jeglichen Panzer der Henker
Und Aktivisten! her mit dem zwiefach gespitzten
Pfeil, dem unvoreingenommenen!

Konstruiert die Welt in den Nullpunkt! Schlagt die Realität kahl!
Tauscht mit der Tollwut treu den Eheschlagring!
Du bist der Tollste von uns! in den Sprachgaskammern
Feilschen die Hau-Sahne-Fressen lüstern um neue
Stabgereimte Hilflosigkeit. Ein neuer
Luxus bricht aus vor dem letzten Krieg: das Gedicht!
Erblind in Tränen, kluger Kyklop, Tränen
Feuchten die Luft fein fürs Treibhaus, fast schon
Grüßen dich Kleingärtner

Gegensatz

Geschieden bist du von unsern zwei Ländern: wie das Wasser
Weit aus der Wüste: sie wächst zu ihm
Das sie flieht. Wie die Liebenden im Schlaf:
Einer ist Traum des andern: geschieden wie der Ast
Kühn am Baum und die weiße Wurzel: auf sie baut
Was da blüht. Wie der Fuß – wohin, in
Welche Zonen trägt er uns? Geschieden ist so der Vers –
Auf tausend Lippen wieder gewogen, wird er
Das Notwendige wagen

Volker Braun

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Walter Jens: Paukenschlag und Kantilene
Die Zeit, 5.8.1960
Auch in: Dichten und Trachten, Heft 16, 1960

Rudolf Krämer-Badoni: Der Mensch, den es noch nicht gibt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.8.1960

Rudolf Hartung: Zorn als Landessprache
Neue Deutsche Hefte, Heft 77, 1960

Hellmuth Karasek: Die Verteidigung der Biber
Stuttgarter Zeitung, 17.9.1960

Eberhard Horst: Zornige Landessprache
Rheinische Post, 11.3.1961

Dieter Schlenstedt: Aufschrei und Unbehagen. Notizen zur Problematik eines westdeutschen Lyrikers
Neue Deutsche Literatur, 1961

Alfred Andersch:
Bücherbrief, Heft 10, 1960
Auch in: Über H.M. Enzensberger (1970)

Hans Bender: Die Weisheit der unausgesprochenen Worte
Merkur, Heft 189, 1961

Karl Krolow: Zorniges Dichten
Der Tagesspiegel, 11.9.1960

Peter Rühmkorf: Enzensbergers problematische Gebrauchsgegenstände. Gedichte, zur Kritik herausfordernd
Die Welt. 23.11.1960
Auch in: Über H.M. Enzensberger (1970)

Hugo Loetscher: hans magnus enzensberger
DU, Heft 3, 1961

 

H. M. E. BEIM WIEDERLESEN

Landnahme war es, hineingeboren,
Anmaßung, selbstverständlich.
Und als auch ich dem zwanzigsten Jahrhundert
entronnen, paarundfünfzig Prozent Wasser,
das losere Gewebe mit auf den Rutsch,
war Zeit schon nicht mehr die alte Fessel.

Wir haben uns überlebt als Kommentatoren,
einander Bekanntes mit Staunen zuwispernd,
in blühenden Wiesen der Rost unsrer Helme,
die tragen wir auf den bald kahlen Schädeln.
Dass ich mich angehörig wähnte
einer Generation, war damals ein Witz.

Uwe Kolbe

 

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Zum 60. Geburtstag des Autors:

Eckhard Ullrich: Von unserem Umgang mit Andersdenkenden
Neue Zeit, 11.11.1989

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Frank Schirrmacher: Eine Legende, ihr Neidhammel!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.11.1999

Hans-Ulrich Treichel: Startigel und Zieligel
Frankfurter Rundschau, 6.11.1999

Peter von Becker: Der Blick der Katze
Der Tagesspiegel, 11.11.1999

Ralph Dutli: Bestimmt nicht in der Badehose
Die Weltwoche, 11.11.1999

Joachim Kaiser: Übermut und Überschuss
Süddeutsche Zeitung, 11.11.1999

Jörg Lau: Windhund mit Orden
Die Zeit, 11.11.1999

Thomas E. Schmidt: Mehrdeutig aus Lust und Überzeugung
Die Welt, 11.11.1999

Fritz Göttler: homo faber der Sprache
Süddeutsche Zeitung, 12.11.1999

Erhard Schütz: Meine Weisheit ist eine Binse
der Freitag, 12.11.1999

Sebastian Kiefer: 70 Jahre Hans Magnus Enzensberger. Eine Nachlese
Deutsche Bücher, Heft 1, 2000

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Hans-Jürgen Heise: HME, ein Profi des Scharfsinns
die horen, Heft 216, 4. Quartal 2004

Werner Bartens: Der ständige Versuch der Alphabetisierung
Badische Zeitung, 11.11.2004

Frank Dietschreit: Deutscher Diderot und Parade-Intellektueller
Mannheimer Morgen, 11.11.2004

Hans Joachim Müller: Ein intellektueller Wolf
Basler Zeitung, 11.11.2004

Cornelia Niedermeier: Der Kopf ist eine Bibliothek des Anderen
Der Standard, 11.11.2004

Gudrun Norbisrath: Der Verteidiger des Denkens
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 11.11.2004

Peter Rühmkorf: Lieber Hans Magnus
Frankfurter Rundschau, 11.11.2004

Stephan Schlak: Das Leben – ein Schaum
Der Tagesspiegel, 11.11.2004

Hans-Dieter Schütt: Welt ohne Weltgeist
Neues Deutschland, 11.11.2004

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Matthias Matussek: Dichtung und Klarheit
Der Spiegel, 9.11.2009

Michael Braun: Fliegender Robert der Ironie
Basler Zeitung, 11.11.2009

Harald Jähner: Fliegender Seitenwechsel
Berliner Zeitung, 11.11.2009

Joachim Kaiser: Ein poetisches Naturereignis
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Wiebke Porombka: Für immer jung
die tageszeitung, 11.11.2009

Hans-Dieter Schütt: „Ich bin keiner von uns“
Neues Deutschland, 11.11.2009

Markus Schwering: Auf ihn sollte man eher nicht bauen
Kölner Stadt-Anzeiger, 11.11.2009

Rolf Spinnler: Liebhaber der lyrischen Pastorale
Stuttgarter Zeitung, 11.11.2009

Thomas Steinfeld: Schwabinger Verführung
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Armin Thurnher: Ein fröhlicher Provokateur wird frische 80
Falter, 11.11.2009

Arno Widmann: Irrlichternd heiter voran
Frankfurter Rundschau, 11.11.2009

Martin Zingg: Die Wasserzeichen der Poesie
Neue Zürcher Zeitung, 11.11.2009

Michael Braun: Rastloser Denknomade
Rheinischer Merkur, 12.11.2009

Ulla Unseld-Berkéwicz: Das Lächeln der Cellistin
Literarische Welt, 14.11.2009

Hanjo Kesting: Meister der Lüfte
Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Heft 11, 2009

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Arno Widmann: Der begeisterte Animateur
Frankfurter Runschau, 10.11.2014

Heike Mund: Unruhestand: Enzensberger wird 85
Deutsche Welle, 10.11.2014

Scharfzüngiger Spätaufsteher
Bayerischer Rundfunk, 11.11.2014

Gabi Rüth: Ein heiterer Provokateur
WDR 5, 11.11.2014

Jochen Schimmang: Von Hans Magnus Enzensberger lernen
boell.de, 11.11.2014

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Hans Magnus Enzensberger Der diskrete Charme des Hans Magnus Enzensberger. Dokumentarfilm aus dem Jahre 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger liest auf dem IX. International Poetry Festival von Medellín 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger – Trailer zu Ich bin keiner von uns – Filme, Porträts, Interviews.

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