F.W. Bernsteins Gedicht „Warnung an alle“

F.W. BERNSTEIN

Warnung an alle

In mir erwacht das Tier,
es ähnelt einem Stier.
Das ist ja gar nicht wahr,
in mir sind Tiere rar.

In mir ist’s nicht geheuer,
da schläft ein Zuckerstreuer.
Und wenn der mal erwacht,
dann Gute Nacht!

1960er Jahre

aus: F.W. Bernstein: Die Gedichte. Antje Kunstmann Verlag, München 2003

 

Konnotation

Erst kommt der Reim, dann kommt der Sinn. Sinnverlust ist Lustgewinn.“ An diese poetische Maxime hat sich F.W. Bernstein (geb. 1938 als Fritz Weigle), der bekennende „Reimwerker“, Zeichner und Aktivist der „Neuen Frankfurter Schule“, streng gehalten. Seine Domäne ist seit den frühen 1960er Jahren die Kunst der Parodie und Satire nebst der komischen Dichtung in hoch komischen Text-Bild-Korrelationen. Seine „Warnung an alle“ sollte nicht ungehört bleiben.
Wie seine verstorbenen Mitstreiter Robert Gernhardt (1937-2006) und F.K. Waechter (1937–2005) versteht es F.W. Bernstein meisterhaft, den „Affekt der Verwandlung einer gespannten Erwartung ins Nichts“ – so definiert Immanuel Kant das Lachen – mittels satirischer Gedichte auszulösen. Als markantes Objekt und Unruhestifter taucht der „Zuckerstreuer“ später auch in den humoristischen Dramen Bernsteins auf.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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