Klaus Anders & Andreas Struve (Hrsg.): So schmeckt ein Stern

Anders & Struve-So schmeckt ein Stern

IST DER MOND WIRKLICH

Ist der Mond wirklich. Oder ist er geträumt
Eine Galionsfigur, die sich losgerissen hat
und segelt, seinem Schiff davonsegelt

Er gleicht einem Knochen aus versteinertem Licht
einem Totempfahl vom Bug des Lebensschiffes
Totenmaske. Mit Zügen eines unbekannten Gottes

Magnet für Gezeiten, Begierde und Wahnsinn
Totem für Eisprung, Samen und Fruchtbarkeit
Wollust und Tod senden auf gleicher Frequenz

Schau, ein Altarstein, hier wird Licht geopfert
Nacht für Nacht treibt der große Stein
über den Himmel. Im Anblick von Stille

Stein Mehren

 

 

So sprechen die Herzen leise zusammen:

Nachgedanken zum Lesen von Gedichten

KATZENSILBER

Ich bin wohl eine Art Krähe
die blanke Dinge stiehlt
aus der Sprache. Blanke Dinge
die glitzern, ich lege sie
in mein Nest hinein, putze sie
und nenne sie Gedicht

Sind Sie, liebe Leser und Leserinnen, von Gedichten der vorliegenden Sammlung gestimmt worden, „das heißt durchwaltet vom Entzücken des Frühlings oder verloren an die Angst des Dunkels, liebestrunken oder beklommen?“ Haben Sie ergreifende Gedichte gefunden, oder haben diese Gedichte Sie gewählt? In lyrischer Dichtung bestehe keinlerlei Abstand, schrieb Emil Staiger in den Grundbegriffen der Poetik. Gedichte sind Ausdruck des Innerlichen und des Ineinanders. Ein Nachwort scheint dazu verdammt, Abstand zu schaffen. Was wir uns mit dem Streifzug durch die moderne norwegische Poesie wünschen, ist jedoch Nähe. Daß die Nähe des Dichters zu dem, wovon er spricht, Nähe schafft zwischen Leser und Werk. Vielleicht kann man sagen, daß die Gestimmtheit der Übersetzer bei der Auswahl der Gedichte eher den Ausschlag gab als das Begreifen und Reflektieren. Somit birgt das Nachwort einen Widerspruch in sich selbst.
Ich mache mir Gedanken, wie man die vor uns liegende Auswahl verstehen könnte, und suche dabei Hilfe im Werk des norwegischen Dichters und Philosophen Stein Mehren. Im Jahre 1935 geboren, hat er die zeitgenössische Poesie seit seinem Debüt im Jahre 1960 wesentlich mitgeprägt. Einschließlich seiner vorläufig letzten Sammlung Ordre („Befehle“) von 2008 hat er immer wieder überlegt und formuliert, was es heißt, sich auf das Gedicht einzulassen.

DICHTEN

Dichten heißt Hoffnung und Klage deuten
und sich eingraben
in eine blinde Sonne

Es nützt nichts die Wahrheit
zu jagen, sie muß sich selbst
in dir zu erkennen geben
wie die Erinnerung eines Vergessens
welches tiefer geht als deines

Diese Sammlung ist zwei Ordnung schaffenden Elementen verpflichtet: Sprache und Zeit. Die Originalgedichte sind in norwegischer Sprache verfaßt und stammen aus dem 20. Jahrhundert, allgemein als Zeitalter der Moderne und Nachmoderne bezeichnet. Darüber hinaus gibt es keine zusammenbindenden Kriterien, die auf etwas anderes verweisen als auf das Gedicht selbst. Die Übersetzer laden zum unbefangenen Lesen ein und verweigern eine seminaristische Haltung des Kategorisierens und Systematisierens. Das mag den Leser enttäuschen. Die Enttäuschung mag darin bestehen, daß hier kein Beitrag zur Anwendung literaturwissenschaftlicher Grundbegriffe geleistet wird. Die Gedichte werden nicht nach Epoche und Strömung bestimmt, nicht in Schule und Bewegung eingebunden. Stile werden nicht analysiert und modernistische Kennzeichen wie Reimbrechung, Verfremdung, Verdunklung, Montage, Dissonanz oder syntaktische Experimente werden nicht herausgearbeitet. Auch wird nicht der Versuch unternommen, die Gedichte literaturgeschichtlich der europäischen Poesie zuzuordnen. Wissenschaft setzt Grenzen; Gedichte sind grenzenlos in jenem Verstand, wie Hugo von Hofmannsthal einmal sagte, daß sie grenzenlose Zustände ausdrücken. Der Leser wird durch Zeit und Sprache geführt und allein gelassen in der Hoffnung, daß das Lesen dieser breitgefächerten Auswahl Sinn macht. Dieser Ansatz ist folglich subjektiv und prozeßorientiert. Die Übersetzer übergeben die Gedichte dem Geschmack, der Sensibilität und der literarischen Sozialisation jedes einzelnen Lesers. Sie sind sich dem Hauch von Vergänglichkeit bewußt, die das Gedicht umgibt. „Enthusiasmus und Herausforderung“, schreibt Karl Krolow, „kann morgen schon einem Achselzucken weichen“.

Das Gedicht schildert „das Dunkel, indem es das letzte Licht beschreibt“, schreibt Stein Mehren, „gleich einer Frau, die an einem dunklen Fenster steht, sich entkleidet und abwendet, als sie nackt ist, und in ein anderes Gedicht hineingeht, wo niemand sie sehen kann.“ Es ist diese Dialektik zwischen Licht und Finsternis, Sichtbarkeit und Verborgenheit, Erleuchtung und Verdunklung, in die sich für Mehren das Gedicht stellt. Eine gleitende Wirklichkeit, in der das Gedicht unabgeschlossen weiterlebt. Ein Gedicht lebt fort im Dichter. „Selbst wenn ich mich entferne, schreibt es sich selbst weiter in mir.“ Und im Leser, möchte man hinzufügen. Das Gedicht bringt etwas hervor, was auf diese Weise unausgesprochen war und nie wirklich gesagt werden kann. Die Vielschichtigkeit des Gedichts umfaßt damit die Dimensionen, daß es sich selbst erschafft, geschaffen wird und dazu beiträgt, uns zu erschaffen.

Es ist wie mit dem Mond, Nacht für Nacht
sehen wir ihn, eingesperrt in seine Finsternis, leuchtend.

Die Dialektik von Licht und Finsternis beinhaltet auch die von Leben und Tod. Das wird deutlich im Gedicht „Dichten heißt benennen“ („Å dikte er å navngi“) aus dem Band Gobelin Europa aus dem Jahre 1965.

Dichten heißt das Meer benennen und Schiffe
auf dem Grund des Meeres bauen um zu fliehen
Kühle Unrast durchschimmert die Tiefe
Schwärme auf Abwegen wenden plötzlich und
wenden erneut. Der Schmerz steht unter
Hochdruck wie ein Tiefseefisch
Quallen steigen auf und zerren mit
Saugnäpfen am Auge des Tages, die Fische springen
stoßen zu und beißen das Licht ab um es dort hinunterzubringen
wo das Meer ein Name für den Tod ist.

Den Dichter umschließt der Tod, und dessen Resonanz kann er sich nicht entziehen. Licht und Leben zu benennen schließt Finsternis und Tod mit ein. Der Dichter singt von „allem Lebenden, Sinnlichen, Anwesenheit in einem Todesraum, der unser Ich erbittet.“ In einem anderen Gedicht („Der nackte Felsen“, „det nakne fjellet“) geht ein strahlender Sommertag in die Vergegenwärtigung des Todes über.

Es war ein langer, heißer Tag. Vom nackten
Felsen strahlt noch der Sommertag aus
Die sich abkühlenden Steine
singen ihr Lied
Ein Klang, so dunkel wie der Tod.

In den Räumen zwischen dem Sichtbaren und Verborgenen, dem Ausgesprochenen und Aussprechbaren, dem Wirklichen und Vorgestellten schreiben sich die Gedichte selbst. Die Sprache der Poesie findet zu uns hin, sei es als Lichtstreif von Wiederkennen und Neuschöpfung, sei es als Schatten, der uns im inflationären Sprachfluß des Alltags und der Medienwelt trifft. Die Schöpfungswörter stammen aus einem Alphabet, das wir zu kennen nicht befähigt sind. Die Sprache erschafft keine Gedichte, sie nimmt Gedichte in sich auf und versucht, sie vermittelbar zu machen von Geist zu Geist. Die Sprache ist wie eine Sonne, welche die Poesie erscheinen läßt. Das Gedicht ist wie ein Stern, dessen glühendes Dunkel schattenhaft die Tageshelle der Kommunikation durchdringt und in ihr Spuren hinterläßt. In diesem Sinne wünscht man sich mit Günter Eich den Leser wie den Übersetzer eher als jemand, der das Gedicht meditiert statt interpretiert.

DIE GROSSEN DICHTWERKE

Die großen Dichtwerke entstehen wie im Blinden
schlafwandlerisch sicher, wie alternde Sterne
beginnen sie zu glühen
brechen jäh zusammen
um ihr eigenes Innere, ergriffen
von Kräften mit der glühenden Fügung des Dunkels in sich
jagen sie einen Schatten durch die Sonne
der Sprache.

Jedes Gedicht der vorliegenden Sammlung entspringt der Vertrautheit des Eigentümlichen, die das Übersetzen schafft. Der Übersetzer hofft, diese Vertrautheit im Leser hervorzurufen und neu zu gestalten. Es ist, wie wenn der Übersetzer eines Gedichts ein Lagerfeuer nährt, an dem er lange gesessen hat, aufbricht und es nun dem Leser überläßt. Er lockt den Leser an, ohne mit ihm zu sprechen. Was er hinterläßt, ist ein wenig Glut, die vom Leser erneut entfacht werden kann. Auf diese Weise entsteht im Verborgenen eine Kommunikation der Herzen.

Wir stehen im Dunkel
und sprechen mit dem Licht im Mund. Feuer
eines verborgenen Wuchses
der wir selbst sind und vergeblich zu verstehen suchen.
So sprechen die Herzen leise zusammen.
So sprechen wir immerfort im Dunkel

So sprechen die Herzen leise zusammen, und der Gedichtband hat seine Aufgabe erfüllt. Das Gedicht erscheint vor unseren Augen und wir verstehen, daß wir bei allem Wiedererkennen so etwas noch nicht erfahren, erlebt, gelesen haben. Ein Widerhall, der wieder verklingt. Gottfried Benn hat dies treffend gedichtet. Wir beenden diese Nachgedanken mit einem Vers von ihm.

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich −
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und ich.

Zur Übersetzung

Nachdem Norwegen im 19. Jahrhundert seine politische Eigenständigkeit erworben hatte, entwickelte sich die Sprache lebhaft. Fünfhundert Jahre hatte Dänemark über Norwegen geherrscht. Die Sprache der städtischen Oberschicht und der Literatur war Dänisch. Der Drang zur eigenen Nation drückte sich auch im Drang zur eigenen Sprache aus. Ivar Aasen (1813-1896), Lehrer und Autodidakt, entwickelte aufgrund umfangreicher Untersuchungen der in West- und Südnorwegen gesprochenen Dialekte eine normierte Sprache, Landsmål, später Nynorsk genannt. Sein Ziel war, eine norwegische Schriftsprache zu schaffen, die über die Dialekte bis auf das Altnordische zurückgeführt werden konnte. Die Nähe des Nynorsk zum Isländischen und Faröischen ist größer als zum Dänischen. Aber auch der Einfluß des Niederdeutschen, das während der Blütezeit der Hanse Verkehrssprache im Nord- und Ostseeraum war, ist an zahlreichen Lehnworten erkennbar.
Diese Schriftsprache hat sich jedoch als allgemeine in Norwegen nicht durchsetzen können. Das Abflauen der nationalen Begeisterung, die Schwierigkeiten und der Variantenreichtum dieser von vielen als archaisch oder bäurisch empfundenen Sprache, die Auffassung, sie sei als moderne Verkehrssprache ungeeignet, beförderten die Gegenbewegung, die die Anpassung des Dänischen an die Sprachgewohnheiten der Norweger vornahm. Daraus entwickelte sich die vorherrschende Schriftsprache, zunächst Riksmål, dann Bokmål genannt.
Beide Sprachen existieren auch heute noch nebeneinander, die Verfechter beider Lager konkurrieren nach wie vor, ein Ende des Sprachenstreits ist nicht in Sicht. Einer Annäherung oder Angleichung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf ein Samnorsk (Gesamtnorwegisch) hin folgte eine allmähliche Distanzierung und stärkere Besinnung auf die jeweilige Eigenart. Es gab zwischen 1907 und 1981 sechs Sprachreformen. Tatsächlich hat sich Bokmål gegenüber Nynorsk weiter durchgesetzt. Nynorsk wird heute noch von etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung gebraucht, vor allem im Westland. In der Umgangssprache spielen, unabhängig von der Wahl der Schriftsprache, wegen der dünnen Besiedlung und der großen räumlichen Distanz der besiedelten Gebiete Dialekte die größte Rolle.
Der Selbstfindungsprozeß der norwegischen Nation war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht abgeschlossen. Das spiegelt sich auch in der Literatur wieder. Mit dem zunehmenden Einfluß des Modernismus geht einher eine Besinnung auf das „ursprünglich“ Norwegische. Bei Dichtern wie Kristofer Uppdal, Olav Nygard, Olav Aukrust und auch Olav H. Hauge sehen wir nicht nur den Gebrauch des im 19. Jahrhundert zur Schriftsprache geformten Neunorwegisch, sondern auch den Gebrauch alter, fast vergessener Wörter und Wendungen bis hin zu Anleihen aus dem Altnordischen. Die Sprache dieser Dichter bekommt dadurch mitunter eine archaisch wirkende Gestalt, die dem heutigen Sprachempfinden fremd erscheinen kann. Es handelt sich bei dem Verfahren dieser Dichter aber nicht um eine Altertümelei oder Nostalgie, sondern um das Bestreben zu erneuern, vor dem Vergessen zu bewahren und sich vom Zwang des Alltäglichen und Gewohnten, aber auch vom Druck des als Herrschaftssprache empfundenen Dänisch zu befreien.
Grundsatz der Übersetzungsarbeit war, sich dem Original nicht nur in seiner sprachlichen Aussage, sondern ebenso in seiner Form weitgehend anzunähern. Rhythmus, Klang, Metrum, Reim sind vom Sinngehalt der Worte nicht zu trennen, sie bilden eine Einheit. Eine noch so genaue Übersetzung des Sinngehalts in die andere Sprache beschädigt, wenn sie die formale Seite vernachlässigt, das Gedicht ebenso wie eine zu freie Übersetzung, die um jeden Preis die Form zu erhalten versucht. Die Forderung Dante Gabriel Rossettis (1828-1882), daß mit einer Übersetzung ein Kunstwerk in einer anderen Sprache geschaffen werden solle, das zumindest nicht schlechter sei als das Original, kann nur in seltenen Fällen erfüllt werden. Jede Übersetzung, jede Nachdichtung ist ein Wagnis, immer aber bleibt sie ein Verfehlen.

Klaus Anders und Andreas Struve, Nachwort

 

Diese Anthologie

stellt eine breite Auswahl von norwegischen Gedichten des 20. Jahrhunderts vor. Vierzig Dichterinnen und Dichter dieser uns größtenteils unbekannten Poesie wurden von Klaus Anders und Andreas Struve ausgewählt und ins Deutsche übertragen. So entsteht das Bild einer lebhaften Lyrik und eine neue Nähe zum nördlichsten Land Europas.

Edition Rugerup, Klappentext, 2011

 

Fakten und Vermutungen zu Klaus Anders
Fakten und Vermutungen zu Andreas Struve

1 Antwort : Klaus Anders & Andreas Struve (Hrsg.): So schmeckt ein Stern”

  1. john irons sagt:

    indeholder jerest antologi mon en oversættelse af olaf bulls ‚fra mezzaninviduet‘ – jeg spørger fordi min engelske oversættelse har forårsaget en læser at spørge mig om dette.

    tak på forhånd,

    john

    http://johnirons.blogspot.dk/2012/05/poem-by-norwegian-writer-olaf-bull-1883.html

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