Kathrin Schmidt: Flußbild mit Engel

Schmidt-Flußbild mit Engel

AUS DEN AUGEN

alle unterm gedächtnis
gefangenen personen
sollten einmal einen
hafturlaub bekommen
für einen schönen ausflug
ins blaue buch der heimat das macht
mit dem schlüssel bekannt
der alles verwahrt eine hand wächst
die andere später hinauf
ins gedächtnis bis endlich
der ganze kerl sich hereinzieht
ins album und geht seinen gang
in meinen gängen herum:
ein bild zwischen die schatten
zu werfen wird beinah möglich
die kaltgestellten uhren
beginnen zu ticken mein hergelaufener
vater wankt am faden des todes
über die seiten aber das ist
nur bescheidenes ahnen dessen
was wirklich passierte käme mir
jemand von dort in den sinn

 

Eine neue Lyrikerin ist zu entdecken,

die für ihre Gedichte den Leonce-und-Lena-Preis 1993 und den Lyrikpreis der Stadt Meran zugesprochen bekam.
Variantenreich sind die Formen, Themen und Motive der Lyrik von Kathrin Schmidt. Anspielungsvoll erprobt sie das ironische Sprachspiel oder findet sie zu kühl-sachlichem Ton; sicher bewegt sie sich in traditionellen Formen, die sich zum Prosagedicht weiten. Über allen ihren Gedichten könnte die Zeile stehen: „jeder Text ist ein Wortbruch.“ Immer aber scheinen in der Lyrik von Kathrin Schmidt die deutschen Zeitläufte durch – vom untergegangenen DDR-Staat bis zu deutschen Gegenwart.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1995

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Interview + Lesung + Laudatio
shi 詩 yan 言 kou 口

Kathrin Schmidt in der Sendung typisch deutsch.

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