Rainer Kirsch: Zu Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbsttag“

Im Kern

Im Kern

– Zu Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbsttag“ aus dem Band Rainer Maria Rilke: Die Gedichte. –

 

 

 

RAINER MARIA RILKE

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

Chefsache und Arbeit

Wer spricht? Der Dichter. Zum wem? Zu Gott. Wer ist der? Vor drei Jahren und einem Tag hatte Rilke angefangen, ihm merkwürdige Rollen zuzuweisen: Gott war uralter Turm, um den das lyrische Subjekt windig als Falke, Sturm oder großer Gesang kreiste, wurde bald Nachbar, Gesetz, Ball, raunender Verrußter auf russischen Öfen und fortan immer ruppiger kleingehauen, bis er mitunter wegblieb und im Herbst 1901 gar log und sich dem Redenden als Mühlstein um den Hals hängte. Nun, am 21. September 1902, des Familienstipendiums verlustig und mit einer Rodin-Monographie beauftragt, sitzt der Atheist Rilke in Paris und ist mit Gott offenbar im reinen – er kann sich ihm klassisch nähern: höflich selbstbewußt und in Anerkenntnis der Weltordnung.
Wo steht das? Im ersten Vers. Die Anrede ist Herr (betont auf unbetonter Silbe, Rilke hat gelernt, mit dem Metrum zu spielen, und setzt sich sozusagen die professionelle Dichtermütze auf. Bisher hatte Gott Gott, du Gott, du Ast usw. geheißen, einmal, frech und französisch, als gelte es ein Tänzchen, mein Herr). Der respektvoll-knappen Anrede folgt die Mahnung es ist Zeit: man trifft sich dienstlich, und der Redende ist vortragsberechtigt. Doch hütet er sich, gleich auf den Punkt zu kommen. Hochmögende bedürfen des Lobs wie unsereins der Speise, ohne das tun sie nichts oder kriegen den Unmut; die ungeheuerliche Lobfloskel Der Sommer war sehr groß erweist des Redenden Weltkenntnis, definiert Gott und läßt den Vers in den klassischen Jambus einrasten, zugleich eröffnet sie den Handlungsort, eine Landschaft. Wer ist Gott? Er wirkt, zeigt sich, am Wetter und den Jahreszeiten. Nun ist Wettermachen das Urgeschäft aller ernstlich großen Götter von Aton über Jahwe und Zeus bis zu Wotan; Gott ist demnach bedeutend, die Agenda der nächsten sechs Verse Chefsache.
Was muß auch nicht alles geleistet werden! Die Schatten auf die Sonnenuhren legen – Massen an Wolken sind aufzubringen! Die Winde los lassen – aber so, daß sie weder einander zunichte blasen noch sich zu Zyklonen zusammenrotten! Letzte Süße in den schweren Wein jagen – biochemischer Feinzauber in unterschiedlichsten Hanglagen! Gott, somit, wird vorgestellt als nördlich des Mittelmeers waltender Groß-Gutsbesitzer, dessen Herrschaft durch Atmo- und Stratosphäre bis zur Sonne reicht; der Redende, sein Majordomus, sorgt, daß IHM das Rechte zur rechten Zeit in den Kopf kommt, und braucht sachgemäß schöne Verse – ein durchheiterter Gott ist ein besserer Gott.
Wir lesen Vers 8, und stocken. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr – an wen geht das? Gott, interessierte ihn derlei, wüßte es eh; er wird wohl davon sein, arbeiten. Sonst ist niemand zugegen, der Majordomus redet zu sich selber. Jammert er? Kein Stück. Vielmehr bleibt ihm, nach erledigter Dienstsache, Muße, Privates zu bedenken: Er macht ein Lebenskonzept. Rilkes Haushalt in Westerwede war aufgelöst, die Reserven kärglich, Honorare kaum in Sicht; wie weiter? Hausdiener werden? Sich aufhängen? Ein Manifest der Moderne verfassen, wie Hofmannsthal das gleichenjahrs mit dem Lord-Chandos-Brief angeblich getan hat? Nichts dergleichen. Der Redende wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben – er wird sich einschränken, Mäzene suchen und dichten. Vor sechzehn Tagen hatte Rilke Rodins Lebens-Grundregel Il faut travailler, rien que travailler. Et il faut avoir patience erfahren, es ist, lesen wir, inzwischen seine. Die Schlußwendung von den Alleen, in denen die Blätter treiben, rundet das Gedicht und dehnt die Berichtszeit in die nächste Zukunft, den Spätherbst; an Rodins Maxime halten wird Rilke sich noch gut dreiundzwanzig Jahre, bis zum Tod, den er als was beschrieben hat? als Arbeit.

Rainer Kirsch, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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