Michael Hamburger: Zu Bertolt Brechts Gedicht „Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Bertolt Brechts Gedicht „Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité“ aus Bertolt Brecht: Gesammelte Gedichte. Vier Bände. –

 

 

 

 

BERTOLT BRECHT

Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité

Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité
Aufwachte gegen Morgen zu
Und die Amsel hörte, wußte ich
Es besser. Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr. Da ja nichts
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt
Gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesangs nach mir auch.

 

Die letzte Sachlichkeit

Dieses späte Gedicht von Brecht zu seinem eigenen Tod springt keineswegs aus dem Rahmen seines lyrischen Gesamtwerks. Die Stimmung ist scheinbar kühl, die Aussage schlicht und scheinbar eindeutig, der Rhythmus – wie meistens im Spätwerk – fast ein Prosarhythmus, die wenigen Bilder dienen der Information, nicht der Steigerung eines Gefühls oder der Erweckung eines Gefühls im Leser durch Rhetorik.
Auch darin, daß man dieses Gedicht als Erlebnislyrik oder als Lehrgedicht lesen kann, unterscheidet es sich nicht von vielen anderen Gedichten Brechts. Jahrzehnte lang hatte er sich bemüht, das Private und Individuelle weder auszuschließen noch zu verdrängen, seine persönlichen Bedürfnisse und Vergnügungen an den gesellschaftlichen Zielen zu messen, denen sein Engagement galt; aber auch umgekehrt, in einer fortwährenden Dialektik.
Selbst daß es zuletzt der Amselgesang war, um den es Brecht ging, kann nur jemanden erstaunen, der noch nicht gemerkt hat, wie schwer es Brecht immer gefallen war, kein „Naturlyriker“ zu sein, also keine Gespräche über Bäume in Gedichten zu führen, wenn es um dringendere Angelegenheiten ging. Angesichts des eigenen Todes ging es aber Brecht nicht um dringendere Angelegenheiten. Diesen Tod als gesellschaftliches, kollektives Ereignis zu behandeln, wäre auch unbescheiden gewesen.
Brecht konnte anmaßend oder arrogant sein, ganz besonders in Fragen der Freiheit und Autorität der Intellektuellen (wie in dem viel früheren Gedicht „Ich benötige keinen Grabstein“). Das gehörte zu seinem Engagement, nicht zu seinem Selbstbewußtsein. Durch die Jahrzehnte währende Bemühung, dem subjektiven Gefühl nicht unbedingt der Gesellschaft gegenüber recht zu geben, wie es in der Romantik und Nachromantik üblich geworden war, hatte Brecht sich angewöhnt, auch das private Ich wie jeden anderen Gegenstand in Gedichten darzustellen als etwas, das zu seiner Erfahrung und seinem Wissen gehörte. Ein solches Verfahren beruht auf Bescheidenheit – auf der Bescheidenheit solcher, die gelernt haben, ihre Einzigartigkeit nicht zu überschätzen.
Zuletzt, angesichts des eigenen Todes, geht es Brecht um den Verlust seiner Vergnügungen. Die höchste dieser Vergnügungen ist die Beziehung zur Umwelt; jetzt aber nicht mehr zur menschlichen Umwelt, sondern zu jener, die alle gesellschaftlichen Systeme überdauert hat. Also Amselgesang. Zuletzt wird auch noch diese private Vergnügung den anderen überlassen (oder auch vermacht). Ein Rückfall in die Naturromantik oder gar in die Transzendenz? Ich glaube, nicht. Der Amselgesang, den man selbst in manchen Großstädten hört, ist ja nicht weniger wirklich als das weiße Krankenzimmer in der Charité.
Wenn das Gedicht etwas in Frage stellt oder transzendiert, ist es die Subjektivität, die zum Solipsismus neigt, die aber ohnehin durch den Tod aufgehoben wird. Ganz sachlich, auf materialistischer Basis, streift Brecht den Rest Subjektivität ab, der ihn daran hindern würde, sich noch angesichts des Todes zu freuen. Daß dieses letzte Bedürfnis, diese letzte Vergnügung, selbstlos sein muß, liegt in der Natur der Dinge. Damit hat Brecht auch eine begründete Subjektivität von einer falschen unterschieden, also noch ein Lehrgedicht geschrieben.

Michael Hamburgeraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zweiter Band, Insel Verlag, 1977

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