Kadhem Khanjar: Dieses Land gehört euch

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Kadhem Khanjar: Dieses Land gehört euch

Khanjar-Dieses Land gehört euch

MIR SCHEINT, DIE LANGEWEILE HAT EIN ZUHAUSE GEFUNDEN

Da stehe ich jetzt, mitten auf dem Friedhof
vor mir ein einsames, leeres Grab.
Das wird meine künftige Wohnung sein
und eine gewundene Straße, die ich vor Tagen überquerte,
meine Arbeitsstelle,
und ein Baum, der nur noch seinen Stamm hat,
mein Café, meine Raststätte,
und das Zimmer des Totengräbers die letzte Hautfaser,
die mich noch mit dem abgeschnittenen Kopf eures
Lebens verbindet.
Verdammt.
Was mache ich eigentlich noch unter euch,
wo doch alle, die ich in meinem Leben kennengelernt habe,
schon hier sind.

 

 

 

Der Lyriker Kadhem Khanjar

ist Gründer des Kollektivs Kultur-Miliz, das im Irak Lyriklesungen an Schauplätzen von Krieg und Zerstörung veranstaltet: neben ausgebrannten Autos, auf Minenfeldern, in zerbombten Häusern, in Krankenwagen, die zu Leichenwagen geworden sind.
Khanjars Texte zeigen, wie trotz des andauernden, irre machenden Ausnahmezustands eine destruktive Langeweile vorherrscht – aber sie setzen etwas dagegen: Sie widmen sich vor einer existenziellen Traurigkeit dem lauten Lebenwollen.
Zum ersten Mal erscheinen in diesem Buch seine Gedichte auf Deutsch.

mikrotext, Klappentext, 2019

Trigger Warnung für Gedichte?

 

Worte wie Waffen

Wenn je ein Buch das Prädikat wortgewaltig verdient hat, dann dieses. Der irakische Lyriker Kadhem Khanjar schreibt – fantastisch übersetzt von Sandra Hetzl – mit einer solchen Wucht von Tod und Sterben, von Trauer und Leid, dass einem unheimlich wird. Er findet dabei nicht nur eindrückliche, sondern poetische Worte für Dinge, die so schrecklich sind, dass sie jeglicher Poesie entbehren.
Die Unmittelbarkeit, mit der Khanjar (be)schreibt, ist immer wieder verblüffend, so präzise sind seine Beobachtungen, so schneidend seine Formulierungen, so schmerzhaft seine Worte. Was er gesehen und erlebt hat, hat ihn nicht sprachlos werden lassen, im Gegenteil. Seine Worte sind Waffen, mal so kraftvoll und verschlingend wie ein Sturm, mal still und vermeintlich friedlich wie ein Bergsee.
Dieses Land gehört euch zerrt an einem, es fordert, es schmerzt – und es ist gerade deshalb ein unglaublich starkes Buch, weil Khadem Khanjar es vermag, vom Schrecken zu erzählen, wie er ist: schrecklich.

Martin, amazon.de, 30.10.2019

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Martin Spieß: Worte wie Waffen
zebrabutter.net, 22.10.2019

 

Lyrische Alltagsschilderungen aus einem verwüsteten Land

– Kadhem Khanjar zählt zur neuen Generation irakischer Schriftsteller. Mit dem Kollektiv Kultur-Miliz trat der Lyriker auch im europäischen Ausland auf. Unsere Autorin hat mit ihm über den Alltag im Irak und sein Schreiben darüber gesprochen. –

Das Telefon klingelt. Ein freundlicher Mann geht im Irak an sein Handy, der Autor Kadhem Khanjar. Der Ton ist schlecht, aber markiert so die Distanz zwischen Deutschland und dem Irak. Weniger die geographische, als vielmehr die im Alltag.
„Das normale Leben hier? Es ist eine fortwährende Verwüstung, eine Müllkippe“, sagt Khanjar.

Das nimmt kein Ende. Wir leben wie die Untoten. Untote, die morgens zur Arbeit gehen und abends nach Hause zurückkehren. Die Gesellschaft ist instabil, am Ende, ziellos. Das führt dazu, dass Du langsam stirbst, weil Du mit ihnen lebst, in dieser Gesellschaft.

Khanjar ist 27 Jahre alt und lebt in der Provinz Babel, nicht weit von Bagdad, in der Region des antiken Babylon, wo Gott laut altem Testament die Sprache der Menschen vervielfältigte. Kadhem Khanjar nennt sich auf Facebook „Rabb Attafaha“, der „Gott der Banalität“:

Das ist jemand, der unwichtig ist, eine beinahe ordinäre, billige Person, die keinerlei Bedeutung hat. Ich beschreibe so meine Gefühle, weil ich hier machtlos bin. Es liegt an dem Ort, an dem ich lebe. Ich drehe mich im Kreis und alles ist vermint mit Mullahs, Bärten, Schwertern und Waffen. Es ist ein langes Elend.

Vor drei Jahren gründete Khanjar mit befreundeten Autoren in Babel die Kultur-Miliz. Sie lasen ihre Texte auf Friedhöfen, in Krankenwagen und Leichensäcken oder mit orangener Gefangenenkleidung in einem Käfig des so genannten Islamischen Staats und filmten sich dabei für’s Internet.

Wir hatten es satt, über den Blick aus dem Fenster zu schreiben oder über Wolken. Wir müssen auf das Blut der jungen Leute hinweisen, die jeden Tag zu Dutzenden oder Hunderten auf der Straße sterben und deren Leichen unauffindbar sind.

In einem dieser Videos ruft Kadhem Khanjar während er über ein Minenfeld läuft, das die Amerikaner 2003 hinterlassen haben:

Diejenigen, die töten, haben Angst vor dem Tod. Darum können sie sich nicht vorstellen zu sterben. Sie können es sich nicht vorstellen.

Am Telefon erklärt er:

Wir haben also versucht, etwas Neues zu machen, Poesie-Performances. Inzwischen machen das viele im Irak oder in arabischen Ländern. Sie gehen an die Orte des Geschehens. Man geht also zum Baum, anstatt über ihn zu schreiben. Man geht zum Massker, anstatt nur darüber zu schreiben.

Es sind spektakuläre Bilder, die bis heute Berichte über Kadhem Khanjar dominieren. Dabei hat sich die Kultur-Miliz längst aufgelöst und ihre Mitglieder verfolgen eigene, persönliche Projekte. Eines seiner Gedichte lautet so:

Das Mädchen ist aus dem Haus gegangen.
Seiner Mutter sagte es: Ich werde auf der Straße spielen.
Der Tod ist aus dem Haus gegangen.
Seiner Mutter sagte er: Ich werde auf der Straße spielen.
Seit Jahren spielen sie auf der Straße.
Sie jagen einander.
Das Mädchen fängt den Tod.
Und der Tod fängt das Mädchen.
Abends
Kehrt jeder glücklich mit dem anderen zur Mutter zurück.

Kadhem Khanjar hat Theater studiert und unterrichtet Schauspiel. Er ist mit seinen Texten mehrfach in Europa aufgetreten, vor allem in Frankreich und der Schweiz. In seinen Poesie-Performances dort reißt er Buchseiten aus, oder er schneidet Papierfiguren die Köpfe ab.

Ich selbst lebe nur damit ich schreibe. Es interessiert mich, Situationen zu beobachten und aufzuschreiben. Ich betrachte das Leben jenseits der üblichen aufgeklärten Sichtweise. Ich bin gegen die Vorstellung, dass ein Schriftsteller oder Intellektueller eine revolutionäre Rolle einnehmen muss. Ich bin dafür, dass ein Autor beobachtet und schreibt und durch seine Sprache zeigt, worum es geht.

„Ich habe Angst“, kommentierte ein Leser im Internet die Literatur Khanjars, „dass eine Kugel aus dem Buch kommt und mich tötet.“
Vor einem Jahr erschien eine zweisprachige Gedichtsammlung von ihm auf Arabisch und Französisch, Der Bluthändler. Gerade hat ein Verlag aus Deutschland seine Texte angefragt – mit etwas Glück kann man den Gott der Banalität bald auch auf Deutsch lesen.

Julia Tieke, Deutschlandfunk Kultur, 22.6.2018

Karim El-Helaifi im Gespräch mit Kadhem Khanhar – „Der Tod ist direkt. Die Liebe ist direkt. Das Morden ist direkt“.

 

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin + IMDb
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Kadhem Khanjar: der Club der noch nicht toten Dichter | Arte TRACKS

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