Else Lasker-Schülers Gedicht „Abschied“

ELSE LASKER-SCHÜLER

Abschied

Aber du kamst nie mit dem Abend –
Ich saß im Sternenmantel.

… Wenn es an mein Haus pochte,
War es mein eigenes Herz.

Das hängt nun an jedem Türpfosten,
Auch an deiner Tür;

Zwischen Farren verlöschende Feuerrose
Im Braun der Guirlande.

Ich färbte dir den Himmel brombeer
Mit meinem Herzblut.

Aber du kamst nie mit dem Abend –
…Ich stand in goldenen Schuhen.

1920

aus: Else Lasker-Schüler: Gedichte 1902–1943. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1996

 

Konnotation

Die lyrische Verwandlung der Alltagswirklichkeit in eine prunkvolle orientalische Märchenwelt wurde zu ihrem literarischen Markenzeichen. Else Lasker-Schüler (1869–1945), das jüngste Kind einer jüdischen Bankiersfamilie aus Wuppertal-Elbersfeld, hatte nach 1910 als „Prinzessin von Bagdad“ und „Jussuf von Theben“ – zwei ihrer Stellvertreter-Figuren – ihre poetische Unabhängigkeitserklärung proklamiert und sich zur Herrscherin über ein bizarres Phantasie-Reich erhoben. In ihrem 1920 erstmals publizierten Abschiedsgedicht ist das wartende Ich in ein entsprechend exzentrisches Kostüm gehüllt.
Eine innige Freundschaft oder ein Liebesverhältnis ist offenbar an ein unwiderrufliches Ende gekommen. Das innig apostrophierte Du wird nie mehr wiederkehren, das lyrische Subjekt ist auf seine Einsamkeit zurückgeworfen. Möglicherweise ist es auch der „Abschied“ von der über alles geliebten Mutter – sie starb 1890 –, der Lasker-Schüler zu diesem Gedicht angeregt hat. Das Spiel mit kühner Metaphorik und grellen Farbmotiven hat die Dichterin in den folgenden Jahren noch weiter radikalisiert.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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