Johannes Jansen: prost neuland

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Johannes Jansen: prost neuland

Jansen-prost neuland

DIE FRAU/DAS MEER/DIE STADT/AN DER WAND

schlag den tag
aus dem toten kopf
die letzte zahl
vor dem start
ist grün
wie papier

eines tages
gehen wir leer aus
der frau
dem meer
der stadt
ehlen hand und fuß
eine kurze zeit lang
in abgedunkelter wohnung
ist
der abstand
der brücken
das wasser
dort treiben die täufer
den arsch an der wand
damit keiner hinein kriecht
ziehen sie dir
das herz über die ohren
eine zellophantüte
den abschied zu überlisten

schlag den tag
aus dem brückenkopf
eine kleine anzahl
soldaten
zeichnet den weg nach
zu beiden seiten
der straße

 

 

Johannes Jansen spricht über seine Ausstellung „Prost Neuland“ in der EIGEN+ART.

 

Laudatio an Johannes Jansen

Empfänger der Adolf Mejstrik-Ehrengabe,

dotiert von Dr. Manfred Jahrmarkt

Lyrik – so eine bei Verlegenheit bemühte Begriffsbestimmung – sei, was nicht Prosa ist. Das so vereinfacht Behauptete muß nicht wahr sein. Bei Johannes Jansen ist es nicht wahr.
Johannes Jansen ist 1966 in Berlin geboren, in Freiberg, Leipzig und Pankow aufgewachsen, lernte Maschinengraveur in der Staatlichen Münze, studierte Gebrauchsgrafik, lebt heute wieder in Berlin. Unter Malern sei er ebenso zuhause wie unter Dichtern, weiß eine frühe Besprechung. 1990 debütierte der damals Vierundzwanzigjährige im Berliner Aufbau-Verlag mit dem Band prost neuland. spottklagen und wegzeug, Texten, die, gelegentlicher Datierung nach, zwischen 1983 und Redaktionsschluß entstanden waren: dem äußeren Erscheinungsbild nach Gedichte neben Prosa. Probieren wir diese Prosa:

… nachtwasser fiel in den quadratischen hof auf die nasse nackte sprecherin gegenüber dem teetisch das blau der magazine verteilte rollen an machthaber marschierende handlanger und konternd völkisches getümmel…

Zitiert habe ich aus „tagaus – ein schmalfilm 1989. (ein uhr)“. Zeilenbrüche drängen sich geradezu auf. In der folgenden Passage – auch sie ein Endlossatz ohne gliedernde Satzzeichen – lassen Binnenreime aufhorchen.
Johannes Jansen gab seinem Erstling nicht den zur Einordnung hilfreichen Untertitel „Gedichte“ – nur eben den: „spottklagen und wegzeug“. Und er bot diese und andere Texte eben nicht mit Zeilenbruch oder Endreim, sondern als Prosa. Ganz gegen seine Intention kann mein Hinweis auf die dieser Prosa innewohnenden lyrischen Möglichkeiten nicht sein – dann nämlich, wenn der Hinweis als Lesehilfe verstanden wird: als Hinweis auf die Webart des Textes.
Damit ist etwas anderes angeklungen: Jansen spielt. Jansen spielt bis in die Wortkonstruktion: „hagerer stolz“, „selbstsüchtige losigkeit“, „hirnrinder“, „sekundenhotels“, „einsame Sache machen“, „gründ- und tag tödlich“, „betretenen Boden verboten“, bis hin zu „kein schöner land als wer vom feind“ oder „ tatendrang ist aller scheiße anfang“. „Jansen spielt, wo andere leiden,“ schrieb Thomas Wieke in seiner Besprechung von prost neuland , „er balanciert, wo andere stürzen, er verkörpert eine lust am stil.“ Und anerkennt:

andre verlage lassen dergleichen fallen.

Brecht schreibt in seiner Anmerkung „Über das Zerpflücken von Gedichten“:

Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe.

Reisswolf nennt Johannes Jansen ein Bändchen „Aufzeichnungen“, das 1992 in der edition suhrkamp erschien. „Auf-Zeichnungen“ auch dahin, dass der gelernte Grafiker Jansen zwischen und in seine Texte Zeichnungen einschließt; sie sind comicartig, verfremdete Fotos, wesentliches Element sind vielfach Schriftzeilen krakeliger Hand. Der Buchtitel Reisswolf ist für die Texte wörtlich zu nehmen. Das im Reisswolf Zerrissene wird collagiert zu einer selbstgeschaffenen künstlerischen Realität. Und was für Bilder blitzen darin auf:

der nahende herbst auf deinen schultern ein geschmolzener plastikumschlag kaum noch zu unterscheiden von der haut.

„Ausrasterungsgierig in der glitzernden stille: sehnsuchtstransplantationen“. Jansen spielt, sagte ich; hier spielt er selbst damit, dass er spielt, indem er im Anhang unter „ zitatreste / berührungen“ vierundzwanzig Namen auflistet von julius caesar über friedrich schiller und the sex pistols bis zum Direktor der Stuttgarter Akademie Solitude, jean-baptiste joly. – Ich gebe zu, bis jetzt nicht alle vierundzwanzig wiedererkannt zu haben. Schreiben, so Johannes Jansen – nach einem Zitat von Ilka Buchmann – ist „eine Dokumentation der Wege, die ich gehe. Meine persönlichen Geschichten stehen in engem Zusammenhang mit dem, was man auch ein Aufsammeln und Zusammensetzen von Stücken nennen könnte. Da sind eigene Dinge dabei und solche, die man sich zu eigen macht und das verändert sich automatisch, wenn sich das Umfeld verändert.“ „jackson pollocks malerei ist ein Beispiel für das was ich meine“, erklärte sich 1989 der Dreiundzwanzigjährige seine Arbeitsweise, nachzulesen in der 1991 beim Literarischen Colloquium Berlin erschienen Text-Bild-Collage Schlackstoff.

die struktur der bilder entsteht aus den bewegungsabläufen die der maler vollführt deren rhythmus seinem jeweiligen sinneszustand entspricht (trauer/wut/freude)… der betrachter hat die möglichkeit die bewegung nachzuvollziehen nicht auf den künstler sondern auf sich selbst gerichtet. wenn ich ein bild von pollock betrachte sehe ich hinter dessen struktur das bild eines wachsenden textes das meins ist.

Ich sprach von den grafischen Elementen in Reisswolf, könnte dazu ebenso heranziehen die „Aufzeichnungen II“, überschrieben Splittergraben, 1993 erschienen und ebenfalls in der edition suhrkamp. Was haben die mit Lyrik zu tun? Erscheint es Ihnen als Sakrileg, comics der Verwandtschaft mit Lyrik zu verdächtigen?
In ihrer Konzentration auf Exemplarisches vermute ich die, bei den hier in Frage Stehenden auch in ihrer Traumhaftigkeit und Hermetik. Norbert Kron, der Reisswolf im Tagesspiegel besprach, aus entgegengesetzter Richtung kommend, resümierte:

Wie die Grenze zwischen graphischen Aufzeichnungen und Prosa-,Aufzeichnungen‘ verwischt wird, so hat diese Prosa ihre traditionelle Zugehörigkeit zur Narrativik (der erzählenden Prosa also) aufgegeben und steht im Übergang zur Lyrik, an der Grenze zum Prosagedicht.

Mehr als exemplarisch kann und soll diese Laudatio nicht sein. Die polnische Lyrikerin Wisława Szymborska, die 1996 für ihr Werk den Nobelpreis erhielt, beginnt eines ihrer Gedichte (ich zitiere in der Übertragung von Karl Dececius):

Manche mögen Poesie
Manche –
das heißt nicht alle.
Nicht einmal die Mehrheit, sondern eine Minderheit.
Abgesehen von Schulen, wo man mögen muss,
und von den Dichtern selbst,
gibts davon etwa zwei pro Tausend.

Johannes Jansen zulieb – und zu ehren – wünschte ich Sie, meine Damen und Herren, unter diesen zwei pro Tausend zu wissen.

Egbert-Hans Müller, Deutsche Schillerstiftung von 1859: Ehrungen – Berichte – Dokumentationen, 1997

Ich, Johannes (zum 50. Geburtstag)

Wir kamen an, aber Ich war schon dagewesen. Es hatte Galeriewände in Leipzig und Berlin mit seinem Text überzogen und war wieder abgereist.
Wir suchten seine Spuren in der Uni, untersuchten die Szene anhand des Übriggebliebenen. Dabei waren wir schon die Nachhut. Ausverkauf Ost war 1993 beinahe abgeschlossen, Christian Döring hatte längst an seiner Tür geklingelt und die Verträge der Suhrkamp-Kultur ausgelegt. Turbohistorisierung des Abseitigen. Ich als eines der Jüngsten, eines der Gebliebenen, die gespottet hatten, weil sie wussten. Jetzt also ein Teil der geschützten Minderheit.
Der Markt also erteilte Ich die Erlaubnis, sich auszutoben. Seine martialischen Titelmetaphern waren Aufschrei dagegen, gleichzeitig Teil des Chores. Ich durfte jetzt den Reißwolf aufstellen und den Splittergraben errichten. Vorne im Buch statt seines Porträtfotos ein Schrei ins offene Ohr. In Ausflocken hieß es:

wir waren nie ein land und wir waren nie ein wir.

Mehr als die DDR-Rückschau faszinierte uns der Eigensinn, den Ich nicht einfach kompromisslos vertrat, dem es fortan nachgehen musste, als einem Untersuchungsgegenstand. Ich war der Läufer, den Blick vor sich versenkt in die Landschaft, offener Trenchcoat, die Hände auf dem Rücken.
Mit Dickicht Anpassung sind wir endgültig in sein Kraftfeld geraten. Es hatte Schluss gemacht mit den mäandernden Satzflüssen, aber auch mit der zerreißenden Spannung der Zeilenbrüche. Ein lyrisches Ich bündelte seine Kräfte in der Prosa. Der ruhige Atem war allerdings noch zwangsverordnet, Ich hatte seinen Dickicht-Erzähler nach Beckettschem Vorbild ans Bett gefesselt. Der Text legte uns die Scherben deutscher Ideologie, beginnend mit der Gottesanrufung „Sag dass das nicht wahr ist“, mündend in der Selbstanrufung „Sieh zu, dass du nicht zurecht kommst.“ Das Dickicht im Kopf muss der Anpassung voranstehen, lasen wir, allein dafür ist uns der Text immer der liebste in seinen Schriften geblieben.
Für unsere Magisterarbeit, in der wir seinem perpetuierten Text-Ich nachliefen, besuchten wir es erstmals in seiner Einzimmerwohnung in Pankow. Ich hatte gerade genug Platz für Bett, Tisch und Bücher. Ich las schon damals Meister Eckhart, las Simone Weil, Rudolf Steiner und Robert Walser. Der Blick auf den Friedhof beruhigte es. Wir wurden kookbooks-Autoren und gaben seine frühen Gedichte heraus. Wir widmeten ihm ein Lied, als es unsere Konzerte besuchte. Immer blieb es in seiner kleinen bücherstaubvollen Kammer wohnen, immer näher zogen wir heran. Heute wohnen wir noch eine Häuserecke entfernt, sehen vom Schreibtisch auf das andere Ende seines Friedhofs.
In jedem seiner zahlreich gewordenen Bücher stellt Ich die Frage, wie Ich zum Wir werden kann, ohne sich zu verleugnen. Wie lässt sich Gemeinschaft gleichermaßen stützen und prägen. Es ist der Traum vom Kollektiv, das genug Respekt für den Einzelnen aufbringt. Die literarische Welt des Ichs ist von Persönlichkeiten bevölkert, die geben wollen. Aber nur geben können, was sie zu geben haben. Jedem Übergriff entziehen sie sich.
Ein Werk, eine Tiefenbohrung am immer selben Ort, so scheint es. Das Ich ist hellsichtig, es weiß, dass Tiefenbohrung keiner Mode unterliegt. Es ist aber auch nachsichtiger mit uns Menschen geworden, die wir nicht die Kraft besitzen, in den Brunnen unseres Ichs zu schauen, sondern mit Erzählungen, mit Glotze oder Uberwältigungskino vorliebnehmen. Ich hat ein großes Herz, darinnen nehmen wir Platz.
Es kann gar nicht ausbleiben, dass wir uns in Pankow begegnen. Ich ist der weise Eremit, wir sind doppelte Familienväter. Als wir kürzlich am Abend an seiner Stammkneipe vorbeikamen, der Tapas-Bar, die sich in eine unwirtlich windige Kurve der Wollankstraße schmiegt, fragte es uns (freundlich wie immer), was unsere Söhne machen, die wir zum Spaziergang vor dem Bauch trugen. „Ach“, sagten wir, .„schreien, trinken, schlafen.“ Ich brauchte keinen Augenblick, um wissend zu nicken, zu lächeln, mit der Zigarette einen Kreis in die Abendluft zu malen.
Das Ich, das Wir, die Sorgen des Alltags, ein Kreis.

Jan Böttcher, in Tief aus der Dämmerung. Ein stiller Portier für Johannes Jansen zum 50., Distillery, 2016

 

Johannes Jansen

NICHT DA ZU DEUTEN

ich sah Haare auf seinen Zähnen
ich sah Zähne an seinen Ohren
ich sah Wimpern an seinem Maul
ich sah Poren auf seiner Pupille
und Fingernägeldreck unter dem Lid
und den Fingerabdruck auf der Stirn
und Schorf auf seiner Zunge
eine Brustwarzen an seinem Hals
und einen Bauchnabel im rechten Loch der Nase
ich sah das Blut an der Lippe
Nichts war zu deuten
viel zu viel war da

Peter Wawerzinek

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor+ Erinnerung
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezettt
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Jansen“.

 

Johannes Jansen: kein richtig, kein falsch. Die Masken meiner totgesagten Freunde
Lesung im Heiner Müller Transitraum im Institut für deutsche Literatur, Humboldt Universität Berlin
Moderation: Kristin Schulz

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