Martin Bernhardt: Das Maß allen Lebens ist die Axt sagt der Baum

Bernhardt/Bernhardt-Das Maß allen Lebens ist die Axt sagt der Baum

HERAUFBESCHWOREN

Erst war es Spiel
die Druckerschwärze und die Papiere
die Textzeilen und ihre ungewollten Absichten
die Bücher und ihr Gedankengehalt
die Arzneiröhrchen mit ihren euphorisierenden Inhalten
die Brüste in den verblichenen Blusen
gaben wir uns von der einen Hand in die andere
es waren Bausteine
wir suchten nach dem Zusammenhang
damit begann die Arbeit

Wir erschraken, wenn Respressionen ausblieben
wir prüften die Arbeit, die Inhalte
wer weiß, was noch verlierbar ist
(Der Mut zur Sprache)

Was bleibt ist
die Buße für
jedes Wort

 

Überschaue

ich Martin Bernhardts stolzes Leben von seinem jähen Ende her, spüre ich die Not, die diesen Sensiblen und Begabten in den Tod trieb. Von sich selbst verratenden Verhältnissen gefordert, verhaftet und vom Studium ausgeschlossen, schien die Wende das ihm Angetane gutmachen zu wollen. Es genügte nicht, denn der Heiler war selbst ein Kranker. Auf seinem Boddensegler den Lethestrom kreuzend, bleibt er uns Kapitän und Dichter des Dennoch.

Richard Pietraß

Martin Bernhardt

war ein lebensdurstiger Mensch und ein melancholischer Dichter. Verlust und Tod waren seine bevorzugten Themen. Seit Beginn des Medizinstudiums in Greifswald wurde er von der Staatssicherheit beobachtet. 1985 wurde er aus politischen Gründen zu fünf Monaten Haft verurteilt. Erst nach dreijähriger Bewährung als Hilfskrankenpfleger durfte er sein Studium abschließen. Er wurde Facharzt für Neurologie/Psychatrie und arbeitete zuletzt als Oberarzt in Uckermünde, wo er sich mit 39 Jahren das Leben nahm. Dieses Buch enthält fast alle im Nachlaß gefundenen Gedichte sowie einige seiner Mail Art-Karten.

Verlag Lutz Wohlrab, Klappentext, 2010

 

Poetics 23

NOTWEHR

Der Baum warf
als tödliche Kälte
in sein Geäst drang
seine Blätter auf die Erde

Hier nehmt …

Die Säfte blieben im Stamm
Retter des Lebens für
wärmere Zeit

(1978)

* * *

Je mehr ich die Zeit
nicht wandle
wandelt sie mich

So brechen wir auf
denn was wir alles
verloren ist wenig
das meiste hatten wir nie

Indem wir uns
tragbar werden
werden es nicht unsere Grenzen

Fürchtet euch nicht!

(1982)

Das ist ein Sinn-Spruch, Wahrspruch. Seine Ansprache ist leise, be­schei­den, er be­richtet. Sein letzter Vers möchte auf­richten. Er ergibt sich folge­richtig aus den ande­ren. Das So der vierten Zeile beginnt eine Schluß­folge­rung aus dem Ulti­matum der ersten 3, die fol­genden 3 fügen sich, wie die ersten, still an­einander.
Weil die fünfte nicht selb­ständig steht, sprechen auch die beiden fol­genden nicht selb­ständig, obwohl sie selb­ständig stehen könnten, sogar mit Ausrufe­zeichen:

Verloren ist wenig! – Das meiste hatten wir nie!

Für sich allein könnte auch Denn was wir alles selbständig stehn, nämlich abbrechend – der sie spricht, gäbe es auf, über das alles hinweg noch etwas zu erwägen. Und diese minimale Aufgabe wirkt auch hier nach dem Abbruch, so daß verloren ist wenig eben nicht mit Ausrufezeichen stehen kann.
Die nächsten 3 Zeilen sind klug, wenn gar auch schon weise. Sie setzen zurecht die Vers-ähnliche Unter­brechung als Pause für das Folgen und Besinnen ein.
Der erste Text (NOTWEHR)ist offen­kundig nur ein Spruch, der zweite ver­langt, etwas näher erörtert zu werden.
Ich fasse diese Betrachtung als Übung auf.
Ich meine, sie hat das ihre ge­leis­tet, wenn ich nun ohne weiteres ver­ste­he, wieso die drei fol­genden Texte Gedichte sind, obwohl auch sie Zeilen tragen, die ich nicht als Verse anerkenne.

DIE UNBEKANNTEN

Der systematische Verfall
der Kleinstädte
geht seinem Ende entgegen.

Erdhöhlen
und Gummideckel boten
keine ausreichende Unterkunft.

Neubauviertel entbehren
der Freizügigkeit.

Die Mauer steht,
der Wind geht
über die Friedhöfe.

Schönen Gruß noch!

(1984)

Es kann auch Gedichte ohne syntaktisch bestimmte Verse geben.
Und Poesien jenseits der Sprache, auch ohne daß ein Gedicht sie gibt.

EPIGRAPH
für Reiner Kunze

Nirgends ein Land
Die Hochwälder schweigen
Und der Baum
Um den es geht
Ist zwischen zwei Feuern

Ich kann nicht länger
Hier stehen
Sagt er
Aber ich kann
Nirgendwo hin

Langsam wächst Gras
Über die Sache

(15.9.1981)

Beachte (auch in den ersten beiden oben zitierten), wie sparsam die Sprache ist — ihr Fließen bleibt ungestört, bei sich. Dieses Gedicht wird von der Pointe geschlossen (und freigegeben).
Trauer und Auswegslosigkeit bleiben…

NUR NOCH DIE BÄUME

Nur noch die Bäume
passen sich der Gedrücktheit
dieses Landes nicht an

Wir stehen unter
dem Wendpunkt der Sonne
zu beiden Seiten
der Nacht

Was siehst du?

Hinter den großen Wäldern
spielt ein Kind

Manchmal liegen wir
im Sand und weinen
Dort wo gestern
noch das Meer
war

(10.5.1980)

Was siehst du – nimmt „hinter den großen Wäldern“ die Poesielichkeit. Der Einfall am Schluß entwirft/entscheidet das Gedicht.

Martin Bernhardt, 1961 geboren (in Greifswald), hat sich mit 39 das Leben ge­nom­men, auf den Fotos im Buch* ein schöner, auch wohl kräftiger junger Mann, die Bio­grafie spricht von Wide­rstand und Empö­rung, die An­sprache ist Güte.

Elke Erb, poetenladen.de, 14.5.2013

 

Rezension des Gedichtbandes von Martin Bernhardt in Lyrikzeitung und Poetry News von Michael Gratz.

Sie können dieses Buch bestellen beim Verlag Lutz Wohlrab.

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