Petr Borkovec: Fünfter November und andere Tage

Borkovec-Fünfter November und andere Tage

DÄMMERSTUNDE

Auf den höchsten Zweigen versickert das Licht,
das Gelb der Häuser gerinnt, die Ebene überzieht der Wind,
in Flammen der Turm, hoch oben eine Mandorla aus Gesang,
schwarzgrau,

der Garten klirrt, mit kantigen Mustern
umwickelt der Wind das schroffe Gelb,
die Thujenscharten schwanken,
nicht locker lassen bange Raubvogelstimmen.

Die sanfte Körperneigung, ein Wink,
das Antlitz, die Mundbewegung, ein Wink?
Aus den schrägen Scharten bricht Kälte hervor.
Ein stechender, leerer Strahlenkranz.

 

 

 

Editorische Notiz

Dieses Buch enthält eine autorisierte Auswahl aus den frühen Gedichtbänden von Petr Borkovec: Poustevna věštírna loutkárna (Eremitage Orakelstätte Puppenremise) 1991, Ochoz (Umgang) 1994 und Mezi oknem, stolem a postelí (Zwischen Fenster, Tisch und Bett) 1996.
29 der 39 hier versammelten Gedichte wurden auf Deutsch erstmals in den bibliophilen Drucken Ze tři knih – Aus drei Büchern (1995) und Přívoz – Überfuhr (1996) in der Buchwerkstatt Thanhäuser, Ottensheim an der Donau, veröffentlicht. Für die vorliegende Ausgabe wurden alle Übersetzungen nochmals durchgesehen und überarbeitet.

 

Ein Buch „über nichts“,

wie Flaubert es erträumte, „nur durch die innere Kraft des Stils zusammengehalten“? Fünfter November ist ein Buch über das Fast-Nichts von kleinen Bewegungen, Gängen und Handgriffen im privaten Raum – wie in dem Titel gebenden Gedicht, in dem fast nichts geschieht, als dass der Tag, die Ziffer, in Wort und Schrift übersetzt wird und dadurch sinnliche Gewissheit erlangt. Und doch tauchen wir mit jedem Gedicht in ein Kalendarium des Lichts und der Schatten, in Jahreszeiten, Gezeiten der Natur, Zeiten der Menschen. „Ich höre, wie es dauert.“
In Borkovec’ gestochen scharfer Wahrnehmung entfalten Dingwelt und Alltäglichkeit einen metaphysischen Zauber. Die Landschaft: Mittelböhmen. Der Dichter wittert Fährten, wie das Tier. „Wölfe dampfen zum Himmel. Deutliches / Jagdtreiben.“ Durch Naturbilder schimmern Palimpseste des Geworfen- wie des Aufgehobenseins. „Das Herz ist ein Auge.“
Fünfter November und andere Tage enthält eine autorisierte zweisprachige Auswahl aus den vor Feldarbeit entstandenen Gedichtbänden von Petr Borkovec: Gedichte in einem unverkennbaren, innovativen Ton, die auch im deutschsprachigen Raum begeistert aufgenommen wurden, bisher aber nur teilweise, in rasch vergriffenen bibliophilen Drucken der Buchwerkstatt Thanhäuser, zugänglich waren.

Edition Korrespondenzen, Ankündigung

 

Die Farben der Stimmgabel

– Trakl statt Traktoren: Der tschechische Lyriker Petr Borkovec. –

Die traditionelle Regel sagte, daß tschechische Lyriker, die Großstädte, Neonlichter und den Surrealismus bewunderten, immer links von der Mitte zu finden waren, und die anderen, auf den Dörfern des flachen Landes, gläubig und an der Scholle haftend, immer rechts. Petr Borkovec, der nach der „sanften Revolution“ 1989 zu publizieren begann, hält sich nicht mehr an diese traditionellen Einteilungen. Er kommt vom Lande her, ohne „Ruralist“ zu sein, und weiß seine imaginative Freiheit zu verteidigen.
Gewiß: Sein Bezirk, zumindest in seinen frühen Gedichten, ist das böhmische Dorf, sind Fluß und Garten mit Apfel und Thuja, Wild und Wolke, aber er drängt uns diese Welt nicht auf wie seine apologetischen Vorfahren, sondern hält sie uns geradezu ferne, selbst die „Dämmerstunde“ hat ihre Unwirtlichkeit, „der Garten klirrt, mit kantigen Mustern / umwickelt der Wind das schroffe Gelb… / aus den schrägen Scharten bricht Kälte hervor. / Ein stechender, leerer Strahlenkranz“, und wo der lyrische Spaziergänger noch auf neue Gedanken hoffte, trifft ihn die Monotonie eines Herbsttages, „die Eingebung / die du tagsüber auf durchnäßten Feldern / verspürtest – das braune, fleißige Licht –, / ist weg. Fensterscheiben, Tisch und Bett. / Mehr nicht, nichts Anvertrautes, abermals Regen“.
Petr Borkovec ist kein lockerer Rhetoriker oder Wortverschwender, eher ein Lyriker der gedrängten Prägnanz. Er artikuliert lakonisch und fast wider Willen und beginnt das einzelne Gedicht oft, unterhalb des eigentlichen Titels, mit einem einzigen Satz oder einem Wort, das die Tonart oder Schwingungszahl des Ganzen definiert und begrenzt, eine Art Stimmgabel-Effekt – „von den Hochständen kommt Schnee“, „Wölfe dampfen zum Himmel“, oder noch einfacher:

Ocker die Kirche

Er sieht seine Dorfwelt, in welcher die arbeitenden Bauern und ihre Traktoren schon wieder programmatisch fehlen, wie hinter einer geschliffenen Glasscheibe, hinter der Häuser, Türme und Bäume allein und fremd zum Himmel ragen. Er geht auf Distanz; „verliere dich an eine Landschaft, und schon ist sie dir verloren“, sagte er in einem Interview.
Die vorliegende Publikation Fünfter November und andere Tage hat allerdings gar nicht die Absicht, die neuere oder ganze Entwicklung ihres Autors vorzustellen, und versteht sich, wie die editorische Notiz verrät, als Anthologie aus drei frühen Gedichtbänden (1991 bis 1996), um die Aufmerksamkeit auf jene Lyrik zu lenken, in welcher er auf die Erfahrung seiner mittelböhmischen Heimat antwortete. Die Publikationsgeschichte ist einigermaßen kompliziert, denn die Mehrzahl dieser frühen Gedichte wurde schon in bibliophilen Drucken der Thanhäuser Buchwerkstatt (einer erprobten Freundin tschechischer Lyrik) publiziert, ehe sie, „nochmals durchgesehen und überarbeitet“, in der neuen Edition erschien.
Nichts wäre also abwegiger, als den sechsunddreißigjährigen Borkovec als Poeten zu klassifizieren, der sich dem Schatten seines Dorfkirchturms nicht zu entziehen vermag. Das ist eine poetische Rolle, die er gerne auf sich nahm; er ist zwar im kleinen Lounovice geboren, hat aber in Prag das Gymnasium absolviert, an der Karlsuniversität studiert und mehr als ein Jahrzehnt als Kulturredakteur, auch an einer christlichen Zeitschrift gearbeitet, ehe er sich in Cernosice, einem desolaten Prager Villenvorort (wie er selbst sagt), niederließ, um sich auf seine selbständige literarische Arbeit und seine Übersetzungen, vor allem aus dem Russischen und dem antiken Griechisch, zu konzentrieren.
Er selbst hat sich dazu bekannt, in seinen frühesten Versen den südmährischen Poeten Jan Skácel nachgeahmt zu haben, aber er fügt auch hinzu, wie wesentlich für ihn die deutschen Expressionisten waren, vor allem Trakl, Heym oder auch der Maler Schmidt-Rottluff. Das intensiviert die Farben seiner Landschaftsbilder, anstatt sie zu mildern, in der Nacht „fließt Tusche vom Turm“, selbst bei einem Begräbnis setzt „Musik ein, orangen, satt“, und ein Weg „schleppt sich fleckig braun, wie trunken / zum Horizont“. Deutlich wird die Erinnerung an Trakl gerade im deutschen Wortlaut, „Befremden auf einem nahen / Gesicht, ein Schatten. Kerzen auf den Gräbern, / vorbei am Mauerschimmel… führt der Zug des verstummten Wildes, / schon nächtliche, niedrige Stuben“.
Wir sind also gut darauf vorbereitet, die Arbeiten des späteren Borkovec zu lesen, etwa seine Sammlung Feldarbeit (2001) oder sein Nadelbuch (2004), beide auch schon (im selben Verlag) ins Deutsche übersetzt, und es wäre hoch an der Zeit, auch jene anderen, noch späteren Gedichte und Prosaskizzen zu publizieren, die aus Dresden, wo er Lyrikvorlesungen hielt, und Berlin, wo er ein Jahr lang als Gast des DAAD zu finden war. Es ist zu hoffen, daß Christa Rothmeier ihn zu übersetzen fortfährt. Er hat Glück, denn sie läßt sich von seiner Handhabung des komplizierten tschechischen Verbsystems und seinen zuzeiten so raren Worten durchaus nicht abschrecken und findet immer das wunderbarste Äquivalent.

Peter Demetz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.6.2006

Gutenbergs Welt

Über den tschechischen Dichter Petr Borkovec sagt seine Übersetzerin:

Rothmeier: Er misstraut eigentlich den Worten.

Kann ein Dichter unter solchen Voraussetzungen überhaupt schreiben? Denn immerhin bildet das Wort sein Werkzeug. Es ist das einzige Transportmittel, das er benutzt, um zum Leser überzusetzen. Die Antwort ist klar: Petr Borkovec kann unter diesen Voraussetzungen schreiben, und sogar sehr gut. Denn sein Misstrauen gegenüber der Sprache verpflichtet ihn zur Genauigkeit, zur Sensibilität und nicht zuletzt auch zur Präzision im Umgang mit den Worten.
Davon überzeuge man sich selbst, denn von Borkovec, Jahrgang 1970, ist soeben – noch ganz druckfrisch – der Gedichtband Fünfter November und andere Tage ausgeliefert worden. Übersetzt hat die Gedichte Christa Rothmeier, von der auch das Zitat stammt, und herausgegeben hat das Buch die Wiener Edition Korrespondenzen, die zuvor auch die beiden anderen Gedichtbände von Borkovec – Feldarbeit und Nadelbuch verlegte.
Man sagt über die Lyrik des jungen tschechischen Autors, sie wirke wie aus der Zeit gefallen, weil sie sich nur ihrer eigenen, inneren Zeit verpflichtet fühlt. „Ich höre, wie es dauert.“, schreibt Borkovec. In seinen Gedichten geschehe nichts, und damit habe das Maßlose Platz zum Entfalten.
Der jüngste Gedichtband enthält frühe Lyrik, ist also chronologisch sogar noch ein Vorläufer der bereits in der Edition Korrespondenzen erschienenen Gedichtbände. Der eine von ihnen, Feldarbeit, umfasst eine Art poetisches Tagebuch aus der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre. Der Titel beschreibt sehr anschaulich die feldforschende, selbst noch das unwesentlichste Detail registrierende Dichtung von Borkovec. In diesem Buch dokumentiert er „eine privat bewegte Umbruchszeit und vermittelt Stimmungen aus einem nicht-touristischen, unmagischen Prag: dem Prag der Peripherie, den anonymen Plattenbausiedlungen und dem desolaten Villenvorort Černošice, in dem er wohnt“. So beschreibt es der Verlag. Auf einer externen CD kann man den Autor mit Gedichten aus diesem Band hören, deutsch gesprochen von Otto Sander.

Borkovec:

Přístĕnek
Neznámá místnost. Tady jsem nikdy
s nikým nemluvil. Jazyk přístěnku slýchal jsem v jiných pokojích. Mlčky tu rostly barvy. Jejich listy
žloutly, padaly na lino. Tak čas, tmavohnědý, dlouho trpěl prostor. Jako moře trpí pláž …

Petr Borkovec: „Fünfter November“, Edition Korrespondenzen

Sander:

Der Alkoven
Ein unbekanntes Gemach. Ich sprach hier nie
mit jemandem. Die Sprache des Alkoven vernahm ich nur in andern Zimmern. Stumm wuchsen hier die Farben. Gelb geworden
fielen ihre Blätter auf den Linoleumboden. So hat die dunkelbraune Zeit lange den Raum geduldet. So wie das Meer den Strand erduldet…

Der neue Gedichtband von Petr Borkovec – Fünfter November und andere Tage – ist nach einem ähnlich tagebuchartigem Prinzip geschrieben. Er notiert das „Fast-Nichts von kleinen Bewegungen, Gängen und Handgriffen im privaten Raum“ – ursprünglich angesiedelt in der mittelböhmischen Landschaft – der sich aber zum eigenständigen und nahen Ort für jeden Leser verwandelt. Der Band enthält schweifende, mäandernde Beobachtungen, die sich in einer „Serie von Reflexen“ zu Gedichten aufbauen.

Rothmeier: Ich habe manchmal das Gefühl, dass er die absolute Balance sucht und Freiräume, die garnicht mehr zu beschreiben sind, und ich denke, das gelingt ihm auch, das auszudrücken. …
Da kann eigentlich nur dieser eigenartige, zurückhaltende, seltsame Mensch Borkovec dahinterstehen, der so unkompliziert wirkt, aber eigentlich einen sehr sensiblen, differenzierten Zugang zur Wirklichkeit hat und auch keinen anderen sucht.

Dieser aufmerksame und verfeinerte Blick, der die Gedichte entstehen lässt, verlangt eine ebenso anschauliche wie gründliche Übersetzung. Christa Rothmeier über ihre Zusammenarbeit:

Rothmeier: „Ich gehe jedes Gedicht genau mit ihm durch, von Zeile zu Zeile, ich frag dann, was hast du da gefühlt, was hast du da gesehen. Ich möchte mir über jedes Detail im klaren sein. Und das geht so weit, dass er mir… sogar Zeichnungen anfertigt. Ich habe Manuskripte, in die er hineingezeichnet hat. Er zeichnet mir ganz einfach halt etwas auf, wie er was gesehen hat. Zum Beispiel, wie eine Kiefer sich wiegt, oder wie ein Baum aufklappt. Das kann man sich oft nicht so ganz leicht vorstellen. Oder die Haltung eines Eichhörnchens… Aber er sagt selbst, dass er…, ,na ja, ich bin schon sehr schwer verständlich, auch für die Tschechen‘… (lacht)“

Petr Borkovec arbeitet selbst als Übersetzer, so übertrug er aus dem Russischen unter anderem Gedichte von Vladimir Nabokov und Josef Brodsky ins Tschechische. Beide Dichter beeinflussten seine Lyrik, wie er in einem Gespräch während seines DAAD-Aufenthaltes in Berlin sagte.

Borkovec: „Ich habe meine übersetzerische Arbeit immer als direkten Bestandteil meiner eigenen dichterischen Arbeit betrachtet, ich habe mich nie gegen diesen Einfluss gewehrt. Es ist leicht, sich im banalen Sinn von einer Übersetzung beeinflussen zu lassen. Aber an einem wahren Einfluss muss man richtig arbeiten, also an einem guten Einfluss..“

Die Bücher dieses jungen Mannes aus Prag, Petr Borkovec, von dem es heißt, er sei ein „Dichter von stiller Perfektion“, sollte man unbedingt im Auge behalten.

Guido Graf, WDR, November 2005

Ruhig, distanziert, unaufgeregt

Fünfter November und andere Tage von Petr Borkovec ist eine Auswahl von Gedichten, die in den Jahren 1990–1997 entstanden sind. Der prägnante Tonfall dieser Lyrik ist ruhig, oft distanziert, und diese stille Unaufgeregtheit gibt den Gedichten oft einen meditativen, impressiven Charakter.
Seinen ersten Gedichtband Ausbreitung ins Stille hat Petr Borkovec schon 1990 als 20-Jähriger veröffentlicht. Trotzdem enthält schon dieser Band dichterisch ausgereifte Gedichte, die vor allem Naturmotive und christliche Tradition erkennen lassen. Es folgten in den 90er Jahren vier weitere Gedichtbände, die von der tschechischen Kritik einhellig gefeiert wurden. Seit dem 3. Band Umgang (1994), für den er den Jiri-Orten-Preis (renommiertester tschechischer Dichter-Preis) bekommen hat, sind aber auch experimentelle und expressive Züge zu beobachten. Wie kein anderer seiner Generation beherrscht Borkovec die klassischen, tradierten dichterischen Mittel, schreibt ebenso souverän Sonette wie auch im freien Vers oder prosa-ähnliche Mini-Geschichten, die durch Rhythmus und Syntax ihre dichterische Qualität erhalten.
Der prägnante Tonfall dieser Lyrik ist ruhig, oft distanziert, und diese stille Unaufgeregtheit gibt den Gedichten oft einen meditativen, impressiven Charakter. Die Ruhe erlaubt einen genauen, präzisen, manchmal seziererischen Blick auf die Dinge, die uns umgeben. Es entstehen fast schon fotographische Momentaufnahmen von Interieurs, von Landschaften, wiederkehrenden Zyklen der Natur oder menschlichen Begegnungen. Was beschrieben wird, ist unspektakulär: Alltagsrealien, ein Gespräch zwischen Dorfbewohnern, ein Brief, ein Ausflug zum Baden an den Fluss.
Dank des nach innen orientierten Tones bekommen sowohl banale Dinge wie ein Fenster oder ein Schrank sowie alltägliche wiederkehrende Handlungen einen metaphysischen Charakter – etwas wie ein Innenleben der Dinge kommt dabei ins Schwingen, wird zu einer Chiffre für innere Befindlichkeiten und Atmosphäre. Sei es die Stimmung von Unbehaustheit und Fremdheit z.B. im Gedicht: „5.VI“:

Nachtstunde
So festes Schwarz, daß es trägt
Tusche fließt vom Turm/ein erstickter Laut
Ein Vogel glitt aus
auf dem dunklen Nass. Der Rahmen umklammert ein Fenster
irgendwo
wohin man nicht mehr kann

oder sei es die Lakonie und Zuversicht in die umgebende Welt. Gerade die zyklische Wiederkehr von Naturerscheinungen und Jahreszeiten scheint eine Art Seelenanker für den Dichter zu sein. Wie schon der Titel des neuen Bands Fünfter November und andere Tage andeutet, tragen viele der ausgewählten Gedichte zeitgebundene Titel: „Dezember, in der Dämmerung“ , „Allerheiligen“ „Advent“, „8. Februar“ oder auch „Zum Abendessen“, was den Gedichten auch etwas skizzenhaftes, tagebuch- oder notizbuchartiges gibt. Doch gleichzeitig sind sie so genau und so ausgefeilt komponiert, und vor allem im tschechischen Original so musikalisch und eindringlich klingend, dass man von wahrhaft großer Dichtung sprechen kann.

Olga Hochweis, Deutschlandradio, November 2005

Von Thujen und Tagen

Die Thuja, der Lebensbaum, ist oftmals auf Friedhöfen heimisch. Sie ist scheinbar unausrottbar, bewächst die Landschaft und die Texte von Petr Borkovec. „Wie Lanzen in die Höhe ragen Thujen. / Säure im Mund. Das Verrecken einer Säge“. Immergrün an jedem dieser Tage, Monate, Jahre, die den Texten Daten aber keine chronologische Ordnung geben. Der Kalender wird außer Kraft gesetzt, die Temperaturen geraten durcheinander, aber nicht um etwas Hybrides zu erzeugen, sondern um sie zu filtern, sie hin und her zu kippen wie auf einem Tablett. „Nichts ist, nur diese Neige […]. Ich bin da und bin nicht, bin und bin auch nicht“. Es ist ein Verfahren zur Erzeugung einer Essenz. Den Dingen auf den Grund, dem Kern im Pudel spürt Borkovec nach. Zeit, die sich materialisiert in „Tisch, Fenster, Ofen – zum schwarzen Bett“. Der Ort jedoch schmilzt zusammen auf einen Punkt, auf das Spiel der Punkte aus Kirchturm und Baumkrone. „Ocker die Kirche. Thujenspitzen“. Eine genau beobachtete Landschaft, eine angehaltene Zeit, eine Welt wie ein einziges Dorf – vermessen wäre, ins nächste Dorf zu reisen ohne Furcht (Kafka) – wie ein Blick aus einem einzigen Fenster auf dieses Dorf. Im Deutschen heißt es böhmische Dörfer, wenn man in Begriffen spricht, die unvertraut sind, im Tschechischen sind es die spanischen.
Petr Borkovec wurde 1970 geboren und hat seit 1990 sieben Gedichtbände veröffentlicht. Spätestens seitdem er, fünfundzwanzigjährig, den renommierten Jirí-Orten-Preis erhalten hat, gilt er als wichtigster Lyriker der jungen Generation Tschechiens. Davon zeugen nicht zuletzt die mittlerweile drei übersetzten Gedichtbände, die in der Edition Korrespondenzen erschienen sind. Der vorliegende präsentiert eine Auswahl früher Gedichte.

Adrian Kasnitz, booksports.de, Mai 2006

„Natur; geh! dichte!“

Der tschechische Lyriker Petr Borkovec, geboren 1970, ist zwar erst seit sechzehn Jahren auf den Tag genau seit seinem 20. Geburtstag – ein gestandener Autor, hat inzwischen aber bereits acht Gedichtbücher, einen Prosaband sowie einen Reader zur Poetik vorgelegt, dazu zahlreiche Übersetzungen aus zahlreichen Sprachen, vorab aus dem Russischen. Kaum ein deutscher Autor seines Alters hat so viele internationale Auszeichnungen entgegennehmen können, kaum einer ist so oft und so positiv besprochen, kaum einer so umfänglich übersetzt worden wie er. Allein in deutscher Sprache sind sieben Einzelbände greifbar, und mit Fug kann gesagt werden, dass Borkovec bereits heute zu den meistpublizierten, mithin erfolgreichsten Gedichtschreibern Mitteleuropas gehört.
Einen wesentlichen Anteil an diesem Erfolg hat die Übersetzerin Christa Rothmeier, die den Autor seit dessen Anfängen begleitet und ihm durch hingebungsvolle Vermittlungsarbeit in den deutschsprachigen Ländern zu eigener Statur und Stimme verholfen hat. Nicht anders als Ajgi, Brodsky oder Inger Christensen ist auch Borkovec auf dem Umweg über die Rezeption im Ausland – und keineswegs durch seine Originaltexte – bemerkenswert rasch vom Geheimtipp zum Shootingstar geworden. Auch in seinem Fall darf man sich fragen, ob und inwieweit der Erfolg des Autors ihm selbst oder seinen rührigen Vermittlern zuzuschreiben sei, eine Frage, die bei einem Lyriker (bedenkt man die übersetzerischen Schwierigkeiten und Besonderheiten) naturgemäss weit relevanter ist als bei einem Prosaautor. Dazu kommt, dass Borkovec zur deutschen Literatur keinen erkennbaren Bezug hat und damit auch nicht durch hierzulande vertraute Autoren assimiliert werden kann.
Gleich drei Bücher von Petr Borkovec sind neuerdings auf Deutsch erschienen, zwei davon wurden direkt aus den noch ungedruckten Originalskripten übersetzt und können mithin als Erstausgaben gelten. Es handelt sich zum einen um eine Gedichtauswahl aus den Jahren 1990 bis 1996, die erstmals Einblick in Borkovecs Frühwerk gibt, dessen Entstehung mit der grossen Wende in Osteuropa zusammenfällt, von politischen Realien aber völlig unberührt geblieben ist und sich im Wesentlichen – stark von Jan Skácel, noch stärker von František Halas beeinflusst – auf provinzielle und familiäre Motive beschränkt (Wald, Feld, Weg, Haus, Hof, Garten), auf die Vergegenwärtigung von Tages- und Jahreszeiten (bevorzugt Abend und Herbst), auf ephemere, aber scharf sich einprägende Wahrnehmungen (deshalb die Häufigkeit von Wörtern wie Fenster, Augen, Blick, Hand).
Das Hauptinteresse gilt der ländlichen Natur, die als Kulisse eingesetzt wird für anekdotische Szenen (eine Schwangere wäscht sich im Freien die Scham), für mythologische Reminiszenzen (Akazien – Gorgonenhäupter, „Aug in Aug dem Himmel hingehalten“) und, vor allem andern, für Stimmungsbilder, die allesamt genau dem entsprechen, was man sich gemeinhin unter „lyrisch“ und „rural“ vorstellt: „Fleckig braun schleppt sich ein Weg wie trunken / zum Horizont…“ – „Schlaff hängt der Horizont / von den ausgehungerten Stangen der Wege.“ „Ein rotes Fuhrwerk, unter den Hufen Blau, / golden schimmern die Zügel.“ Schön und gut, aber des Lyrischen tut Borkovec allzu oft entschieden zu viel, und allzu oft kippt der Überschwang der Imagination ins Kitschige: „Wie lieb er ist in den Palmkätzchen, / der Gekreuzigte.“ Oder auch ins geheimnislos Unverständliche:

In den schwarzen Johannisbeeren
ragt der Geruch von Ziegen ins Kreuz
und vom Gesicht zu den Füssen jagt der Wind
Lachen gerinnenden Bluts.

Wie hat man sich das Phänomen vorzustellen – den ins Kreuz ragenden Ziegengeruch? Den Wind, der Blutlachen vom Gesicht zu den Füssen jagt? Und wen soll man danach fragen: Den Autor? Die Übersetzerin?
Doch nebst all den angestrengten naturlyrischen Metaphernbildungen finden sich bei Borkovec vereinzelt auch Strophen und Verse von bezwingender Schlichtheit, Gedichte, die vergessen lassen, was der höchst versierte Autor alles gelesen und sich anverwandelt hat; Verse wie diese – sie haben, ganz einfach und vordergründig, die Neigung einer Handschrift zum Gegenstand:

Nichts ist, nur diese Neige,
die Neige der Sekunden, der Stunde und des Jahrs,
versunken in den Blutfluss
einer Frau, die will und nicht will.

Doch sind es keineswegs solche Strophen, die Borkovec von der Kritik wie vom Publikum gutgeschrieben werden; es sind vielmehr jene weit zahlreicheren Texte, die mit ihrer vermeintlich kühnen, in Wirklichkeit konventionellen Bildhaftigkeit bei erstem Hinsehen vielleicht beeindrucken, aber einem zweiten, kritischeren Blick (auf die Übersetzung wie aufs Original) nur selten standhalten können. Zumindest ein Beispiel dafür, wie Borkovec üblicherweise mit dem Naturgedicht – mit der Natur im Gedicht – verfährt, sei an dieser Stelle angeführt:

  1. II. 

Über dern dicken Strich des Waldes in der Ferne
steigt der Punkt eines Raubvogels auf, höher als sonst.
Auf die Fläche der Felder sinkt die Dämmerung,
fester umklammert der Wanderer seinen Stock. 

Strich, Punkt, Fläche, das schwere Kopfoval,
zwischen den Schultern hin und her geworfen.
Der Wanderer öffnet die Faust, stellt behutsam den Stock ab –
angelangt beim Paradies. 

Im tschechischen Original sind die beiden Strophen, anders als in der vorliegenden deutschen Fassung, locker gereimt (a::b::a::c); dass die Verse durchschnittlich nur etwa halb so lang sind wie in der Übersetzung, hat nicht nur mit der Grosszügigkeit Christa Rothmeiers zu tun, sondern auch und vor allem damit, dass Borkovec – hier wie anderswo – zu inflationärem Gebrauch von Genetivattributen neigt, was sich im Tschechischen, das beim Substantivgebrauch ohne Artikel auskommt, weit weniger auf die Wortanzahl auswirkt als im Deutschen: „dem Strich des Waldes“, „der Punkt eines Raubvogels“, „die Fläche der Felder“ usf. Nur dort, wo im Original dann auch noch vom „schweren Oval des Kopfes“ die Rede ist, erlaubt sich die Übersetzerin eine Verknappung, indem sie das Genetivobjekt mit dem Subjekt zu „das schwere Kopfoval“ kontaminiert.
Das insgesamt korrekt verdeutschte Gedicht bietet manche Versatzstücke auf, die bei Borkovec häufig wiederkehren (Wald, Feld, Ferne, Raubvogel) und die hier, wie auf einem Open-air-Gemälde oder in einem christlichen Kinderbuch, für einen Wanderer, vielleicht einen Pilger, vielleicht auch einen Verstorbenen unterwegs zum „Paradies“ die landschaftliche Kulisse bilden. Der Waldsaum erscheint als Strich, der Vogel als Punkt, das Feld als Fläche. Offenkundiges, das sich kurz benennen liesse, wird umständlich ausformuliert, ohne dass dafür eine sachliche oder gar poetische Notwendigkeit erkennbar wäre: „Strich des Waldes in der Ferne“, „auf die Fläche der Felder sinkt die Dämmerung“, „das schwere Kopfoval, / zwischen den Schultern hin und her geworfen“ (wörtlich: sich wälzend). Ebenso exakt und ohne jeden Verlust könnte auch, mit weniger Aufwand, vom dichten Waldsaum, von den flachen Feldern, vom ovalen Kopf gesprochen werden.
Aber Borkovec mag es rhetorischer, für ihn ist die Sprache der Dichtung ein ständig zwischen Erhabenheit und schriller Expressivität schwankendes Idiom, das sich möglichst klar von der Alltagsrede abheben soll. Und dafür mobilisiert er in allzu dichter Folge starke Metaphern und Vergleiche, die aber kaum je einsichtig werden und oftmals unerwünschte Assoziationen hervorrufen:

– Von den Hochständen (sic) kommt Schnee, 
kost’ ihn, 
auf dem Hof schlägt ein Hahn mit den Flügeln 
sich selbst das Blut…

Mit den Hochständen sind wohl Hochsitze (für Jäger) gemeint, aber wie und wozu ein Hahn sich selbst das Blut schlagen soll, bleibt unerfindlich und kann auch als bewusst unklares poetisches Bild nicht von Interesse sein. Wörtlich meint das Original: ein Hahn rauft sich mit den (eigenen) Flügeln (die Federn aus dem Leib), bis das Blut kommt. Die Übersetzung vermag diesen Vorgang ebenso wenig anschaulich zu machen wie das Eingangsbild, das nicht Schneefall zeigt („kommt Schnee“), sondern lediglich besagt, dass von jenen Hochsitzen Schnee herabrutscht, herabgleitet.
Zurück nun zum Autor. Auch wenn der noch junge Borkovec sein Schaffen bereits in ein Früh- und ein Spätwerk aufteilen kann, ist schwerlich zu übersehen, dass er heute kaum anders denn in seinen Anfängen schreibt. Die jüngst erschienenen Notate und Gedichte aus dem Jahr 2004/2005, das er als Stipendiat in Berlin verbracht hat, machen deutlich, wie sehr dieser Autor seit seinem frühen Début sich treu geblieben ist (man könnte auch sagen: wie wenig er sich gewandelt hat). Mag sein, dass auch dies ein Garant für literarischen Erfolg ist. Die Grossstadt hat Borkovecs Einbildungskraft nicht merklich erweitert. Das Kreatürliche Flora, Fauna, Kinderwelt – zieht ihn auch hier hinan, Gärten, Alleebäume, Brunnen, fliessende Gewässer, Aquarien, der Zoo. „Schliesslich kann er, sofern ihn sein Gedächtnis nicht trügt“, gesteht der Dichter hochgemut und neckisch, „gar nicht Auto fahren.“
Eine Stadtstreicherin, der er beim Spazieren mit seinen Töchtern hin und wieder begegnet, beschreibt er wie ein pflanzliches Wesen, in einem mehrstrophigen Gedicht imaginiert er sich selbst als einen Fisch, der von einem Jungen gefangen und getötet wird. Es kommen durchaus auch Strassen, Bahndämme, Bars, sogar Autobahnen und Rastplätze vor, die Aufmerksamkeit gilt aber stets dem wimmelnden und schwirrenden Leben, wie es vor allem an Vögeln, Fischen und Insekten zu beobachten ist. Selbst bei einem Gang durch das Eisenmansche Holocaust-Gedenkmal glaubt der Dichter hinab ins Wasser zu steigen, zu den Fischen:

Auf dem Grund erscheinen und verschwinden Menschen wie stille, schnelle Fische; reges Leben herrscht hier und gleichzeitig bin ich hier allein… Ich erkenne die gewohnten Dinge nicht, verstehe sie nicht.

… so wie man als Leser dieses Autors oft nicht die einfachsten Sätze und Satzteile versteht. Nicht dass man leichte Verständlichkeit fordern wollte, doch müsste auch Unverständlichkeit ihre künstlerische Funktion haben. In diesen Texten drängt sich aber viel eher der Verdacht auf, dass hier in unnötig geschraubter Rhetorik ganz klare Sachverhalte lyrisch eingenebelt und interessant gemacht werden sollen. „Hinter dem Horizont der eigenen warm eingepackten Schultern geht die Stadt unter, über der es tagt.“ – „Der Schnee scheint weiter auf den Verkehr bei der Filiale, sagen wir.“ – Und wie kann jemand, der „nass“ wird, gleichzeitig zu „Kohle“ erstarren? Was geschieht wirklich (oder was bedeutet es), wenn „Motorhauben wie Bettzeug an meine Augen branden“? Wo ist die Logik, wo die Poesie, wenn es heisst:

Der Himmel hatte sich nicht gehoben, doch blickten 
die Strassen wie (sic) durch ihn hindurch.

Solche Formlierungen sind bei Petr Borkovec, im Gedicht wie in Prosa, nicht die Ausnahme, sondern die Regel, die seinen Personalstil ausmacht.
Wie er beim Schreiben zu Werk geht, legt Borkovec in seinen Dresdner Poetik-Vorlesungen dar, die seit kurzem in einem vorbildlich editierten und kommentierten Band greifbar sind. In drei wortreichen Plaudereien, die ihn als umfassend belesenen, höchst selbstbewussten Autor ausweisen, nennt er die Quellen und Gründe, aus der seine dichterische Arbeit sich speist. Es sind dies, erstens, seine mittelböhmische Heimat und sein markanter katholischer Familienhintergrund (von ihm „das Biologische“ genannt); zweitens seine Lektüren, durch die er sich an die Weltliteratur angeschlossen fühlt („das Poetische“); drittens „die Wonne des sich Eingliederns in den Strom der Tradition“. Diesem Plädoyer für einen literarischen Konservatismus entspricht Borkovecs Vorliebe für Autoren wie T.S. Eliot, Wladislaw Chodassewitsch oder Joseph Brodsky, die er wohl eifrig zitiert, hinter denen er jedoch in der dichterischen Praxis weit zurückbleibt. „Das Bewusstsein des Dichters“, so heisst es in der zweiten, Brodsky gewidmeten Vorlesung, „kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass eine offenkundig gegenwärtige Wahrnehmung, diese Flut an festgestellter Gegenwart (denn als ob für nichts anderes als das Konstatieren Zeit wäre), sich in seinen Gedichten in der Vergangenheit abspielt.“ Verstehe das, wer kann und mag. Man darf aber wohl vermuten, dass eben dies der Kernsatz von und zu Borkovecs eigener Poetik ist.

Felix Philipp Ingold, manuskripte, Heft 176, 2007

 

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum
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Petr Borkovec liest „Lido di Dante“.

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