
Faktor-Henry's Jupitergestik in der Blutlache Nr. 3 und andere positive Texte aus Georgs Besudelungs- und Selbstbesudelungskabinett
LEST DIE MANIFESTE DER TRIVIALPOESIE !
Trivialpoesie ist der Ausweg aus der gegenwärtigen Krise der
aaaaaPoesie
Trivialpoesie ist die Poesie des Geistes dieser Zeit
Trivialpoesie entspricht als einzige den Forderungen radikaler
aaaaaÄsthetik
die Manifest der Trivialpoesie werden euch die Augen
aaaaaaufschließen
werden euch die Fragen beantworten die euch schon lange
aaaaaquälen
in den Manifesten der Trivialpoesie werdet ihr die Theorie der
aaaaaaaaaawirklichen Poesie der Gegenwart kennenlernen
Lest die Manifeste der Trivialpoesie !
wird zu heftigem Widerspruch oder sarkastischer Zustimmung aufgefordert. Jan Faktor gehört zu den Autoren, die sich herkömmlicher Literatur strikt verweigern und ihre Arbeit aus einer konsequenten Anti-Ästhetik heraus entwickeln.
Ein-Akter gerieren als Open-End-Bühnenwerk, als Minimal-Plays für zahllose Darsteller – Travestien und Tragic-Comics in einem. Sein bravouröses Manifest steigert die Selbstbezichtigung des eigenen Berufsstandes ins wahrhaft Monströse – mit einem radikalen Humor, um einer Phase depressiven Zweifels aggressiv zu begegnen. Dabei ist der Autor immer den Meriten und Komplikationen auf der Spur, die ihm unsere Sprache bietet. Oft düpiert er die eigenen Exerzitien durch listige Überlegungen und hinterhältige Fallen: Was ist neu an der jungen Literatur der 80er Jahre? Texte für Leser, die mit ihm Spaß daran finden, den eingelaufenen Literaturbetrieb ernsthaft in Frage zu Stellen.
Janus Press & BasisDruck Verlag, Klappentext, 1991
… Henry’s Jupitergestik in der Blutlache Nr. 3 und andere Texte aus Georgs Besudelungs- und Selbstbesudelungskabinett lautet der Titel von Jan Faktors zweitem Buch. Der Autor bleibt seinen Gegenständen treu: der literarischen Existenz als Dauerskandal und dem Räderwerk des Sprachgetriebes. Wie fast jeder Schreiber sucht er die Mehrheit der Leser zu erreichen und spricht so mit Vorliebe die Freunde und Freundinnen der „wahren Kunst“ an, der „hübschen“ und „didaktischen“, der „ernsten“ und „ausgewogenen“ Literatur, der Literatur der „niedlichen Gefühlsfülle“ und „gemäßigten Stilhaftigkeit“. Ihnen sucht er beizubringen, daß „das Hauptproblem der Literatur ist, daß alle schlecht schreiben“. Wenn dem so ist, kommt es darauf an, gut schlecht zu schreiben, was Faktor durchaus gelingt. In doppelbödiger Literaturbeschimpfung zum Beispiel: „Das Selbstbesudelungsmanifest fünf tapferer Literaturrevoluzzer, wie es die Zeit verlangt.“ „Diese Selbstbesudelung ist ernst gemeint, und sie ist auch ernst zu nehmen.“ Solcher Satz – sind es doch die ausdrücklichen Versicherungen, die Zweifel wecken – verrät Faktors gewieften Umgang mit rhetorischen und psychologischen Mustern. Denn in seinen Manifesten stecken viele Wahrheiten, übertriebene Wahrheiten, wahre Übertreibungen – aber können Wahrheiten überhaupt übertrieben werden? Wie auch immer, das Selbstbesudelungs- wirkt zugleich als Selbstreinigungsmanifest, verdankt es sich doch nicht zuletzt der Erfahrung, daß auch der inoffizielle Literaturbetrieb Literaturbetrieb ist und war…
Jürgen Engler, 1992
Buchtitel müssen nicht kurz sein, um zu beeindrucken. So Jan Faktors Henry’s Jupitergestik in der Blutlache Nr. 3 und andere positive Texte aus Georgs Besudelungs- und Selbstbesudelungsmanifest.
Der 121 Seiten umfassende Band ist im vergangenen Jahr in Gerhard Wolfs Verlag Janus press erschienen und enthält Texte verschiedenster Coleur: So einen Einakter, eine „Sprechübung für zwei Stimmen“, einen Essay zur „jungen Literatur der 80er Jahre“ und das, was in der gegenwärtigen Literatur meist schlicht als „Text“ bezeichnet wird. Und was natürlich bei Jan Faktor nicht fehlen darf: Manifeste. Denn Faktor, geboren in der ČSSR, Anfang der 80 Jahre in die DDR übergesiedelt, hat in seiner Dichtung die Tradition der Manifeste der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts fortgesetzt. Das „Selbstbesudelungsmanifest fünf tapferer Literaturrevoluzzer, wie es die Zeit verlang“ gehört zu den eindrucksvollsten und stärksten Texten des Buches. Mit ironischer Distanz werden hier die in der Literatur tätigen und ihre Welt beschrieben. Das intelligent verfaßte Selbstbesudelungsmanifest beeindruckt auch in seiner sprachlichen Vollkommenheit, etwa wenn es heißt. „Wir sind ,Desperados des Papiers‘, um es mittelmäßig originell und vollblutig geschmacklos zu sagen.“
Im gesamten Band steht, im gängigen Sinne, Sinnvolles neben wieder, im gängigen Sinne, Sinnlosem, das aber meist, läßt man sich darauf ein, erheitert, Neues über Sprache erkennen läßt, so etwa „ein Versuch, den Konsonanten ,f‘ stimmhaft auszusprechen.
Bei einigen Texten allerdings fällt es auch dem aufgeschlossenem Leser schwer, zumindest Assoziationen (von Verstehen nicht zu reden) entwickeln zu können, etwa bei „Adornos Wahrheit“.
Auch wenn Faktor feststellt: „Das Hauptproblem der Literatur ist, daß alle schlecht schreiben“ so ist dies keineswegs belehrend gemeint, sondern wieder mit der ihm eigenen Ironie vermischt.
Faktor, der selbst mit der „Szene vom Prenzlauer Berg“ zusammengearbeitet hat, erkennt durchaus deren Grenzen. Etwa wenn er in dem aufschlußreichen Vortrag zur jungen Literatur der 80er Jahre vom „gewaltlosen Abtreten des Sprachspiels an die Werbeagenturen“ spricht, denn gerade der spielerische Umgang mit Sprache war auch diesen Dichtern eigen.
Wegen seines Witzes, seiner Sprachgenauigkeit, seines Nicht-Belehren-Wollens, seiner Vielseitigkeit, ist dieses schön gemachte Bändchen Jan Faktors mit dem so sehr langen Titel zu empfehlen.
Timme, Leipziger Rundschau, 10.6.1992
− Jan Faktor und das Positive. −
Einen „Schalksnarr“, einen „Schweijk“ hat man ihn genannt, diesen Jan Faktor aus Prag, der seit 1978 in Ost-Berlin lebt und tschechisch, aber auch zunehmend deutsch schreibt. Seine experimentellen Texte haben einige Beachtung gefunden. Vor allem wohl deshalb, weil sie das Methodische als höheren Jux traktieren. Etwas als Georgs Versuche an einem Gedicht und andere positive Texte aus dem Dichtergarten des Grauens. Faktors neuestes Produkt benennt sich Henry’s Jupitergestik in der Blutlache Nr. 3 und andere positive Texte aus Georgs Besudelungs- und Selbstbesudelungskabinett.
Man liest manchmal witzige, manchmal zähe Exerzitien mit Worthäufigkeiten oder –vertauschungen, Sprechübungen à la Jandl und so etwas wie die Skizze einer Sprechoper. Aus ihr kann man getrost zitieren, ohne einen Zusammenhang zu beschädigen; etwa „Prometheus zum Adler: Wenn du mal Heiner Müller siehtst, erzähl ihm, daß ich in Ruhe gelassen werden wollte“. Faktors Krähe nährt sich nicht von Heldenlebern, sondern von Verbarien. Die Sprache bietet Reiz und Verfremdung genug. Faktor möchte solch linguistische Poesie nicht mit großen Begriffen belasten. Er gibt sich als Narr, der durch schlichte Wahrheiten frappiert. „Politisches Engagement an sich schützt nicht vor Harmlosigkeit!“ oder „Das Hauptproblem der Literatur ist, daß alle schlecht schreiben“. Recht hat er. So liest er sich und den Kollegen in seinem „Selbstbesudelungsmanifest“ gehörig die Leviten. Schreiben erscheint als Laster, als lebenslange Krankheit, als progressiver Lebensverlust: „Je professioneller wir schreiben; desto abgestorbener sind wir.“
Derlei bringt er ohne Wut vor, ein heiterer Bezichtiger, aber um den Preis der Provokation. Er kommt aus dem Spaßen nicht mehr heraus: „Richtige Kunst entsteht nicht aus Wut, und in uns ist zu viel Wut. Auch dieser Text ist scheußlich, ungerecht, unrein.“ Das ist leider eine Selbsttäuschung. Nichts an Faktors Texten ist scheußlich und unrein. Nicht mal ungerecht kann er sein, dieser Schalk, geschweige denn zornig. In einem langatmigen Vortrag für ein Bremer Symposion 1988 plaudert er halb ironisch über die DDR-Literatur der achtziger Jahre: ein bißchen über die Lesungen in Wohnungen und Kirchen, über die Zeitschriften und das Scheitern der Projekte, ein bißchen über Repression und die verlorene poetische Autonomie, und „Sascha“ erscheint in milder Distanz als Promotor der Szene. „Einiges bewegt sich“, heißt es am Schluß.
Es hat sich tatsächlich einiges bewegt, seitdem. Wenn dieser überholte Text schon dokumentiert werden mußte – warum nicht mit einer abschließenden Glosse? Die Krähe darf ruhig mal ein Auge riskieren, notfalls ihr eigenes. Sonst bleibt sie wirklich harmlos.
Harald Hartung, Frankfurter Allgemein Zeitung, 21.3.1992
Anmoderation: Jan Faktor stammt aus Prag und lebt seit 1978 im Ostteil Berlins. In der DDR wurden seine Texte nur in selbstverlegten Zeitschriften abgedruckt. Erst 1989 erschien im Aufbau-Verlag ein Buch von Jan Faktor mit dem Monstertitel: Georgs Versuche an einem Gedicht und andere positive Texte aus dem Dichtergarten des Grauens, mit Gedichten und experimentellen Textmontagen. Jan Faktors zweiter Band ist bei Janus press herausgekommen und hat ebenfalls einen gedächtnisfeindlichen Titel: Henry’s Jupitergestik in der Blutlache Nr. 3 und andere positive Text aus Georgs Besudelungs- und Selbstbesudelungskabinett.
Sprecher: Dem gutwilligen Leser wird gleich von Anfang an der Boden unter den Füssen weggezogen: „Wer heute die wahre Kunst ernst nimmt, dem ist nicht zu helfen“, heisst es in der boshaften Statement-Montage mit dem Titel „Das Hauptproblem der Literatur ist, dass alle schlecht schreiben.“ Denn die Literatur krankt nicht nur an der Ignoranz der Kritiker, der Dummheit der Leser und dem Literaturbetrieb überhaupt, sondern in allererster Linie an ihren Urhebern: den Autoren. Nachdem die Ära der Publikumsbeschimpfungen allmählich zu Ende geht, scheint nun die grausige Zeit der Selbstbesudelung angebrochen. Das „Selbstbesudelungsmanifest fünf tapferer Literaturrevoluzzer, wie es die Zeit verlang“ ist eine groteske Attacke auf alles, was da schreibt.
Zitat: „Wir fünf von innen faulende, mit besten Giften geladene Kotzbrocken denunzieren hiermit alle, die wir erreichen können; also nicht nur die anderen Literaten, nicht nur uns selbst (uns fünf), sondern alle, die sich zu uns Literaten hingezogen oder uns zugehörig fühlen sollten. Wir alle sind arme Schweine und als solche sind wir etwas sehr Unschönes geworden: Literatur zu einem ganz üblen Zweck – zum Zweck der Verachtung aller anderen, die keine sind. Und von uns, gerade von uns Literaten werden so etwas wie Klarheit und so etwas wie Antwort erwartet. Von uns – von den faulenzenden geistigen Geheimkrüppeln der Nation, die sehr viel Schlaf brauchen und trotzdem nie richtig frisch sind (wir wachen einfach schon müde auf).“
Sprecher: Schonungslos kotzen diese Impotenzler ihren belletristischen Jahrhundertfrust aus, vierzig penetrante Seiten lang.
Des Selbstbesudelungsmanifest ist jedoch nu das nervtötendste und bissigste einer ganzen Reihe von Manifesten. In Jan Faktors erstem Band lernt man bereits die Manifeste zur Trivialpoesie kennen. Seine Vorliebe für das Manifest ist durchaus kein Zufall, denn im Manifest wird die Schwachstelle der Literatur, der Autor kurzerhand suspendiert. In Jan Faktors Text-Kabinett finden sich allerdings noch ganz andere Ungeheuer, die bestens ohne Autor auskommen: Der Auszug aus dem Anti-Drama „Henry’s Jupitergestik in der Blutlache Nr. 3“ lässt beispielsweise ein perpetuum mobile aus Wörtern erahnen, das sich endlos selbst reproduziert.
In der Strategie solcher Texte macht sich jede Mystifikation und Metaphorik aus dem Staub. Eine fast schon stoische Nüchternheit bestimmt auch den Vortragstext mit dem prosaischen Titel: „Was ist neu an der Literatur der 80er Jahre?“. Dies ist der einzige Text, der sich von seinem Autor nicht lösen lässt: Aus betont subjektivem Blickwinkel unternimmt Jan Faktor seine kritische Bestandsaufnahme dessen, was in der unabhängigen DDR-Kulturszene entstanden ist. Man liest diesen Bericht freilich mit erhöhter Aufmerksamkeit, nachdem Sascha Anderson und Rainer Schedlinski als Stasi-Mitarbeiter bekannt sind. Obwohl der Text schon vor vier Jahren entstanden ist, wirft er auf viele Details ein erhellendes Licht. Man beginnt zu ahnen, dass das Selbstbesudelungsmanifest durchaus etwas mit dem Innendruck und der Isolation der Dichterszene am Prenzlauer Berg zu tun haben könnte…
Im Vergleich mit dem ersten Band ist Jan Faktors zweites Buch in verschiedenen Punkten radikaler. Man vermisst jedoch gleichzeitig etwas, oder vielmehr jemanden: „Georg“ fehlt. Die unsichtbare Figur „Georg“ pflegte nämlich immer dann aufzutauchen, wenn sich zwischen dem Autor und seinem Text ein Zwischenraum auftat. Mit dem Verschwinden des Autors aus seinem Text hat sich jedoch auch dieser Spielraum verflüchtigt, und was vorher oft rätselhaft schillerte, ist nun in Gefahr, monolithisch zu erstarren. Georg lebt in einem ungewissen Exil. Auf der Rückseite des Buchdeckels heisst es geheimnisvoll: „An Georgs Vergangenheit wird gearbeitet“. Hinter dem Rücken des Autors ist schon längst ein Fortsetzungsroman in Gang…
Sieglinde Geisel
Was Adolf Endler die „Prenzlauer-Berg-Connection“ genannt hat, fand seinen mittlerweile nachprüfbaren Niederschlag in den Materialschlachten der Hinterhofpoeten aus Erfurt, Dresden, Leipzig und vor allem Berlin (Ost). In zahlreichen Anthologien, Dokumentationen und Einzelbänden wird zur Zeit die Geschichte einer Insubordination festgehalten, das Erscheinungsbild einer Subkultur, deren Träger jene erste Künstlergeneration war, auf deren Integration der DDR-Staat glaube verzichten zu können.
Daß Künstler unbestechliche Seismographen gesellschaftlicher Befindlichkeit sind, hat sich noch einmal bestätigt: Während sich die politisch- und musisch-sensibilisierten Verweigerer aus der Generation der „Hineingeborenen“ lediglich ins Exil der Hinterhöfe flüchteten, wählten ihre etwas materialistischer veranlagten Altersgenossen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu Hunderttausenden die Flucht über die Grenze. Spätestens jetzt sollte sich die arrogante Verlautbarungspolitik einer monologisierenden Macht, die jahrelange Verweigerung des gesellschaftlichen Dialogs rächen. Ohne es zu bemerken, hatte die politische Klasse eine Auseinandersetzung verloren, die sich im Rückblick als entscheidend für ihre Niederlage erweisen sollte: den Kampf um die Sprache.
Da sich die Wirklichkeit und die Sprache der Macht nicht mehr deckten, bedeutete dies für eine auf Ideologie begründete Herrschaft die Aushöhlung ihrer Autorität, deren Verlust zum Schluß nur noch mit nackter Gewalt zu verhindern gewesen wäre. Doch auch das wäre nicht mehr als ein Aufschub gewesen, da die Herrschaft über die Wörter längst verlorengegangen war. Dafür hatten in erster Linie die Buchstaben-Guerilleros aus den Hinterhöfen gesorgt. Indem sie die Sprache beim Wort nahmen, brachten sie das Lügengebäude der Ideologien zum Einsturz.
Zu den Vorläufern der politischen Luntenleger gehörten die autonomen, sprich: selbsternannten, Sprachbesetzer der Republik, Poeten wie Sascha Anderson, Stefan Döring, Bert Papenfuß-Gorek und viele andere, unter ihnen auch der 1951 geborene Prager Jan Faktor, der seit 1978 in Ostberlin lebt. Faktor nimmt in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein.
Als redlicher Pfropf aus dem Holz des braven Schwejk ist er unter den närrischen Prenzelberger Poeten der vielleicht Närrischste. Seine Texte gibt er aus als die Versuche anderer; er „erfindet“ z.B. Georg, eine Figur, der er risikolos poetische Experimente unterschieben kann, die so neu gar nicht mehr sind, oder er „findet“ die „Gedichte eines alten Mannes aus Prag“, die „Fragmente eines unbekannten Gesamtwerkes“. Das sind legitime Techniken der Distanzierung, die den Verdacht ausräumen, hier könnte einer womöglich versucht haben, poetische Versuchsanordnungen, die aus anderen Epochen der Sprachrevolte hinlänglich bekannt sein dürften, auf naive Weise zu wiederholen.
Auch bei der Mitteilung/Warnung(?) am Anfang des Bandes, alle Texte – abzüglich einiger Ausnahmen – seien in Tschechisch geschrieben und dann erst ins Deutsche übersetzt worden, kann man sich nicht ganz sicher sein, ob dies nicht auch als Methode der Verfremdung gedacht uns die Übersetzerin „Annette Simon“ nichts als die „Erfindung“ eines eulenspiegelnden „Faktors“ ist. Sollte ich mich irren, dann verbeuge ich mich vor den Sprachkünsten der Dame, denn es dürfte nicht ganz einfach gewesen zu sein, Texte zu übersetzen, die, wie Adolf Endler bemerkte, „oft wie in einem angelernten Deutsch geschrieben wirken (oder tatsächlich sind), was auch von Jan Faktor, dem wirkungsvollen Entertainer und Inszenator nach Art manches Zirkusclowns als verfremdender Reiz eingesetzt wird…“
Wie dem auch sei, vermutlich muß man dem Sprachartisten Jan Faktor bei seinen Exerzitien live beigewohnt haben, um wie Adolf Endler dabei ins Schwärmen zu geraten. Das Filet-Stück des Bandes „Georgs Sorgen um die Zukunft. Ein Text zum Durchblättern (gekürzte Fassung), dauert, wenn man den Anmerkungen des Autors Glauben schenken will, 27 Minuten und setzt wie folgt ein:
Das zukünftige wird immer zukünftiger
das Sorgende immer sorgender
und
das Hiesige immer hiesiger
das Dortige immer dortiger
das zerbrechliche immer zerbrechlicher
das Langweilige immer langweiliger
das Irreparable immer irreparabler
das Sinnlose immer sinnloser
das Tatlose immer ratloser
das Böse immer böser
das Senile immer seniler…
usw.usf.
Man kann diese Orgie der Komparationen in ihren geglückten Partien durchaus als eine Beschreibung der Hoffnungslosigkeit in der damals noch realexistierenden DDR betrachten, d.h. dem realitätsbezogenen, politischen Charakter des Textes den Vorzug gegenüber dem experimentellen, sprachbezogenen Aspekt geben. Das käme den Intentionen Jan Faktors, so wie man sie seinen „Manifesten der Trivialpoesie“ entnehmen kann, sicher entgegen. Ziel seiner pädagogisch bemühten Poetik ist die Emanzipation des Gefühls gegenüber dem Verstand. Das ist begreiflich, wenn man sich wie Jan Faktor in einer Gesellschaft bewegt, wo das Gefühl gegen die zustände rebelliert, der Verstand aber zu Vorsicht und Kompromissen mahnt. „Der Sinn der Trivialpoesie liegt in ihrer subversiv oppositionellen Wirkung.“
In diesem Sinn ist das laute Aussprechen von Gefühlen revolutionär: Es zeugt von einer Umpolung des individuellen Weltbildes; nicht mehr der Kopf bestimmt, im Namen eines wie auch immer gearteten, ideologischen Entwurfs, sondern der Bauch, ausgehend von den ureigensten Bedürfnissen des einzelnen. So weit, so gut. Wie aber hat man sich diesen Ansprüchen entsprechend „ideale“ Trivialpoesie vorzustellen? Laut Faktor so „Beispiel Nr. 1:! Ich habe Hunger.“ Oder auch so: „Beispiel Nr. 2! Ich will ficken.“ Höhepunkt der Trivialpoesie dürfte also der Ruf der Straße gewesen sein: Wir wollen raus! Dem konnte eigentlich nichts mehr folgen, es sei denn etwas in der Art von: „Ich will Coca Cola! Die „Trivialpoesie“ ist also von der Geschwindigkeit der Veränderungen überrollt und historisch geworden, bevor sie überhaupt zur Kenntnis genommen werden konnte.
Wie aber steht es um den ästhetischen Innovationswert dieser Poesie, so wie er sich an den Texten ihres „Erfinders“ ablesen lässt? Es ist angemerkt worden, dass sich die Texte Faktors vielfach gebrochen, oft als „Clownerie“ darbieten, letztendlich als Kommentar, was sich auch in der Auswahl der Textsorten spiegelt: serielle Versuchsreihe, grammatikalisches Exerzitium, Anmerkungen, Manifest, Motto usw.
Das ist von der aufklärerischen Intention her löblich, doch wegen der geringen Geschwindigkeit des Textablaufs eher langweilig. Alfred Andersch hatte sich bei seiner Auseinandersetzung mit der Nachkriegsavantgarde dagegen ausgesprochen, dass der Künstler wie der Wissenschaftler Versuchsreihen veröffentlicht: Was er vorzulegen habe, „sind Ergebnisse, nicht Experimente“. Wenn man bedenkt, dass heute die Werbung den Geschwindigkeitsfaktor bei der synthetischen Textwahrnehmung maßgeblich bestimmt, muß man damit rechnen, dass diese Art von beschleunigte Rezeption das Bewusstsein des Lesers mit geprägt hat.
Sicher ist es legitim nach Mitteln zu suchen, die sich dieser Beschleunigung entgegenstellen, indem sie den Materialcharakter der Sprache hervorzaubern, aber es kommt auf die Mittel an. Deshalb, wenn schon Reduktion, dann eine hochgradig beschleunigte: Lest Coca Cola!
Klaus Hensel, Frankfurter Rundschau, 23.3.1991
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