Ulf Stolterfoht: was branko sagt

Stolterfoht-was branko sagt

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noch eine tiefe nacht (outro als morgengabe). das umetikettieren der habe, heiter
vom zahn, der du bist (den du darstellst?), ekstase nie querer als queer, für und
für. so bewahrheitet sich, was der kiffer noch wußte: körper im äußeren einklang,
gesättigt von sich selbst, alles geht unter die haut – und unsre habe leuchtet.

 

 

 

nachbemerkung

der vorliegende band was branko sagt ist das vierte praktische bruchstück zu einer theorie der schlechten übersetzung – und zum ersten mal meldet sich beim autor das schlechte gewissen.
im sommer 2013 schenkte mir simone homem de mello ihren gedichtband extravio marinho (atelie editoral 2010; isbn 978-85-7480-500-9), und mir war schon beim ersten überfliegen der mir vollkommen unverständlichen, da auf portugiesisch geschriebenen texte klar, daß da was zu übersetzen wäre – und noch in sao paulo begann ich mein schändliches tun, nicht ohne vorher simones erlaubnis eingeholt zu haben. nun bin ich auch heute noch weit davon entfernt, diese gedichte zu verstehen. was ich, zumindest ein bißchen, verstanden habe, ist ihre struktur, ihr grundsätzlicher bauplan. was ich also entdeckt zu haben glaubte, war ein hochkomplexes geflecht aus wiederholungen, parallelsetzungen, symmetrien, homophonen und homonymen paaren, also ein ziemlich dichtes formales gitter (raster!), das nicht zuletzt auch permanent über sich selbst zu sprechen schien. ein gefundenes fressen. umso schlimmer, daß mein versuch nicht nur vor semantik und syntax kapitulierte, kapitulieren mußte, sondern nicht einmal in der lage war, die komplexität der struktur abzubilden oder zumindest erahnen zu lassen. eigentlich müßte ich an dieser stelle versprechen, portugiesisch zu lernen, um die ganze sache noch einmal, und diesmal auf redlichere art anzugehen. die daraus resultierende frage ist aber die womöglich wesentliche für das gesamte projekt der schlechten übersetzung: was wird einem genommen, wenn man versteht? was wird einem gegeben, wenn man nicht versteht. und selbstverständlich umgekehrt.
was ich gemacht habe: in einem ersten schritt habe ich alle gedichte des bandes „wort für wort“, aber ohne benutzung eines wörterbuchs – naja: übersetzt und von hand in ein von nicolai kobus freundlicherweise zur verfügung gestelltes moleskine-notizbuch eingetragen. im zweiten schritt habe ich versucht, meine handschrift zu entziffern, um dann die dechiffrierungsergebnisse in den computer zu tippen, wobei ich nebenher rhythmische und syntaktische korrekturen vorgenommen habe. der dritte schritt bestand darin, die 52 texte auszudrucken und sie, ohne weitere rückversicherung beim original, in eine richtung zu treiben, die sie, im besten fall, zu etwas gedichtähnlichem werden läßt – und ich fürchte, daß gerade in diesem dritten schritt die fragwürdigkeit des ganzen unternehmens besonders deutlich wird: er ist in der ursprünglichen spielanordnung natürlich nicht vorgesehen! schlimmer noch: er widerspricht ihr und führt sie ad absurdum. aber darauf kommts dann vielleicht auch nicht mehr an.
ich danke simone homem de mello von herzen. ihr ist das buch gewidmet. und ich danke einmal mehr peter engstler für seine unerschütterliche entschlossenheit, den weg gegen die wand nicht nur möglich zu machen, sondern fröhlich mitzugehen. danke!

Ulf Stolterfoht, Nachwort, Ende Februar 2014

 

 

Die Laienprediger von Neu-Berlin

– Hier kreisen die Geier über dem Fluss der Wortfusseln: Ulf Stolterfoht brütet in fremden Nestern sehr eigenartige Lyrik aus. –

Würde man Dichtern nach ihren poetischen Eigenarten politische Posten zuteilen, der Lyriker Ulf Stolterfoht wäre Minister für Integration. Seine Gedichte entstehen nämlich nicht dadurch, dass er sich in sein tiefstes Innerstes versenkt. Vielmehr holt er sich den Anstoß für seine Dichtung von außen. Er begibt sich in fremde Textwelten und nimmt deren sprachliches Material, Figuren, Melodien und Stimmungen in seine Arbeiten auf. Seine Poesie entfaltet sich, indem seine Sprache mit den Fremdkörpern kollidiert, sich an ihnen reibt, sich an sie anschmiegt oder sie umgarnt. „Ich rastere jegliche abseitigkeit durch meine eigenart“, betont Stolterfoht, der sich selbst als „Brueterich“, seinen poetischen Kosmos als „System-Brueterich“ und seine Lyrik mitunter als „Art Bruet“ bezeichnet. Selbstironie liegt dem Lyriker Stolterfoht nicht fern.
Gemessen an der Produktivität, muss das vergangene halbe Jahr besonders nestwarm gewesen sein. Jüngst sind die ersten drei Bände seines neu gegründeten Verlags Brueterich-Press erschienen. Mit Franz Josef Czernin, Oswald Egger und Hans Thill versammelt das erste Programm die Arbeiten von drei Brüdern im Geiste experimenteller Lyrik. Zudem hat Stolterfoht zwei eigene Gedichtbände publiziert – und zwar zuerst seinen nunmehr vierten Dolmetscherstreich mit dem Titel was branko sagt, kurz darauf dann ein Buch namens Neu-Jerusalem. Zusammengenommen geben die beiden Werke Aufschluss darüber, zwischen welchen Polen sich die poetische Welt dieses Dichters aufspannt, der zu den wichtigsten Stimmen des derzeit vielbeschworenen Lyrik-Booms zählt.
Die Hauptfigur in was branko sagt ist ein bilinguales Wesen im Wortsinn. Brankos Muttersprache ist brasilianisches Portugiesisch. Er stammt eigentlich aus dem Gedichtband Extravio Marinho der in Berlin lebenden Brasilianerin Simone Homem de Mello. „Em branco“ bedeutet im Portugiesischen „leer“, „blank“ oder in Bezug auf ein Papier auch „unbeschrieben“. Homem de Mello hat eine Vorliebe für raffinierte Verdrehungen. Eine davon ist, das unberührte Weiß des Papiers ausgerechnet mit dem Wort „blank“ zu beflecken. Diese seltsame Geburt des Weiß aus dem Schwarz übersetzt Stolterfoht in sein ideensprühendes Deutsch. Gerade weil er des Portugiesischen nicht mächtig ist, konnte er dem klanglichen Reiz der Gedichte nicht widerstehen. Wurde einst bei den Französischlaien Ralf-Rainer Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann aus Apollinaires „La jolie rousse“ „Der joviale Russe“, so verpasst Stolterfoht dem portugiesischen „branco“ ein hartes K, verleiht ihm Stimme und Gesicht und beginnt mit dem Typen ein anregendes Zwiegespräch.
Nach dem Vorbild des Fährmanns heißt Übersetzen, die direkte Verbindung zwischen dem Ufer der einen und dem der anderen Sprachwelt zu nehmen. Stolterfoht dockt zwar regelmäßig an seiner Vorlage an, lässt sich mit dem aufgeladenen Wortschatz dann aber von Rhythmen, Klängen und Melodien zu wilden Assoziationen und fernen Bildwelten treiben. Seine 52 Gedichte sind ein Lobpreis auf jenen heiter-unzuverlässigen Fährmann, „der den abweich erfand – eine unsichere distinktion im unterfluß der neuerung“. Brankos Geburt ist ein Beispiel für diesen Innovationsfluss, ein anderes ist die Übersetzung von Homem de Mellos Anfangssatz. Während sie sich dort den Figuren im Brautportal des Bremer St.-Petri-Doms widmet, macht Stolterfoht daraus eine Flugshow mit Seltenheitswert: „poröser geier kreist über dem Fluss aus Fusseln.“ Diesem folgt der Band, bis er im sanften Wellenschlag des Verses mündet:

immer wieder ändert sich das kleine wasser. die ganze welt geht auf in Knosp.

Im Fluss ist auch die Bedeutung der Worte, die sich aus der Bewegung voller Wirbel, Strudel, seichter Randgebiete oder opaker Untiefen konstituiert. Lesen bedeutet, das sichere Ufer zu verlassen und sich dem Strom der Bilder überlassen:

lies: ausufernd, löslich, sofort!

Erst dann entfaltet sich die Schönheit dieser Verskunst.
(…)

Christian Metz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.7.2015

 

Marcel Beyer trifft im Rahmen der Liliencron-Poetik-Dozentur auf Ulf Stolterfoht. Ein Gespräch über selbstauferlegte Fesseln, Authentizitäts-Signale und den Neid auf fremde Wörterbücher.

Ulf Stolterfoht mit Steffen Popp im Parlandopark: Liebes System: nicht ohne Axt!

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Porträtgalerie: Galerie Foto Gezett + Dirk Skiba Autorenporträts
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Ulf Stolterfoht liest 2009 im Aufnahmestudio von lyrikline.org.

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