Michel Houellebecq: Gestalt des letzten Ufers

Houellebecq-Gestalt des letzten Ufers

Die Phantome walteten mit ihren todbringenden Händen
Und bedeckten nach und nach die Erde
Die Erinnerungen glitten in die unvollständig zerquetschten Augen,
Die die Nacht durchwanderten, entnervte Infanterie.

 

 

 

Auflösung.

Auslöschung. Das Ich auf der Flucht vor der Gesellschaft. Ohnmacht gegenüber der alles unter sich begrabenden Zeit. Sexuelles Begehren und körperlicher Verfall. Die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Liebe. Michel Houellebecqs Poesie kreist um Sujets, für die in seiner Heimat längst das Adjektiv „houellebecquien“ steht. Diese Gedichte sind eine Vermessung der letzten Dinge, sie erscheinen wie ein Blick von der anderen Seite auf das, was wir Leben nennen. In Frankreich löste ihr Erscheinen Spekulationen darüber aus, ob es sich um den Schwanengesang des meistgelesenen und kontroversesten Autors des Landes handeln könnte. Doch zunächst einmal markiert dieser Gedichtband Michel Houellebecqs Rückkehr nach seinem mit dem Prix Concourt ausgezeichneten Bestseller Karte und Gebiet.
Houellebecq balanciert hier kunstvoll auf dem Grat, zwischen Illusionslosigkeit und romantischer Schwärmerei, zwischen totaler Finsternis und lichten Glücksmomenten, die umso heller strahlen. Gestalt des letzten Ufers ist die kompromisslose Selbstentblösung eines radikalen Außenseiters, der nichts mehr zu verlieren hat, ein literarisches Vermächtnis, das wie ein Pfeil ins Herz der Wahrheit trifft.

DuMont, Klappentext, 2014

In Frankreich

gab es zum Erscheinen der Gedichte Spekulationen darüber, ob dies der Schwanengesang des meistgelesenen, aber auch umstrittensten Autors des Landes sei. Doch wenngleich es in ihnen auch um die letzten Dinge des Lebens geht, markieren diese Gedichte zunächst einmal Michel Houellebecqs furiose Rückkehr nach seinem drei Jahre zurückliegenden, mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Bestseller Karte und Gebiet.
Michel Houellebecq, der sich hier mal nüchtern und abgeklärt, dann wieder geradezu zart und schutzlos zeigt, steht dabei seinen erklärten Vorbildern Mallarmé und Baudelaire in nichts nach. Gestalt des letzten Ufers ist die kompromisslose poetische Selbstentblößung eines radikalen Außenseiters, der nichts mehr zu verlieren hat. Die einfache Sprache trifft unvermittelt ins Herz der Wahrheit. Nie waren wir Houellebecq so nah.

DuMont, Ankündigung

 

Ich bin dabei zu krepieren

– Frankreich feiert Michel Houellebecq anlässlich seines neuen Gedichtbandes als den großen französischen Autor unserer Epoche. –

Muss man sich Sorgen um Michel Houellebecq machen? Der Titel seines neuen, in Frankreich in diesen Tagen erscheinenden Gedichtbandes heißt übersetzt „Konfiguration des letzten Ufers“. Letztes Ufer klingt bedenklich. Auf den Fotos, die in Frankreich zum Erscheinen des Buches gemacht wurden, sieht Houellebecq nicht gut aus. Gespenstisch, ein riesiger Kopf auf einem Körper, dem man kaum zutraut, ihn noch zu halten.
Seit drei Jahren hat er kein Buch mehr veröffentlicht. Für den letzten Roman Karte und Gebiet hat er im Jahr 2010 den Prix Goncourt bekommen. Damals hat er noch in irgendeiner der europäischen Steuer- oder Sonnenoasen gelebt, in Spanien oder in Irland. Jetzt ist er trotz Hollandes Reichensteuer wieder nach Paris zurückgekommen. In der französischen Presse, der er großzügig Interviews gibt, sagt er dazu nur:

Es gibt mehr als Geld im Leben.

Und Frankreich feiert den Gedichtband seines heimkehrenden Sohnes, als sei das Trunkene Schiff von Rimbaud noch einmal erschienen. Libération widmet ihm seine ersten sechs Seiten. Houellebecq, heißt es jetzt in Paris, sei der große französische Autor unserer Epoche.
Die Gedichte, die den Band eröffnen, sind sehr kurz, sechs, sieben Wörter pro Zeile. Er rauche zu viel, sagt Houellebecq, für längere Verse reiche sein Atem nicht mehr. Dafür sind sie gereimt. Einfache, kinderleichte Reime, die – ob gekreuzt oder gepaart, ist ihm, wie er sagt, wurscht – „pur“ auf „obscur“ und „secondes“ auf „monde“ stapeln. Im Radio liest er die Gedichte vom Tod, vom Verschwinden, von der Abwesenheit, die man „bewohnen“ kann wie eine letzte Zuflucht, mit tonloser, halb ersterbender Stimme.
Auf den ersten Blick wirken die Verse einfach: „Il faut quelques secondes / Pour effacer un monde“ (man braucht ein paar Sekunden, um eine Welt auszulöschen) oder „Rien dans la vie n’est réparable, / Rien ne subsiste après la mort“ (nichts im Leben lässt sich reparieren, nichts überlebt den Tod). Das sind Sätze wie aus der Sonntagsschule. Aber eines der Geheimnisse von Houellebecq ist ja, dass er meistens ausgerechnet da, wo er besonders platt und besonders banal zu sein scheint, ziemlich kompliziert ist. Oder jedenfalls auf ziemlich komplizierte Weise platt und banal ist. Er werde sogar, sagt er, mit den Jahren immer komplizierter. Das sei eine der Unannehmlichkeiten des Alters, dass man immer schwieriger werde in allem und jedem, nicht nur in der Literatur, auch im Leben.
Das bestätigt sich beim zweiten Blick auf die neuen Gedichte. Im ersten Kapitel des Gedichtbandes
, den er „Graue Ebene“ genannt hat, bringt Houellebecq beinahe ausschließlich erstklassiges Mallarmésches Vokabular zum Einsatz – die Würfel, die Sterne, das Nichts, das Segel, der Schatten, die Nacht. Besonders die legendäre Verszeile Mallarmés „Un coup de dés jamais n’abolira le hasard“ (niemals wird ein Würfelwurf den Zufall besiegen) geistert, in seine Einzelworte zerlegt, durch diese Gedichte. Es gefällt ihm, sagt Houellebecq, wenn die Worte in der Poesie wie beim großen Stéphane Mallarmé ein autonomes, ungebundenes Leben unter ihresgleichen führen und nicht wie alte Gäule vor den Karren des Dichters gespannt werden. Und es gefällt den Franzosen, dass sich Houellebecq, der von sich sagt, er sei „sehr 19. Jahrhundert“, in der nationalen Lyriktradition so zu Hause fühlt, dass er bei Mallarmé, Baudelaire, Verlaine und Apollinaire lieber zu Gast ist als, sagen wir, in der iPad-Welt. Die interessiere ihn überhaupt nicht mehr, lässt er seine Leser wissen. Das iPad, das er sich einmal angeschafft hat, habe er wieder verkauft, so sehr habe es ihn gelangweilt.
Der Gedichtband brilliert aber nicht nur mit Alexandrinern und Mallarmé-Fundstücken. Es geht dabei auch wie stets bei diesem Autor, der sich als ein Nachfolger der großen französischen Tradition des Morbiden und des Ennui versteht, um die großen und letzten Dinge, um Liebe und Tod, um Sex und die Traurigkeit danach. Der Roman, erklärt Houellebecq, gehöre der Gegenwart und der Gesellschaft, die Lyrik gehöre sich nur selber und den ewigen menschlichen Angelegenheiten.
Vielleicht liegt es daran, dass er sich in der Lyrik gelegentlich ein Leidenspathos erlaubt, das er sich im Roman nie herausnehmen würde. Wie „aufeinandergestapelte Wasserflöhe“ scheitern die Menschen „sans trop de drame“ (ohne viel Theater). Das Verschwinden eines geliebten Wesens (Houellebecqs Hund ist vor Kurzem gestorben) wird heftig beklagt. Aber auch der eigene erbärmliche Betriebszustand:

Ils me regardent comme si j’étais en train d’accomplir
des actes riches en enseignement. Tel n’est pas le cas.
Je suis en train de crever. C’est tout.

(Man sieht mich an, als würde ich großartige, lehrreiche Dinge vollbringen. Das ist nicht der Fall. Ich bin dabei zu krepieren. Das ist alles.)

Noch immer gibt es die drastische Misogynie Houellebecqs, der junge Mädchen als eine „Promesse de bonheur sur deux pattes“ (ein Glücksversprechen auf zwei Pfoten) bezeichnet, die furchtbar stolz seien auf „leurs jeunes organes“ (ihre jungen Organe). Und noch immer setzt er dieses aggressive Gleichheitszeichen zwischen den Menschen (französisch Mensch=Mann) und seine Primärtriebe:

DIE MÄNNER

Die Männer wollen sich nur den Schwanz
lutschen lassen
So viele Stunden am Tag wie möglich
von so vielen schönen Mädchen wie möglich.

Abgesehen davon interessieren sie sich für technische
Probleme.

Ist das hinreichend klar?

Die Menschen seien eben blöd, sagt Houellebecq über dieses Gedicht im Pariser Magazin Les Inrockuptibles. Vor allem die Männer seien schrecklich pathetisch und banal. Sich selbst schließe er da natürlich ein. Außerdem sei er einfach nicht begabt für das Glück.
Das ist sicher wahr. Aber er ist sehr begabt für den abgründigen Spott über das Unglück. Vielleicht ist das sogar ein Vorteil des Alters: Seitdem Michel Houellebecq seinen Weltekel in einem wunderbaren Ist-mir-doch-egal-Ton formuliert, kann er sich vor der Liebe seiner Leser und Kritiker kaum noch retten.

Iris Radisch, Die Zeit, 18.4.2013

Die Blumen des Zerfalls

Im kalten Sonnenlicht der Sinnlosigkeit: Die neuen Gedichte von Michel Houellebecq sind überwiegend rabenschwarz. Witz und Selbstironie des Originals sind in der deutschen Übersetzung kaum zu vermitteln. –

Der Umschlag des neuen Gedichtbands von Michel Houellebecq ist so schwarz wie sein Inhalt. Schwarz ist das Vorsatzpapier des besonders aufwendig und schön gestalteten Buches, schwarz auch die eigens eingeklebte Klappe, die, neben dem schwarzen Einband, den Inhalt vor zu schneller Lektüre zu schützen wollen scheint, denn überall auf den verschiedenen Umschlägen sind – nachtblaumetallic – Merksätze gedruckt, die nicht gerade auf einen unbeschwerten Autor schließen lassen: „Es dauert einige Sekunden, eine Welt auszulöschen“, oder: „Die sich vor dem Tod fürchten, fürchten sich auch vor dem Leben.“ Eigentlich fehlt nur noch die erste Zeile aus Dantes Inferno – „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ –, um den immer noch nicht abgeschreckten Leser auf die dann folgende Litanei einzustimmen.
Wir bewohnen die Leere“, heißt es gleich im ersten Gedicht; im zweiten:

Ich habe kein Innenleben mehr,
Keine Leidenschaft, keine Wärme;
Bald bin ich nichts mehr als ein leerer räumlicher Körper.

Und bis auf seltene Momente der Aufhellung, profane Epiphanien in einer düsteren Vanitas-Atmosphäre, frisst sich die Vergeblichkeit allen Mühens und Hoffens durch die exzellent gedruckten Seiten:

Wie soll man leben?
Und wozu  soll es gut sein, Bücher zu schreiben
In der achtlosen Wüste?

Unter der kalten Sonne der Sinnlosigkeit kann nichts gedeihen, weshalb der Dichter auch zu dem Schluss kommt:

Eigentlich ist es ziemlich ärgerlich festzustellen, dass ich immer noch imstande bin zu hoffen.

Eine geradezu barocke Todesmelodie durchzieht den Band, der in lapidaren Feststellungen gipfelt wie:

Ich bin im Begriff zu krepieren, das ist alles.

Natürlich fragt sich der Leser, ob der Autor – und in diesem Falle darf das lyrische Ich durchaus für das Autor-Ich genommen werden – tatsächlich todkrank ist und mit diesen Versen sein Testament vorlegt oder ob er uns an der Nase herumführen will, bis uns schwindlig ist vor lauter Schwarzgalligkeit.
Ist das wirklich alles? Nein, natürlich nicht. Bei einem so intelligenten Autor wie Houellebecq gibt es immer mehrere Ebenen, auf denen das gottlose Spiel „Pessimismus als Stadium der Reife“ – wie Cioran das in Celans Übersetzung genannt hat – gespielt wird. Aber während die unerschöpfliche Blasphemie des rumänischen Häretikers Cioran gegen die verfehlte Schöpfung ihren Zorn aus den falschen Versprechungen der Theologien zieht, geht es bei Houellebecq nur um ihn selbst. Ein solider Pessimismus braucht jedoch Stoff. Weil es mir schlechtgeht, muss auch die Welt schlecht sein – in dieser narzisstischen Verkürzung hat man es schwer, einen eingefleischten Optimisten von der „Lehre des Zerfalls“ zu überzeugen.
Bei einer zweiten Lektüre fallen dann allerdings Zeilen stärker ins Auge, in denen von Liebe und Begehren die Rede ist beziehungsweise von der Trauer um vergangene Liebschaften, und man bemerkt, wie man diese Zeichen geradezu sammelt als Pluspunkte für den Autor. Von banal bis zart und hart werden alle Affekte aufgerufen, die mit dem weiblichen Geschlecht zu tun haben, sogar die „Erinnerungen eines Schwanzes“ kommen zum Abdruck. Da heißt es zum Beispiel:

Ich denke an dich, liebe Lise;
Ich bin glücklich.

Oder:

Ich liebte diesen schamhaften Moment
Delphine, in dem du dein Herz öffnetest.

Oder schließlich:

Und die Liebe, in der alles leicht ist,
In der alles sofort gegeben wird.
Es gibt, mitten in der Zeit,
Die Möglichkeit einer Insel.

Da die Lieben von Michel Houellebecq es offenbar nicht lange mit ihm ausgehalten haben, sind seine Liebesgedichte oft Nachrufe, hilflose oder bittere Epitaphe. Und nur ganz selten blitzt die Ironie auf, die diesen Autor ja eigentlich auszeichnet:

Adam betrachtete seinen Dackel
Wie Marie den Erzengel Gabriel.

Ein Adam ohne Eva ist nicht viel wert,
Seufzte Adam, vor dem Erotikprogramm von TF1 sitzend.
Er hätte heiraten sollen, Kinder kriegen und so weiter;
Ein Hund kann so nett sein, wie er will, er bleibt doch ein Hund.

Und schließlich sollte man eine dritte Lektüre dieser „Blumen des Zerfalls“ beginnen, die sich vornehmlich den linken Seiten des zweisprachig gedruckten Buches widmet, wo die Originale stehen – und plötzlich liest man einen ganz anderen Text. Nein, keine Einwände gegen die Übersetzung von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel, sie ist von großer Korrektheit. Aber sie macht – aus guten Gründen – gar nicht erst den Versuch, das entscheidende Merkmal dieser Gedichte abzubilden: den Reim. Houellebecq ist als großartiger Reimer mit allen Wassern gewaschen, so dass es ihm mühelos gelingt, seine manchmal arg jammernde Welt- und Liebesklage allein durch den gelungenen Reim gewissermaßen aufzuheben. Aus zehrender Schwere wird plötzlich eine schwebende Leichtigkeit, aus philosophischer Schwermut eine lyrische Kapriole. Wenn sich in dem zitierten Adam-Gedicht TF1 und un chien reste un chien reimen, dann darf man sich einen Dichter vorstellen, der von der Welt vielleicht nicht viel hält, sie aber doch noch nicht ganz aufgegeben hat.

Michael Krüger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2014

„Gemächlich demoliert“

– Poesiealbum des Weltekels: Die neuen Gedichte von Michel Houellebecq zeugen von enttäuschter Sehnsucht. –

Wer nicht wüsste, dass es sich um den, auf der ganzen Welt am meisten gelesenen lebenden französischen Autor handelt, würde beim Anblick seiner jüngsten Porträtfotos auf einen randständigen Einzelgänger tippen. Schüttern sind die Haare, zerrüttet die Züge des erst 56-Jährigen. Ein ausgezehrtes, verdüstertes Gesicht, aus dem die letzten Funken von Lebensfreude verschwunden sind.
Exzentrisch und eigenbrötlerisch wirkte er schon immer auf den vielen Bildern, die es von ihm gibt. Sie zeigen ihn mal im grünen 68er-Reportermantel mit Pelzkapuze, mal den Blick ins Leere gerichtet, oder in der Pose des Kettenrauchers, wobei er die Zigarette kurioserweise zwischen Mittelfinger und Ringfinger klemmt. Michel Houellebecq pflegt sich seinen Fotografen ohne die geringsten Anpassungsleistungen zu präsentieren – brutal, direkt, beinahe roh den Betrachter mit dem unmaskierten traurigen Ich konfrontierend –, genauso, wie er es in seinen Büchern tut.
Nur selten einmal ließ er sich mit seinem Hund abbilden, einem Welsh Corgi Pembroke, zärtlich das Gesicht in das weiche Fell des Tieres vergrabend – er pflegt ihn nicht unkokett seinen einzigen Freund zu nennen. Da zeigte sich plötzlich eine ganz andere Seite – eine versprengte, unbändige Sehnsucht nach zarten Gefühlen. Ein stummes Signal der tiefen Zerrissenheit dieses kompromisslosen, in wilden Depressionen an der Welt leidenden „poète maudit“.
Die Abgründe und Ambivalenzen, das Weh und das Sehnen, die Hoffnungslosigkeit und die Rebellion – all das findet man im neuen, seinem fünften Gedichtband wieder, Die Gestalt des letzten Ufers. In Paris, wohin der bis vor Kurzem aus dem Exil auf Lanzarote und Irland lebende Autor inzwischen zurückgekehrte, munkelt man bereits, dass dieses verschattete Werk zum Schwanengesang des Schriftstellers werden könnte. Immerhin hat sich der Autor damit literarisch wieder zu Wort gemeldet – manche vermuteten, dass er nach seinem vor drei Jahren erschienenen Roman Karte und Gebiet (2011) ganz verstummen könnte.
Darin entlarvt er mit provozierender Gleichmütigkeit die öden Selbstinszenierungen der Pariser Elite, dieser sich ständig gegenseitig selbst beweihräuchernden Gesellschaftsschicht – und mancher Kunstfreund, Banker, Politiker, Moderator, Journalist, Fernsehdirektor, mit oder ohne reicher Gattin oder glitzernder Geliebter, mag sich in Houellebecqs Porträts unangenehm wiedererkannt haben. Etwas braver als in seinen früheren Werken, aber immer noch deutlich genug persiflierte er anhand der Figur eines hochbezahlten Malers die Mechanismen der Pariser Hautevolee, in der Distinktionssignale wie Kleider, Möbel, frequentierte Restaurants sowie der Zugang zu den Medien über Aufstieg oder Absturz eines Künstlers entscheiden.
Entgegen den Usancen der traditionellen Hermeneutik hatte Michel Houellebecq schon immer die Differenz zwischen dem „Autor-Ich“ und dem „Erzähler-Ich“ schnöde in den Wind geschlagen. Er meine alles zutiefst autobiografisch, was er zu Papier bringe, kommentierte er bereits seinen Erstling Ausweitung der Kampfzone (1999), ein „antiliberales Manifest, in dem er auf dem Höhepunkt der sexuellen Befreiungswelle höhnisch mit den selbstbestimmten Beziehungsformen abrechnete, die nur noch durch die Gesetze des Marktes regiert würden.
Der auf der Insel La Réunion geborene Sohn eines 68er-Paares war nach der Trennung der Eltern schon als Sechsjähriger zu seiner Großmutter nach Frankreich abgeschoben worden, wo er aufwuchs. In Interviews ließ er keinen Zweifel, dass ihn mit den Eltern nichts verbinde. Den Vater fürchtete er; für die auf Hippie-Pfaden wandelnde Mutter hatte er nur Hass und Verachtung übrig. Im Roman Elementarteilchen schildert er das triste Leben zweier Brüder, die von der Mutter aus Gründen der Selbstbestimmung und ausgelebter Promiskuität verraten wurden.
Es ist kein Wunder, dass sein Debüt Ausweitung der Kampfzone zum Paukenschlag und international zu einem Erfolgsbuch wurde: Es prangerte unumwunden einen wunden Punkt im liberalisierten Gesellschaftssystem der Achtundsechziger an. Es war, gegen alle Zeichen der Zeit, ein Pamphlet gegen die erbarmungslose Herrschaft der Marktgesetze in der Beziehung zwischen Frau und Mann. Houellebecq bezeichnete Sex als ein zweites Differenzierungssystem, das mindestens so unbarmherzig funktioniere wie das des Geldes. Im liberalisierten Sexualsystem hätten einige Bevorzugte ein abwechslungsreiches Geschlechtsleben, weniger attraktive Menschen aber seien auf Einsamkeit und Masturbation angewiesen.
Der neue Gedichtband Die Gestalt des letzten Ufers wirkt wie eine Engführung all dieser Themen und Motive. Mehr programmatisch als wirklich inhaltlich, bündelt der Bewunderer von Mallarmé und Baudelaire seine Poeme in fünf Abteilungen: „Die graue Fläche“, „verlängertes Wochenende in Zone 6“, „Erinnerungen eines Schwanzes“, „Die Gefilde der Leere“ und „Plateau“. Was in den Romanen noch ausschweifend diskutiert wurde, schrumpft jetzt auf die verdichtete Essenz des aktuellen Ich-Gefühls zusammen. Atemlos stößt das lyrische Ich, das wir ruhig wieder mit dem houellebecqueschen Ich gleichsetzen können, sein Angewidertsein, seine Trostlosigkeit, seine Enttäuschung, seine verschütteten Träume und seine Ängste in komprimierten Versen heraus:

Ich habe kein Innenleben mehr,
Keine Leidenschaft, keine Wärme;
Bald bin ich nichts mehr als
Ein leerer räumlicher Körper.

Stets kommt der Moment, in dem man rationalisiert,
Stets kommt ein Morgen mit zerstörter Zukunft
Der Weg ist nichts mehr als eine graue Fläche
Ohne Reiz und ohne Freude, gemächlich demoliert.

Es ist ein Ich auf der Spur einer existenziellen Selbstbefragung, das zu wenig hoffnungsvollen Schlüssen kommt:

Wo das unverdorbene Spiel wiederfinden?
Wo und wie? Wie soll man leben?
Und wozu soll es gut sein, Bücher zu schreiben
In der achtlosen Wüste?

Die Schlangen kriechen unterm Sand
(Immer in Richtung Norden)
Nichts im Leben ist wiedergutzumachen,
Nichts bleibt übrig nach dem Tod.

Natürlich finden sich immer auch noch die alten Töne, etwa seine oft kritisierte Misogynie.

Die Männer wollen alle nur den Schwanz
gelutscht bekommen
So viele Stunden am Tag wie möglich,

Abgesehen davon interessieren sie sich für technische Probleme.

Ist das ausreichend klar?

Aber im Gegensatz zu den Romanen, deren laut aufheulender Rebellionssound den Leser gleichzeitig bestürzte und entzückte, ist in Houellebecqs Gedichten ein abgeklärtes, beinahe mildes, leises, aber umso anrührenderes Ich am Nachdenken über die letzten Fragen. Plötzlich entdeckt man unverstellt, was man schon immer vermutete: Unter der Maske des rücksichtslosen Provokateurs zeigt sich ein zartes, sehnsüchtiges, träumerisches lyrisches Ich, das niemals mit der totalen Abwesenheit reinster Gefühle und absichtsloser Zuwendung fertig wurde:

Durch den Tod des Reinsten
Wird jegliche Freude zunichtegemacht
Wie ausgeweidet ist die Brust,
Und das Auge sieht in allem nur Dunkles.

Es dauert einige Sekunden,
Eine Welt auszulöschen.

Die trostlose Melancholie, die unverhohlene Trauer über verpasstes, enttäuschtes, nie erlebtes oder entschwundenes Glück durchfurcht als tiefe Spur die neue Gedichtsammlung dieses wohl berühmtesten und kontroversesten französischen Schriftstellers. Sie liefert den Schlüssel, mit dem sich für den Neuleser quasi von rückwärts her auch Houellebecqs Prosawerk begreifen lässt: dieses Œuvre eines erbarmungslosen Zynikers und gnadenlosen Moralisten, eines unerschrockenen Anklägers und desillusionierten Sehnsüchtigen.

Pia Reinacher, Die Welt, 12.4.2014

Weltschmerz und Oralverkehr

– Die Endzeit-Poesie des Pornografen: Frankreichs Vorzeige-Provokateur Michel Houellebecq neigt in seinem neuen Lyrikband Gestalt des letzten Ufers bisweilen zur Pose. Banalität steht neben Radikalität. –

„Ich habe kein Innenleben mehr, / Keine Leidenschaft, keine Wärme“, schreibt Michel Houellebecq in seinem neuen Lyrikband. Das Buch, im letzten Jahr in Frankreich und jetzt auch bei uns erschienen, ist in fünf Kapitel unterteilt und trägt den melancholischen Titel Gestalt des letzten Ufers. In Frankreich wurde es überwiegend gefeiert. Es gab aber auch kritische Töne: Der Autor, Spezialist für Düsteres, der zuletzt vor 15 Jahren einen Lyrikband veröffentlichte, scheine sich hier selbst zu parodieren, hieß es.
Den notorischen Provokateur, den ewigen bösen Buben der französischen Literatur findet man in diesen Gedichten selten. Statt dessen schreibt da jemand, der im Weltschmerz aufgeht, der die ganze Klaviatur von Einsamkeit, Melancholie, Abschied und Tod beherrscht – es ist hier sicher erlaubt, das lyrische Ich und den Autor gleichzusetzen. Houellebecq, im Ausland vor allem als Romancier bekannt, protokolliert „die B-Seite des Daseins“, wie es in einem Gedicht heißt. Ein Buch wie ein langer Abschiedsbrief. Auch dem „Ennui“ im Sinne Baudelaires, dem Abscheu vor der Welt, begegnen wir immer wieder. Das Leiden gerät dabei fast zur Pose, wirkt stellenweise mehr behauptet als für den Leser sinnlich erfahrbar: „Und das Auge sieht in allem nur Dunkles“, heißt es etwa. Nur manchmal blitzt in dieser entzauberten Welt Zuversicht auf, die jedoch gleich wieder gedeckelt wird:

Eigentlich ist es ziemlich ärgerlich, festzustellen, dass ich immer noch imstande bin zu hoffen.

An einer anderen Stelle heißt es:

You’re approaching the end,
Alter ölverschmutzter Vogel.

Endzeit-Poesie. Houellebecq verschanzt sich nicht mehr hinter dem kühlen Zynismus, für den er bekannt ist, er liefert sich seinen Innenwelten aus und steht dabei kurz vor dem Abgrund. Mutig ist die Radikalität, mit der er sich selbst begegnet.
Zwischendurch vermittelt uns der Autor, der für seinen Roman Karte und Gebiet 2010 den Prix Goncourt bekam, ein bisschen Zivilisationskritik, wie wir es von ihm kennen. In dem Kapitel „erinnerungen eines schwanzes“ heißt es:

Die Männer wollen alle nur den Schwanz
gelutscht bekommen
So viele Stunden am Tag wie möglich
Von so vielen hübschen Mädchen wie möglich.

Nicht selten gleitet Houellebecq in Banalitäten ab. In diesen Momenten fehlt das Hintergründige, man vermisst Andeutungen und Leerstellen, Schwingungen der Sprache. Doch dann blitzen plötzlich Verse und Aphorismen auf, die einen größeren Resonanzraum haben, das klingt dann zum Beispiel so:

Die sich vor dem Tod fürchten, fürchten sich auch vor dem Leben.

Vorliebe für die Dichter des 19. Jahrhunderts
Stilistisch kommt dieser Band seltsam uneinheitlich daher. Da finden sich Aphorismen, umgangsprachliche Wendungen, englische Einsprengsel, Trivialitäten, Pornografisches. Daneben klassische Alexandriner, wie wir sie etwa von dem Dichter Stéphane Mallarmé kennen, den Houellebecq verehrt. Der Autor, der aus seiner Vorliebe für die Dichter des 19. Jahrhunderts (ebenso Baudelaire oder Verlaine) keinen Hehl macht, verweigert sich hier ganz bewusst der Modernität. Die Reime, die er verwendet, wirken stellenweise allerdings recht gezwungen. Immerhin entschuldigt er sich an einer Stelle in einem Klammer-Satz für einen nicht gelungenen Reim, zeigt sogar, was sonst gar nicht seine Sache ist, einen Funken Selbstironie:

(Das reimt sich nicht so gut, pardon).

Der bewusste Spagat zwischen Vergangenheit und Moderne könnte reizvoll sein, erscheint hier aber etwas künstlich.
Die überwiegend hervorragende Übersetzung von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel erleichtert den Zugang zu dem Band, der durchgängig zweisprachig ist. Glücklicherweise haben sie darauf verzichtet, auch im Deutschen Reime zu suchen. Was freilich den Charakter des Textes komplett verändert, die Übersetzung wirkt moderner als das Original. Ein Glücksfall ist übrigens auch die Gestaltung des Buches: schwarzer Grundton, durchbrochen von einer zarten türkisfarbenen Schrift. Wer in das Buch hineinschauen möchte, muss erst eine Verschlussklappe öffnen – ein bisschen Geheimnis darf sein.
Es gehört zur Tradition der Weltschmerz-Poesie, das eigene Schreiben als Rettung anzusehen. Schreiben schafft Kontinuität, stellt sich der Verzweiflung, dem Näherrücken von Alter und Tod entgegen. Das ist auch bei Michel Houellebecq nicht anders. In einem Gedicht heißt es:

Das Gefühl, es reißt mir die Eingeweide heraus, wenn ich aufhöre zu schreiben.

So ist der düstere Titel des Buches, der nach Schwanengesang klingt, dann vielleicht doch nicht wörtlich zu nehmen. Das Leiden geht weiter, aber das Schreiben auch.

Franziska Wolffheim, Der Spiegel, 30.4.2014

Michel Houellebecq sucht die Wurzel der Liebe

Es ist nicht sein erster Gedichtband, sondern sein fünfter. Aber Gestalt des letzten Ufers war der erste Band, nachdem der verlorene Sohn Michel Houellebecq vom irischen Exil ins französische Vaterland zurückgekehrt war. Also feierte die französische Presse ihn als einen Geläuterten. „Negation der Negation“ fasste die Zeitung Le Monde die neuen Gedichte zusammen, die Libération entlockte dem Misanthropen, der die zeitgenössische Lyrik „kläglich“ findet, eine Begeisterungsrede über die Poesie des 19. Jahrhunderts.
Nun haben es die poetischen Bekenntnisse eines Unzeitgemässen auch wieder auf den deutschsprachigen Markt geschafft. Aber die renommierten Übersetzer scheinen die Sache wenig ernst zu nehmen und geben sich mit manch unhaltbarer Sinngemässheit zufrieden. Prinzipiell verweigern sie zudem eine Nachbildung von Versmass sowie kreuz- oder paarweisem Reim. Sogar dort, wo englischsprachige Einsprengsel das Original zieren und sich „sex-friend“ auf „the end“ reimt, wird im Deutschen, um des konsequenten Nichtreims willen, aus „friend“ eine „Freundin“.
Wer sich die Banalität vieler Verse erklären will, sollte den Gedichtband deshalb unbedingt auf Französisch lesen. Nur durch den Reim erhellt sich so manche sinnsimple Wortwahl. Wer sich das erspart, hat allerdings nichts verpasst. Ausser einer Einsicht: Houellebecq ist auf dem besten Weg, seinen Weltekel zu überwinden – zumindest solange es nicht um „dicke“ und „hässliche“ Amerikanerinnen geht. Bedeutungsschwer hängt er ein paar „Büstenhalter der Leere“ auf und findet letztlich die „Wurzel der Liebe“. Das Ganze mit einer Klangharmonie wie von einem Sauna-Hintergrund-Soundtrack.

Astrid Kaminski, Basler Zeitung, 1.7.2014

Glück der Routine

Hatten seine Romane bisher den besonderen Biss der lakonisch knappen Beschreibung, wirken die Gedichte dieses Bandes durch den Nachklang einer fast schon sanftmütigen Hinnahme der Welt, wie sie ist. Vergangene Liebe, traurig wohlige Einsamkeit, im Alter gelinderte Anflüge geistiger Ungeduld gegenüber fremden Mitreisenden im Zug oder Flugzeug und der beständige innere Kampf gegen den hartnäckigen Hang zur Hoffnung sind einige Hauptthemen dieser rund hundert Gedichte. Gut ein Dutzend von ihnen ist seit dem Erscheinen des Bandes in Frankreich vor einem Jahr von Jean-Louis Aubert, dem Sänger der ehemaligen Rock-Gruppe Télléphone, auf einer CD schon vertont worden.
Für abgeklärte Altersweisheit ist Michel Houellebecq, obwohl inzwischen ein Mann von deutlich mehr als fünfzig Jahren, noch zu jung, ist das „letzte Ufer“ noch zu fern, sind die sarkastischen Skizzen von Menschen und Situationen noch zu virulent. Der Hang zum „festen und zyklischen Glück der Wiederholung“ eines alten Pfarrers beim Lesen der Sonntagsmesse oder zum Existieren in der reinen Wahrnehmung, „nur mit meinem Hündchen als Begleiter“, in der kurzen Wonne beim Warten aufs Einsteigen im Terminal Roissy 2D nach Alicante offenbart aber eine Bereitschaft zur Nachsicht gegenüber dem Aberwitz, den das Sein mit sich bringt. Im poetischen Ich ist diese Nachsicht schon weiter gediehen als im Erzählerblick von Houellebecqs Romanen.
Mit der schmuck- und reimlosen, originalnahen Übersetzung von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel bietet diese zweisprachige Ausgabe einen guten Zugang zu den meist kurzen und oft gereimten Gedichten, deren romantische Anwandlungen durch die spitze Selbstironie des Autors reizvoll zerzaust werden.

Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung, 5.6.2014

Das Leben als Champignon braucht viel Zeit

Wie bespricht man einen Gedichtband? Im Notfall, denke ich bei mir, kann ich das ausgefallene, wirklich gelungene, Design des Buches loben und mich so aus der Affäre einer Besprechung ziehen. Denn genau dieses hat mich auf den Gedichtband Gestalt des letzten Ufers von Michel Houellebecq neugierig gemacht. Dieser, immer wieder, Skandalautor ist mir als großer zeitgenössischer Autor Frankreichs wohl bekannt, gelesen habe ich ihn nur noch nicht. Durch die Verfilmung von Elementarteilchen, wenn nicht abgeschreckt, doch zumindest sensibilisiert, reagierte ich in Unwissenheit immer mit latenter Ablehnung auf das Œuvre. Doch gibt es in meinem näheren Bekanntenkreis zumindest zwei Freunde (u.a.), die mir immer wieder Houellebecq Lektüre ans Herz legen. Mit diesem Band schlage ich jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe: Gedichte sind kurz, ich habe danach einen Houellebecq gelesen und bei Missfallen oder falls ich nichts zu sagen weiß, kann ich den Kopf mit dem Designtrick aus der Rezensionsschlinge ziehen. Schnell gelesen, einfach rezensiert.
Was wie blauer Buchschnitt scheint, ist ein Teil des eingeklappten Klappentextes. Vom schwarzen Einband heben sich blaumetallisch Titel und Autor ab. Allein die Idee dieser Klappe schafft es mich bei jedem Öffnen des Buches zu begeistern. Eine scheinbar so einfache, verspielte Idee, die auf mich durchaus Eindruck zu machen weiß. Soviel nur zum Design, wir müssen über anderes reden
Die Sprache erscheint mir zunächst etwas holprig. Am denkbar Weitesten davon entfernt die französische Sprache zu sprechen, erkenne ich in der zweisprachigen Ausgabe doch, dass die Übertragung des Sprachflusses merklich Schwierigkeiten bereitet, kaum können auch die Reime Houellebecqs hinübergerettet werden, die Zeilen werden teilweise sehr sperrig. Die ersten Gedichte rauschen komplett an mir vorbei, ich könnte nach zwei Minuten nicht mehr sagen, was ich gerade noch las. Doch dann gleitet mein Blick immer wieder auf die linke, die französische, Seite und ich versuche ein wenig des Originals zu verstehen und gleiche dann mit der rechten, deutschen, Seite ab. Dann lese ich den Text laut, sicher sehr falsch vor, doch mein radegebrechtes1Et que je dorme un peu, wird von meiner Freundin aus dem Off tatsächlich als als Irgendwas mit ein bisschen schlafen erkannt. Ich muss aufstehen und mir Klebezettel besorgen.
Peu á peu, wie wir Franzosen sagen, klebe ich das Buch voll. Auf einmal kann ich in jedem noch so kurzen Vierzeiler eine Sentenz entdecken, die mich entzückt. Erst widert der Zyklus „mémoires d’une bite“ mich an. Denn auch wenn ich selbst dazu neige mich flappsig, teilweise sogar vulgär auszudrücken, kann ich mit Lyrik, die mich mit „Die Männer wollen alle nur den Schwanz2 // gelutscht bekommen“ vor den Kopf stößt nichts anfangen. Doch gerade die Gedichte dieses Kapitels finde ich inzwischen besonders gelungen. Ich war angewidert, jetzt bin ich begeistert. Häßliche Menschen mit kleinen Schweinsgesichtern im Supermarkt der Körper oder im Zug von Stuttgart nach Zürich. Das Apophthegma unserer heutigen Welt, der moderne Mensch (oder Mann?), respektive Westeuropäer in nuce: Einsamkeit, Angst vor dem Tod, Sex und die Suche nach einem Menschen, der uns versteht. Michel Houellebecq spielt mit der Form des Textes, zieht sprachlich und gestalterisch Zeilen in die Länge und erzeugt trotz geraffter Sprache viel größere Räume als sonst ein einzelner Satz vermag. Auf der nächsten Seite zerreißt er diese im Staccato wieder. Houellebecq fragt und klagt an, er zeigt Probleme auf und gibt doch zu, sie selbst nicht lösen zu können. Alle seine Gedichte bringen den Leser dazu darüber nachzudenken wie viel des Beschriebenen im eigenen Leben, in der eigenen Person zu finden ist.
Isolement – Abschottung erzeugt in nur vier kurzen Stophen genau dieses Gefühl, die acht Zeilen über einen Friedshofbesuch, nein allein die letzten vier, könnten mich, auf dem falschen Fuß erwischt, zum Weinen bringen. Unweigerlich schafft es dieser Sprachkünstler, dass man fröstelt und sich fürchtet. Nicht wie bei einem Horrorfilm oder einer Spukgeschichte, er rüttelt vielmehr an den Urängsten eines jeden, statt nur Possen zu spielen. Fast will man ihn sich zynisch lachend über das Schicksal der anderen vorstellen und sieht ihn dann doch ebenso hilflos diesem großen Nichts gegenüberstehen. Vielleicht will er uns sogar ein bisschen an die Hand, die Angst, nehmen. Kein Kitsch, knallharte Realität, die einem nie vorher so sehr ans Nervenkostüm ging.
Houellebecq schreibt in einem der Gedichte („Je m’excuse pour cette rime bien plate“). – (Das reimt sich nicht so gut, pardon). – diese Gedichte brauchen keine Reime und ich keine Exitstrategie um diesen Band zu besprechen: Genau so stelle ich mir moderne Lyrik vor! (In einem schönen Buch.) Selten haben mich Gedichte derart berührt.

54books, amazon.de, 21.3.2016

Pose

Tut mir leid, aber ich kann die Begeisterung für Houellebecqs Gedichtband nicht teilen. Die wunderschöne Aufmachung des Buchs täuscht m.E. über die Schwäche der Texte hinweg: Zu sehr ist alles Pose, vordergründig negativ und depressiv (aber nicht von der Tiefe und Qualität eines Beckett), natürlich auch provokativ (was letztlich nur noch Gähnen verursacht, zu oft und ausführlich hat er uns schon aus der Schwanzperspektive die Welt zu erklären versucht) und sehr oft abstrakt (oft werden Dinge bei ihm einfach nur behauptet, aber nicht in Wort und Text erfahrbar gemacht). Dem entgegen steht die auffallend konservative Textgestalt: Strophenform und Reime (auch unreine oder krampfige), die die Übersetzer zum Glück nicht übernommen haben (was aber natürlich die Gedichte stark verändert; wer des Französischen nicht mächtig ist, liest dann einen ganz anderen Houellebecq!).
Ich bin mir sicher: würden die Texte nicht von Houellebecq, sondern von einem weniger oder unbekannten Autor stammen, sie hätten den Weg nicht in ein Buch gefunden.

Christoph Janacs, amazon.de, 11.8.2014

Houellebecq und sein Tod

Ein Teil Frankreichs feiert ihn seit Jahren als den großen französischen Autor und Dichter unserer Zeit. Dennoch schaffte es der andere Teil ihn durch Anfeindung und harsche Kritik für Jahre zu vertreiben. Houellebecq lebte in Spanien, in Irland, schrieb weiter und die Schar seiner Bewunderer wuchs von Werk zu Werk, inzwischen auch weit über Frankreichs Grenzen hinaus, wo er mittlerweile wieder die meiste Zeit lebt.
Nach einer ungewöhnlich langen Reihe literarisch umjubelter wie inhaltlich umstrittener Werke, giert die Literaturszene, so scheint es, nach einem Versagen. Eine etwas unverständliche und mir konstruiert vorkommende Diskussion ist unter den Schöngeistern der Kulturnation im Gange: ob Houellebecq sich nun ausgeschrieben hätte, leer ist, alles verschrieben hat, was er zu verschreiben hatte. Der neue Gedicht-Band Gestalt des letzten Ufers nährt die Diskussion wie Öl das Feuer. Nicht, weil er das anscheinend ersehnte Versagen nun endlich geschehen läßt – nein, immer noch nicht, im Gegenteil – sondern weil die Gedichte dieses jüngsten Bandes ausschließlich das Altern, den Verfall und letztlich mal mehr, mal minder direkt den bevorstehenden Tod zum Thema haben. Die Diskussion treibt Blüten bis hin zu Mutmaßungen über ein mögliches baldiges Ableben Houellebecqs, sei es selbst verursacht oder aufgrund von Krankheit unvermeidlich. Du lieber Himmel! Houellebecq ist wahlweise 56 oder 58 Jahre alt (je nachdem ob man eher dem Biographen oder der Geburtsurkunde Glauben schenkt) und über den Tod geschrieben haben bereits weitaus Jüngere, ohne sich deshalb unverzüglich gleich selbst ans Sterben zu machen. Übrigens auch die durchschnittliche Lebenserwartung in Frankreich liegt inzwischen nahe bei 80 Jahren; also bitte, rechnet noch mit einigen Werken; vielleicht ja irgendwann auch wirklich mal mit einem nur mäßigen. Gestalt des letzten Ufers ist es jedenfalls noch nicht.
Die 80 kurzen Texte; im Buch im französischen Original und in der Übersetzung stets vis à vis; entfalten trotz des dunklen Themas keine zerdrückte Stimmung. Michel Houellebecq wird selbst von denen, die ihn gern inhaltlichen anfeinden, für seine Wortkraft bewundert. Keineswegs nur in den Roman, auch in seinen Gedichten neigt er nicht zu poetischem Geschwurbel mit unnötigem Wortlametta und Beiwerk als sprachhübsche Dekoration. Seine Formulierungen sind klar und eben doch ungewöhnlich. Er bedient sich keiner abgehobenen, besonderen Sprache und schafft doch Sätze, die einschlagen und unmittelbar beim Leser Assoziationen wecken. Nicht immer schöne.
Es empfiehlt sich unbedingt jedes Gedicht – auch jene, die sich einem sofort zu erschließen scheinen – mehrmals zu lesen. Sie werden größer, wenn man beim zweiten oder dritten mal den Rhythmus gefunden hat. An dieser Stelle ist ein Lob den Übersetzern, Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel, mindestens angebracht. Wie oft liest man Romane in einer Übersetzung, die in ihrer Muttersprache gerade ihrer Sprachlichkeit wegen gelobt werden, und fragt sich am eigenen Geschmack zweifelnd, was daran bloß so besonders sein soll. Dabei ist der eigene Geschmack wohlauf, nur die Übersetzung geriet zu technisch. Gedichte in eine andere Sprache zu heben, ist noch ungleich schwerer, selbst dann, wenn im ursprünglichen Text auf starre Reimschemen weitestgehend verzichtet wurde, die nicht auch noch versucht werden sollen herübergerettet zu werden und trotzdem ganz nah am Original zu bleiben. Die beiden Übersetzer haben ihre Arbeit mit Bravour verrichtet und ein Lesevergnügen ermöglicht.
Inhaltlich kann man sich von Houellebecqs neuen Gedichten begeistern und auch verletzen lassen. Man sollte aber den Humor, der zuweilen ungewöhnlich britisch ausfällt für einen Franzosen, nicht überlesen. Er kann umwerfend charmant und milde sein, aber auch geradezu boshaft wahr.

Christian Günther, amazon.de, 23.5.2014

Vom Scheitern ohne Drama

Es gibt, mitten in der Zeit,
Die Möglichkeit einer Insel.

Nach Karte und Gebiet ein neuer Houellebecq. Von der Prosa in die Lyrik und doch nicht ohne Lustekel im Blick auf die Welt und ihre Menschen. Er versteht es, den Nihilismus gegenüber allem so zu übertreiben, daß darin die Sehnsucht zum Vorschein kommt. Wieder Freude zu empfinden beim Anblick des Reinsten. Nicht durch den absurden Blick auf jedes Endliche die Welt auszulöschen. Wieder sind es Schein und Sein, die sich hier begegnen und vor allem ist es die Aufforderung, den Blick nicht auf das Scheitern allein zu legen, sondern auch zu bemerken, daß eine gewisse Freude mitten in der Nacht kostbar ist.
Die Gestalten des letzten Ufers sind grau, sie sind in Zone 6. Natürlich lesen wir Houellebecq nicht ohne seine Erinnerungen vulgärer Art auf das einfachste Glücksversprechen reduziert. Und dann bleibt die Leere im Zustand des Gebets und als Enthüllung für das zweite Geheimnis. Es scheint, als gelte alles dem letzten Moment, in dem Liebe möglich, volles Vertrauen notwendig ist.
An Houellebecq scheiden sich die Geister. Damit kann der Rezensent nicht empfehlen, wohl aber Mut machen, ihn zu lesen. Ein Einlassen in diese Gedichte ist eher möglich, wenn man dem Dunklen, der Nacht, dem Scheitern und allem Vergebenen Raum geben kann oder will. Um dann beim Hinabstieg in die dunkle Tiefe an dieser letzten Stufe der Leiter eine Wärme zu spüren für ein neues Leben.

Kpoac, amazon.de, 10.5.2014

Wieder ein grandioses Werk

Man sagt ja, dass mit einem erhöhten Alter den Menschen eine gewisse Einsicht eingehaucht wird und die zurückliegenden Lebensphasen kritisch reflektiert werden. Viele Dinge werden einerseits nicht mehr so verbissen gesehen. Aber andererseits schleicht sich doch bei vielen älteren Herrschaften eine recht mürrische Art ein. Nun geht es Autoren nicht viel anders und gerade bei den Vertreter der schreibenden Zunft, die sich auf die Gesellschaftskritik stürzten, erwartete man von Lebensjahr zu Lebensjahr ein Buch, das entweder den totalen Zerfall des Schriftstellers belegt oder das Gedankengerüst, welches mit den erfolgreichen Werken aufgebaut wurde, in einer kritischen und reflektierten Endversion erklärt.
Michel Houellebecqs literarische Leistung steht für mich außer Frage. Er hat in seinen Romanen sehr direkt und schonungslos beschrieben, wie unsere Gesellschaft und unsere Beziehungen zu einem großen Teil aussehen. Er hat bestehende Strukturen hinterfragt und den Finger immer wieder auf Wunden gelegt, von denen wir glaubten, dass sie nicht mehr schmerzen würden, wenn wir in eine andere Richtung schauen. Doch nach der Lektüre kehrte sich diese Haltung des Verdrängens und Ausblendes um. Man konnte nicht anders als immer hinzuschauen und zu beobachten. Wie bei einem Unfall, der erschreckend und faszinierend zugleich ist, betrachtete man Freunde und ihre Lebenswege, erörterte immer wieder die eigene Situation und blieb dann doch an dem Gedanken hängen, wie wohl wahre Lebensfreude und Glück in unserer heutigen Gesellschaft definiert werden können.
Da sich Houllebecq mit jedem Roman selbst übertraf, wurde gleichzeitig vor jeder Neuveröffentlichung der Abgesang des Autors prophezeit. Hatte er denn nicht schon alles seziert? War seine Wortwahl nicht schon drastisch genug? Und wird er nicht endlich einmal „erwachsen“? Diese Fragen stellten sich allerdings nur Menschen, die sich nicht mit dem litrarischen Anfang des Autors befasst hatten. Denn zum Romanschreiben kam er nur eher zufällig. Literarisch gesehen fühlt er sich in der lyrischen Welt sehr viel stärker verwurzelt. Und so verwundert es auch nicht, dass zwischen den Romanen immer wieder Gedichtbände veröffentlicht wurden.
Aus meiner Sicht dringt er in seinen Gedichten noch sehr viel tiefer in die menschliche Gefühlswelt vor, gibt aber auch augenscheinlich mehr von sich preis. Er vermischt häufig sehr analytische Texte mit simplen Beobachtungen, aus denen er Alltagsweisheiten ableitet. Diese führen dann wieder zu komplexen Überlegungen, die er mit wenigen Worten darstellt. Wenn man also wissen will, ob Houellebecq seine Ansichten mit dem Alter verändert hat, muss man sich seine Gedichte anschauen. Die Romane sollte man aber im Hinterkopf haben.
Dass der neue Gedichtband den Titel Gestalt des letzten Ufers trägt führt natürlich wieder zu den oben genannten Spekulationen und lässt vermuten, dass die Hochzeit des Autors dem Ende entgegen geht. Ich habe dies zunächst nicht stärker berücksichtigt. Schaut man sich jedoch neuere Filmaufnahmen an, die Michel Houellebecq zeigen und liest man die Gedichte sehr konzentriert, kann man leider den Eindruck gewinnen, dass es sich wirklich um eine Art Abschied handelt. Houellebecq hat immer über Krebs, den Freitod und das Alter geschrieben. Doch nie war der Eindruck von einem gewissen Verfall und einem Verabschieden so stark. Das bedeutet auf gar keinen Fall, dass die Gedichte keine literarische Kraft erzeugen! Nein, dies bezieht sich wirklich nur auf die Person und die dargestellten Gefühle. Die Kritik an der Liebe und an dem Umgang der Menschen miteinander ist noch immer da. Aber das Alter und die damit zusammenhängenden sexuellen Einschränkungen führen dazu, dass die literarischen Figuren noch stärker an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Der Wert einer Person wird tatsächlich noch stärker über die sexuelle Kraft bestimmt. Doch die biologischen Gegebenheiten sorgen für eine Reflexion des eigenen Handelns und ein Nachdenken über die Liebe. Man hat den Eindruck, dass man erst mit dem Alter und dem Ausschluss aus dem Kreis der sexuell aktiven Menschen überhaupt erkennt, was wahres Glück und wahre Liebe bedeuten. Gleichzeitig hat man aber generell einen gewissen Abstand zu der gerade aktivsten Generation und kann die Prioritäten noch einmal neu setzen. Man denkt ebenso über das eigene Ende nach und möchte nicht auch noch darüber die Macht verlieren.
Houellebecq fängt all diese Gedanken und Gefühle in wenigen Worten ein, die tief in das Bewusstsein des Lesers dringen. Teilweise hat man den Eindruck, dass hier jemand spricht, der schon am anderen Ufer steht und über eine Weisheit verfügt, die man nur erlangen kann, wenn man sein eigentliches Leben bereits hinter sich gelassen hat. Die Worte wirken noch viel länger nach als die Sätze der Romane. Schaut man sich zudem die französischen Originalzeilen an, die in dem Band von DuMont linksseitig abgedruckt sind, erfährt man nicht nur eine Berührung des Geistes, sondern auch eine Berührung des Herzens. Der Klang der Worte ist so wunderbar, dass man ihn ständig in den Ohren haben möchte. Französisch ist aus meiner Sicht schon eine Sprache, die eine wundervolle Melodie aufweist. Doch die Textstruktur verstärkt diese Wirkung noch. Sie entfaltet sich auch, wenn man die Worte nicht im Detail versteht.
Die Tiefe der Sprache wird durch einen gut gewählten Schriftsatz unterstützt. Seiten, die teilweise nur einen Satz aufweisen, verdeutlichen die Aussage der einzelnen Worte und sorgen für das konzentrierte Lesen.
Wenn dies wirklich das letzte Werk des Autors sein sollte, was ich nicht hoffe, dann hat er seinen Abschied grandios gestaltet. Er könnte würdevoll abtreten und im Gedächtnis vieler beeindruckter Leser zurückbleiben. Sollte aber noch ein Roman folgen, wird er hoffentlich auf den Gedanken dieser Gedichte beruhen.

CharO, amazon.de, 12.4.2014

Auf der B-Seite des Lebens

Ist über Fankreise hinaus eigentlich bekannt, dass Michel Houellebecq mindestens so sehr Lyriker wie Romancier ist? Preisgekrönte Romane wie Elementarteilchen oder Die Möglichkeit einer Insel lösten hitzige Debatten aus und machten den Franzosen zum Star, doch seine ersten Bücher waren Gedichtbände. Auch sie wurden mit namhaften Auszeichnungen bedacht.
Gestalt des letzten Ufers ist Houellebecqs fünfter Lyrikband – und sein düsterstes, gleichzeitig intimstes Buch. Die Romane greifen als negative Utopien mit Science-fiction-Elementen in die Zukunft, um der Gegenwart den Spiegel der in ihr angelegten unheilvollen Möglichkeiten vorzuhalten – ein legitimes literarisches Mittel, wobei die fiktionalen Elemente immer auch ein gewisses Flair des Unwirklichen, bloß Erdachten verströmen.
In seinem Gedichtband aber hat Houellebecq jedweder Fiktion und, anders als etwa noch in dem Band Die Welt als Supermarkt, gleich auch noch jeder gesellschaftlichen Reflexion entsagt. Hier geht es fast ausschließlich um ihn selbst: die eigene unstete, schüttere und streckenweise verzweifelte Existenz. Kennzeichnend für den Band ist eine an Selbstentblößung grenzende Offenheit. Wir erfahren Details aus seinem Leben bis hin zum Medikamentenkonsum, ja, bis zur Dosierung der Arzneien.
Wenn das Buch Bilder der Condition humaine zeichnet, so gebrochen durchs Prisma radikaler, geradezu bekenntnishafter Individualität. Jegliche Attitüde entfällt, lyrisches und biografisches Ich werden gleichsam deckungsgleich. Allenfalls ein Moment von Stilisierung ist im Spiel – in der wunderbar klaren, kunstvoll einfachen Sprache, was die vorzügliche Übersetzung von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel noch dadurch unterstreicht, dass sie auf den Reim der Gedichte verzichtet.
Die Stimmungslage der Gedichte ist: Moll; Kapitelüberschriften wie „Die Gefilde der Leere“ schlagen den Ton an. „Das Leben ist eine Grabstätte“, lesen wir, und spielt sich auf der „B-Seite des Daseins“ ab. „Ich bin im Begriff zu krepieren, das ist alles.“ Doch auch wenn die Welt „radikal schwarz“ ist – es gibt noch Entwicklung, Momente der Aufhellung auch, sogar des Einklangs des Ichs mit sich und der Welt. „Gegen elf Uhr habe ich einige Minuten des Einvernehmens mit der Natur erfahren“. Selbst Glück ist möglich. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Buches sind Liebesgedichte – Verse von wunderbarer Schlichtheit und Direktheit. Die Frau: ein „Glücksversprechen auf zwei Beinen“, „nicht-göttliche Wesenheit / Zärtlichkeitstier“.
Im Schlusskapitel, „plateau“ betitelt, ändert sich schließlich die Perspektive. Der schonungslosen Innenschau treten jetzt Beobachtungen der äußeren Welt, auch Reflexionen allgemeinerer Art zur Seite. Der Leser wertet dies hoffnungsfroh als Indiz dafür, dass der Autor, dass Michel Houellebecq ein Stück weit die innere Balance wieder gefunden hat.

fro, Saarbrücker Zeitung, 31.10.2014

Monsieur Michel macht ein Gedicht,

doch im Deutschen klingt es nicht

Das Werk von Michel Houellebecq ist im Grunde genommen ein einziges Abschiednehmen. Dieser Abschied – von der Jugend, vom Begehren, vom Leben, von der Gattung – fällt mitunter wütend, sarkastisch und zynisch, dann wieder melancholisch und gelassen aus. Ist wohl auch eine Frage des Alters. „Wir glauben heute, dass Michel Djerzinski ins Meer gegangen ist“ heißt es am Ende von Elementarteilchen über den introvertierten Molekularbiologen, den Houellebecq dorthin zurückschickt, woher der Mensch – evolutionsgeschichtlich betrachtet – hergekommen ist. 
Dass der soeben erschienene, exquisit und stimmig mit kobaltblauer Schmuckfarbe ausgestattete – das Pigment ist auch unter der Bezeichnung „Dumonts Blau“ bekannt – Gedichtband des Autors Gestalt des letzten Ufers heißt, passt also bestens. Das zur Abstraktion tendierende große Ab- und Leerräumen, das hier immer wieder inszeniert wird, erinnert ein wenig an Beckett („Wir bewegen uns aufs Endspiel zu“), aber so richtig einrichten mag es sich Houllebecq in dieser letzten Welt dann doch nicht.
Der Ennui der Ermattung zeitigt Ungeduld, spannt einen dunklen Prospekt auf, durch den freilich immer wieder nadelstichdünne Strahlen erinnerten Glücks fallen, ja sogar Epiphanien der Hoffnung blitzen: „Und die Liebe, in der alles leicht ist, / In der alles sofort gegeben wird. / Es gibt mitten in der Zeit, / Die Möglichkeit einer Insel“ spielt Houellebecq auf den Titel seines Science-Fiction-Romans Die Möglichkeit einer Insel (2005) an. Vor allem in dem Abschnitt „die gefilde der leere“ wendet sich das lyrische Ich einem – no na – weiblichen Du zu, das dauerhaft an sich zu binden es indes nicht hoffen darf.   
Glücklicherweise ist die Ausgabe zweisprachig, denn so kann auch der nicht des Französischen mächtige Leser den Verlust an Eleganz, Musikalität und Lakonie ermessen, der mit dieser rumpelnden Prosaübertragung einhergeht: „Jawohl, du wirst es sein / Meine tatsächliche Erscheinung / Ich werde in der Freude / Deiner nicht fiktiven Haut leben“ lautet im Original wie folgt:

Voilà, ce sera toi
Ma présence effective
Je serai dans la joie
De ta peau non fictive.

Klaus Nüchtern, Falter, Heft 22, 2014

Michel Houellebecq überrascht mit einem Lyrikband

Er rauche zu viel, daher fehle der Atem für längere Verse, sagt Michel Houellebecq. Dafür sind seine neuen Gedichte in Gestalt des letzten Ufers gereimt und schlicht. Vorzugsweise als Paar oder über Kreuz. Die Alexandriner reihen sich überraschend leichthändig, „pur“ reimt sich auf „obscur“, „secondes“ auf „monde“.
Nach seinen berühmten und verfilmten Romanen Ausweitung der Kampfzone oder Elementarteilchen ist der Franzose Michel Houellebecq zu seinen Anfängen zurückgekehrt. Mit Gedichten hat er begonnen, Gedichte schreibt er auch jetzt.
„Es braucht ein paar Sekunden / um eine Welt auszulöschen“ – so geht es los. Der Auftakt „Die graue Fläche“ gibt den Ton vor und die Perspektive, die man genauso aus seinen Romanen kennt. Es ist dieser mal nüchterne, mal aufgedrehte Sound der Provokation und der Proklamation, der grossen Geste und der kleinen Verhältnisse, die man bei ihm erwartet. Rebellion und Trauer waren immer in Houellebecqs Büchern. Antiliberal, antiislamisch, sexistisch, es war alles dabei.
War das immer ernst gemeint, oder alles Pose? Unklar ist es bis heute, und Houellebecq hat viel dafür getan, dass es so blieb. Die Gedichte verzichten auf den Skandal, auch das ist eine Überraschung. Aber die Trauer blieb. Die Tristesse ist jetzt überall: „Wir bewohnen die Leere“, notiert er, „die Trauer erobert die Ebene“. „Das ist die B-Seite des Daseins / Ohne Genuss und wirkliches Leiden.“
Notorisch düster ist die Linse, durch die Houellebecq auf die Welt blickt. In den Gedichten wie in den Interviews, die er aus ihrem Anlass gab. Und in den Fotos aus letzter Zeit: zerrüttete Züge, ausgezehrtes Gesicht, schüttere Haare. „Wo bin ich? / Wer sind Sie? / Was tue ich hier?“, fragt Houellebecq im Gedicht „Abschottung“.
Es gibt keine Antworten, aber die Erschütterung ist spürbar. Und die Ratlosigkeit, die viele Szenen bestimmt. Komödie wird da wenig gespielt, wie dort, wo ein Alligator in Florida drei österreichische Touristinnen gefressen hatte und Houllebecq daraus eine Slapstick-Szene formt. Hier wird etwas von Buster Keaton spürbar, der dem Rollenmodell des Dichters verwandt ist.
Ist das gelungen? Einfach ist es jedenfalls nicht. Houellebecqs Alexandriner sind die schöne Klammer für Horror und Slapstick. Sie stellen die Tradition, die mit Szenen des modernen Lebens gefüllt wird. Und mit Anspielungen auf literarische Vorbilder, wie Mallarmé und Baudelaire. Mallarmés berühmter „Würfelwurf“ ist da und der Anfang von T.S. Eliots The Waste Land.
Michel Houellebecq ist auch ein grosser Stilist. Das wird gern übersehen. Aber dass das Einfache nicht einfach ist und das Schwere einfach klingen soll, kann man auch bei ihm lesen. Übersetzt sind die Gedichte allerdings in Prosa, denn die Wirkung der französischen Reime lässt sich nicht ins Deutsche übertragen. Sie handeln von Sex und Tod, vom Verschwinden und der Abwesenheit, von der Leere und der Langeweile. Nur selten gibt Houellebecq noch den Menschenfeind. Fast wie ein Selbstzitat wirkt es, wenn er junge Frauen mal als „Glücksversprechen auf zwei Beinen / Voller Stolz auf ihre jungen Organe“ bezeichnet.
Der Rebell der Romane ist müde, man spürt es. Er ist mit sich selbst beschäftigt, mit „Existieren, erkennen“, wie es heisst und den Versen am Schluss:

Tannen sind für Schlangen da
Und Autobahnen für den Menschen.
Die Welt ist flach, endlos;
Ein Schwarm Kormorane steigt auf.

Das genügt.

Rainer Schaper, SRF, 22.5.2014

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Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Jochen Kienbaum: Gestalt des letzten Ufers – Lyrik von Michel Houellebecq
lustauflesen.de, 26.2.2015

Dirk Uwe Hansen: „Die Würfel sind erst halb gefallen“
signaturen-magazin.de

Michel Houellebecq: Gestalt des letzten Ufers
rollingstone.de, 9.7.2014

Sebastian Riemann: „Schwer und leer und doch schön“
belletristik-couch.de, September 2014

Daniela Strigl: Michel Houellebecq: Gestalt des letzten Ufers
lyrik-empfehlungen.de, 2015

Frau Pixel: Rezension: Gestalt des letzten Ufers
fraupixel.wordpress.com,

Emily Jeuckens: Houellebecq öffnet seine Schädeldecke
literaturkritik.de, August 2014

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor + Fanpage

 

Jean-Louis Aubert feat. Michel Houellebecq – „Isolement“.

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