Simon Armitage: ZOOM!

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Simon Armitage: ZOOM!

Armitage-ZOOM!

WENN DU DENKST, DASS DU DENKST

Wenn Frost sich essen ließe, könnte man denken,
er wäre knackig wie ein Apfel. Man könnte denken,

er bildete sich in der Frucht wie die Schneeflocke
in der Luft. Kalt und klar. Aber weit gefehlt.

Frost im Fleisch eines Apfels ist weich
und braun, und in Kalifornien räuchert man ihn

mit ofenartigen Geräten aus, die Holz, Öl,
Paraffin und Kohle verbrennen. Seltsam also, daß

kalifornische Äpfel so süß sind, so frisch;
denn wenn Rauch sich essen ließe, könnte man denken,

er schmecke nach Räucherhering. Nicht Frost.

 

 

 

Nachwort

„Kennt ihr schon den mit dem Typen aus Heaton Mersey?“ Ein Kneipenvortrag könnte mit diesen Worten beginnen, der Auftritt eines gewieften Thekenentertainers oder eines Stegreifkomikers in einem verrauchten Varieté, der sein Publikum mit Witz, Charme und erzählerischer Raffinesse, mitunter auch mit Zotigem, bis tief in die Nacht zu fesseln weiß. Zugleich aber ist es die erste Zeile des Gedichtbands Zoom!, mit dem Simon Armitage 1989 in der Lyrikszene Großbritanniens seinen selbstbewußten, fulminanten Einstand hatte. Die Aufmerksamkeit, mit der man ihm lauschte, hat bis heute nicht nachgelassen, ist vielmehr von Buch zu Buch immer größer geworden, und tatsächlich: Suchte man nach einer Lichtgestalt der zeitgenössischen englischen Poesie, nach einem Star unter den jüngeren Lyrikern, dann käme mit Sicherheit Simon Armitages Name zur Sprache. Das belegt nicht nur die Aufnahme seines zweiten von mittlerweile elf Gedichtbänden, Kid, der drei Jahre nach Armitages Debüt erschien, bislang eine Gesamtauflage von unerhörten sechzigtausend Exemplaren erreichte und damit weit über die Grenzen einer eingeschworenen Lyrikgemeinde hinaus bekannt und gelesen wurde. Es wird auch unterstrichen durch die Tatsache, daß Armitage als zukünftiger poet laureate seines Landes im Gespräch war und noch immer ist, als Hofdichter Ihrer Majestät von England – und damit als heißer Anwärter auf jenes Amt gilt, zu dessen Pflichten die gelegentliche lyrische Stellungnahme zu allerlei Offiziellem gehört, das dafür aber in unnachahmlich britischer Weise nicht nur mit Geld, sondern auch mit einem traditionellen „butt of sack“, also mit jährlich sechshundert Flaschen Sherry, entlohnt wird. All das, der Erfolg bei Lesern wie auch bei den Kritikern des britischen Feuilletons, ist Grund genug für manchen, Armitage mit äußerster Skepsis zu begegnen.
Dabei ist die Tradition, in die er sich selbstbewußt stellt, eine erhabene, und das nicht nur über alle Zweifel, denn Armitage knüpft mit seinen Arbeiten unmittelbar an die größten Leistungen der britischen Lyrik des vergangenen Jahrhunderts an. Zu seinen Wahlahnen gehören der überwältigende, bildkräftige Ted Hughes, der ihn mit seinen schonungslos unsentimentalen Naturgedichten überhaupt erst zum Schreiben animierte und von dessen Werk er vor einigen Jahren eine sehr persönliche Auswahl herausgab. Verglichen wurde Armitage aber auch mit Hughes’ großem Antipoden Philip Larkin, der sich mit einer an der klassischen englischen Lyrik geschulten klaren Sprache, mit großem Formbewußtsein und bitterem Humor der desillusionierenden Wirklichkeit des Nachkriegsenglands zuwandte und so zu dem vielleicht populärsten Lyriker jener Jahrzehnte wurde. Nicht zuletzt, last but keinesfalls least, führt eine Linie zurück zur Gründerzeit der englischen Moderne, und das heißt: zu Persönlichkeiten wie Wyston Hugh Auden und dem Nordiren Louis MacNeice. Es ist kein Zufall, daß Armitage gemeinsam mit einem anderen Dichter seiner Generation, Glyn Maxwell, ausgerechnet diese beiden mit einer Hommage ehrte: Audens und MacNeices in den dreißiger Jahren in Prosa und Versen verfaßtes Reisebuch Letters from Iceland im Gepäck, ihr eigenes, sich eng daran anlehnendes Werk mit dem späteren Titel Moon Country im Kopf und in den Notizbüchern, folgten sie den Spuren jener Dichter, die als „Auden Group“ berühmt wurden, deren Gedichte in dem legendären, 1932 publizierten Buch New Signatures versammelt wurden und die damit ein Jahrzehnt, ja eine wahre Blütezeit der Lyrik einläuteten. Hier öffnete sich eine Generation von Dichtern einer breiten Leserschaft, ohne dabei die eigene poetische Substanz preiszugeben, nahm sich der sozialen und politischen Wirklichkeit ihres Publikums an, arbeitete sie vorurteilsfrei in das eigene Werk ein und ebnete den Weg vom Elfenbeinturm in die Vororte – und zurück. Eben das, könnte man diagnostizieren, geschieht in Großbritannien seit einiger Zeit erneut – seit nämlich die Poetry Society ihre sogenannten New Generation Poets, denen mittlerweile die Next Generation Poets gefolgt sind, einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte, eine durchaus heterogene, durch keinerlei Manifest oder Schreibschule, einzig durch die Qualität und Eigenwilligkeit ihres Schaffens verbundene Gruppe von Dichterinnen und Dichtern.
Louis MacNeice definierte die eigene Aufgabe in einem Radiogespräch von 1939 so:

Der Dichter ist ein hochempfindliches Instrument, dazu geschaffen, alles zu registrieren, was ihn intellektuell interessiert oder emotional berührt. Wenn ihn beispielsweise ein Gaszähler berührt oder, sagen wir, marxistische Dialektik ihn interessiert, dann soll all das in seine Lyrik einfließen. Er wird seiner Bestimmung als Dichter gerecht, wenn er diese Dinge unverfälscht und mit so viel Musikalität, wie ihm möglich oder dem Thema angemessen ist, registriert.

Ein solches hochempfindliches Instrument im MacNeiceschen Sinne ist auch Simon Armitage, wobei die Nadeln seiner lyrischen Apparatur, zumal in den frühen Gedichtbänden, deutlich nach Norden, nach Nordengland nämlich, weisen – All Points North, wie eine von ihm verfaßte Sammlung von Essays, Anekdoten, poetologischen Skizzen und Erinnerungen betitelt ist. Hier im Norden Englands, in Huddersfield in der Grafschaft West Yorkshire, wurde Armitage 1963 geboren, hier verbrachte er den überwiegenden Teil seines bisherigen Lebens, den wir in seiner Lyrik konzentriert, gleichsam als Essenz wiederfinden:

Du gingst für drei Jahre zum Studieren nach Portsmouth, gerade zu jener Zeit, als sich die Marine auf den Weg in den Südatlantik machte, und bekamst, weil du aus dem Norden stammtest und wie ein Seemann aussahst, ein Glas über den Kopf. Als du Weihnachten nach Hause fuhrst, setzte es Hiebe, weil du in den Süden gegangen warst und Malvinas sagtest, nicht Falklandinseln. Wenn die genähte Stelle auf deiner Kopfhaut eine Art ,Halt dich fern‘ darstellte, so war das blaue Auge sozusagen ein ,Willkommen daheim‘, und beide Botschaften hattest du klar und deutlich vernommen.

Armitages Gedicht „Wahrer Norden“ greift die Situation, die hier im Plauderton wiedergegeben ist, in sieben vierzeiligen Strophen auf, die über das bloß Anekdotische hinausgehen, die, wie immer bei ihm, das kumpelhaft Erzählte mit Bildern und Brüchen versehen, es vertiefen, der planen Faktizität doppelte und dreifache Böden einziehen. So finden auch die prägenden Jahre, die Armitage als Sozialarbeiter und Bewährungshelfer in Yorkshire verbrachte, Eingang in sein Werk. Zentrale Begebenheiten und Motive finden sich gleich zweimal, poetisch geformt in seinen Gedichten, anekdotischer in seiner Erinnerungsprosa. In All Points North stoßen wir erneut auf die Geschichte vom Traktorreifen, der, von Kindern vom Feld gerollt, ein Eigenleben entwickelt, bis er die Welt des Materiellen verläßt. Und wieder begegnen wir der jenseits der Grenzen von Yorkshire gänzlich unbekannten, innerhalb der Grafschaft aber augenscheinlich recht populären männlichen Unterhaltungsgruppe mit dem seltsamen Namen Yorkshire Avalanche Dodgers um nur einige Beispiele zu nennen. Daß auch viele andere Gedichte in einem direkten Zusammenhang mit der Biographie ihres Autors stehen – in der Schule spielende Episoden, Amouren, Reisen innerhalb Großbritanniens und in andere Weltgegenden −, läßt sich nur vermuten, wird aber durch eine Aussage Armitages gestützt:

Du bist dir ziemlich sicher, daß die Vergangenheit, wie schon andere Dichter gesagt haben, die einzige Rücklage eines Schriftstellers ist. Beinahe alle Gedichte verdanken sich Gedächtnis und Erinnerung, als wäre der Prozeß des Schreibens nichts als der Versuch, sich erneut mit jenem halb bewußten, halb unschuldigen Zustand der Kindheit zu verbinden, als stellten alle Gedichte nur einen Verlust fest. Es ist eben diese Wehklage um das Vergangene, die dazu führt, daß so viel vermenschlicht wird in der Lyrik, daß unbelebte Dinge auf ihre menschlichen Anmutungen hin untersucht werden, um zu dem traumgleichen Land ,Dazumal‘ zurückzukehren. Wir sind zu weit gereist, um zurückzukehren, und so versuchen wir zu erreichen, daß das Über-Bewußte über das Alltägliche und das Gewöhnliche siegt, daß es zu einem kurzen Aufleuchten, einer Wiederverbindung kommt. Worte sind das leitende Material dabei.

Freilich: Allzu leichtfertig sollte man die Parallelen nicht ziehen. Wie jeder Dichter spielt Armitage mit diesen Rücklagen des Vergangenen, von denen er spricht; ebensowenig wie dem Alleinunterhalter, in dessen Rolle wir ihn schon schlüpfen sahen, sollten wir dem Ich anderer Gedichte trauen, dem sogenannten lyrischen Ich, dieser wunderbaren Maske, die sich nach Belieben auf- und absetzen läßt. Oder sollte Armitage tatsächlich an der Ermordung eines Wohnraumschmarotzers mit einem Rezept für Stachelbeersorbet beteiligt gewesen sein, als Bestatter von Tierkadavern gearbeitet, die Schriftrollen am Toten Meer entdeckt haben? Fest steht zumindest eines: daß nämlich seine Heimat Yorkshire ein ständiger Quell der Inspiration ist, daß sie einen unerschöpflichen Fundus an Geschichten und Absonderlichkeiten zu bieten scheint, den Armitage nur allzu gerne aufgreift und verarbeitet. Seine Herkunft und dieser Erlebnishintergrund spiegeln sich in der gesamten Themenwahl seiner Lyrik, in der Fußball, Pub- und Popkultur so selbstverständlich ihren Platz haben wie literarisches und philosophisches Erbe; gleiches gilt für die Romane, die Stücke für Bühne, für den Hörfunk der BBC und das Fernsehen, die Armitage verfaßt hat. Wie vielfältig seine Interessen und Einflüsse dabei sind, wird schon dadurch deutlich, daß er einerseits als spätberufener Popmusiker reüssierte (mit seiner Band The Scaremongers), andererseits jedoch, und zur selben Zeit, hoch gelobte Übersetzungen von Homers Odyssee und vor allem des mittelenglischen Epos Sir Gawain and the Green Knight erstellte. Eine ganz besondere Beziehung hingegen pflegt Armitage zu einem Dichter, der aus derselben Gegend stammt wie er, dessen Name aber selbst vielen britischen Lesern kein Begriff sein dürfte. Armitage widmet dem Landsmann in seiner Prosa einige erhellende Absätze.

Samuel Laycock wurde in Marsden geboren. Er war ein Dichter. Im Alter von elf Jahren hatte er eine Art Funktionsstörung im Gehirn und zog nach Lancashire, wo er in Blackpool endete, aber im Dorf gedenkt man seiner mit einem hochkant aufgestellten Megalithen, an den eine rechteckige Metallplatte geschraubt ist. Eingeprägt in die Platte ist ein kleines Porträt Laycocks von den Schultern aufwärts mit kahler werdendem Haupt, Bart und einer doppelreihigen Jacke sowie den Worten SAMUEL LAYCOCK, DICHTER AUS MARSDEN. Laycock schrieb im Dialekt der Penninischen Alpen. Er war nur in ein paar Städten und Dörfern im Norden berühmt, doch verkaufte er Tausende Exemplare seiner Gedichte, weit mehr als die meisten Dichter während ihres gesamten Lebens und im ganzen Land unter die Leute bringen. In einem Dorf von der Größe Marsdens ist nur Platz für einen Dichter; das macht Laycock zu einer Figur, an der man sich entweder vorbeizwängen oder die man vom Sockel stoßen muß. Am besten kommt man an ihn heran, indem man sich seine Gedichte vornimmt und sie aus der Spielart des Englischen, in der er schrieb, in die Spielart des Englischen überträgt, die man selbst pflegt. Aber da Laycock 1894 starb, läßt er sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Er steht und starrt auf Bowlingrasen und Tennisplatz und Musikpavillon und Fahnenmast, wobei sein Metallgesicht in den letzten paar Jahren doch deutlich grüner geworden ist – eine Kombination aus feuchtkaltem Wetter und Neid.

Man ist als Leser eingeladen, die Parallelen zwischen Laycock und Armitage zu ziehen – und anhand der Gedichte, die auf Vorlagen Laycocks zurückgreifen, „An die Armut“ und „Wir zwei“ nämlich, selbst zu urteilen, ob sich das Grün im Gesicht Laycocks dem nordenglischen Nieselregen oder dem Neid auf den Jüngeren verdankt, der ihn hinsichtlich der Popularität und der Größe seiner Leserschaft vielleicht sogar übertrifft.
Neben der gemeinsamen Herkunft gibt es allerdings noch einen weiteren Grund für Armitages Interesse an seinem nordenglischen Vorläufer: Laycock, der außer der Sonntagsschule keinerlei Ausbildung genossen hatte, schrieb im Dialekt und in der Umgangssprache der Baumwollarbeiter seiner Region; er selbst war Weber und, wie Tausende seiner Landsleute, für die er seine Gedichte schrieb, arbeitslos. Auch Armitages Sympathie für das Alltägliche, für die sogenannten gewöhnlichen Leute und ihre Probleme, ihr Leben und ihre Sichtweisen, ist deutlich. Bei aller Kunstfertigkeit seiner Gedichte ist es doch immer auch die Sprache der Straße, die sie nährt, der derbe Witz, das Wortspiel, der Kalauer, der sprachschöpferische Slang; wie Louis MacNeice hat Armitage zudem ein Faible für das Spiel mit Idiomen, für die Wiederfruchtbarmachung schon lange brachliegender Sprachklischees. Armitages Kunststück – und vielleicht der wahre Grund für seine Popularität – ist es, scheinbar unangestrengt das für jeden wiedererkennbare Englisch der Straße und des Gelegenheitsschwatzes mit der Unausschöpflichkeit, der Originalität und, ja, dem Zauber wahrhaft guter Lyrik zu verbinden, selbst da, wo er tatsächlich im Yorkshire-Dialekt schreibt, in jenem anrührenden Gedicht etwa, das den Titel „Mitgefühl“ trägt. Der Sprecher in Armitages Gedichten scheut weder eine mit Kraftausdrücken gespickte Alltagssprache noch die kühne gedankliche Volte, das elegante Paradox, also „den Hund, der den eigenen Schwanz zu fassen kriegt, / die Schlange, tot, weil sie sich selber fraß“.
Die thematische und sprachliche Spannbreite, aus der diese Gedichte ihren Reiz beziehen, schließt eine genaue Kenntnis der Tradition ein, auch und gerade in formaler Hinsicht. Armitage ist ein Virtuose, was Rhythmus und Reim angeht, vor allem den bewußt in Schräglage belassenen Reim, den „slant rhyme“, wie er im Englischen genannt wird. Wie genau sein Blick für Alltagskomik und wie fein sein Gehör für alle Arten sprachlichen Sinns und Unsinns sind, läßt sich sehr schön an dem kurzen Dialog zwischen einem Quizmaster und einem der Mitspieler sehen, den Armitage in All Points North wiedergibt. „Quiz Night Down at the Club“ überschreibt er dieses sprachliche objet trouvé, ein Juwel, das in den Niederungen britischer Freizeitvergnügungen geborgen wurde und das sich nur im Original wiedergeben läßt. Dabei ist es hilfreich, zu wissen, daß „topee“ ein Tropenhelm ist und das abschließende abwinkende „Same difference“ des verwirrten Fragenstellers soviel heißt wie „Läuft doch aufs gleiche hinaus, ist doch ein und dasselbe“:

Question-master: What is a topee?
Contestant: A helmet.
Question-master: No, it’s a wig.
Contestant: You mean a toupee.
Question-master: No, that’s a wigwam.
Contestant: No, that’s a tee-pee.
Question-master: Same difference.

Armitages Lyrik ist im besten Sinne welthaltig, offen für die Wirklichkeit des Hier und Heute mit allen Düften und Dünsten, mit Schönem und Schäbigem, und reflektiert den Oberflächenglanz einer konsumentenfreundlichen Gegenwart ebenso wie die darunter verborgenen Risse und klaffenden Abgründe und spart nicht an Groteskem, an Absurditäten, ja, an surrealen Elementen – man lese nur einmal sein unaufdringlich mit der Sonettform spielendes Gedicht „Mann mit Golfballherz“. Wer in ihr gesellschaftskritische Momente sucht, wird sicher fündig werden – allerdings wird er an keiner Stelle dem zur Belehrung erhobenen Zeigefinger begegnen oder einen salbungsvoll mahnenden Bariton vernehmen. Lieber bedient sich Armitage der Ironie und des Understatement, schreibt er also, wie man im Englischen sagt, „tongue in cheek“. Auch dies ist, nebenbei bemerkt, eine jener alltäglichen, bis zur Stumpfheit benutzten Wendungen, die Armitage aufgreift und effektiv ins Buchstäbliche wendet: In einem Zahnarztgedicht, bei dessen Lektüre auch hartgesottene Leser sich schmerzhaft verkrampfen werden, findet sich der Sprecher am Schluß mit einer versehentlich an die Backe genähten Zungenspitze wieder, wortwörtlich „tongue in cheek“.
Der Übersetzer einer solchen Lyrik, die so verspielt wie hintergründig ist, sieht sich naturgemäß mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, mit grundsätzlichen zunächst, bald darauf mit sehr konkreten. Es ist richtig, daß das übersetzen eines Gedichts ein Ding der Unmöglichkeit ist, doch sollte das keine Entschuldigung dafür sein, es nicht wenigstens nach Kräften zu versuchen. Auch die schlichte Wiedergabe in Prosa, auch die freie Nachdichtung, die im Originaltext eher den willkommenen Anlaß für ein eigenständiges Gedicht sieht, haben ihre Berechtigung und können zu hilfreichen Ergebnissen führen; die Zielsetzung bei den vorliegenden Übersetzungen hingegen war trotz aller Schwierigkeit und im Bewußtsein, daß es die vollkommene Reproduktion eines fremdsprachigen Gedichts nicht gibt und nicht geben kann, dem Original so treu wie nur irgend möglich zu bleiben, inhaltlich wie formal. Eine solche Übersetzung versucht das ganze Gedicht in die eigene Sprache zu tragen, all seine Mittel und Verfahren – in dem Wissen, daß auch diese der Inhalt sind. Wer sich in dichterischer Treue übt, macht nicht nur die Erfahrung, daß man – dies ist eines der schönen Paradoxe beim Übersetzen von Lyrik – manchmal besonders untreu werden muß, um dem Original treu zu bleiben, sondern auch, daß ein „instinktiver Verzicht“, wie es Michael Hamburger einmal nannte, unausweichlich ist. Was also soll man opfern, um dafür etwas anderes erhalten zu können? Einen inhaltlichen Aspekt, um das Versmaß und die Zeilenlänge zu wahren – oder umgekehrt? Mit jedem Vers stellen sich neue Fragen, die mal so, mal so zu beantworten sind, mit jeder Zeile steht man erneut vor schmerzhaften Entscheidungen – stets mit dem Ideal vor Augen, auch im Deutschen einen Text zu schaffen, der nicht nach Übersetzung klingt, dem man die Mühen, die Versuche, auch die Kompromisse nicht anmerkt, der – ein Gedicht ist. Ganz offensichtlich sind die Tücken bei dieser Übung in poetischer Treue in den zahlreichen gereimten, besser: in den kunstvoll unrein gereimten Gedichten, in Sonetten wie „Der Goldtoddy“ oder in den erwähnten Hommagen an Laycock: In „Wir zwei“ mit seinen kreuzgereimten, achtzeiligen Strophen, wo aus dem Endreimpaar „spud“ und „wood“ aus der ersten Strophe durch das „good“ in der folgenden Zeile sogar noch ein Reimtrio wird. Weniger offensichtlich, keinesfalls aber geringer, sind die Schwierigkeiten, vor die sich der Übersetzer hinsichtlich der Armitageschen Lust an Wortspielen gestellt sieht, die, um sie überhaupt erhalten zu können, auf der Grundlage anderer, zielsprachentypischer Doppeldeutigkeiten transponiert werden müssen. Um im selben Gedicht zu bleiben: Wenn über das steinreiche Gegenüber des Sprechers gesagt wird, es sei „tighter than a turtle’s snatch“, so ist das nicht nur bündig und ausgesprochen derb, sondern verdankt seinen Witz vor allem den zwei möglichen Bedeutungen des Adjektivs „tight“, das einerseits „eng“ beziehungsweise „fest geschlossen«“, andererseits aber auch „geizig“ heißen kann. Kurz: Auf dem Weg zu einer möglichst getreuen Übertragung dieser anspielungsreichen, alle poetischen Register ziehenden Gedichte gerät auch ein Übersetzer zwangsläufig in jenen Zustand, den Armitage als charakteristisch für das Schreiben von Lyrik ausmacht. „Schreiben“, heißt es an einer Stelle in All Points North, „ist eine Art des Verschwindens. Einbrecher, die das Haus vier oder fünf Stunden lang beobachten, könnten versucht sein zu glauben, es stünde leer. Es gibt keine andere menschliche Aktivität, die Unbewegtheit und Stille mit so großer Energie verbindet.“
Simon Armitage gelingen bei dieser wunderbarsten aller menschlichen Tätigkeiten so energiegeladene wie subtile Gebilde, die mitten aus dem Leben gegriffen scheinen und doch höchsten artistischen Ansprüchen genügen. Wenn ihm das heimatliche Yorkshire, wo er nach wie vor lebt, dabei auch weiterhin als Nährboden dient, läßt das erneut an W.H. Auden denken, der einmal sagte, die Hoffnung eines jeden Dichters sei es, wie ein Käse aus irgendeinem Bergtal dem Lokalen verbunden, gleichzeitig aber auch anderswo hochgeschätzt zu sein, auch in weit von der Produktionsstätte entfernten Orten gewürdigt zu werden – „local, but prized elsewhere“. Für Simon Armitage, so viel läßt sich heute schon über den noch jungen Dichter sagen, hat sich diese Hoffnung erfüllt. Man dankt ihm seine Arbeit, ja, man würdigt und preist ihn und straft insofern den Schluß des Titelgedichts seines Erstlingswerkes Zoom!, das auch der vorliegenden Auswahl aus Armitages bisherigem Gesamtwerk den Namen gab, Lügen:

Die Leute halten mich auf der Straße an, belästigen mich
in der Schlange vor der Kasse
und fragen: „Was ist das, das so klein
und ungeheuer glatt ist,
und dessen Masse doch größer ist als die des beringten Planeten?“
Nichts als Worte,
beteuere ich. Doch man nimmt es mir nicht ab.

Jan Wagner, Nachwort

 

Wenn es so etwas wie einen Star

der jüngeren englischen Poesie geben sollte, dann ist es zweifellos Simon Armitage, der mit Virtuosität, Humor und Sprachwitz nahezu alle Themen, jeden noch so gewöhnlichen Gegenstand, zu poetischen Ereignissen macht.

„Kennt ihr schon den mit dem Typen aus Heaton Mersey?“ Ein Kneipenvortrag könnte mit diesen Worten beginnen, der Auftritt eines Thekenentertainers, der sein Publikum mit Witz, Charme und erzählerischer Raffinesse zu fesseln weiß. Zugleich aber ist es die erste Zeile des Gedichtbands Zoom!, mit dem Simon Armitage 1989 in der Lyrikszene Großbritanniens seinen fulminanten Einstand hatte. In seinen Gedichten haben Fußball, Pub- und Popkultur so selbstverständlich ihren Platz wie literarisches und philosophisches Erbe.
Armitages Lyrik ist im besten Sinne welthaltig, offen für die Wirklichkeit mit allen Düften und Dünsten, mit Schönem und Schäbigem, und reflektiert den Oberflächenglanz unserer Zeit ebenso wie die darunter verborgenen Risse und klaffenden Abgründe. ohne dabei an Ironie und Understatement, an absurden, ja an surrealen Momenten zu sparen. Zugleich stellt er sich mit seiner Lyrik, in der formale Kühnheit und innovative Bilder zusammenfinden, selbstbewusst in die große englische Dichtungstradition und führt sie auf seine Weise fort — meisterhaft, frech, mit einem Ohr für die Klänge und einem Auge für die Schieflagen des Alltags.

Berlin Verlag, Ankündigung

 

Grenzgebiete des Nonsens

Trau bloß keinem englischen Dichter: Simon Armitage verwandelt Kneipengespräche, Witze und Anekdoten in Verse und zeigt so, warum Lyrik lebenswichtig ist. Lyrik gilt oft als das Nischenprodukt idealistischer Verlage für eine Handvoll auserwählter Leser – zu Unrecht, wie sich längst erwiesen hat. Wenn es nach der Anzahl ihrer Verfasser ginge, so hat Hans Magnus Enzensberger schon vor Jahren festgestellt, müssten Gedichte populäre Massenliteratur sein. Dennoch stellen Gedichte, gerade weil sie sich auf knappem Raum entfalten, selbstverständlich spezielle Forderungen an formale Eigenheiten unserer Sprache, die mit Kunstanspruch und womöglich auch besonderem Schwierigkeitsgrad einhergehen. Zwischen Popularität und Künstlichkeit, spontanem Gefühlsausdruck und Formgestaltung, eingängiger Mitteilung und reflexivem Sprachbewusstsein muss sich jeder Lyrik-Text in einem Spannungsfeld der Möglichkeiten seinen Ort und seine Wirkung suchen. Dabei lässt sich von der zeitgenössischen britischen Lyrik-Szene lernen, dass das eine keineswegs auf Kosten des anderen gehen muss.
Lyrik hat in Großbritannien, generell gesprochen, einen höheren Stellenwert als bei uns. Das liegt nicht nur an PR-Aktionen wie den ungemein beliebten Poems on the Underground in der Londoner U-Bahn oder an Royal-Relikten wie dem Amt des Poet Laureate. Es liegt vor allem an Lyrikern wie Simon Armitage, die ihre Gedichte mit schönster Selbstverständlichkeit als ein Medium des öffentlichen Dialogs begreifen und gestalten, ohne dabei je auf deren Dialog zugleich mit großer Tradition und mit komplexen literarischen Modellen zu verzichten. Es ist rundweg erfreulich, dass mit den deutschen Neufassungen von Jan Wagner mittlerweile auch wir daran teilhaben.
Armitage ist Jahrgang 1963 und hat, neben zwei Romanen und weiterer, essayistischer Prosa, bislang siebzehn Gedichtbände veröffentlicht (einige davon mit Auflagen, an die bei uns allenfalls Robert Gernhardt heranreicht). Wagners Auswahl daraus von fünf Dutzend Texten aus den letzten zwei Jahrzehnten zeigt die große Spannweite, in der sie sich bewegen und die herkömmlich-strenge Formen wie das Sonett ebenso mühelos umfasst wie locker gefügte, umgangssprachliche Monologe, die nicht zufällig an Kneipengespräche, Witze oder Anekdotenaustausch erinnern. Oftmals sind es jedoch gerade solche Texte, die beiläufig und harmlos anfangen – „Was mich daran erinnert. Er tauchte / mittags auf und bat um Wasser“ – und dann eine grimme Wendung ins Surreale oder rundweg Schockierende nehmen:

Wir ließen ihm ein Bad ein
und ertränkten ihn, rieben ihn trocken, kleideten ihn an
und stemmten ihn auf die Ladefläche des Wagens.

So macht uns der nur scheinbar unbefangene Plauderton ganz unvermittelt zu Mitwissern von Vertraulichkeiten, die wir solcher Sprache gar nicht zugetraut hätten. Das Idiom des Vertrauens hat uns hintergangen.
Darin liegt genau der Reiz dieser Lektüre: dass sie beständig solche Überraschungen für uns bereithält und dazu ihren Sinn oft lustvoll erst im Grenzgebiet zum Nonsens findet. In einem der bizarrsten und berührendsten Liebesgedichte der zeitgenössischen Literatur stellt Armitage eine ganze Liste derart aberwitziger Gegensätze auf, mit denen ein Liebhaber seine Liebste rühmt und sich zugleich selbst erniedrigt, dass sich deren Wirkung umzukehren scheint:

Du bist schön
weil du humanistisch gebildet bist.
Ich bin häßlich, weil ich bei Klaviersaiten ans Erdrosseln denke.
Du bist schön, weil du anhältst,
um Anzeigen vermißter Katzen und Hunde im Fenster des Zeitschriftenhändlers zu lesen.
Ich bin häßlich, weil ich der Qualle das antat mit einem Lollistiel und einem großen Stein.
Du bist schön, weil für dich Höflichkeit etwas Naturgegebenes, kein Werbefeldzug ist.
Ich bin häßlich, weil sich Verzweiflung nicht verbergen läßt.

Mit jedem Gegensatzpaar wird die Aussage absurder, während sich die Dringlichkeit der Paarung nur erhöht.
Seit je hat sich Lyrik oft dadurch erneuert, dass sie programmatisch auf Umgangs- oder Alltagssprache zugegangen ist. Das war das Programm der Romantiker ebenso wie das der Modernisten, und Armitage erweist sich hier in Sprachgestus und Motivgestaltung als hochbewusster Erbe dieser beiden Traditionen – zumal ihm, der in Yorkshire zu Hause ist, zugleich die Lokalsprache seiner Region Inspiration verleiht. Es ist daher ein Glücksfall, dass sich ein deutscher Lyriker wie Jan Wagner, dem selbst so viele Register zur Verfügung stehen, der Übersetzung angenommen hat und dabei zuweilen einen Tonfall findet, der den englischen Versionen noch Nuancen hinzufügt – wie bei dem unerhört grausigen Zahnarztgedicht „Für die Akten“, das durch Wagners nüchtern-bürokratische Wiedergabe noch an Wucht gewinnt:

Seit der äußerst brutalen Entfernung
aller meiner vier Weisheitszähne
habe ich das Gefühl, daß ich sozusagen
mit dem Mund eines anderen Mannes spreche,
und meine Zunge ist ein Weichtier geworden,
eine Muschel oder Auster etwa,
aufgebrochen und entweiht, die in ihrer
Schale die eigenen Wunden leckt.

Das Wort für „Zunge“ heißt auf englisch „tongue“ und bedeutet zugleich „Sprache“: In der zweisprachigen Lektüre dieser Gedichte können wir womöglich ein Gefühl dafür gewinnen, wie lyrische Sprache unsere eigene Sprache erneuert – und dies besonders, wenn sie aus dem Mund eines anderen spricht.

Tobias Döring, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.6.2012

Gegen den Strom

− Gedichte von Simon Armitage auf Deutsch. −

Das Gedicht ist eine Alchemistenküche. Es brodelt vernehmlich, wenn die verschiedenen Destillate zusammengemischt werden und schliesslich Gebilde entstehen, die man mit Verwunderung und befremdetem Staunen betrachtet. Der 1963 geborene englische Lyriker Simon Armitage gehört zweifelsfrei dieser Zunft von Zauberern an, denn seine Gedichte verbinden Alltagsbeobachtungen, Umgangssprache, vergnügliche Anekdoten und gelehrte Anspielungen auf eine so elegante Weise miteinander, dass aus klassischer Formgebung, ironischer Brechung und moderner Schräglage ein ganz eigentümlicher Ton erklingt.
In den besten Gedichten der deutschen Auswahl, die Jan Wagner kundig zusammengestellt und mit viel Gespür für die Feinheiten und sprachlichen Tücken übersetzt hat, entwickelt Armitage Bilder von grosser Zugänglichkeit, die eine doppelbödige Tiefe besitzen. Allenthalben tun sich nämlich unvermutete Türen und manchmal sogar Falltüren auf, durch die die Wirklichkeit in ein surreales Moment hinein kippt. Durch sie blickt man auf Szenen voller Wehmut, Leichtigkeit und Schönheit, wie man sie im zeitgenössischen Gedicht immer seltener findet.
Aus der Hinwendung zu sichtbaren, beinahe populären Sujets bezieht Armitage seine Stärke. Dann kann alles zur Initialzündung werden, zum Beispiel ein Reifen, der „Kilometer vom nächsten Bauernhof entfernt“ von Kindern gefunden wird, „mit Gräsern und Wurzeln festgezurrt am Planeten“, und durch die gemeinsame Anstrengung ihrer Hände zu neuem Leben erwacht: Er „lehnte sich in die Kurven und Ecken, zentriert / und ausbalanciert, ritt auf der Strassenwölbung, / mitgerissen von seinem eigenen Schwung“, bis er nur noch in der Phantasie der Kinder weiterrollt und schliesslich ganz die materielle Sphäre verlässt.
Armitage scheut sich nicht, in seinen Gedichten eine klare (und mitunter kritische) Botschaft zu vermitteln, aber dies geschieht stets mit kunstvollem Understatement, etwa wenn auf einer stark befahrenen Strasse, „im Abend aus Karamel“, eine entflohene Pferdeherde den Verkehr durcheinanderbringt: Die Kraft echter Pferdestärken steht neben den mechanischen, und für einen kurzen Augenblick werden sie zum Symbol der Auflehnung:

eine Salve aus Hufeisen und Horn
in den stockenden Verkehr hinein,
Augapfel, Nüster, Zahn

unterm Natriumschein,
biblisch, Richtung Osten,
gegen den Strom

Zwar gelingt diese Synthese aus Darstellung und symbolischer Kraft nicht in allen Gedichten, doch wo sie es tut, bringt Armitage in seiner Poetik des scheinbar Unscheinbaren die gewöhnlichsten Dinge, Menschen und Gefühle gleichsam zu innerem Leuchten. Das ist wie ein Aufblitzen, ein kurzer nachdenklicher oder melancholisch verwehter Moment, herausgerissen aus dem Strom der Zeit; dann schliesst sich die Epiphanie wieder, und es bleibt im Leser der Eindruck sympathischer Unaufdringlichkeit.

Jürgen Brôcan, Neue Zürcher Zeitung, 4.8.2011

Zoom!

„Etwas Kleingeld, genauer: fünf fünfzig Groschen, ein Bibliotheksausweis, soeben erloschen.“ so beginnt das Gedicht mit der Überschrift „About His Person“. Alltäglichkeiten verdichtet, lebensnah und berührend. Simon Armitage versteht es, aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen heraus den Fokus auf das Wesentliche zu richten und dabei zu minimieren. Besonders im Gedicht „Andromeda“ wird sein soziales Engagement deutlich. „Ich hatte mit schweren Fällen zu tun auf Treppen, in Fluren und Trakten der Gefängnisse Ihrer Majestät, spähte durch Gucklöcher, merkte mir Namen, Gesichter, wechselte ein paar Silben mit Bombenlegern und Bankräubern, Mensch zu Mensch“. Hier stellt er den gescheiterten Menschen in den Mittelpunkt und verschafft ihm dadurch Aufmerksamkeit. In allen Facetten des Lebens („ich stecke all meinen Schmerz in eine Tragetüte“) kann der Leser sich wiederfinden. Bereits 1989 erschien der vorliegende Band des damals 26-jährigen englischen Lyrikers Simon Armitage. Ein reifes und mit sprachlicher Könnerschaft verfasstes Werk. Die Auswahl und Übersetzung wurde von dem Lyriker Jan Wagner erstellt, der auch das Nachwort verfasste. Von Vorteil ist, dass die Ausgabe zweisprachig ist. Für alle Leser, die am sprachlichen Vexierspiel Vergnügen haben, wärmstens zu empfehlen.

Elfriede Bergold, medienprofile.de

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Mario Osterland: Poetische Klarheit
fixpoetry.com, 17.2.2012

Antonín Dick: Lippen im Briefschlitz
poetenladen.de, 21.7.2011

Hans-Peter Kunisch: In den Wind geschlagen
Süddeutsche Zeitung, 22.6.2011

Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett München sprach am 20.6.2012 über dieses Buch und ist zu hören ab 0:05:00.

 


Zu Simon Armitages Gedichten

„Kennt ihr schon den mit dem Typen aus Heaton Mersey?“ Ein Kneipenvortrag könnte mit diesen Worten beginnen, der Auftritt eines gewieften Thekenentertainers, der sein Publikum mit Witz, Charme und erzählerischer Raffinesse, mitunter auch mit Zotigem, bis tief in die Nacht zu fesseln weiß. Zugleich aber ist es die erste Zeile des Gedichtbands Zoom!, mit dem Simon Armitage 1989 in der Lyrikszene Großbritanniens seinen selbstbewußten, fulminanten Einstand hatte. Die Aufmerksamkeit, mit der man ihm lauschte, hat bis heute nicht nachgelassen, ist vielmehr von Buch zu Buch einer stetig wachsenden Bibliographie – zuletzt erschien im Verlag Faber & Faber The Universal Horne Doctor – immer größer geworden, und tatsächlich: Wenn es so etwas wie einen Star der jüngeren englischen Poesie geben sollte, selbst unter den kürzlich zum zweiten Mal gekürten New Generation Poets, die sich einer breiteren Öffentlichkeit gewiß sein dürfen, dann ist es mit Sicherheit Simon Armitage. Das belegt nicht zuletzt die Aufnahme seines zweiten Gedichtbandes Kid (1992), der bislang eine Gesamtauflage von unerhörten sechzigtausend Exemplaren erreichte und damit weit über die Grenzen einer eingeschworenen Lyrikgemeinde hinaus bekannt und gelesen wurde – Grund genug für manchen, Armitage mit äußerster Skepsis zu begegnen.
Dabei ist die Tradition, in die er sich einfügt, eine ehrwürdige – und, ließe sich hinzufügen, eine der reichsten und am nachhaltigsten wirkenden der neueren englischen Dichtkunst. Nicht zufällig nämlich gehören zu Armitages Wahlahnen (neben Ted Hughes, dessen Werk ihn überhaupt erst zu schreiben animierte) Persönlichkeiten wie W.H. Auden und Louis MacNeice – eben jene Dichter, deren Gedichte gemeinsam mit denen einiger anderer Autoren in dem legendären, 1932 publizierten Buch New Signatures anthologisiert wurden und die damit ein Jahrzehnt der Lyrik einläuteten. Hier öffnete sich eine Generation von Dichtern einer breiten Leserschaft, ohne dabei die eigene poetische Substanz preiszugeben, nahm sich der sozialen und politischen Wirklichkeit ihres Publikums an, arbeitete sie vorurteilsfrei in das eigene Werk ein und ebnete den Weg vom Elfenbeinturm in die Vororte – und zurück. MacNeice definierte die eigene Aufgabe in einem Radiogespräch von 1939 so:

Der Dichter ist ein hochempfindliches Instrument, dazu geschaffen, alles zu registrieren, was ihn intellektuell interessiert oder emotional berührt. Wenn ihn beispielsweise ein Gaszähler berührt oder, sagen wir, marxistische Dialektik ihn interessiert, dann soll all das in seine Lyrik einfließen. Er wird seiner Bestimmung als Dichter gerecht, wenn er diese Dinge unverfälscht und mit so viel Musikalität, wie ihm möglich oder dem Thema angemessen ist, registriert

Ein solches hochempfindliches Instrument ist auch Simon Armitage, wobei die Nadeln seiner lyrischen Apparatur, zumal in den frühen Gedichtbänden, deutlich nach Norden, nach Nordengland nämlich, weisen – All Points North, wie eine von ihm verfaßte Essaysammlung betitelt ist. Hier, in Huddersfield in der Grafschaft West Yorkshire, wurde Armitage 1963 geboren, hier verbrachte er den überwiegenden Teil seines bisherigen Lebens, ob als Sozialarbeiter und Bewährungshelfer (ein Echo davon findet sich unter anderem in dem Gedicht „A Painted Bird for Thomas Szasz“) oder als freier Autor, der neben Gedichten auch einen Roman und Stücke für Bühne und Radio verfaßt hat. Diese Herkunft und dieser Erlebnishintergrund, oft auch Autobiographisches, spiegeln sich in der Themenwahl seiner Lyrik, in der Fußball, Pub- und Popkultur so selbstverständlich ihren Platz haben wie literarisches und philosophisches Erbe. Armitages Lyrik ist im besten Sinne welthaltig, offen für die Wirklichkeit des Hier und Heute mit allen Düften und Dünsten, mit Schönem und Schäbigem, und reflektiert den Oberflächenglanz einer konsumentenfreundlichen Gegenwart ebenso wie die darunter verborgenen Risse und klaffenden Abgründe. Wer in ihr gesellschaftskritische Momente sucht, wird sicherlich fündig werden allerdings wird er an keiner Stelle dem zur Belehrung erhobenen Zeigefinger begegnen oder einen salbungsvoll mahnenden Bariton vernehmen. Lieber bedient sich Armitage der Ironie und des Understatements, schreibt er also „tongue in cheek“ und spart nicht an Groteskem, an Absurditäten, ja, an surrealen Elementen – man lese nur einmal sein unaufdringlich mit der Sonettform spielendes Gedicht „Mann mit Golfballherz“. Der Sprecher in Armitages Gedichten scheut weder eine mit Kraftausdrücken gespickte Alltagssprache noch die kühne gedankliche Volte, das elegante Paradox, mithin „den Hund, der den eigenen Schwanz zu fassen kriegt, / die Schlange, die sich selbst zu Tode fraß“. Die thematische und sprachliche Spannbreite, aus der diese Gedichte einen Gutteil ihres Reizes beziehen, schließt eine genaue Kenntnis der Tradition ein, auch und gerade in formaler Hinsicht. Armitage ist ein Virtuose, was Rhythmus und Reim angeht, vor allem den bewußt in Schräglage belassenen Reim, den „slant rhyme“, und hat zudem – wie MacNeice – ein Faible für das Spiel mit Idiomen, für die Wiederfruchtbarmachung schon lange brachliegender Sprachklischees. Man dankt ihm diese Arbeit – mit diversen Auszeichnungen und, ungewöhnlich für einen noch recht jungen Autor, einer Ausgabe seiner Selected Poems – und straft insofern den Schluß des Titelgedichts seines Erstlingswerkes Zoom! Lügen:

Die Leute halten mich auf der Straße an, belästigen mich
in der Schlange vor der Kasse
und fragen „Was ist das, das so klein
und ungeheuer glatt ist,
und dessen Masse doch größer ist als die des beringten Planeten?“
Nichts als Worte,
beteuere ich. Doch sie nehmen es mir nicht ab.

Jan Wagner, Akzente. Zeitschrift für Literatur, Heft 6, Dezember 2005

Ein Versuch über die Farbe der Fremdheit

„Wir wissen eigentlich noch gar nicht, was eine Übersetzung sey“, schrieb der Romantiker Friedrich Schlegel im Jahr 1797 – und stolperte damit über ein Dilemma, das bis heute fortbesteht. Denn das Übersetzen von Poesie ist immer mit der Erfahrung eines Verlusts verbunden. Wer große Dichtungen aus ihrem Urtext in eine andere Sprache übertragen will, dem widerfährt unvermeidlich das prinzipielle Ungenügen des eigenen Tuns. In seinen Kritischen Fragmenten hat Schlegel bereits vor über zweihundert Jahren dieses literarische Defizit beschrieben:

Was in gewöhnlichen guten oder vortrefflichen Übersetzungen verloren geht, ist grade das Beste.

Was kann also der Übersetzer wirklich leisten? Ist er tatsächlich jener polyglotte Brückenbauer, der überschaubare Textsegmente von einer Sprache in die andere transportiert? Oder ist er nicht vielmehr ein permanent Schiffbrüchiger, der das scheinbar sichere Gestade einer Sprache verlassen hat, ohne je das feste Ufer des gesuchten Eilands zu erreichen? Glaubt man dem Dichter Peter Waterhouse, dann geht es nicht darum, ein Gedicht aus einer Fremdsprache benutzbar zu machen für einen deutschen Leser. Es geht nicht um die Heimholung des Fremden ins Vertraute, sondern darum, diese Fremdheit als poetische Ressource zu erkennen:

Übersetzen: nicht ,aus dem Italienischen‘ ins ,Deutsche‘ übersetzen, sondern eine italienische Sprache oder eine fremde Sprache in der deutschen finden, das ungesprochene Deutsch vielleicht, das unbekannte, das vergessene. Das Deutsche wieder unbekannter machen.

Das Terrain des literarischen Übersetzers ist also nicht das Bekannte und Vertraute, sondern das Fremde und die Differenz. Jede gelungene Übersetzung, so schrieb Friedrich Schlegels Zeitgenosse Wilhelm von Humboldt, trägt „eine gewisse Farbe der Fremdheit“ in sich. Eine Fremdheit, die nicht zu tilgen, sondern zu bewahren ist. Man kann noch weiter gehen und festhalten: Großen Übersetzungen ist paradoxerweise immer ein Scheitern eingeschrieben. Denn je ambitionierter sie einen poetischen Urtext in ihre Zielsprache überführen wollen, desto weiter entfernen sie sich von den Baugesetzen des Originals. Je virtuoser ein Übersetzer seine Fähigkeiten zur Nachdichtung entfaltet, desto stärker schiebt er sein eigenes sprachliches Zeichensystem über das des Urtextes.
Dennoch hat diese Arbeit nahe am Scheitern nichts von ihrer ästhetischen Faszination eingebüßt. Und auch wenn das Abenteuer der Übersetzung sich immer mit den Begrenzungen dieser Arbeit herumschlagen muss, gibt es doch immer wieder beglückende Versuche, Poesie und Übersetzung in ein symbiotisches Verhältnis zu bringen.

(…)

Die vollkommene Reproduktion eines fremdsprachigen Gedichts im Deutschen kann es also nicht geben. Und dennoch geht es darum, dem Original so treu wie nur irgend möglich zu bleiben, inhaltlich wie formal. Der Berliner Dichter und Übersetzer Jan Wagner hat hier eine schöne paradoxe Maxime für diese Arbeit gefunden:

Wer sich in dichterischer Treue übt, macht nicht nur die Erfahrung, dass man – dies ist eines der schönen Paradoxe beim Übersetzen von Lyrik – manchmal besonders untreu werden muss, um dem Original treu zu bleiben, sondern auch dass ein „instinktiver Verzicht“, wie es Michael Hamburger einmal nannte, unausweichlich ist.

Jan Wagner hat diese Einsichten über Treue und Verrat gegenüber einem literarischen Original in seinen Übersetzungen englischer, irischer und amerikanischer Poeten konsequent umgesetzt. In seinen Übertragungen des populären englischen Dichters Simon Armitage, der eine mit Sarkasmus gewürzte erzählerische Direktheit mit subtilem Formbewusstsein verbindet, ist es ihm gelungen, die Sonett-Form zu erhalten. Im Gespräch beschreibt er die Erfahrung der eigenen literarischen Begrenzung und die Unmöglichkeit eines bruchlosen sprachlichen Transfers ins Deutsche:

Die Armitage-Sonette liefern ein gutes Beispiel dafür, wie ein Gedicht auf engstem Raum alle – in bestem Falle – alle sprachlichen Möglichkeiten ausschöpft. Alle klanglichen Möglichkeiten, alle formalen Möglichkeiten. All das wird auf engstem Raum zusammengeführt, und der Dichter spart dabei auch nicht mit allen Doppelbedeutungen, die ein Wort haben kann. Und er spart auch nicht mit Wortspielen, Unterwanderungen, am Spiel mit Idiomatik und so weiter. (…) Man muss sich an fast jedem Punkt entscheiden: Achte ich jetzt auf den Klang, versuche ich jetzt einen Reim zu retten, verlege ich mich mehr auf die Bedeutung und die Aussage, oder das, was ich für die Aussage einer Zeile halte. Denn alles zusammen wird kaum möglich sein. Das heißt: Man macht schon bei der ersten Zeile und bei den ersten paar Worten die Erfahrung: Ich muss auf irgendetwas verzichten. Es kommt ganz selten vor, dass es gelingt, auf nichts zu verzichten. Aber damit fängt es an. Das heißt: Der Verzicht ist die allererste Erfahrung, die man machen muss, wenn man ein Gedicht übersetzt… Und ich glaube, die Tatsache, dass man Verzicht üben muss und dass man zwangsläufig keine hundertprozentige Reproduktion schaffen kann, darf einen nicht daran hindern zu versuchen, dem Gedicht treu zu bleiben, dem Dichter treu zu bleiben. Man muss die Anstrengung wagen und versuchen, trotz allem eine adäquate Lösung zu finden im Deutschen, das Unmögliche zu versuchen und eben doch eine hundertprozentige Reproduktion zu fassen, im vollen Bewusstsein dessen, dass es nicht möglich ist.

Michael Braun, Volltext, Heft 3, 2013

 

 

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Simon Armitage liest sein Gedicht „Lockdown“.

 

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Jan Wagner liest sein Gedicht Tätowierungen.

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