Günter Eichs Gedicht „Huhu“

GÜNTER EICH

Huhu

Wo die Beleuchtung beginnt,
bleibe ich unsichtbar.
Aus Briefen kannst du mich nicht lesen
und in Gedichten verstecke ich mich.

Den letzten Schlag
gab ich euch allen.
Mich triffst du nicht mehr,
solang ich auch rufe.

1964

aus: Günter Eich: Gesammelte Werke. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1973, 1991

 

Konnotation

Als Repräsentant der „Trümmerlyrik“, die nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs eine nüchterne „Inventur“ der menschlichen Lebensverhältnisse einforderte, ist Günter Eich (1907–1972) in die Literaturgeschichte eingegangen. Ein Missverständnis. Denn Eich fühlte sich weit mehr den Suggestionen einer naturmagischen Poesie verpflichtet und besang die Botschaften des Regens (1955). Mit seinem 1964 publizierten Gedichtband Zu den Akten zog er dann einen Schlussstrich unter diese naturfromme Poesie. Er entzog sich der offiziellen „Sprachlenkung“ und begann sich in seinen Gedichten „zu verstecken“.
Im Gedicht „Huhu“ aus dem Band Zu den Akten spricht ein Ich, das sich buchstäblich jedweder Aufklärung verweigert. Schon der Ausdruck bzw. Ausruf „Huhu“ scheint bedeutungslos, entzieht sich jeder Interpretation. Fortan verweisen Eichs Gedichte in radikaler ästhetischer Negativität auf einen Zustand letztgültiger Ausgesprochenheit, in dem es nichts mehr zu sagen gibt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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