Hermann Kurzke: Zu Friedrich Nietzsches Gedicht „Die Krähen schrei’n“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Friedrich Nietzsches Gedicht „Die Krähen schrei’n“ aus Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke in Einzelbänden. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Band 11: nachgelassene Fragmente 1884–1885. –

 

 

 

 

FRIEDRICH NIETZSCHE

Die Krähen schrei’n

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Thor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg’, Vogel, schnarr’
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck’, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n,
Weh dem, der keine Heimat hat!

 

Tristesse der Lebensgier, Tristesse der Einsamkeit

Stockend in den kurzen, treibend in den langen Zeilen, zerreißt schon der Rhythmus dieses Gedichts das teilnehmende Herz. Fliehen oder bleiben? Die zwei Krähenstrophen umrahmen ein unheimliches Selbstgespräch. Einer verhöhnt sich: du Narr!
Den Einsamen lockt die Welt und verrät ihn zugleich. Was ist „die Welt“? Sie ist Liebe und Leben, Glück und Gier; der Ort des Widersachers, wie in der asketischen Tradition. Ein Tor zu tausend Wüsten nennt sie der Enttäuschte. Was sind Wüsten? Die Wüste ist die Weltlust. „Unter Töchtern der Wüste“ heißt der gequälte Bordellpsalm, in dem Nietzsche seinen Zarathustra, „umsphinxt“ von „Mädchen-Katzen“, „lüstern nach einem runden Mädchen-Maule“, zeigt.
Nach Freiheit vom wüsten Begehren lechzt der Unerlöste, zum Trieb Verfluchte. Die Lust ist Pein. Ihr Geräusch ist nicht lieblich, sondern rasselnd. Schnarr dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! Die R-Laute des Gedichtes bilden die ratternde Mechanik der Weltgier ab. In „schwirr“ und „starr“, „Narr“ und „schnarr“ echot der heisere Schrei der Krähen. In Schwärmen fliegen sie zur Stadt. Sie fliehen vor dem Winter. Sie lassen den Einsamen in der Kälte zurück. Derjenige, der hier mit sich selbst spricht, behauptet, stolz zu sein auf seine Einsamkeit. Angeblich will er nichts anderes. In einem Antwortgedicht zu „Die Krähen schrei’n“ verspottet er das „dumpfe deutsche Stuben-Glück“. Er verachtet sich für seine Sehnsucht nach der Welt und panzert sich mit einer nihilistischen Winter-Metaphysik. Der wirbelnde Schnee bedeutet die tödliche Leere, die radikale Ungeborgenheit, das absolute Nichts. Der Einsame will ein Freigeist sein, der das Nichts aushält. Lieber mit den Zähnen klappern als Götzen anbeten. Aber in Wirklichkeit ist er eine Krähe. Die Krähen ziehen schwirren Flugs zur Stadt.
Nietzsche hat dem im Herbst 1884 entstandenen und erst aus dem Nachlaß veröffentlichten Gedicht wechselnde und einander widersprechende Titel und Untertitel gegeben – „Vereinsamt“ und „Der Freigeist“, „Abschied“, „Heimweh“, „Aus der Wüste“ und „Die Krähen schrei’n“. Man kann es biographisch lesen als Reaktion auf enttäuschte Liebe und als Flucht in die Selbststilisierung zum Einsiedler im ewigen Eis.
Aber nicht Nietzsches Person soll hier interessieren, sondern die fundamentale Erfahrung, die sein Gedicht zum Ausdruck bringt. Die Welt ist schal. Es gibt in ihr keine Erfüllung ohne Verrat am Anspruch des Geistes. Es gibt umgekehrt keinen Anspruch des Geistes, der je erfüllt werden könnte, und doch blutet das Herz, wenn es enttäuscht wird. Es ist der ewige Widersinn der Liebe, daß sie sich in der Sehnsucht verzehrt und in der Erfüllung zerstört – die Tristesse der Lebensgier, die Tristesse der Einsamkeit. Daher kommt die Melancholie des Krähenrufes.

Flieg, Vogel, schnarr’ dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton!

Je größer ein Gedicht, desto größer die Gefahr, mit allen erklärenden Worten dahinter zurückzubleiben und plötzlich innehalten zu müssen wie ein Ertappter.

Hermann Kurzkeaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechzehnter Band, Insel Verlag, 1993

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