Lothar Feix: Letztes Lied

Feix/Gottwald-Letztes Lied

aaaaaals ich klein war dachte ich, wenn ich groß bin
aaaaawerde ich
surrealist
aaaaaals ich groß war dachte ich, als ich klein war, war
aaaaaich
surrealist
aaaaaals ich surrealist war dachte ich, wenn ich klein bin,
aaaaawerde
ich groß
aaaaaals ich groß war dachte ich, wenn ich surrealist werde, werde
ich klein
aaaaaals ich klein war dachte ich, wenn schon denn schon, das macht mir
nichts aus
aaaaaich bin kein pfeifenraucher geworden, immer rauche ich nur
zigarre
aaaaadas spiel ist aus

 

 

 

Apostel Feix und der Heilige Gneist

Kurz nach dem Internationalen Frauentag 2002 ist Lothar Feix gestorben. Geburtstag hatte er zusammen mit Wilhelm Pieck am 3. Januar. Da Feixi meine Texte und meine Art zu schreiben nur bedingt schätzte, will ich mich zurückhalten, und in erster Linie ihn selbst und Dichter, die er wirklich mochte, zu Wort kommen lassen.

Nachts lassen sie mich hier in Ruh,
Und wenn sie dann die Klöppel schwingen,
Die dröhnenden Dinger wie Donner singen,
Da seh ich zu
Und schlürf in langen Zügen
Aus allen meinen Krügen
Kognak, Korn und Aquavit
Und habe mein Vergnügen.
Wenn wohle Glut die Nacht bezieht,
Das ist mir mehr wie Morgenrot,
Und morgen sind viel Häuser tot.
Grgsgi,
Der Teufel hole sie!
Dreck! Komm, Karlineken, komm
Mach mich fromm,
Daß ich in den Himmel komm!
1

Was die Gelehrten reden, ist nur Kohl,
Denn eine taube Nuß ist ihr Symbol,
Wie diese ist ihr Schädel hohl,
Der Schweine Leder ihr Idol –
Der Weise weihet sich dem Alkohol.2

Kennen gelernt haben wir uns 1977 in der „Tute“ am Alex, er kam dort meistens am Nachmittag mit einer Aktentasche unter dem Arm rein und trank Kaffee, Bier und Schnaps. Er kannte jemanden in irgendeiner Kulturbehörde in Mitte, und überbrachte mir die frohe Botschaft, daß meine erste offizielle Lesung, die just im „Club 29“ stattfinden sollte, verboten sei. Damals haben wir unsere Lebensgeschichten ausgetauscht, ich weiß nur noch, daß er in der Gneiststraße geboren oder aufgewachsen ist, dann auch schon zur Armee kam, und seither keine Spirituose verkommen ließ.3 In einem „Autobiografie“ betiteltem Manuskript4 schreibt er 19-jährig, also 1973 – er war gerade zur Asche geholt worden, die er als Tausendtagesack enterte, und als einfacher Soldat verließ – folgendes:

„Letzter Wille“

Des ersteren seien die Lehrer bedacht, die mich auf Ideen brachten, denen sie abhold sind. Ihnen meine Lunge. Sollen sie die Asche aufs Haupt sich streuen.
Meine Vergangenheit dem, der sie gebrauchen kann. Die Zukunft den Lebensüberdrüssigen. Die begehrenswert, nehm ich mit mir. Den Gläubigern Vertröstungen. Denen, die mir schuldig, den Mantel des Vergessens. Den Rest zum freien Verkauf. Den Freunden nur noch den Rat, ihr Geld besser anzulegen.
Geld hab ich keins zu hinterlassen, mein krankhafter Geiz neidete der Brieftasche stets ihren Inhalt. So war ich meist derart mittellos, daß ich genug zum Leben hatte, denn mein Leben fraß nicht viel.
Das Drama geht weiter. Das Publikum wird ersucht, auf den sich sezierenden Helden keine Tomaten zu werfen. Er mag keine Rohkost.
Nachmittags, wenn ich das Pensum an Tagesarbeit absolviert hatte, oder nicht weiter zu tragen bereit war, raste ich mit dem Sturmschritt des arg-beschäftigten, wie ich ihn dann benutze, wenn ich Zeit hatte, nach Hause, setzte dort angekommen Wasser auf, brühte schwarzen Tee und brachte
schwarze Scheiben, sogenannte Schallplatten zum Tönen. Ich las, hörte, trank, dachte und schrieb.
Durchmaß so 5 Ebenen ohne mehr zu brauchen, als ein Ein-Mann-Teegedeck, Aschenbecher, Lektüre, Platten und Papier nebst Bleistift. Das mag langweilig klingen, wenn man nicht bedenkt wie interessant moderne Musik ist, wie interessant einige Literaturen sind, wie aufregend es ist, zu rauchen. Wenn euch solch Leben nicht vergönnt ist, dann ist jeder von uns um etwas ärmer als der andere. Mir war es gegeben, je nach Belieben mich in eine Harmonie zu hängen, in ein Buch zu klettern, mich gedanklich in jedes Problem zu begeben, mit dem Bleistift Papier zu besprechen oder durch den Tabaksdunst meines Zimmers in das Aroma starken Tees zu springen. Ich erbaute mir eine Traumburg und wehrte als begnadeter Recke den Eindringlingen, die mich zu nützlicher Arbeit anhalten wollten.
Das ist so eine Art Romantik, die Weltflucht heißt, weil sie diese bewirkt. Wenn man allein ist, kann man träumen. Das macht Spaß und so träumt man häufig, zu oft, um noch voll am Leben teilzunehmen.
Und da man letztlich nicht mehr am Leben teilnimmt, bleibt einem nichts anderes übrig, als zu träumen. Wenn ich spazierenging, was ich öfters tat, dann um dem Leben eine Chance zu geben, an mich heranzukommen. Das tat es selten, und ich starrte in die Wolken, ob da irgendwo ein Platz sei, von dem man auf die Welt herabspucken könnte. Dann hab ich mich unnütz gefühlt, zwecklos, ohne eigentliches Recht, Sauerstoff zu verbrauchen. Ich war überall nicht zu Hause, denn ich hatte mich mittlerweile derart an meinen wohnlichen Traum gewöhnt, daß mir diese Welt nirgendwo ganz behaglich scheint. So raste ich also durch die Gegenden, staunte Wälder an, Häuser und Ameisenhaufen, und war durch nichts zu verwundern, denn mir war alles in der Welt verwunderlich.
Meine Beziehungen zur Gesellschaft der Menschen entbehren einer gewissen Komik nicht. Ich traf auf Leute, bei denen ich mich durchaus wohl fühlen könnte, besäße ich nicht den Ruf des Outsiders, der mich zwang, einen Outsider zu spielen. Inzwischen bin ich mit der Rolle derart vertraut, daß ich nur mit Mühe anders sein kann als outside. Das Leben ist ein Theaterspiel. In meinem bin ich der Hauptdarsteller, der zwischen den Auftritten hinter der Bühne sitzt, raucht, liest, Tee trinkt, Musik hört und träumt. Das Bestreben jedes Menschen sollte dahin gehen, nicht nur Held, sondern auch Autor seines Dramas zu sein. Im übrigen ist mir, als aufgeklärtem Menschen, die Rolle des Outsiders von unirdischen Mächten zugeteilt worden.

Diese Zustandsbeschreibung der Befremdung in der DDR der frühsiebziger Jahre erfüllt mich heute mit dem Gefühl von Geborgenheit. Ich war damals als 19-jähriger genauso drauf, nur zwanzig Jahre jünger, was den Stil anbetraf. Feixi hatte einen vollen Abflug auf die Fin de siècle-Boheme, Beat und Jazz, ich auf Kubo-Futurismus, Dada und Punk. Was uns verband, war der Anarchismus. Wenn wir uns trafen, tranken wir erst mal auf Kronstadt, Machno und Durutti, erzählten uns die Überlieferungen wieder und wieder mit Trauer und Wut, und begannen uns zu streiten, wer der wahre Anarchist sei, von Anarcha-Feministinnen war damals noch nicht die Rede. Ich warf ihm vor, er söffe zuviel, er konterte, ich vertrüge nicht genug.
1981 initiierte er mit Uwe Ducke eine Kranzniederlegung am Erich Mühsam-Denkmal in Oranienburg, was von der Ordnungshut doch sehr beargwöhnt wurde. Ab Oktober 1989 latschte er zu jeder Scheiß-Demo, ich war nie im Leben auf einer, außer bei Randale, wo er allerdings auch anzutreffen war. Einmal wurden wir zusammen gekascht. Am 13. August 1981 um 11 traf ich ihn in der Karl-Marx-Allee bei der Parade der Kampfgruppen, wohin ich meinen damaligen Schwiegervater Kurt begleitete, der ’61 dabei gewesen war, und extra nach Berlin kam, um sich die machtvolle Demonstration anzusehen. Ich ließ Kurt und Kleinfamilie stehen und ging mit Feixi ins Bibliothekscafé, um den Tag ausklingen zu lassen.

ENDLOS gereckt, von Lampen bleich bewacht,
die gilbenden gepfählten Schädeln gleichen,
wächst einsam eine Straße in die Nacht.
Es stelzen Schatten. Meine Angst sieht Leichen,
wie sie geräuschlos von den Dächern schrecken
und hinter Riesenbäuchen sich verstecken,
aus Hausfassaden wächsern aufgebläht.
Das Licht spritzt auf den Asphalt weiße Lachen.
Der Himmel gähnt mit bleiern grauem Rachen,
aus dem ein Zahn bedrohlich niederspäht…
Die Füße fliehen ihrem eignen Stampfen.
Das Haar steigt auf. Die kalten Augen dampfen.5

Was die Gelehrten reden, ist nur Kohl,
Denn eine taube Nuß ist ihr Symbol,
Wie diese ist ihr Schädel hohl,
Der Schweine Leder ihr Idol –
Der Weise weihet sich dem Alkohol
.6

Revolutionäre Militanz war ihm genauso geläufig und willkommen wie mir. Er entstammte dem Dunstkreis des „Iskra-Klubs“, einer Art Debattierrunde renitenter Jugendlicher, die im Raum 131 des HdjT (Haus der jungen Talente, nachmals Podewil) zusammenkam. Che Guevara, Tamara Bunke, Kim Irrsinn, Kulturrevolution, Angela Davis, Schwarzer September, Leila Khaled, IRA, ETA usw., erst das Rote Buch, dann das Grüne von Gaddafi usf. – die ganze Palette des Revolutionsromantizismus.
Auch war ihm noch ein Moralismus eigen, der mir schon ein paar Jahre früher durch die Freunde und Helfer rausgeprügelt worden war. Mich konnte man mit realer Existenz jagen, er hatte Alpträume, weil er glaubte, zu versagen.

„Alptraum“

Während ich beschäftigt war vom Kleinsein ins Jungsein zu stiefeln, ward mir folgender Traum gesandt. Ich rannte durch die Häuser einer seltsamen Stadt. Alle Wände standen mir offen. Ich rief: Es brennt, Leute, Feuer! Rettet euch! Man achtete mich nicht. Dann kam hinter mir ein Meer von Flammen und in den ersten Feuerzungen stand eine schwarze Gestalt, mit Lippen so dünn wie Augen, die in die Nerven stechen. Dann sah ich mich im Bett liegen, froh dem Traum entronnen zu sein, als vom Kopfende der Liege eine Stimme fragte: Du oder das Leben? Ich wagte nicht, zu ihm zu schauen, doch ich wußte, das war jener Schwarze, der da fragte. Ich wollte reden, schreien: Ich, Ich. Doch ich brachte kein Wort hervor. Mancher Held bleibt unerkannt, weil ihm im entscheidenden Moment die Stimme versagt. Doch dunkle Mächte verstehen es wohl, Gedanken zu lesen.
Versuche ins Leben einzusteigen, gab es mehrere. Eine Zeitlang schien mir jedes zweite Mädchen geeignet, mich glücklich zu machen. Von denen, die es auch versuchten, gab es jede bald auf. Auch kam es vor, daß ich freiwillig abdankte, wenn mich das Träumen schöner als die Realität dünkte.
Meiner Beständigkeit zu Ehren muß ich mitteilen, daß ich in fast jede meiner großen Lieben auch heute noch verliebt sein könnte. Den Zug der Zeit negierend, erspare ich Intimitäten meinen Ohren.
Dieses Jahrhundert ist mit zu wenig verschlafen, um einen trefflichen Beichtvater abzugeben. Bliebe noch die Frage zu beantworten, die den Menschen weit besser kennzeichnet als die Parteizugehörigkeit: Was stellt man sich unter Liebe vor? Antwort: Wenn selbst die dreckigste Realität einem durch einen anderen wertvoller wird als der schönste Traum. Und, da ich trotz allem doch Zeitgenosse bin, Trieb ist auch dabei, wenngleich nicht alles Trieb ist, was irgendwas treibt. Weil gerade davon gesprochen wurde: Liebe war auch mitschuldig, daß ich das doppelte des Pflichtpensums Militärdienst auf mich nehme. Wenngleich nicht grade Vaterlandsliebe, so doch etliche konkret beim Namen zu nennende Lieben, die ich irgendwie sicher wissen möchte. Wollte ich in meinem Leben meine Ruhe haben, ist mir das Grund genug, dafür zu sorgen, daß einzig der Lärm friedlicher Zivilisation sie stört und nicht Jagdbombergeheul. Und wenn die 3 Jahre vorbei sind, hab ich mir das recht auf meine Ruhe erworben und kann jeden Nörgler kurz abfertigen.
Ich hab es satt, nur im Traum und in großen Worten für eine Sache Opfer zu bringen. Falls ich mal sterbe, was passieren kann, will ich mit mehr als mit Reden für eine bessere Zeit eingetreten sein; für eine Zeit, in der jeder seine Art von Ruhe haben kann, weil es keinen mehr gibt, dessen erwünschte Ruhe irgendjemanden umbringt, eine Zeit, die Kommunismus heißen soll, weil das eines der besten Worte ist, die die menschliche Stimme hervorgebracht hat. Dafür investiere ich etliche Zentimeter Haare, Zeit fürs Stiefelputzen; dafür laß ich mich anbrüllen, brüll zurück und zwinge mich in derartig idiotische Kleidungsstücke, wie es Uniformen nun mal sind. Dafür laß ich Hektoliter Tee ungetrunken, Dutzende Mädchen ungekannt, und Unsummen Jazz ungehört.
Hier endet diese Autobiografie. Unerwähnt bleiben solch großartige Bildungserlebnisse, wie sie mir das Trampen brachte. Unerwähnt der heroische, nichtsdestotrotz mißglückte Versuch, Hiddensee zu revolutionieren. Und manches bleibt unerwähnt, wenn es auch noch so hervorragend war. Das alles hätte jeder andere erleben können. Davon können andere erzählen. Warum gerade ich?
Wenn ich dann einst vor dem Kasernentor stehe, im Regen, denn es wird in Strömen gießen, damit mich die Erwartungsfreude nicht verbrennt, – dann liegt der 2. Teil des Lebens (Titel: Mein dreijähriger Krieg) hinter mir, und ein 3. Teil ist in Vorbereitung.
7

Der 3. Teil seines Lebens hat sich bis 1987 hingeschleppt, als im Prenzlauer Berg die ersten illegalen Kneipen entstanden, er witterte Morgenluft und wurde plötzlich mobil, fuhr tatsächlich nach Leningrad und kam begeistert zurück, hörte „NOL“ und „DDT“. 1990 wurden erste Veranstaltungskneipen gegründet, er „betrieb“ praktisch das „Café Kiryl“, hatte seine Heimstatt gefunden, ein 4. Teil hatte begonnen. Unter den Entzweiungen der Betreiber und Besitzer hat er wahrscheinlich ebensosehr gelitten, wie unter der großen Ausreisewelle von 1984 – ihm wurde wieder etwas weggenommen. Der „Torpedokäfer“, den er 1994 mit aus- und aufbaute, beflügelte ihn wie Anfang der siebziger Jahre der „Durstige Pegasus“, ein Kneipen- und Veranstaltungskonzept, das er zusammen mit Jochen Wisotzki entwickelte. Wiederum kam es zu Überwürfen und Spaltungen, in die er sich „desinteressiert“ einmischte.

Und immer dunkler wird die Nacht,
die Liebe schläft ein, und der Haß erwacht,
und immer üppiger dehnt sich die Lust,
und immer angstvoller schwillt die Brust;
kein Stern, der blau durch die Wolken bricht,
kein Lied, daß süß von Erlösung spricht –
mein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit:
Ein blutiger Frevel ist diese Zeit!
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Was die Gelehrten reden, ist nur Kohl,
Denn eine taube Nuß ist ihr Symbol,
Wie diese ist ihr Schädel hohl,
Der Schweine Leder ihr Idol –
Der Weise weihet sich dem Alkohol.
9

Feixi war eine Berliner Flanze; seinen ganzen Frühling hat er im Prenzlauer Berg rumgeknospelt, seinen kurzen Sommer der Militanz hat er verplempert, den langen Herbst der DDR durchgehalten im Dschumm, und als es dann eisig wurde, war das Jahr auch schon rum. Es ist nicht zu befürchten, daß ihn der heilige Gneist10 mit seinem komischen Rechtsstaat geholt hat, sondern doch wohl eher der Höllenfeix selber, auf daß mal einer durchfegt und die Tassen hoch stellt. Lesen, trinken, hören, denken, schreiben bis zum Abwinken – wenn das keine Hölle ist, weiß ich nicht, wohin ich gehöre.
Wenn es dir aber reichen sollte, Lothar, feg den Dreck zusammen und komm hoch, sterben kannst du immer wieder.
Ich verdanke Feixi unter anderem so sinnlose Worte wie: Ate, Bilch, Elemi, Ete, Erpe, Gagat, Hebe, Kerala, Leè, Obi, Ogi, Orissa, Salep, Tete und Uke. Ob seiner Tätigkeit auf der Trabrennbahn Karlshorst war er kreuzworträtselgewieft und korrigierte oft meine stümperhaften Lösungen im „Torpedokäfer“. Eine gewisse Wortverliebtheit war ihm eigen, ebenso Gnatz, Schadenfreude und viele andere Marotten mehr. Besonders schätzte er die irischen Autoren, von denen überliefert ist, daß sie genügend tranken – Joyce und Beckett natürlich, ganz besonders Flann O’Brien, und natürlich auch den Waliser Dylan Thomas, dessen „Do not go gentle into that good night“ wir oft in der nicht so dollen Intonation von John Cale im „Kiryl“ hörten.

DO NOT GO GENTLE INTO THAT GOOD NIGHT

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.11

Nie wchodŸ ³agodnie do tej dobrej nocy,
Staroœæ u kresu dnia niech p³onie, krwawi;
Buntuj siê, buntuj, gdy œwiat³o siê mroczy.
Mêdrcy, choæ wiedza, Ÿe ciemnoœæ w nich wkroczy –
Bo nie rozszczepia s³owami b³yskawic –
Nie wchodza cicho do tej dobrej nocy.
Cnotliwi, p³aczac, kiedy ich otoczy
Wspomnienie czynów w kruchym wieñcu s³awy,
Niech siê buntuja, gdy œwiat³o siê mroczy.

Szaleni, s³oñce chwytajacy w locie,
Wasz œpiew radosny by³ mu trenem ³zawym:
Nie wchodza cicho do tej dobrej nocy.
Posêpnym, którym œmieræ oœlepia oczy,
Niech wzrok siê w blasku jak meteor p³awi;
Niech siê buntuja, gdy œwiat³o siê mroczy.
B³ogos³awieñstwem i klatwa niech broczy
£za twoja, ojcze w niebie nie³askawym.
Nie wchodŸ ³agodnie do tej dobrej nocy.
Buntuj siê, buntuj, gdy œwiat³o siê mroczy.

Übers. Stanis³aw Barañczak.
Aus: Dylan Thomas, WIERSZE WYBRANE. Wydawnictwo Literackie, Kraków, 1974

Was die Gelehrten reden, ist nur Kohl,
Denn eine taube Nuß ist ihr Symbol,
Wie diese ist ihr Schädel hohl,
Der Schweine Leder ihr Idol –
Der Weise weihet sich dem Alkohol.
12

Feixi hat ein offenes Werk hinterlassen. Zwei Koffer voll „Wirres Zeux“. Erzählungen, Märchen, Parabeln – er wollte mal Lehrer werden – Gedichte, Notizen, Notizen, Notizen. Bei ihm zu Hause sah es aus wie in Peter Hilles Manuskriptsack. Im Gespräch mit Annett Gröschner bezeichnete er sich als „langzeitarbeitsloser Gelegenheitsautor“, was aber wahrscheinlich ein Wink mit dem Zaunspfahl an Annett war. Obwohl er offiziell arbeitslos war, hat er immer gearbeitet, und zwar möglichst wenig. Tröpfelnd aber kontinuierlich hat er für SKLAVEN, SKLAVEN Aufstand, die blauen SKLAVEN und GEGNER geschrieben. „In der Ruhe liegt die Kraft“ war sein, von Kurt Mühle übernommenes, Motto. Programmatisch bastelte er in den letzten Jahren an Manifestationen des Desinteresses. Erfolg erweckte sein Mißtrauen. Er nahm alles persönlich. Ihm war nicht zu helfen, er half anderen. Er hat sich immer darüber aufgeregt, daß zu viel gequatscht würde.

La de da de de, La de da de da…

And the beat goes on, the beat goes on.
Drums keep pounding a rhythm to the brain.13

& doch: Unter & hinter all diesem Schrott, der sich die Wirklichkeit eines sterbenden Jahrtausends nennt; irgendwo gibt es noch das, was wirklich wichtig ist!
Woher sonst sollte Leben kommen, Sehnsucht & Suche & der oft kaum zu leugnende Wunsch, hemmungslose Gewalt auszuüben? Woher sollten die Hemmungen kommen? Wo ist die Welt, in die wir geboren wurden, ohne jede Chance, dort anzukommen.14

Bert Papenfuß, telegraph 106

Lothar Feix ist tot

3.1.1954–9.3.2002

Ein kleiner Mann mit langem Haar & zauseligem Bart, zusammengehalten von schwarz-roten Anarchohosenträgern & fleckiger Weste unter offenem Ledermantel, umgeben von einer dröhnenden Punkmusik-Aura, die mit reichlich stinkendem Zigarilloqualm durchsetzt war, ist gestorben; einer, der von sich behauptete, er würde nur Leute beleidigen, die zumindest sein Interesse & aber auch seine gebremste Zuneigung hätten.
Er war eines der letzten sichtbaren eingeboren charismatischen Gewächse von allgemeiner Bekanntheit des alten Prenzlauer Berg, die bruchlos in den neuen hinüberwucherten, ohne je neue Wurzeln zu schlagen, & erlangte große Teile seiner Neo-Bekanntheit als Barmann und Kellner des Torpedokäfer, dem er, was von Gästen und Kollegen bestätigt werden kann, guter & böser & immer kritischer Geist war. Er schrieb für Sklaven/Gegner, den Telegraph & auch für die FAZ, hatte Stücke in Büchern und anderen Publikationen & schrieb letztlich doch nur an & für Feix; kümmerte sich erfolglos um die Umbenennung der Danziger Straße in Van der Lubbe-Straße; wurde nach seiner Meinung gefragt, die alle schätzten & in der Konsequenz konsequent ignorierten.
Wenn er sich in den Nachwendejahren durch Berlin bewegte, ständig ansprechbar & nuschelnd beratungswillig, selbst aber hochgradig beratungsresistent, so hatte sein Aktionsradius etwas von einem Bierdeckel, auf dessen Fläche sich alle privaten Dinge & Erledigungen & aber auch alle schriftlich dargestellten Beobachtungen unterbringen ließen. Größere Reisen, etwa nach Weißensee, Zehlen- oder Hellersdorf waren ihm suspekt & nur zu großen Anlässen (Demos etc.) angebracht & notwendig & daher überhaupt eher selten. Weltreisen, nach Brandenburg, Meck-Pomm oder Hessen kamen schon gar nicht vor. Doch diese Trippelschritte durch sein ureigenes Feuchtbiotop reichten ihm aus.
Nach Art des Tristam Shandy (Laurence Sterne, einem seiner Lieblingsschreiber vergangener Zeiten geschuldet) durchschritt er das bißchen Leben & den Prenzlauer Berg, verpackte seine Erkenntnisse & Beobachtungen, seine Anmerkungen zu Moral, Politik, Bevölkerungsaustausch, Kopulationsverhalten & anderen allgemein menschlichen Schwachstellen in teilweise überlange Sätze mit vielen & und willkürlich gesetzt erscheinenden Zeichen zur Trennung & oder Verbindung eben dieser Sätze. Auch Letzteres machte ihn mir sehr sympathisch.
Nicht immer, ehrlich gesagt nur selten, lieferte er originär literarische Texte ab. Meist waren sie journalistisch-essayistisch, manchmal nur zynisch & die Ironie (die er beherrschen konnte) vernachlässigend & sehr selten programmatisch in politisch-philosophischem Sinn. Als selbsterkannter Punk & Anarchist & Revolutionär lebte er so wie er dachte, wußte & fühlte leben zu müssen. Genau so schrieb er auch. Von Emotionen und einer Art Sendungsbewußtsein getrieben, immer zwischen Wut, Verzweiflung, Verweigerung und dem übergroßen Gefühl, „sich mitteilen zu müssen“, hin- & hergezerrt; jedoch auch nicht selten aus Liebe (wie hat er dieses Wort und seine Verwendung gehaßt) zu einigen bis fast allen Menschen, zu Dingen & zu eigenen & anderer bedeutender Menschen geistigen Konstrukten.
Er hatte sich mit jeder von ihm erlebten Staatsform angelegt & ihr Unterdrückungsgelüste & entsprechende Taten unterstellt, & die erste, die der DDR, strafte ihn trotz Widerständigkeit mit Nichtbeachtung. Da er die ihm zugewachsene BRD ebenfalls mit Hohn und Spott & Ablehnung überzog & entsprechend agierte, sie ignorierte, begegnete diese ihm, trotz oder wegen Widerständigkeit, zumeist mit Ignoranz und Übersehen. Es focht ihn nicht sonderlich an.
In den letzten Monaten starb er vor-sich hin & (welch Ironie) war zum ersten Mal seit Jahren materiell halbwegs abgesichert, hatte zum ersten Mal seit Jahren halbwegs vernünftige Wohnverhältnisse, ohne diesen partiellen Wohlstand genießen zu können. Rauchen & Trinken & das wiederentdeckte Essen standen auf dem Index seines Tagesablaufes, waren bei Strafe der hochnotpeinlichen Folter durch den eigenen Körper verboten, schränkten zudem & dadurch die partielle Arbeitsfähigkeit ein.
Er schrieb über die Tage seines Krankenhausaufenthaltes & beschrieb diese & die (be)handelnden Personen (einschließlich der eigenen) in einer Art & Weise, die er vor Monaten bei anderen nur wenig geschätzt, bei gut bekannten anderen nur sehr schlecht ertragen hätte. Man wird sehen, ob sich ein Buch, sein erstes, daraus machen läßt.
In der Nacht vom 8. zum 9. März ist er, 48-jährig, gestorben. In den Jahren zuvor erledigte er die für ihn wichtigen Dinge ja auch meist zu dieser Tageszeit. Er hinterließ einige mehr oder weniger umfangreiche Manuskripte, ein heute noch gesendetes Hörspiel, o.g. Tagebuch, einige Textrudimente, etliche Punkmusik-CDs & dazugehörige Lexika, Schallplatten und Tonbandkassetten, einige allen verständliche Bücher sowie einige speziellere und uns.
Er wird uns hassen!!!

Uwe Radloff, Gegner, Heft 11, Februar bis Mai 2002

Uwe Radloff: Vietnam trinken. Auf Lothar Feix

Einspruch, meine Herren!

… der kleine Mann mit den anarchistischen Hosenträgern, das durch den Prenzlberg trippelnde Unikum, noch nicht einmal bis McPomm vorstoßend, – nur der Krebs hat ihn besiegt –

mon dieu, wie er das bis in die Sprache hinein gehaßt hat: Prenzlberg & McPomm…
Wenn einer wußte, weshalb er schon mit achtundvierzig abkratzt, dann war es Lothar, und zwar genaugenommen schon seit mindestens zehn Jahren. Wenn einer preußisch-protestantisches Pflichtgefühl verinnerlicht hatte, wenn auch verdreht, dann war es der bei seiner Mutter aufgewachsene Sohn des ehemaligen Volkspolizisten und Kriminalromanschreibers Professor Gerhard Feix – es paßt nicht ins Bild, aber der verschmuddelte Lothar saß jeden Tag seine fünf bis acht Stunden vor der Schreibmaschine und betrat keine Straßenbahn ohne Fahrschein.
Wenn einer sehr wohl bürgerliche Bildung, Arbeiterkultur, Anarchismus und Punk in ihrer zutiefst moralisch-ethischen Wurzel zu nehmen wußte und sie auch genau so nahm, dann war es Lothar. Wenn einer versucht hat, das weiterzugegeben – denn der einzelne ist (naja, fast oder zumindest was einen selbst betraf) nichts, die Tat allein zählt – dann war es Lothar.
Der Mann, der nicht zuletzt von Erich Mühsam herkam, obwohl er der gleichfalls jüngst verstorbenen Lotte Ulbricht als Jungpionier die Hand drückte und von da ab bis zum Schluß Interesse an ihr zeigte, der in jungen Jahren, so manche Sommernacht in Friedrichshagener Hinterhöfen verbrachte und dort ein doch rühriges Mitglied des recht unbekannt gebliebenen dritten Dichterkreises war, der bei der Straßenreinigung, auf der Karlshorster Galopprennbahn und im Kreiskulturhaus arbeitete, der bis Varna, Budapest, Leningrad und auf so manchen Bismarckturm Brandenburgs vordrang, der sich als ehrenamtliches Mitglied der FDJ-Kreisleitung für Frieden, Gerechtigkeit und Angela Davis einsetzte, der, nun ja; auch den Iskra-Klub besuchte, gehört in keinen Ulbricht-Rahmen.
Der Mann, der sich der alten Berliner Boheme nahefühlte, die er per Punk und traditionellem Gepöbel in die Gegenwart zu transferieren suchte, ist auch als Tiefkühlleiche kaum gefügig einfügbar, dazu hat er zuviel geredet, geschrieben, gemacht.
Was bleibt, ist die Verpflichtung zur Tat, zum Selbermachen und mitnichten das auch noch so perfid dilettantische Herumbasteln an einem genehmen, gleichsam touristischen Bild (da kommt dann aber ganz sicher irgendwann zerreißend die blutige Jenseitshand durch, wie in Feixens geliebtem Poltergeist-Film: Ha!).
Preußens „Mehr Sein als Schein!“ in Lumpen und Loden mit grundsätzlicher Verpflichtung zur Erfolglosigkeit: klar hat er genuschelt, klar hat er sich oft genug zum Idioten gemacht, aber jeder, der ihn genauer kannte, hat ihn wohl auch mit Witz, Verstand und großem Wissen glasklar und deutlich erlebt.
Eines Morgens in der blauen Stunde jagten wir, genaugenommen eher äußerst langsam, von der Lychner kommend über die Stargarder nach Hause: Mond, ich schlag Dich zur Sonne! – brüllte Lothar zwischen die Laternen, aber irgendwie kam er nicht richtig ran, war wohl einfach zu besoffen – wir gingen dann doch lieber schlafen.

Die Gören, laut kotzend, Gegner, Heft 11, Februar bis Mai 2002

Lothars Spaltungen

Um wiedererkannt zu werden, verschweige ich, wie ich denke auszusehen. Ab und an, wenn mich die Muse küßt, blicke ich rasch nach oben, ob nicht da etwa ein Vogel sein Unwesen treibt. Ist das nicht der Fall, hülle ich mich zufrieden in den Mantel der eigenen Genialität.
Lothar Feix, Autobiographie (Oktober 1973)

„Wie kommt der denn, der Krebstod?“ fragte Lothar Feix, als er erfuhr, daß Wolfgang Wernicke, bei dem ich im Neuköllner Hospiz während seiner letzten Minuten war, starb. Ich konnte nur sagen: „Es war sehr ruhig… Schmerzfrei.“ „Na hoffentlich, bum…“ Seine Stimme war kaum zu hören. Danach betretenes Schweigen.
Ein paar Wochen davor schickte er mir eine seiner letzten e-mails:

Sag Wölfchen, wir sollen uns im Doppelpack beerdigen lassen: Das spart Geld und andere Mühen!

Wölfchen darauf:

Sag Lothar, ich gehe schon vor und erwarte ihn oben am Tresen!

Ein letzter Witz. Nicht nur die Verehrung der Nacht und ihrer rauschhaften Tücken verband beide, sondern auch der lakonische Ton, den man oft aus Einsamkeit schöpft.
Über die Einsamkeit der Sterbenden, betitelte 1982 der Soziologe Norbert Elias sein bahnbrechendes Buch, beschrieb den Tod aus der Sicht der Lebenden und Noch-Lebenden:

Der Tod ist nichts Schreckliches. Man fällt ins Träumen, und die Welt verschwindet – wenn es gutgeht. Schrecklich können die Schmerzen der Sterbenden sein und der Verlust der Lebenden […]. Schrecklich sind oft die kollektiven und individuellen Phantasien, die den Tod umgeben. Sie zu entgiften, ihnen die einfache Realität des endlichen Lebens gegenüberzustellen, ist eine Aufgabe, die noch vor uns liegt.15

Lothar befaßte sich mit dem Tod schon sehr früh. Nicht nur gelegentlich, wie bei bestimmten Lebenskrisen, wenn gewöhnliche Menschen das unabwendbare Verschwinden der eigenen Existenz zum quälenden Problem machen, sondern beinahe systematisch. Der Tod war inkorporiertes Thema dieses Lebens, ein Bewußtsein als Verhängnis. Die Verachtung der staatssozialistischen und kapitalistischen Entfremdung ging einher mit der Verhöhnung des eigenen Körpers. Ein unübersehbares Zweigespann vieler seiner Zeitgenossen. Und nicht zuletzt eine Generationsaporie.
Ein bislang unbekannt gebliebener, autobiographischer Text, den der 19jährige schrieb und der hier im Anschluß abgedruckt ist, zeigt dies deutlich. Ein junger Mann „schickt sich an“, die Vergessenheit, auch die eigene, die er als tödlich bezeichnet, zu bekämpfen. Eine Metapher existentiellen Lernens in der DDR – außerhalb der herrschaftlichen, offiziellen bis offiziösen Pädagogik der SED.
Wer die sinnliche Gewißheit verläßt, das unreflektierte Alltagsbewußtsein, das Ja zu Allem und das Nein zu Vorgegebenem durchbricht, gespalten, aber reflektiert ins unglückliche Bewußtsein hineinschlittert, es aber nicht in die nächste Ebene, ins Selbstbewußtsein überwinden kann, stirbt auf Raten. Was Denkvoraussetzung ist, wird zum Verhängnis. Diese Hegelei aus dem „Phänomenologie des Geistes“ gefiel Feix, schien sie doch eigene Gebrechlichkeiten zu bestätigen.

Doch falls ich den Tod des Mich-Vergessens-habens sterbe, so hinterließ ich doch Memoiren, bleibt doch diese Lebensbeichte.

Ein gerade erwachsen gewordener Lothar spricht von „seinem letzten Willen“, der gleiche Mensch, der sich zu drei Jahren Armeedienst verpflichtet, weil er im Sozialismus, es sei denn nur seiner utopischen Gestalt huldigend, Vorbild sein will und muß. Wirkliches Vorbild, jenseits der Anerkennungsmuster des staatssozialistischen Diktats.
Der Bruch war vorprogrammiert. Und die Gesellschaft schmeckte ihm immer bitterer. Er will sie allmählich loslassen, sich ins freie, selbstbestimmte Leben begeben. Abseitsstehen. Von da aus aber auf das verweisen, was langsam stirbt, im Sozialismus den Keim seiner lebendigen Entfaltung jedoch noch in sich trägt: Die Gleichheit, ein Lebensprinzip der immersterbenden und fortdauernd auferstehenden Französischen Revolution, die mit dem reaktionär gewordenen Bürgertum zerstückelt wurde – und mit dem Staatssozialismus eine nur prekäre Existenz führte. Immerhin: Ein „Nur“ war Feix geschichtsphilosophisch wichtig genug. Ernst Blochs konkrete Utopie war ihm gleich lebensverpflichtend.
Feix’ Außerhalb ist aus diesem Grunde häretisch, nicht fundamental-oppositionell. Die Auflehnung gegen das Parteiestablishment ist zwiespältig, schillert zwischen Haß und Liebe, der Bezug auf Staat und Gesellschaft ist gespalten. Er sieht mehr als nackte Realität: Wirklichkeit wohl, die auch Möglichkeit ist. Häresie wird dabei zu Lebensmaxime. Lothar nimmt gleichwohl den Sozialismus ernster als je Karrierekommunisten, die ihre Objektivierungsformen durch die Machtkapillaren, den Marsch durch sozialistische Erfolgsstrategien zum Monopol erheben, indes die sozialen Grundlagen der Gesellschaft eskamotieren. Lothar verabschiedet sich zunehmend von allen Möglichkeiten einer „normalen“ beruflichen Laufbahn in der DDR, wird zum Einzelkämpfer, manövriert sich bewußt in die Peripherie des staatssozialistischen Alltags, rebelliert gegen die Verspießbürgerlichung der konkreten Utopie. Körper und Geist, durch die Ambivalenzen der Macht und seines Scharfsinns gespalten, werden jedoch zu Protestinstanzen gegen Gängelung und Krämerei, die die Lebensadern des Sozialismus zu bedrückendem Stillstand blockieren.
Während die Nächte zu Tagen gemacht werden, das bohemehafte Leben Depressionen, Ängste und Versagungen scheinbar aufhebt, die Freiheit sich zu zerstören gegen das gemütliche, sklavische, affirmative Sterben gewählt wird, mausert sich die Ironie zu bitterem Sarkasmus. Eine Widerstandsästhetik zieht zugleich einen ethischen Rigorismus nach sich, der fortan an Gesundheit und Lebenskräften zerrt. Erich Mühsam und der Anarchismus jedoch: das schien der letzte Rettungsanker im entfremdeten sozialistischen Alltag.
Lothars Todesgedanken waren zunächst Projektionen auf den sterbenden Sozialismus, den der junge, außerordentlich reflektierte und belesene Autor zum Lebensthema erhob. Auch als überzeugter Anarchist. Eine bis zum Schluß charakteristische Haltung: „Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft, bum!“ war Feix unverrückbar, lebensstiftender Sinn.
Und doch allzuoft nur ein tiefer Blick ins Glas, nicht selten feuchte Augen. Zitternde Hände, verächtliches Grinsen. Dazwischen das Gedröhne seiner Lieblingspunkmusik. Sich wachhalten… Auch wenn nur mit dem Stachel nihilistischer Verzweiflung.
Der Torpedokäfer wurde seit Mai 1994 Heim und Heimat. All seine Rollen, die er selten schlecht spielte, gingen von hier aus. Das allzumenschliche Rollenspiel war bis zum Schluß hier verortet. Der böse Feix verwandelte sich zuweilen in den gütig-sentimentalen, der belehrende in den zuhörenden, der innehaltende in den aktivistischen, der verstehende in den verurteilenden, der vergrübelte in den sinnlichen, der intellektuell-geniale in den proletarisch-verpunkten, der aufgeklärte in den romantischen. Der Perspektivenwechsel gelang jedoch nur selten ohne Gelächter oder Tränen, jenseits vom Lachen und Weinen so gut wie nie. Heldenhaftes Weiterschreiten und apokalyptisches Sinnieren. Die Situation schien aussichtslos. Und die Widersprüche, auf Liebe aus zu sein und doch die entfremdeten und entfremdenden Lebensumstände zu hassen, bestimmten weiterhin dieses zwiespältige Leben. Es waren wirkliche Aporien einer unbestechlichen Aufrichtigkeit, die den Körper zunehmend zerstörten. Währenddessen ließen sich andere Biographien – das entging ihm nie – nach dem Gusto der Herrschenden der Stunde modellieren, „wobei es darum geht, die Umstände menschlich zu gestalten, nach eigenen, subjektiven Maßgaben.“ „Radikal sein, das ist: die Menschen an den Wurzeln packen, aber die Wurzeln sind der Mensch selbst.“ Er liebte und zitierte nach Herzenslust den jungen Marx, aber ebenso die russischen Anarchisten Bakunin und Kropotkin, letzteren besonders, dessen Buch über die Französische Revolution bei ihm nachhaltige Spuren hinterließ.
Nach 1990 wurde Feix’ Auseinandersetzung mit der Gesellschaft härter. Der Westen kam. Er schlich sich in sein Leben „ungebeten“, wie er es sagte. Um so größer und bestimmender wurde seine Trauer um den „großen Wurf“, noch irgendeine Möglichkeit zu sehen, den Menschen aus der Wolfslogik herauszuführen, womöglich auch nur in bestimmten, bekannten Kreisen den zu selbstverständlicher Lebensform geronnenen Egoismus zu vertreiben. Die eigene Haut wurde immer unwichtiger. Ein zum Schluß zerschundener Körper. Viele Täter dazwischen und ein einziger Vollstrecker: Feix selbst.
Lothar lebte zum Ende einen Desillusionsrealismus und schien jedoch in symbolischen Räumen eingemauert, in eigenen Träumen verschanzt. Eine weitere Schraube der Spaltung, seiner Ambivalenz. Es blieb nur der Veränderungswillen im Kleinen. Das Große bedrückte zu sehr. Und die Welt schien durch Medien, die er alltäglich gründlich studierte, und Berichte auf, die Menschen aus der Ferne brachten. Auch wenn diese nur aus Kreuzberg oder Hamburg kamen. Die Weltweite war überall, nur nicht zwischen der Prenzlauer und der Lychener, der Raumer, Schliemann oder der Duncker. Das war die Geographie, die er liebte und bestens kannte. Geschichten, die er zeitlebens erlebt hatte, entstammten dieser Nähe – einer Nähe, die ihm zufolge der Entfremdung der Welt noch Etwas entgegenzuhalten hatte.

Laß uns hier bleiben, wo wir verstehen, was geschieht, und uns mit denen vergleichen, die uns räumlich nicht angehen.

Das sagte er mir, als ich vor 1989 nach Westberlin übersiedeln wollte. Ich blieb hier.
Zum Schluß: Lothars Gedächtnis war außerordentlich scharf und vielschichtig. Ich habe sein historisches Wissen hochgeschätzt, sein literarisches Talent bewundert. Mir kam jedoch schon lange der Gedanke, ihm zu sagen, mit Kafkas Worten, daß er oft, viel zu oft dem Tod viel zu nah war, weil er das Leben, auch sein Leben, viel zu genau kannte:

Die zum Sterben Bereiten, sie lagen am Boden, sie lehnten an den Möbeln, sie klapperten mit den Zähnen, sie tasteten, ohne sich vom Platz zu rühren, die Wand ab.16

Als er erfuhr, daß der Tod nahte, wollte er gegen die austickende Uhr seine letzten Tage rekapitulieren, und schrieb einen bemerkenswerten Text über das Sterben.17

Hugo Velarde, Gegner, Heft 11, Februar bis Mai 2002

Hugo Velarde: Ein Seemann. Vor und hinter dem Tresen: Der Prenzlauer Berg gedenkt des zweiten Todestages seines großen Rauschmenschen Lothar Feix

Pardon wird nicht gegeben

Es geht die Rede, Feix habe mäkelnden Westlern, den überschüssigen Schnaps vom Glas abgetrunken, es mit den Worten: Da ham Sie nen kleinen Wodka, wieder hingestellt. Es geht um diese Art Höflichkeit. Die Leute sollen bekommen, was sie erwarten: Kohl, Kaul, Kirch. Fremde, Haß, Frohsinn, Frauen, Inflation. Bunker, Bomben, Aufstieg, Abfall, Attentat. Müll und Murx und Millionäre. Frieden. Krieg, Wahn, Verschleppung, Finnenpop und Vitamin-Präperate. Fun, Krisen, Kultur, Lügen, List, immer intelligentere Handys, BSE, Mißwahlen und den Strick, wenn’s drauf ankommt.
Ich erinnere mich an meine erste Lesung bei Elefanten Press. Mir ist Feix zugeteilt worden. Wir sollten als Doppelpack den Zirkus eröffnen. Feix bat um Aufschub. Wir sind ans Ende gehangen worden und in eine Kneipe abgetaucht. Ich wollte dann los und lesen. Feix meinte: Glaubst du, die brauchen uns? Es war dann sehr spät oder schon wieder sehr früh, als wir mit dem Umtrunk fertig waren. Ich weiß, wir taumelten vor der Fensterscheibe von Elefanten Press. Drinnen hörten sie. Johannes Jansen zu. Feix lallte, daß wir besser auch in Zukunft außen vor bleiben sollten, der Westen verloren ist, wenn er überhaupt relevant sei.
Ich sage: Tschuldigung, Lothar. Hab Deine Beerdigung nicht geschafft, weil mich Beerdigungen seit Maas, Rompe, Handloik, Brasch & Brasch allgemein schaffen. Ich bin danach an Deine Wirkungsstelle getreten, habe mit Angela M. geflirtet, 12 Wodka gesoffen, mich standesgemäß mit den Kollegen angelegt, mir das Fahrrad geschnappt und mich in meine soziale Falle begeben. Ich bin Jahrgang 54. Das bleibt zwischen uns bestehen. Das verbindet, egal, wann ich abberufen werde. Ich bin noch am Leben. Meine Wohngebietsmannschaft hat auf eigenem Platz verloren. Ich habe mein Stiefmütterlein auf dein Grab gepflanzt. Sprich, ich habe die Adoption abgelegt und meine Mutter am Neckar ausfindig gemacht. Jetzt gibt es keinen Grund, sich zu verstecken. Ich betrachte Deine dürren Finger, den Bart, die Weste, die schmale Nase, Augen, Zähne. Die rechte Hand gestikuliert, Lippen gehen hoch, runter, auf und zu. Nur die Asche fällt garantiert am Knie vorbei. Lothar, ich zische roten, weißen Wein, großes, kleines Bier, genehmige mir den Abschiedskorn, werde meinen Enkeln stolz berichten, mich hat nicht Gorbatschow, mich hat der Feix befreit. Der hat mir die Redelust wie eine Schwafellast abgenommen. Ich denke Feix und denke Gulag, Crusoe, Kafkas Hungerkunst. Ich nicke. Ich schweige. Ich kann mich nicht totsaufen. Ich kann mir Dich nicht als Kind denken. Ich sehe dich manchmal splitternackt. Aus den Öffnungen steigt Rauch, Sprechblasen wabern wie Wackelpudding im kratzigen Raum. Du sitzt hinterm Tresen wie meine alte Mecklenburgerin auf ihrem Holzbein thront. Der Torpedokäfer ist eine gemütliche Zitze. Hinter deiner schmalen Schulter knüppelt Punkmusik. Ich blicke auf Dein Schnapspöttchen und rätsele das Leben lang, welchen Mix du da schluckst. Ich könnte nachfragen, ich werde mich hüten. Ich bin besoffen, werde abkassiert. Das Problem ist erkannt. Jetzt sollen die Experten verstummen.

Peter Wawerzinek, Gegner, Heft 11, Februar bis Mai 2002

Musiktestament

Brief an Gerd Schönfeld, Januar/Februar 2002

Tja Schöni,

sieht wohl ganz so aus, daß Du demnächst auch auf meiner Beerdigung spielen kannst. (wegen der genauigkeiten usw. wende Dich dann an meine schwester bzw. wendet die sich an Dich. ihr name ist ingrind feix.)
Ist alles vermutlich nicht gleich morgen, könnte aber übermorgen sein. Du wirst allen Leuten sagen können, daß es mir eine Ehre ist, daß Du zu meiner Verscharrung spielst. Das freilich nur für den Fall, daß es damit auch klappt. Falls nämlich nicht, kannst Du ja allen Leuten erzählen, daß es Dir eine Ehre ist, dieser Komödie nicht aufspielen zu müssen. Wie auch immer, es sollte wohl irgendwie irgendeine Ehre sein.
Im übrigen alles Gute dem Herrn Mistolani, und es ist diesmal aber Deine Schande, daß ich nicht in den Genuß kam, davon zu lesen.

Grüße
Lothar

PS. Du könntest ja im Gegner eine Liste Deiner prominentesten „Opfer“ veröffentlichen, wozu dann freilich ich als Ex-Autor dieser Postille auch zu zählen wäre.

L.

Gegner, Heft 11, Februar bis Mai 2002

Feix’ Reise in den Prenzlauer Berg

Auf dem frischen Grab von Lothar Feix fangen die Blumen an zu verwelken. „Zum Abschied von Deinem Torpedokäfer“, steht auf einer der wenigen Kranzschleifen. Jemand hat ein Anarchisten-A in den Staub geschrieben und das rot-schwarze Farbband, das Bert Papenfuß auf die Blumen fallen ließ, ist auch noch nicht fortgeflogen. Am Donnerstag war der „langzeitarbeitslose Gelegenheitsautor“ (Feix über Feix) und Torpedokäfer-Tresenkraft der letzte von vier Leuten gewesen, die in dieser Woche auf dem Georgenfriedhof bestattet wurden. Er hatte den Friedhofsarbeitern das Mittagessen versaut, denn es waren viele gekommen, die sich Zeit ließen beim Abschied. Schwer zu begreifen, dass in dieser schwarzen Vase, die der Friedhofsangestellte in falscher Trauer vor sich hertrug, Lothar sein sollte. Anne meinte, der sitzt im Geäst und lacht sich tot. Und am Ende hat er sich geärgert, weil niemand nach der Punkversion von „My Way“ tanzen wollte, die er noch ausgesucht hatte, bevor er in der Frauentagsnacht starb. Wenigstens gab es kein Witwengerangel am Grab.
Jetzt ist Sonntagabend, und die Sonne blinzelt nur noch schwach zwischen den Bäumen hervor. Gleich wird sie hinter der Straße am Prenzlauer Berg verschwinden. Eben war ich in einem literarischen Salon, in dem Texte aus dem Nachlass von Peter Brasch gelesen worden waren. Es ist unter den Prenzlauer Berger Künstlern schick geworden zu sterben. Als hätten sie der neuen Zeit nur die Ästhetik des Totseins entgegenzusetzen. Krebs, Herz, Alkohol die Todesarten. Acht Männer zwischen 40 und 50 sind so innerhalb von zwei Jahren in meiner unmittelbaren Nähe zu Tode gekommen. „Das ist zu unseren Zeiten immer so gewesen“, hatte mir die 94-jährige Emigrantin Eva im Februar in New York gesagt, und es war kein Bedauern in ihrer Stimme gewesen. Es war für sie eine unumstößliche Tatsache.

Alkohol, Zigaretten, wechselnde Liebschaften, das ewige Nachtleben, das halten Männer nur schwer aus. In der Midlifecrisis fallen die Schwächeren um und sind tot.

Auch ihr Mann, ein Schriftsteller, war so gestorben. Allerdings war sie erstaunt, dass das heute immer noch so sei.

„Du bist ja nur gekommen, um meinen Nachruf zu schreiben“, hatte Lothar Feix im letzten Sommer zu mir gesagt, als ich ihn im Krankenhaus Prenzlauer Berg besuchte. Alles an Lothar war Prenzlauer Berg, und nun auch das Krankenhaus.
Aber dann wurde er nach Buch überwiesen, und der Versuch, ihn zu retten, misslang. Man schickte ihn zum Sterben in die Dunckerstraße zurück, und er trotzte dem Krebs den längsten Text ab, den er jemals geschrieben hat.
Lothar Feix war einer der wenigen in dem lockeren Gefüge, was von außen Prenzlauer-Berg-Szene genannt wurde, der nicht aus irgendeiner Provinz kam. Im Grunde genommen hat er die Gegend um die Dunckerstraße Zeit seines Lebens nie verlassen. Ich weiß nicht, ob er jemals geflogen ist. Lothar hasste Leute, die Prenzlberg sagten. Er hasste überhaupt eine ganze Menge oder missachtete es. Aber hinter der Fassade des alkoholisierten Kauzes mit Palästinensertuch, Trenchcoat, wilden Haaren und fast ohne Zähne verbarg sich ein kluger Mensch, der ungeheuer belesen war.
Im Januar hatten wir einen Spaziergang gemacht und dabei Feix’ Reich abgemessen. Von der Raumer am Helmholtzplatz entlang, die Lychener bis zur Danziger und durch die Duncker zurück zur Raumer. Lothar musste alle paar Meter stehen bleiben und husten. Es war kalt und feucht, der Himmel hing kurz über der Berliner Traufhöhe. Lothar machte das, was Neu-Prenzlauer-Berger „shoppen gehen“ nennen. Er kaufte Punkmusik und im Antiquariat Broschüren der Stadtguerilla. Später schrieb er seinen eigenen Nachruf, in dem er sarkastisch fragte, warum einer noch liest, wenn er sowieso bald tot ist.
An diesem hässlichen Januartag hat Lothar kurz vor der Duncker gesagt:

Im Frühjahr werdet ihr eine schöne Beerdigung haben. Es wird die Sonne scheinen, und es wird nicht mehr kalt sein.

Lothar sollte Recht behalten.
Sein letzter Wille war, im Prenzlauer Berg begraben zu werden. Endlich hatte das „im Prenzlauer Berg wohnen“ einen Sinn. Aber das Sozialamt war der Meinung, eine Bestattung auf den dortigen Friedhöfen sei zu teuer. Lothar hätte zu Lebzeiten wahrscheinlich gesagt:

Erst versauen uns die Westler mit ihrem Geld die Mieten und dann wird man noch als Toter nach Pankow ausgewiesen.

Keine Ahnung, wer es geschafft hat, das Sozialamt umzustimmen.
„Ruhe nun in Frieden“, sagte der Friedhofsangestellte und fing an, das Grab zuzuschütten. Ich musste feixen. Kaum auszudenken, dass Lothar auf dem Georgenfriedhof Ruhe geben wird. Vielleicht macht ihm Bäckermeister Menz vom Grab gegenüber zum Einstand eine Schwarzwälder Kirschtorte, die noch einmal zu essen er sich im Krankenhaus gewünscht hatte.

Annett Gröschner, der Freitag, 12.4.2002

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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