Kathrin Schmidt: Flußbild mit Engel

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Kathrin Schmidt: Flußbild mit Engel

Schmidt-Flußbild mit Engel

AUS DEN AUGEN

alle unterm gedächtnis
gefangenen personen
sollten einmal einen
hafturlaub bekommen
für einen schönen ausflug
ins blaue buch der heimat das macht
mit dem schlüssel bekannt
der alles verwahrt eine hand wächst
die andere später hinauf
ins gedächtnis bis endlich
der ganze kerl sich hereinzieht
ins album und geht seinen gang
in meinen gängen herum:
ein bild zwischen die schatten
zu werfen wird beinah möglich
die kaltgestellten uhren
beginnen zu ticken mein hergelaufener
vater wankt am faden des todes
über die seiten aber das ist
nur bescheidenes ahnen dessen
was wirklich passierte käme mir
jemand von dort in den sinn

 

 

Eine neue Lyrikerin ist zu entdecken,

die für ihre Gedichte den Leonce-und-Lena-Preis 1993 und den Lyrikpreis der Stadt Meran zugesprochen bekam.
Variantenreich sind die Formen, Themen und Motive der Lyrik von Kathrin Schmidt. Anspielungsvoll erprobt sie das ironische Sprachspiel oder findet sie zu kühl-sachlichem Ton; sicher bewegt sie sich in traditionellen Formen, die sich zum Prosagedicht weiten. Über allen ihren Gedichten könnte die Zeile stehen: „jeder Text ist ein Wortbruch.“ Immer aber scheinen in der Lyrik von Kathrin Schmidt die deutschen Zeitläufte durch – vom untergegangenen DDR-Staat bis zu deutschen Gegenwart.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1995

 

„landnahme“

Verbirgt sich hinter dem unauffälligen, fast schlichten Paperback-Einband der edition suhrkamp nicht die große theoretische Streitschrift oder wissenschaftliche Abhandlung, sondern etwas so „Dünnheutiges“ wie Lyrik, so setzen sich Texte, die dort zu stehen kommen, einem harten, sehr direkten Leseurteil aus. Die sorgsam gesetzten Worte werden nicht durch ehrwürdiges Papier, gehobene Buchdruckkunst und abgestimmte Grafik zum Teil eines Gesamtkunstwerks, die LeserInnen werden nicht schmeichelnd umworben und zu besinnlichem Blättern eingeladen. Nein, diese Worte treffen sozusagen „pur“ auf eher sachlich-kritische RezipientInnen, das schmale Bändchen ist fast nicht in Händen zu spüren und schlägt beim Blättern schnell wieder zu.
Wer seinen lyrischen Text auf diesem Wege in die Welt schickt, muß auf die Kraft seiner Worte vertrauen. Sinnlicher Genuß muß sich hier aus der Sprachmacht ergeben, entweder die Verse können mich gewinnen oder nicht, dazwischen gibt es nichts.
Die Texte der 1958 geborenen Dichterin Kathrin Schmidt haben diese Macht, mir ihren eigenen Rhythmus aufzuzwingen. Es spricht ein souveränes Subjekt, das sich seiner Wurzeln und Grenzen vergewissert, das seine Handlungsfähigkeit jedoch voraussetzt, nicht erst legitimieren muß. In einer Zeit der Klagegesänge über den „Subjektzerfall“ treffe ich auf eine ungewohnt selbstbewußte Art, in der Welt zu sein, sich zur Umwelt in Beziehung zu setzen, als Frau, als Deutsche, als Angehörige einer bestimmten Generation, als politisches und soziales Wesen.
So kann mit Weiblichkeitsmetaphern ebenso gespielt werden wie mit dem Vokabular der Politsprache. Selbstironisch kann die Dichterin vom „scheidentier“ und „mutterlamm“ sprechen, ohne in die Falle tradierter Weiblichkeitszuschreibungen zu tappen; kann sie Worte wie „vaterland“, „deutscherland“ oder „land deiner qual“ bilden, ohne sich im nationalen Selbsthaß deutscher Intellektueller zu verlieren. Kathrin Schmidt schafft einen neuen Typ des politischen Zeitgedichts: mit feinsinnigem Sprachwitz nimmt sie das Zeitgeschehen unter die Lupe und sieht, was andere nicht sehen, die „unbekannten soldaten die heimwärts waten“ unter dem Landstrich, auf dem sie geht. Der Ort, von dem aus sie spricht, liegt „unter deutscherlands kleinerem flügel, wo barschaft und / bittschrift einander verlachen“. Überhaupt verfügt sie über den besonderen Blick, der mal die Erinnerung an Ängste der Kindheit „hinter“ einer einzelnen Wolke wach ruft, ein anderes Mal das schmale Mädchen, das hinter den eigenen Augen „zuhaus“ ist. Ob nun in bezug auf Prägungen individueller oder gesellschaftlicher Art, „ein bild zwischen die schatten / zu werfen wird beinahe möglich“… „Unpoetische“ Worte kommen in einen Kontext zu stehen, daß die Alltagswelt zum aufregenden Panoptikum wird, das Schlagerwort „Herz“ erlebt seinen Auftritt als „mein herzspitz, der fraktur bellt“, als „kunstherzkammer“ mit „kunstherzkämmerer“. Die zahlreichen Neologismen verraten den Spaß am Wortspiel und sind doch nie Selbstzweck: die „blondgänger“ und „parlamentsarier“ diagnostizieren den „staatsverschluß“. Bissig kommentiert die ostdeutsche Dichterin die atmosphärischen Veränderungen um sie herum:

es richtet sich: die pole sind genordet,
der zechstein teilt die abendrepublik.
(…) es lichtet sich
(…), es wichtet sich: wer leicht war, macht sich schwerer
(…) es pflichtet dich
(…)

Oder:

was dir wie immer schien
gab sich doch letztlich als november

Zeitgeschichte, dokumentiert im alltäglichen Erleben.
Poetische Formen beherrscht Kathrin Schmidt sicher, Jamben oder Daktylen setzt sie pointiert, Reime selten, aber zielsicher. Gelegentlich experimentiert sie mit tradierten Verfahren, mal ist es die an Uwe Greßmann erinnernde Methode der Personifizierung von Abstrakta („ein rufmord hat immer einen kleinen / vertraulich bellenden hund bei sich“), mal ist es das Jonglieren mit zentralen Metaphern der Lyrikgeschichte wie etwa Trakls Engel, der bei ihr jedoch als „ein ausgepeitschter engel“ erscheint. Mal setzt sie sich vom Gestus berühmter VorgängerInnen ab (z.B. von Ingeborg Bachmanns „landnahme“), mal folgt sie ihm und kommt zu erstaunlichen Diagnosen über die Gegenwart. Des öfteren wendet sie den zitierten Gestus ins Aggressiv-Sarkastische, und dies mit einer Sprachmacht, welche das Vorbild vergessen läßt. Kleine orthographische oder grammatische „erwechslungen“ lassen die eigene Sprache aufregend fremd werden, „irrdich“ könnte das Motto heißen. Immer wieder beeindruckt der Humor Kathrin Schmidts, der die Texte vor falschem Pathos und die Ein-Sichten vor ermüdender Didaktik schützt:

gegen den strom
treibt mich mein kleines
neonfarbenes hohnsegel

Genau an diesem Punkt unterscheidet sich ihr schmaler Lyrikband von demjenigen der fast gleichaltrigen (1962 geborenen) Münchnerin Ulrike Draesner.

Birgit Dahlke, neue deutsche literatur, Heft 504, November/Dezember 1995

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Christof Siemes: Vateranderländische Gesänge
Die Zeit, 28. 7. 1995

Charitas Jenny-Ebeling: Wortbrüche, Subverse
Neue Zürcher Zeitung, 4. 8. 1995

 

Hermeneutik der Vergangenheit

bei Kathrin Schmidt und Barbara Köhler

1. Vorbemerkung
In den zahlreichen Untersuchungen zur Bewältigung ,ostalgischer‘ Gefühle in der deutschen Literatur der letzten Jahre hat man eine klare Unterscheidung zwischen der ost- und der westdeutschen Art einer solchen Bewältigung des öfteren vermißt. ,Ostalgische‘ Wehmut seitens westdeutscher Schriftsteller kann nämlich nicht bloß über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ihr Gegenstand viel weniger objektiver als relationaler Natur ist. Wo einem die Vergangenheit in der DDR nicht als persönlich Erlebtes und Erinnertes zur Verfügung steht, sondern als Wunschtraum und Ersatz vorschwebt, dort vermischen sich mit identitären Argumenten grundsätzlichen Charakters ganz offensichtlich Unbehagen und Bedürfnisse, die in erster Linie mit sozialen und politischen Fragen der Gegenwart zusammenhängen. Dabei dürfte es nicht fehl am Platz sein, eine direkte Verbindung herzustellen zwischen dem Interesse an den Lebensverhältnissen im Kontext von mangelndem Selbstbestimmungsrecht und der verbreiteten Erkenntnis der Einschränkungen, die dem Subjektiven durch den Ausbau einer neuen, auf Intensivierung militärischer Übermacht und Zuspitzung kultureller Konflikte beruhenden Weltordnung gesetzt werden. Man findet an einem entschärften und zum Stereotyp verkommenen Bild der DDR-Geschichte Gefallen, weil man darin Strategien zum Überleben unter totalitären Umständen zu finden glaubt. Durch die imaginäre Beziehung zu einer Vergangenheit, mit der man über keine andere Verbindung als die medialer Zerrbilder verfügt, versucht derjenige, der sich durch neokonservative Aggressionspolitik Schmittscher Prägung bedroht fühlt oder zu Habermas’ postaufklärerischen Zukunftsvisionen einer friedlichen Kosmopolis von freien Menschen mit skeptischer Bewunderung aufschaut, einen idyllischen Raum für sich zu gewinnen, wo es sich bescheiden, aber unbesorgt (über)leben lässt.
Entspringt aber der Rückblick auf die Geschichte Ostdeutschlands einer persönlichen Beteiligung an dieser Geschichte, so wird die Idyllik relativiert, indem kollektive und individuelle Vergangenheit tiefgründig hinterfragt werden. Das Symbolische an der Teilung Deutschlands rückt zugunsten einer intensiv und körperlich wahrgenommenen Entfremdung in den Hintergrund, die nur subjektiven Wert besitzt. Die Darstellung bedrückender Umstände wird über ein breites Spektrum an Körpererfahrungen vermittelt, die sich nicht dadurch aufheben lassen, dass sie unter bloß unreflektierten Trost spendende Fluchtphantasien subsumiert werden. Die Hypothese ist vielleicht nicht gewagt, dass ,Ostalgie‘, so wie man sie aus medialen Inszenierungen kennt, eine rein westdeutsche Angelegenheit ist, die das Bild der Spaltung eher ins Unendliche vervielfältigt, als dass sie es durch den Wunsch nach Einheit auflöst. Wo im Gegenteil das subjektive Gedächtnis mobilisiert wird, wird die Vergangenheit zum Gegenstand einer dialektischen Operation, die darauf hinausläuft, aus der Vielfalt der Stimmen wichtige identitäre Elemente zu gewinnen, die Antwort nicht nur auf die Frage bieten sollen, welche Freiräume den in einer geschlossenen Gesellschaft lebenden Menschen offen stehen, sondern eher auf die Frage, wo die Trennungslinie zwischen der Faktizität der Geschichte und der fiktionalen Behandlung verläuft, der jeder seinen eigenen Lebenslauf unterziehen kann, indem aus verstreuten Bruchstücken ein kohärentes Konstrukt gewonnen wird. Aus dieser Perspektive überrascht nun kaum, dass Kindheitsbildern bei Kathrin Schmidt und Barbara Köhler keine idyllische Folie anhaftet. Beide Autorinnen sorgen für gewaltige Desillusionierung, wenn man ihre Gedichte von einem konventionellen ,ostalgischen‘ Standpunkt aus betrachtet. Was innerhalb eines durch lähmende Stereotypen entkräfteten Erwartungshorizontes als das Idyllische schlechthin gelten mag, namentlich die Erinnerung an die eigene Kindheit, rückt bei ihnen nie in das verklärende Licht der Sehnsucht nach dem Vergangenen. Eine solche Erinnerung wird im Gegenteil perspektivisch verinnerlicht, nämlich im Lichte disparater, bewusst integrierter Erfahrungsebenen, die von der aktuellen Stellung der Sprechenden aus zurückreichen ins Nebelhafte, wo sich aus Realem und Märchenhaftem entstandene Empfindungen des damaligen Kindes mischen, bis hin zu vorausgreifend erahnten geschlechtsspezifischen Wahrnehmungsmustern. Wie wir im folgenden zeigen wollen, kommt dadurch ein vielfältiges Identitätsbild zum Ausdruck, das nicht zuletzt im Hinblick auf die Frage nach zwischenmenschlichen Beziehungen in einer nicht freien Gesellschaft viel mehr aussagt als rein ,ostalgische‘ Vergangenheitsbewältigung.

2. Kathrin Schmidt
Nach eher sentimentalen und ans Banale grenzenden Kindheitsdarstellungen in dem noch zu DDR-Zeiten veröffentlichten Bändchen aus der Reihe Poesiealbum, wo von einem alles in allem linearen Verhältnis zur Welt und denjenigen Figuren die Rede ist, die für den begrenzten Raum der Kindheit charakteristisch sind,1 wird die individuelle Vergangenheit bei Schmidts späteren Sammlungen immer deutlicher auf deren reale Konsistenz hin geprüft. Zwar werden besonders die Elemente berücksichtigt, die der Autorin ein starkes Potential an Infragestellung und Brechung der eigenen Identität zu besitzen scheinen. Schmidts gesamtes lyrisches Schaffen lässt sich als der Versuch beschreiben, immer neue Positionen im hermeneutischen Zirkel des Gesprochenen bzw. Wahrgenommenen zu erproben, wobei die Erkennbarkeit des lyrischen Ich gewährleistet bleibt. Nicht um Duplizität und Ambiguität, sondern vielmehr um Duplizierbarkeit und Ausdehnung der poetischen Aussage geht es bei Schmidts reiferen Werken, wo sich nämlich das sprechende Subjekt nicht darauf beschränkt, den Inhalt seiner Aussagen durch metatextuelle Befragung um der Steigerung konnotativen Ausdrucksvermögens des Textes willen zu relativieren, sondern aus den sprachlichen Komponenten des Textes selbst eine vielschichtig gewobene Textur gewinnt. Die Identität der Sprechenden wird somit nicht durch intendierte Sprachkritik in Frage gestellt, sondern vielmehr durch eine für den Leser nicht leicht durchschaubare Verrückung der Perspektive, von der aus das lyrische Ich spricht; ein Ich, das sich hierdurch in verschiedenen und immer neu zu lokalisierenden Positionen des sprachlichen Bereiches verorten lässt, in dem der Kommunikationsprozess stattfindet. Bei Schmidts Gedichten wird ein Maximum an Sinnvermehrung durch ein Minimum an Verschwommenheit der lyrischen Rede angestrebt; dies bei unvermindert klarer Trennung zwischen den Kompetenzen des Sprechenden und denen des Lesenden. Die Autorin lässt sich in den Interpretationsvorgang keinesfalls involvieren, was notgedrungen eine Neudefinition des Du als Leser mit sich bringen würde. Nur dass sie den Text derart multiperspektivisch aufbaut, an mehreren Stellen so viele aufeinander geschichtete inhaltliche Variationen durch Verschiebung von kleinsten sprachlichen Einheiten plaziert, dass der Leser jegliche verbindliche Bestätigung von der Richtigkeit seiner eigenen Lektüre vermissen und sich dazu zwingen soll, die auktoriale Perspektive hinter jeder Textaussage zu vermuten.
Die Lyrik von Schmidt zeichnet sich auch schon auf den ersten Blick durch unbändige Lust an ungewöhnlichen Sprachkonstruktionen aus, die angefangen von kühnen lexikalischen Neuprägungen (vgl. „vateranderland“,2 das offensichtlich auf ähnliche Versuche Barbara Köhlers zurückgreift) bis hin zu souverän praktizierten Oszillationen zwischen unterschiedlichen Sprachen (am häufigsten in Richtung englische Sprache) reichen, die das Gedicht mit einer Metaebene versehen, auf der der Leser zu autonomer Sinnproduktion aufgefordert wird. Dabei bleibt der literarische Text von jeder möglichen Kristallisation unberührt, um sich gänzlich dem Vergnügen der ständigen Metamorphose hinzugeben. Durch die rhizomatische Textur, die dadurch entsteht, wird, so zeigt sich bei näherem Hinsehen, die Stellung der Autorin nicht geschwächt, sondern vielmehr gestärkt. Dem sprechenden Subjekt wird vom Leser ein so hohes Vermögen an Perspektivenwechseln zuerkannt, dass der faktische Inhalt der lyrischen Aussagen jeglicher Nachprüfung seines Wahrheitsgehaltes entzogen wird und über dem Text diffuse auktoriale Instanzen schwadenweise schweben, die die Sprechende und den Empfänger mit Anklängen an andeutungsvolle Sprachmagie bei gespanntestem Streben nach logischer Kohärenz des Ausgesprochenen umspannen. Der Lyrikerin Kathrin Schmidt kommt es darauf an, das Gesehene durch Schärfung des Blickes, nicht durch die Reduktion auf ein Wesentliches zu intensivieren. Nichts steht ihr ferner, als sich auf der Schwelle zwischen Sprechen und Schweigen aufzuhalten. In ihrem poetischen Schaffen soll das Potential des Gedichteten nicht an der intuitiven Ahnung des Verschwiegenen gemessen, sondern durch den direkten Verweis auf die unendliche Ausdehnbarkeit des Existierenden gesteigert werden, wie es jedermann in der alltäglichen Praxis erleben kann.
Den Texten Schmidts wohnt eine Eigendynamik inne, die auf dem konstruktiven Prinzip beruht, dass sich jede formale Veränderung in einem neuen Metaphernsystem niederschlägt. Geht es z.B. im Titel des Anfangsgedichtes von Flußbild mit Engel um eine „desertion“, so versteht der Leser sehr schnell, dass es den angekündigten Hauptbegriff mit in der gewöhnlichen Sprachverwendung zwar völlig unausgesprochen bleibenden, durch die Kraft jener Eigendynamik doch sofort nachvollziehbaren Assoziationen zu ergänzen gilt:3

hinter der stadt kannst du des landes staubigen rest in die
brusttasche falten der kleine fluß dessen tod eine längst
versprochene sache scheint liefe dann knapp über deinem herzen

Reaktiviert die traurige Landschaft den Gedanken an das in „desertion“ verborgene englische Wort „desert“ [Wüste], so zeigt sich sogleich, dass die somit heraufbeschworene Verbindung der beiden Begriffe keiner willkürlichen Auslegungswut gehorcht, sondern sich nach einer inneren Logik richtet, deren Verfahren durch den Auftritt des erholsamen Ausgleich in Aussicht stellenden Gegenpoles, des Deserteurs, erhellt wird:

[…] ein stückchen vorsprung heraus gegenüber den
unbekannten soldaten die heimwärts waten

Die Querverbindung zwischen der Wüste und den Desertierenden erschiene somit als gegeben. Der versprochene Ausgleich erweist sich jedoch als äußerst prekär, denn die lyrische Rede zielt nicht auf bloßes Jonglieren ab, sondern darauf, durch die im Spiel der Assoziationen befreite Energie zu neuen Einsichten in die Tiefe der Menschennatur zu gelangen:

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadu kannst es
glauben oder nicht sie desertieren aus ihren prallen
gräbern zurück in die mütter

Was nun auf dem kompositorischen Willen zu beruhen scheinen dürfte, in einer konzisen und prägnanten Formel der Spaltung der condition humaine zum Ausdruck zu verhelfen, erfährt innerhalb einer einzelnen Zeile eine weitere Wendung, und bekommt durch den expliziten Bezug auf eine Spaltung, die dem intendierten Leser wohlvertraut ist, eine epische Dimension, die das Netz der von der Autorin im Gedicht einkalkulierten Bedeutungsstufen wesentlich verdichtet:

aaaaaaaaaaaadas bißchen deutschland über
ihnen ist schnell rekultiviert

Der Weg vom Subjektiven ins Allgemeine und zurück, der durch diese Anspielung einen Einblick in geschichtlich bedingte Befindlichkeiten gewinnt, und die Verschwommenheit eines vagen Allgemeinmenschlichen mit einer trockenen Anmerkung zu konkreten Zuständen korrigiert, wird schließlich durch die erneute Ansprache an ein fiktives, aber jetzt historisch und politisch sehr wohl bestimmbares Du vollbracht:

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaeinzig daß es dir dann ein
wenig aus der brusttasche tropfte und einen schmalen weg
fräße von dir aus unter das land deiner qual

Die poetische Aussage entwickelt sich in erstaunlich dichter Form als Variation einer rein phonetischen Entsprechung von Wörtern aus unterschiedlichen Sprachen. Dieser scheinbar zufällige Impuls breitet dann im Akt des Aussprechens eine nicht zu bändigende assoziative Kraft aus, die es der poetischen Erfindung ermöglicht, ein eigenartiges Metapherngefüge hervorzubringen, das dem Leser Einsicht in eine Vielfalt verschiedener Verhältnisse gewährt, angefangen von seinem subjektiven Zustand über seine Stellung zur kollektiven Vergangenheit bis hin zur Vergänglichkeit des Lebens an sich. Der Übergang von einer Bedeutungsebene in die andere ist mit der zeitlichen Entwicklung des Gedichtes als Organisationsform von sprachlichen Zeichen, die erst in der Kette rhythmisch aufeinanderfolgender Verbalisierungsakte ihre gegenseitigen Beziehungen aufweisen, so innig verbunden, dass der Leser dazu geführt wird, diese Ebenen als Teile einer einheitlichen Struktur wahrzunehmen. Individueller Lebenslauf und nationale Geschichte offenbaren sich dem Leser im Verlauf der Lektüre als synchronisch und miteinander aufs engste verwachsen.
In dieser Hinsicht empfiehlt sich die Kindheit als ein zur Verwebung verschiedener Erfahrungsschichten besonders geeignetes Thema. Autobiographische Motive erscheinen darin mit Erlebnissen aus der sozialen Sphäre innerhalb einer Gedankenverkettung vernetzt, die sich auch zur Rezeption von kulturgeschichtlichem Stoff anbietet, wie z.B. jenen Märchen der Brüder Grimm, aus denen ein breiter Kreis von Lyrikerinnen (neben Schmidt z.B. Kerstin Hensel und Barbara Köhler), die auf eine gemeinsame Geschichte zurückblicken können, mehrfach Materialien zur chiffrierten Darstellung der eigenen Vergangenheit geschöpft hat.4 Die Freude am ständigen Perspektivenwechsel scheint bei Schmidts Kindheitsbildern durch die Aufnahme von für die Kindheit selbst charakteristischen Gedankenassoziationen und -sprüngen an Facettenreichtum und Leichtigkeit der Aussage noch mehr zu gewinnen. Aus der Sicht des kleinen Mädchens, das die DDR als den einzig denkbaren und mit sämtlichen Glücksversprechen der Kindheit versehenen Horizont erlebt hat, kommt die mit der Wiedervereinigung einhergehende Verdrängung der Teilung Deutschlands einem gewaltigen Einschnitt in seinem Innenleben gleich. Schmidt betreibt keine naive Mythisierung der DDR-Vergangenheit, besteht dabei mit umso größerem Nachdruck auf der vollständigen Legitimität eines Lebenslaufes, den man im nachhinein für gescheitert und im Grunde unberechtigt zu erklären trachtet. Insofern erscheint die Kindheit als der wertvollste Besitz des Einzelnen, da darin sein tiefstes Geheimnis und letzten Endes auch die Bestimmung ruhen, die seinem Leben einen wirklichen individuellen, d.h. unveräußerlichen Inhalt verleiht.5 Verrat an der Kindheit heißt eben Verzicht auf die Innerlichkeit zugunsten restloser Politisierung der eigenen Existenz. In den folgenden Versen treten das Unbehagen über die fehlende Auseinandersetzung mit der kollektiven Vergangenheit und das Beharren auf der Würde der individuellen Geschichte sehr deutlich in Erscheinung:

Der briefkopf schmerzt: mein land hat mir geschrieben
zu allem überfluß. aus den papieren
fallen stellungskrieger auf mein plastparkett.
wie du einst laufen lerntest, wird nun abgefragt:
verjährtes kommen und verwehrtes gehen. dazwischen nichts
.6/footnote]

Das Eigene wird bei Schmidt der entpersönlichenden Wirkung der von oben gesteuerten soziopolitischen Veränderungen als gesunde Widerstandskraft entgegengesetzt. Dem Eigenen selbst werden geschlechts-spezifische Konnotationen ergänzend zugeschrieben, die dem Individuum zu einer genaueren Fokussierung seiner Identität und seiner Erwartungen verhelfen. Der fast ausschließlich negativen Schilderung des Verlaufs der deutschen Wiedervereinigung[footnote]Man lese z.B. das Gedicht „ausschau“, das die politische Wende als eine perverse Gelegenheit beschreibt, soziale Spaltungen durch noch einschneidendere Polarisierung materieller sowie kultureller Unterschiede auf nicht mehr rückgängig zu machende Weise zu vertiefen, in: Schmidt: Flußbild mit Engel, S. 25 entspricht somit eine private Wende in die biologische Bedingtheit des eigenen Wesens, die aber keinerlei Einschränkung mit sich bringt, sondern vielmehr ursprüngliche Energien freisetzt, die die Macht der Subjektivität ans Licht treten lassen – eine Macht, der keine andere Macht politischen Charakters Einhalt gebieten kann.
Der Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit kommt auf diesem Weg eine identitätsstiftende Funktion zu, die sich auf der Ebene der Textkonstruktion in einer sprachlichen Strategie niederschlägt, die ganz nah an evokative Sprachmagie grenzt. Über die Erinnerungsarbeit und zumal über die Kontextualisierung einer solchen Arbeit innerhalb des Verlaufs der deutschen Geschichte (was Schmidt sehr wohl als einen zweifachen Prozess versteht, der sich einerseits nach der Perspektive des Kindes ausrichtet, das man einmal war, andererseits aber nach derjenigen des Erwachsenen, der man geworden ist) gelangt die Autorin zu einer faszinierenden Textgestaltung, wo das Bild der Kindheit als der Zeit der höchsten Selbstverwirklichung, das Spezifische an der weiblichen Weltanschauung, die Intensität der körperlichen Wahrnehmung und ein eher konnotativer Sprachgebrauch zu einer höchst suggestiven poetischen Rede zusammenkommen, in der sich die lyrische Sprache als Sprache des Geheimnisvollen, Elementaren und der einfühlenden Nähe der Menschen zueinander offenbart:

du konntest geschlechter erraten
du kanntest die ausgänge schon
und durftest dein haar nicht wachsen lassen
heimlich umspann es dein zweites gesicht
und sagte die zukunft voraus
die du schließlich erreichtest
der weg ist vergessen der text
den du schreibst ist ein wortbruch
dein haar ist die brücke darüber
7

Magische Züge ermöglichen es der weiblichen Stimme, eine parallele Welt heraufzubeschwören, in der das Realitätsprinzip nicht in der Praxis bestimmter menschlicher Beschäftigungen seine Bestätigung findet, sondern in den tiefsten Schichten der menschlichen Identität, in der Beständigkeit eines körperlichen Gedächtnisses, das als einziges dem Individuum die Gewissheit seiner Existenz gibt. Die poetische Arbeit soll die Evokation vergessener und nicht durch die Vernunft zu bewältigender Erlebnisse anstreben, die ihrerseits in der Unmittelbarkeit des unreflektierten körperlichen Daseins des Einzelnen wurzeln, eine Unmittelbarkeit, die als der selbstverständlichste Besitz die Kindheit prägt. Die Aneignung des Erfahrungshorizonts der Kindheit erfolgt bei Schmidt über die entscheidende Vermittlung des eigenen Körpers wie des Organischen überhaupt. Für die Kindheit sind „feuchtgebiete“ aus der Sicht der Erwachsenen typisch, die ihre Nahrung aus den unterschiedlichsten Quellen schöpfen, aus den „senfwickeltränen meines kranken / obwohl gerade geborenen bruders“, ebenso wie aus dem „zerbissenen zipfel des tuches um meinen hals“ oder aus dem „kotzen nach graupen und klops oder / katzgeburt blutige[r] spur“.8
Die Verflechtung von identitären Elementen und der am Körper geführten Erinnerungsarbeit, die das sprechende Subjekt dazu bringt, sich selbst am Fluchtpunkt verschiedener aufeinander geschichteter Zeitebenen zu verorten, steigert sich in der zweiten Gedichtsammlung Kathrin Schmidts, Go-In der Belladonnen (2000), noch mehr. Hier konstituiert sich der Körper als das verlässlichste Instrument, Widerstand gegen die mit einer oberflächlichen Politisierung der Gesellschaft zusammenhängende Gefahr der Entpersönlichung zu üben. Schmidt prangert alle Formen von Manipulation mit größter Entschiedenheit an, sowohl diejenigen, die auf der Durchsetzung einer uneingeschränkten Machtausübung der Öffentlichkeit basieren, wie dies z.B. in den Medien der Fall ist, als auch die jüngsten, mit den technischen Entwicklungen verbundenen Vorstöße der Genetik im Bereich der Reproduzierbarkeit des Menschen. In den ersteren manipulativen Eingriffen sieht Schmidt ein typisches Produkt der männlichen Gesellschaftsordnung, die sich argumentativ auf ausschließende Verfahren stützt, bei denen totalitäre Tendenzen die Oberhand gewinnen, die auf die Abgrenzung des dem dominanten Modell nicht Konformen hinauslaufen. Bei den letzteren geht es aus der Sicht von Kathrin Schmidt um die Zerstörung derjenigen Grundlage der individuellen Identität, die über sämtliche persönliche und historische Veränderungen hinweg konstant bleibt: die Integrität der eigenen Körperlichkeit, die weder veräußerlicht noch vervielfältigt werden kann, weil sie einzig ist und ihr Äußeres nur durch die unmittelbare Verbindung zum Inneren bestehen kann. Die Kindheit wird in dieser Hinsicht zum umso wichtigeren Bezugspunkt im Leben des Subjektes, weil sich darin wirksame Strategien zur Bekämpfung beider degenerativer Prozesse wiederfinden lassen. Einerseits beruht die Welt der Kindheit nicht auf passiver Prägung der subjektiven Identität durch die äußeren Bedingungen, sondern vielmehr auf phantasievoller, alogischer und gar anarchistischer Destruktion solcher Bedingungen. Dies bedeutet noch lange nicht (darauf besteht Schmidt mit größter Deutlichkeit immer wieder), dass die Erinnerung an die eigene Kindheit ein Mittel zur Abschaffung des Realitätsprinzips ist, sondern dass darin Ansätze zu Verschiebungen der Machtverhältnisse enthalten sind, die sich innerhalb der von jenem Prinzip angenommenen historischen Formen etabliert haben. Andererseits liefert die Kindheit das Beispiel eines naiven Zustandes der Zusammengehörigkeit von Ich und Körper, das sich leicht als Gegenpol zur technisch bedingten Entfremdung zwischen körperlichem Aussehen und innerem Leben verwenden lässt.
Dieser synchronischen Beständigkeit der mit dem Körper zusammenhängenden identitären Grundlagen, die man in Kinderjahren als ursprünglichen und unproblematischen Besitz genießt, entspricht eine diachronische, mit deren Hilfe sich der Mensch vom eigenen Dasein beim Versagen intersubjektiver Bezüge vergewissern kann. Das Gefühl allein, nach Anhaltspunkten zur Selbstbestätigung nicht außerhalb des eigenen Ich suchen zu müssen, da man sie immer bei sich in der Symbolik des eigenen Körpers hat, kann dem Individuum zum Verständnis dessen verhelfen, dass das Leben als Kontinuum verläuft und kein Bruch zwischen den Zaubern der Kindheit und dem gesteigerten Selbstbewusstsein des Erwachsenen besteht. Schmidts reiches Metapherngefüge kreist um die natürliche, alogische und intuitiv zu erfassende Verwandtschaft von Kindheits- und Frauenwelt, eine Verwandtschaft, die in der Natürlichkeit des Körperlebens ihr wirksamstes Darstellungsmittel hat. Wie die chaotische Wahrnehmungsfülle, die sich dem Betrachter inmitten einer Metropole anbietet, einen Fixpunkt erst dann findet, wenn eine Frau durch die Stadtkulisse hindurch läuft,9 so gelangt das lyrische Ich dadurch zur Auffassung von der Beständigkeit seines Wesens, dass es in sich selbst die körperlichen Anzeichen seiner Kinderjahre aufspürt:

hier, in der pochenden tiefe der
schenkelgabel, in meinem beinhaus, nisten
noch krümel von damals, kirschen und apfelspalten,
die du mit nasser zunge auswischen kannst, zur probe
auf den verbleib der elterndelphine, ihrer bauchwassersucht
10

(…)

Maurizio Pirro, in Karen Leeder (Hrsg.): Schaltstelle. Neue deutsche Lyrik im Dialog, Editions Rodopi, 2007

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLGIMDb + Interview +
LesungLaudatio + Christine Lavant PreisUrheberrecht
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne SchleyerGalerie Foto Gezett +
Dirk Skibas Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Kathrin Schmidt

 

Kathrin Schmidt in der Sendung typisch deutsch.

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