Olga Orozco: Die letzten Splitter des Lichts

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Olga Orozco: Die letzten Splitter des Lichts

Orozco-Die letzten Splitter des Lichts

AM ENDE WAR DAS WORT

Die Wörter, als wären sie Schatten aus Schatten, die
aaaaasich entfernen,
irrende Rauchwolken, vom Mund des Windes
aaaaaausgeatmet,
so laufen sie mir auseinander, verlieren sich aus
aaaaameiner Sicht auf die Türen der Stille.
Sie sind geringer als die letzte Farbspur, als ein
aaaaaSeufzer im Gras;
Phantasmen, die sich nicht einmal dem Abbild ähneln, das sie waren.
Gibt es dann nichts, was an ihrer Stelle bleibt,
nichts, was mit ihrem Namen verschmilzt, von der Haut bis zu den Knochen?
Und dabei fühlte ich mich in den Wörtern geborgen wie in den Falten der Offenbarung
oder gründete Welten aus grundlosen Visionen, um die Gärten Eden zu ersetzen
auf den Steinen des Wortes.
Und habe ich vielleicht nicht versucht, alle Alphabete des Todes rückwärts auszusprechen?
Poesie, war dies nicht dein Erfolg in den Finsternissen?
Jedes Wort nach dem Bild eines anderen Lichts, nach dem Gleichnis eines anderen Abgrunds,
jedes Wort mit seinem Gefolge aus Konstellationen, mit seinem Schlangennest,
aber bereit, seinerseits das Universum zu verweben und wieder aufzutrennen,
auf mich zu verzichten bis zum letzten Knoten.
Grenzenlose Ausbreitungen, unter dem Zeichen eines Flügels zusammengefaltet,
Webketten als Lumpen, um dem verblüffenden Wehen der Götter den Weg zu bahnen,
Rückseiten, wo das Geheimnis sich entblößt,
wo einer nach dem anderen die jeweiligen Schleier abwirft, die aufeinander folgenden Namen,
ohne je ins verschlossene Rosenherz vorzudringen.
Ich wachte, eingeklemmt im glühenden Eis, im bereiften Feuer,
Blitze übersetzend, Dynastien aus Stimmen entwirrend,
unter einem derart unentschlüsselbaren Kodex wie dem der Sterne oder der Ameisen.
Ich schaute die Wörter gegen das Licht an.
Ich sah ihre dunklen Stämme vorüberziehen bis zum Ende des Wortes.
Ich wollte Gott durch Transparenz entdecken.

 

 

Einführung

Ich bin ein Bewohner, aber: woher?
„Stimmen“, Antonio Porchia

Auch die Abgründe übersetzen sich wechselseitig,
als wären sie noch offenere Augen.

„Dreizehnte Vertikale Poesie (73)“, Roberto Juarroz

Borges vermutete wohl richtig, dass die Poesie nicht bereits in den Buchstaben, den literarischen Ideen, den physiologischen Geräuschen des Nervensystems und den materiellen Inhalten oder einer ästhetischen Rechtfertigung des Universums liegen würde, sondern „wesentlich im Tonfall, in einer bestimmten Atmung des Satzes“. Stimme und Atem waren bei Olga Orozco insofern identisch, als dass sie Verse schrieb, wie sie atmete. Dem Gedicht entsprach die Klang-Laut-Bild gewordene Stimme ihrer Atmung. Es bleibt festzuhalten, dass ihr poetischer Atem-Rhythmus alexandrinischer Natur ist, die romanisch silbenzählende Variante des variablen griechischen Hexameters. Paul Celan, ebenfalls 1920 geboren, entwickelte sein Frühwerk in solchen harmonischen Rhythmen; Olga Orozcos Poesie kreist magisch und verinnerlicht um diesen ozeanischen Mittelpunkt.
Zu ihren Vorbildern zählten San Juan de la Cruz, Rimbaud, Nerval, Baudelaire, Milosz und der späte Rilke der Duineser Elegien. Ihre Gedichte gingen ihrerseits über die traditionelle Poetik spanischer Sprache hinaus. Ihre poetische Vorstellungskraft versuchte, den „Wald der Symbole“ lesend zu entziffern, indem sie mit geschlossenen und „noch offeneren Augen“ eine eigene Vision an Bildern und Metaphern des Universums entwarf. Sie atmete mit dem Blick aus Ahnungen, Anverwandlungen und Erinnerungen, wie es sonst allein die authentische Gabe der Kindheit ist, nunmehr bewusst, gedanklich, meditativ, die Wunder und Wunden von Mensch und Welt im Gesichtskreis: gefühlstief, meilenweit entfernt von pervertiertem Pathos, wenn nicht eigentlich schwerblütig wie eine dramatische Partitur, ein attischer Chor, eine tragische Choreographie auf Leben und Tod, alle kathartischen Register im schöpferischen Auge. „La poesía orozquiana“ zielt auf eine elegische Lebenshaltung mit der zeitlosen Intensität der Illusionslosigkeit:

Poesie, unser langer Kampf war ein Kampf auf den Tod mit dem Tod.
Wir haben gewonnen. Wir haben verloren,
denn wie benennen mit diesem Mund,
wie benennen in dieser Welt, mit diesem einzigen Mund in dieser Welt, mit diesem einzigen Mund?

„Con esta boca, en este mundo“ / „Mit diesem Mund, in dieser Welt“, Olga Orozco

Olga Orozco wurde am 17. März 1920 in Toay, einem Ort in der Provinz La Pampa, geboren. Ihr Vater, Carmelo Gugliota, war gebürtiger Sizilianer aus Capo d’Orlando, der einmal Argentinien bereiste und Cecilia Orozco, die aus der Provinz San Luis kam, kennenlernte. Sie verliebten sich, heirateten und gründeten eine Familie. Der Vater wurde für einige Jahre zum Bürgermeister von Toay, der unwirtliches Land und Wälder erschloss und Elektrizität in den kleinen Ort brachte, wo Olga mit ihren beiden Schwestern Yolanda und Celia del Carmen eine naturnahe und phantasieanregende Kindheit erlebte. 1928 zog die junge Familie nach Bahía Blanca ans patagonische Meer, das für Olga mit jeder anbrandenden Atlantikwelle eine andere Mär brachte. Sie fragte sich, ob die eine Schaumkrone nicht schon Homer und die andere Vergil gesehen hatte? Die irische Großmutter begleitete sie, die ihr täglich eine keltische Sage, ein erfundenes oder überliefertes Märchen und wundersame Geschichten erzählte, genauer gesagt: bis zum 28. Lebensjahr der inzwischen jungen Dichterin. Denn mit 16 Jahren kam Olga in die pulsierende Hauptstadt Buenos Aires, absolvierte erst das zweijährige Lehrerinnenseminar Colegio Normal Sarmiento und besuchte die surrealistischen Literaturzirkel um Oliverio Girondo und Norah Lange. 1938 begann Olga Orozco, Literatur an der Universidad de Filosofía y Letras zu studieren, was sie im vierten Studienjahr aufgab, weil sie es mit ihren persönlichen Lebensumständen nicht mehr in Einklang bringen konnte.
Sie hatte sich einer Gruppe blutjunger Dichter der später sogenannten neoromantischen Generación del 40 um die Poesiezeitschrift Canto angeschlossen, zu der auch Enrique Molina gehörte, und veröffentlichte dort ihre ersten Gedichte unter dem Nachnamen ihrer Mutter, welcher ihr für diese Zwecke harmonischer und anonymer als der ihres Vaters vorkam. Der andalusische Dichter Rafael Alberti, der gerade in seinem argentinischen Exil angekommen war, erkannte früh ihr poetisches Talent und empfahl sie dem angesehenen Verleger Gonzalo Losada, der ihr vorschlug, den ersten Gedichtband zu veröffentlichen, sobald sie ihm das Manuskript vorlegte. Sie schrieb inzwischen regelmäßig Theaterkritiken für Radio Municipal und erhielt bald das Angebot, dank ihrer tiefen Stimme Radioschauspielerin zu werden, was sie von 1947 bis 1954 in den Rollen der Mutter, der bösen Frau und der Hexe auch erfolgreich tat. Diese Stimmbildung faszinierte später beim glanzvollen Vortrag ihrer Gedichte.
1946 erschien ihr Debüt Desde lejos (Von weit), in dem die Naturlandschaft ihrer Kindheit immer wieder auftaucht, teils märchenhaft, teils gespenstisch oder visionär, und gleichzeitig der poetologische Grundstein gelegt wurde, zu dem ihre folgenden Werke zurückführen. 1961 erhielt sie ein Literaturforschungsstipendium des Argentinischen Kunstfonds für eine neunmonatige Europareise, die sie erst nach Frankreich, wo sie die jüngere Freundin Alejandra Pizarnik besuchte, und dann nach Spanien, Italien und in die Schweiz führte. Sie widmete sich ausschließlich der Poesie und Literatur, ohne gewisse literarische Randbezirke auszusparen. In den sechziger Jahren schrieb sie diverse Kolumnen für die Frauenzeitschrift Claudia, jedoch niemals unter ihrem eigenen Namen, was sie später freilich bedauerte, sondern unter verschiedenen Pseudonymen – über neue Bücher (Martín Yañez), Wissenschaft (Jorge Videla), Mode (Helena Prado), Künstlerbiographien (Valentine Charpentier), Okkultismus (Richard Reiner), Leserbriefe zum Thema: Liebe (Valeria Guzmán) und Frivoles (Carlota Ezcurra). Für Brot arbeitete sie zudem als Sekretärin, Korrektorin, Lektorin und Herausgeberin bei Verlagshäusern in Buenos Aires, darunter Losada, Muchnik, Fabril und Atlántida. Sie übersetzte mehrere Theaterstücke aus dem Französischen (Arthur Adamov, Jean Anouilh, Eugène Ionesco) und Italienischen (Luigi Pirandello) für die Bühnen von Buenos Aires. Seit 1964 erhielt Olga Orozco sieben große Literaturpreise Argentiniens, zuletzt den Premio Nacional de Poesía (1988), sowie den panamerikanischen Premio Gabriela Mistral (1995). Im November 1998 wurde sie im mexikanischen Guadalajara mit dem renommierten VIII. Juan Rulfo-Preis für lateinamerikanische und karibische Literatur ausgezeichnet. Es sollte die letzte ihrer zahlreichen Lesereisen in Lateinamerika sein. Am 15. August 1999 starb sie neunundsiebzigjährig in Buenos Aires.
In dem halben Jahrhundert ihres Werkschaffens publizierte Olga Orozco neun Gedichtbände; ein zehnter Band werden ihre unveröffentlichten Gedichte aus dem Nachlass sein. Ihre berühmtesten Gedichtbände lauten: Los juegos peligrosos (Die gefährlichen Spiele, 1962), der eine poetische Wahlverwandtschaft zu Roberta Juarroz aufweist, Museo salvaje (Wildes Museum, 1974), Cantos a Berenice (Lieder für Berenice, 1977), ihre verstorbene Katze, und La noche a la deriva (Die treibende Nacht, 1984). Als Schlüssel ihrer Poetik gelten jedoch ihre Erzählungen im Band La oscuridad es otro sol (Die Dunkelheit ist eine andere Sonne), der 1967 in Buenos Aires erstmalig erschien, und ihre neueren Erzählungen, ebenfalls 15 an der Zahl, in einer Sammlung, die 1995 unter dem Titel También la luz es un abismo (Auch das Licht ist ein Abgrund) herauskam. Die argentinische Lyrikerin und Kritikerin María Rosa Lojo, Jahrgang 1954, charakterisierte Olga Orozco zutreffend als „die poetische Stimme Argentiniens, die mit größter Reife drei nicht immer zusammenkommende Bedingungen erfüllt: unverwechselbare Originalität, mitreißende Kraft und sprachliche Perfektion.“
Wir begegneten der Grande Dame der argentinischen Poesie zum südlichen Winterbeginn im Juni 1995 beim III. Lateinamerikanischen Poesie-Festival in der gut vier Busstunden von Buenos Aires entfernten Capital Nacional de la Poesía Rosario, als sie aus ihrem neunten Gedichtband Con esta boca, en este mundo (Mit diesem Mund, in dieser Welt), der im April 1994 in Argentinien erschienen und schon nach wenigen Monaten vergriffen war, sowie aus unveröffentlichten Manuskripten vorlas, zu denen die abschließenden fünf der hier ausgewählten Gedichte mit ihren „unvermeidlich“ weitatmigen Langversen hinzugehören. Im Rückblick äußerte sie sich zur Teestunde bei der befreundeten Sängerin María Lanese in Rosario einmal selbstironisch über ihr poetisches Werkschaffen mit dem außergewöhnlich „winterlichen“ Timbre:

Ich schreibe Tangos, aber mit Kategorie.

Unser aller brennender Wunsch wurde, ihre Gedichte, die bereits in sieben große Poesiesprachen übersetzt worden waren, darunter zwei Asiens (Hindi und Japanisch) sowie fünf Europas (Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Rumänisch), nun endlich auch für die deutsche Sprache zu entdecken. Erste Übertragungen in der Literaturzeitschrift Flugasche, im Jahrbuch der Lyrik, im Rowohlt-Literaturmagazin, in der Frankfurter Rundschau, in der Zeitschrift die horen und in der Anthologie Minima poetica gelangen in den Folgejahren mit wachsender Resonanz. Die Zusammenstellung dieser Werkauswahl stimmten wir mit Olga ab, wobei auch ein besonderes Augenmerk auf ihre poetologischen Gedichte gelegt wurde. Sie bat uns zuletzt, wir mögen sie bald besuchen. Wir schafften es nur nicht mehr, sie in Buenos Aires wiederzusehen. Ihre Poesie „beglückt“, wie Juan Gelman sagt. Mit ihrem Namen verbindet sich eine weitere wesentliche Stimme der argentinischen Poesie. Olga Orozco gehört zu den herausragenden Lyrikerinnen der lateinamerikanischen Moderne.

Juana & Tobias Burghardt, Vorwort

 

Bilder eines anderen Lichts

Eine der Photographien, die diesem schönen Band beigefügt sind, zeigt die Dichterin schlafend. Das zartfaltige Gesicht in die Mulde des Ellenbogens geschmiegt und sanft lächelnd, gleicht sie einem Kind. Geradezu evident will da erscheinen, was Olga Orozco, die 1999 verstorbene Grande Dame der argentinischen Gegenwartslyrik, einmal über ihre poetischen Anfänge erzählt hat:

Ich begann zu ,schreiben‘, als ich noch nicht schreiben konnte… Da ich leicht zu beeindrucken war, umgaben mich undurchdringliche Geheimnisse wie Steine, beunruhigende Schatten wie Wölfe und Schrecken wie Blitze.

Die Geheimnisse der Welt hat sie in den Windungen ihrer Sprache erkundet. Ein umfangreiches lyrisches Werk ist auf diese Weise entstanden, aus dem jetzt eine zweisprachige Auswahl unter dem Titel Die letzten Splitter des Lichts / Las últimas astillas del reflejo vorliegt.
Geboren wurde Olga Orozco 1920 in Toay, einem Dorf der Provinz La Pampa. Als Jugendliche kam sie nach Buenos Aires, wo sie schnell Kontakte zu surrealistischen Literaturzirkeln knüpfte. In dem gerade exilierten andalusischen Dichter Rafael Alberti fand sie einen frühen Förderer ihres Schreibens, der vor allem die so wichtige Bekanntschaft mit einem Verleger ermöglichte. Ihr lyrisches Début Desde lejos (Von weit) erschien im Jahr 1946. Es sollten acht weitere Gedichtbände folgen, dazu zwei Bücher mit Erzählungen. Um sich zu finanzieren, schrieb sie nebenher Kritiken und war Kolumnistin einer Frauenzeitschrift, arbeitete als Sekretärin, Korrektorin, Lektorin und übersetzte Theaterstücke aus dem Französischen.
Olga Orozcos Gedichte variieren die grossen Themen der Poesie: Vergänglichkeit, Träume, Einsamkeit, den Tod, Wünsche und die Stille. Zugleich besingen sie das Konkrete, jene „Düfte, Farben und Klänge, in denen wir einen Augenblick der Welt wiedererkennen“. Die Assoziationen können etwa an den eigenen Händen entspringen, um schnell in ein lyrisches Wellenspiel aus Projektionen, Rätseln und Erscheinungen überzugehen:

Eine Hand. Zwei Hände. Mehr nicht.
Noch schmerzen mich die Hände, die mir fehlen,
jene, die mit dem Geisterschiff, das mich brachte, verbunden blieben
und die Küste mit Trommelschlägen von sich stossen,
mit einigen Handvoll Sand gegen das Wasser der Migrationen und Nostalgien.

Mit ihren ausgreifenden Langversen gelingt es Olga Orozco, die Zeit zu dehnen und so die „inneren Tiefen“ des Gegenwärtigen erfahrbar zu machen. Wahrnehmungen, Reflexionen und Erinnerungen verbinden sich zu Figurationen, in deren klaren Bildern die Wirklichkeit als „Blitz des Unsichtbaren“ erscheinen kann, aber auch als „Verschlusssiegel auf allen Türen des Wunsches“. Und stets loten diese oft so leichten Gedichte die Möglichkeiten von Sprache aus. Seltsam, wie resignativ das Verhältnis zu den Wörtern am Ende eines Schreiblebens dennoch sein kann:

Sie sind geringer als die letzte Farbspur, als ein Seufzer im Gras.

Doch so gering die Wörter in den Augen der Dichterin auch sein mögen, sie entfalten einen klanglichen Reichtum, den die beiden Übersetzer Juana und Tobias Burghardt kunstvoll nachgebildet haben. In Erinnerung halten Olga Orozcos Poeme nicht die Skepsis gegenüber den Wörtern, sondern den Glauben an ihre aufschliessende Kraft:

Jedes Wort nach dem Bild eines anderen Lichts, nach dem Gleichnis eines anderen Abgrunds,
jedes Wort mit seinem Gefolge aus Konstellationen, mit seinem Schlangennest,
aber bereit, seinerseits das Universum zu verweben und wieder aufzutrennen.

Nico Bleutge, Neue Zürcher Zeitung, 6.4.2002

Tiefe Stimme der Poesie

„Ich schreibe Tangos, aber mit Kategorie“, soll die Grande Dame der argentinischen Lyrik nach ihrem Auftritt beim Poesie-Festival in Rosario Juni 1995 beim Tee geäußert haben. Was Olga Orozco mit „Kategorie“ gemeint haben mag, läßt die beiläufige selbstironische Bemerkung offen. Das mit dem Tango nimmt man ihr gern ab; vielleicht ein bißchen schnell sogar. Aber wenn es um die erste deutschsprachige Ausgabe ihrer Lyrik geht, mag das Anekdotische uns den Blick auf einen so hochpoetischen Titel wie Die letzten Splitter des Lichts freigeben. Und auf die Bedingungen einer weiblichen Karriere im Argentinien der Zeit nach 1945.
Olga Orozco, als Olga Gugliota 1920 in Toay, einem Ort in der Provinz La Pampa, geboren, kam mit sechzehn Jahren nach Buenos Aires. Aber mehr als das dort begonnene Literaturstudium interessierte sie die Gruppe um die Poesiezeitschrift Canto, in der sie ihre ersten Gedichte unter dem Nachnamen ihrer Mutter publizierte. Der große Rafael Alberti, der damals in Argentinien im Exil lebte, empfahl sie einem Verleger, und so erschien 1946 ihr Debütband Desde lejos (Von weit). Inzwischen hatte Olga mit dem Schreiben von Theaterkritiken fürs Radio begonnen, und wegen ihrer tiefen Stimme erhielt die junge Poetin das Angebot, Rundfunksprecherin zu werden.
In den sechziger Jahren schrieb Olga Orozco Kolumnen für eine Frauenzeitschrift: über neue Bücher, Wissenschaft, Mode, Künstlerbiographien, Okkultismus, ja sogar Leserbriefe über Liebe und (davon getrennt) Frivoles. Das alles anonym und – Tucholskys „5 PS“ übertreffend – unter sieben Pseudonymen. Zum Alltag der Dichterin gehörte auch die Arbeit als Sekretärin, Lektorin und Herausgeberin. Zudem übersetzte Olga Orozco Stücke von Adamov, Anouilh, Ionesco und Pirandello.
Vor diesem Lebenshintergrund ist das Werk der Autorin zu sehen, das im folgenden halben Jahrhundert bis zu ihrem Tod 1999 entstand: acht weitere Gedichtbücher, dazu zwei Bände mit Erzählungen. Ihr letzter zu Lebzeiten publizierter Gedichtband ist Con esta boca, en este mundo (Mit diesem Mund, in dieser Welt) überschrieben. Da heißt es:

Poesie, unser langer Kampf war ein Kampf auf den Tod mit dem Tod.
Wir haben gewonnen. Wir haben verloren,
denn wie benennen mit diesem Mund,
wie benennen in dieser Welt, mit diesem einzigen Mund in dieser Welt,
mit diesem einzigen Mund?

Eine Frage von großer vitaler Insistenz. Eine Frage auch nach der Sprache als Problem der poetischen Moderne. Es ist der hymnisch-elegische Part dieser Moderne, mit dem Olga Orozco – auch verstechnisch – sympathisiert. Sie liebt und spottet zugleich über ihre „unvermeidlich“ breiten Langverse, die – jedenfalls in den deutschen Versionen – den Satzspiegel zu sprengen scheinen. Zu ihren Vorbildern gehörten Rimbaud, Baudelaire und der Rilke der Duineser Elegien. Ihr Gedicht Maldoror trägt ein Motto von Lautréamont. „Im April oder Oktober“ ist ein Tribut an T.S. Eliot. Das Poem überträgt die Gefühlsproblematik des europäischen April auf die jahreszeitliche Entsprechung der südlichen Erdhalbkugel – und so ist April, „the cruellest month“, wie wir seit Eliot zu fühlen haben, der argentinische Oktober: „¿Que el más cruel de los meses es abril, es decir nuestro octubre?“ – „Der Schrecklichste aller Monate ist April, heißt das unser Oktober?“
In einem entscheidenden Punkt unterscheidet sich Olga Orozco vom Spiel mit den Masken und Stimmen der europäischen Poesie. Ihr ist Rimbauds „Ich ist ein anderer“ wohl bekannt, aber gerade deshalb trotzt sie dem Ich-Problem ein Gedicht ab, das trotzig und selbstbewußt mit ihrem Namen überschrieben ist. Es ist das Gedicht einer Frau Anfang Dreißig, doch es steht in dem Buch, das Las muertes (Die Tode) heißt:

Ich, Olga Orozco, sage allen aus deinem Herzen, daß ich sterbe.

Der Fortgang klingt wie ein Vermächtnis:

Von meinem Aufenthalt bleiben die magischen Rituale zurück,
manche vom Hauch einer schonungslosen Liebe verbrauchte Daten,
die ferne Rauchwolke des Hauses, in dem wir nie waren,
und einige verstreute Gesten zwischen den Gesten anderer, die mich nicht kannten.

Bei diesem schönen und schwermütigen Gestus darf man an die nun weniger befremdende Bemerkung der Poetin denken, sie schreibe Tangos, „aber mit Kategorie“. Pathos und Ironie gehörten für Olga Orozco zusammen; ein Zeichen ihrer Größe. Der kategorische Tangoklang ihrer raumgreifenden und zugleich disziplinierten Gedichte ist auch im Deutschen zu spüren. So ist den beiden Übersetzern Juana und Tobias Burghardt zu danken. Rühmenswert ist auch die durchgängige Zweisprachigkeit dieser mit nützlichen Informationen und einem Fotografieteil versehenen Ausgabe.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.2.2002

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Carl Wilhelm Macke: LitMag-Weltlyrik: Olga Orozco
culturmag.de, 10.4.2013

Olga

– Ansprache beim Festakt zur Übergabe des VIII. Juan Rulfo-Preises für lateinamerikanische und karibische Literatur an Olga Orozco, der am 28. November 1998 in Guadalajara stattfand. –

Diese Ehre, diese bewegte Freude, Olga Orozco und ihr Werk vorzustellen, stößt auf drei unüberwindliche Mauem. Auf die erste hat jemand geschrieben, dass die Poesie durch sich selbst spricht. Auf der zweiten steht geschrieben, dass die Poesie durch sich selbst spricht. Auf der dritten, dass die Poesie von Olga Orozco durch sich selbst spricht. Also stelle ich sie nicht vor. Kaum begleite ich sie, wie mich seit langem ihre „rauhe und verweinte“ Stimme begleitet. Zudem hat sie selber geäußert, dass die Poesie „ein lebender, rebellischer Organismus ist“ und die Analyse ihrer Sprache bedeutet, „einen Käfer, einen Engel, einen Gott im natürlichen und wilden Zustand einzufangen und Transplantationen und Sezierungen daran vorzunehmen, bis man einen amorphen Leichnam erlangt“.
Ich frage mich, wieviel lebendes Seelenblut Olga vergossen hat, um – in ihren Worten – Talismane mit „einem wehrlos verliebten Herz“ zu machen, in „die zwei Gesichter des Traumes“ hineinzugehen, „diese Farbe leuchtenden Winters, die geboren wird, wenn du stirbst“, kennenzulernen, „Zepter wilder Tiere im Freien“ zu gewinnen, „die Mandel des Geheimnisses“ zu essen, aufeinanderfolgende Gesichter zu haben wie „ein Musterbuch des Nebels, des Schreckens“, sich „als Königin, Hexe, Bettlerin“ zu kleiden, die harten Knochen der Verschwundenen zu nagen, „die Substanzen der Trennung“ zu kochen, den „Invasionen der Dunkelheit“ zu widerstehen, „die Kommunionen der Ansteckung“ zu erleiden, „Nöte wie Glücksfälle“ zu vervollkommnen, „das verschwenderische Inventar alles Unmöglichen“ aufzunehmen, mit einer „Berufung des Abgrunds“ zusammenzuleben. Die Tätigkeit von Olga ist, Taumel und Schwindelanfälle anzuhalten.
Das „Ich bin ein Anderer“ Rimbauds geht über in das „Ich bin der Andere“ Nervals und noch weiter im „Wir sind so viele in anderen“ von Olga Orozco. Gewisse Kritiker, die der Übung des Etikettierens gehorsam huldigen, schreiben ihre Poesie dem Neoromantizismus oder dem Surrealismus oder weiteren Ismen zu, die da herumschweifen. Aber sie ist von Anfang an absolut einzigartig und ihre Gegenwart beglückt. Sie benennt Wesen, die Jahrhunderte zu warten haben, bevor sie existieren.
Olga wurde in La Pampa geboren, einer Provinz Argentiniens, die halb grün und halb trocken ist, wo ein gewaltiger Wind weht, „ein übermäßiger Gott, ein verblüffender Gott“, der die Sandgrenzen in der Wüste über den Haufen wirft und „Alpträume des Horizonts“ hervorbringt. So lernte sie die Regionen kennen, die sich räumlich verändern, wenn man sie benennt: die Vergangenheit, die Kindheit. Das Kind Olga fragte:

Warum bringt der Wind nur Wind?

Oder:

Siehst du mich, Mutter? Bist du sicher, dass du mich siehst, oder glaubst du, mich zu sehen, weil ich dich sehe und glaube, dass du mich siehst?

Die unerschöpfliche Befragung der Welt geht bei Olga weiter und gehorcht keineswegs dem Prinzip der Wirklichkeit, sondern dem Gebot des Wunsches. Wie Sanjuan de la Cruz öffnet sie „den Mund des Wunsches, leer jeglicher anderer Fülle“, zum Himmel. Es ist der Wunsch der Abwesenheit, den Olga im Glanz ihrer Gedichte zusammenfügt und durcharbeitet.
Als Kind verlangte sie, dass man ihr Wohnsitz-Urkunden auf dem Planeten Erde unterzeichnen sollte. Sie sah vertraute Phantasmen. Hatte manchmal „traurige Füße“. Die Großmutter schenkte ihr die Welt der Einhörner. Sie ging hinaus in andere Welten, wenngleich sie nicht fortgehen wollte. Sie war Mitglied der Organisation der Spione von Toay, ihrer Geburtsstadt. Mit Fug und Recht. Sagte nicht Shakespeare, dass die Dichter Spione Gottes wären? Olga entwaffnet die Nie und Nimmermehr der Welt.
Ihre Poesie ist mächtig, hat funkelnde Wellen, die bei Ebbe Raubtierzähne und juwelenbesäte Bezirke zurücklassen. Olga kennt den Schmerz des Körper gewordenen Wortes. Ihre Wörter nähen kein Kleid, sie vernähen eine Wunde. Sie verabredet sich mit ihren Verlusten und hält die Schönheit dauerhaft.
Es heißt, ihr Gedächtnis sei „unbezähmbar, gierig, unbändig“; es wird ihre Waffe „gegen die Zufälligkeiten der Zeit und des Todes“ sein. Aber ihre Klarheit ist nicht auf das alleinige Spiel der Erinnerung zurückführbar. In Olga ist das Verhältnis von Imagination und Erlebnis so intensiv, dass sie ein anderes Gedächtnis erschafft, in dem sich der Traum der Wirklichkeit als Traum des Schreibens erneuert.
Olga bekennt, dass sie „in einer Truhe in Flammen den Leichnam ihrer Unschuld unberührt aufbewahrt“. Sicherlich in einer anderen Truhe oder in einer Herde purpurner Pferde, die in der Luft kreisen, oder im Tanz der Töpfe und Bratspieße, überrascht von der harmlosen, doch furchteinflößenden Laune eines gälischen Märchens, bewahrt sie ihre unberührte und lebendige Kindheit; die kleinen Steine in der Hand belegen die Unterbrechung der sichtbaren Welt durch die andere; die Großmutter, die erscheint, wenn Olga im Schlaf erwacht. Die Vision ist bei Olga gelebte Erfahrung. Sie sieht mit geschlossenen Augen besser. Sie sieht durch Kinderaugen. Sie hat die Kindheit in einen Brunnen geworfen und schöpft daraus Wasser, wenn sie möchte.
„Die Poesie kann außerhalb der Zeit geschehen“, sagt Olga, „in großen Sprüngen, bezüglich der Zeit“. Sie entfesselt einen erbitterten Krieg gegen „den Skorpion der Zeit“, „die Peitsche, die hetzt“:

Manchmal haben wir hautnah gegeneinander gekämpft.
Wir haben wie Raubtiere um jede Portion Liebe gestritten

Dieser Kampf, dieser Wille, der Zeit zu widerstehen, „gegen ihre Statuten zu verstoßen“, sie mit dem Gedächtnis der Wirklichkeit und dem Gedächtnis des noch Ungeschehenen zu konfrontieren, ist das etwa nicht der glühendste Ausdruck des Wunsches? Demnach ist jedes Gedicht ein erotisches Abenteuer, das darin stirbt, im nächsten aufersteht, doch der Wunsch, sein Ziel zu erreichen, erlischt nicht, dunkel und unbekannt: ein Loch, das in der möglichen Imagination wohnt. Wie René Char dachte:

Das Gedicht ist die erfüllte Liebe des Wunsches, der Wunsch bleibt.

Dieser Durst ist unendlich.
Vielleicht bekräftigt Olga deshalb, dass das Gegenteil des Lebens nicht der Tod, sondern das Nichts ist. Sie besitzt eine „unersättliche Zunge, die die Sprache des Todes in großen lodernden Flammen verschlingt“. Sie weiß, daß der Tod voller Glanz der verirrten Güter ist; er ist der Boden der verlorenen Liebe: ein herabhängender Fetzen von einem Kleid und zitternde Nacktheit. Es gibt in ihrem Werk eine aufwendige Version des Todes.
Die Glut der Texte von Olga öffnet den Leser und hebt ihn ins Vergessen seiner selbst, in die Ekstase, ähnlich derjenigen der Liebe und der mystischen Erfahrung. Es ist eine Poesie des „grenzenlosen Blutes, Blut der Umarmung, Blut des Bienenstocks“, sagt sie. Es ist eine Poesie im Zustand des ständigen Wachens, die zeigt, dass die Hoffnung sich weitet, wenn sie zweifelt, und das Sein die Irrung und die Exile kennt. Es ist eine Poesie, die das Mitleid des Verstandes nicht erlaubt und sich folglich in Mitleid der Liebe verwandelt. Nach mehrfach durchwanderten Labyrinthen hat Olga gesehen, dass „die Schönheit uns in ihren Plan einwebt und neu erschafft“. Ihre Poesie verwandelt uns, wird eins, der andere und alle weiteren.
Olga hat sich gefragt, ob Gott sich nicht vielleicht in allen und jedem von uns vervollkommnet. Ich bin mir dessen nicht sicher. Hingegen weiß ich, dass bei Olga genau dies geschieht: in ihr vervollkommnet sich Gott.

Juan Gelman
Übersetzung: Juana und Tobias Burghardt

ZEIT
für Olga Orozco

Ich erinnere nichts von der Kindheit,
nur eine leuchtende Angst
und eine Hand,
die mich an mein anderes Ufer zieht.

Meine Kindheit und ihr Geruch
eines gestreichelten Vogels.

Alejandra Pizarnik
Übersetzung: Juana und Tobias Burghardt

 

HEIMATEN
für Olga Orozco

Es ist nicht wichtig, dass du nicht weißt,
wann die Glut der Luft an dir sein wird.
Das Wichtige ist, dass du sie empfängst,
und wichtiger noch,
dass du so das Land der Güte erschließt.
Die Träume wissen nichts von sich selbst.
Auch die Luft verkennt sich und geht hinein,
um sich in deiner Schönheit zu verschönern.
In ihrem Kristall singt dein Gesicht
wie eine Heimat.

Juan Gelman
Übersetzung: Juana und Tobias Burghardt

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zur Autorin

 

Olga Orozco Dokumentation – Die Kindheit.

 

Olga Orozco Dokumentation – Berufe.

 

Olga Orozco Dokumentation – Das Schicksal.

 

Olga Orozco Dokumentation – Die Arbeit.

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