Thomas Böhme: stoff der piloten

Böhme-stoff der piloten

EPITAPH FÜR HENRY MOORE

o daß der kosmos ein endlich
gekrümmter sich dehnen-
der raum ist! in dessen
rundung muß alles
alles sich fügen.
skulpturen von
himmel durchflutet
an ihnen erraten sich
blinde und die sehenden
lernen begreifen den gebrauch
ihrer hände sie formen sich selbst.
o daß der kosmos endlich ein obdach
dem menschen und trost! wölbung des schädel
beins schoß der gestirne. tasten in das oval eines bild
losen gottes. umfangen den anfang und das ende der schöpfung.

 

 

 

Poesie zwischen Aufbruch und Ankunft

Seinerzeit noch mit dem leicht verschämten Untertitel Gedichte & Gebilde versehen, erschien 1983 Thomas Böhmes erster Band Mit der Sanduhr am Gürtel im Aufbau-Verlag. Ebenfalls dort beklagte er dann — mit Recht – 1985 im folgenden Band Die schamlose Vergeudung des Dunkels, und die nun ausschließliche Gattungszuordnung „Gedichte“ attestierte dem Autor, wenn nicht Reife, so immerhin bereits Reinheit der Form. Böhmes neues Buch ist aus dem „stoff der piloten“ gemacht, und es bedürfte weder des Hinweises „Gedichte“ noch meines Vermerks, daß es sich um das bereits dritte eines 1955 geborenen Autors handelt, um sein lyrisches Format auszuweisen.
Ungläubig wie sein biblischer Namenspatron schaut das Subjekt aus den Texten des Dichters, und was es da sieht, läßt es Umschau halten nach poetischen Gefährten. Die spürt es auf zwischen Gilgamesch und Hubert Fichte um nur mal so einen ungefähren Zeitraum abzustecken — und schafft ihnen Erinnerungsräume. Porträtgedichte, die überlieferte Schicksale mythischer, neutestamentarischer und noch jüngerer Figuren adaptieren, gehörten schon in den vorangegangenen Bänden zu den stärkeren Arbeiten Böhmes.
So sehr der vieldeutige Titel des neuen Bandes Abheben wie Wegstreben suggerieren mag, so sehr sind Böhmes Gedichte doch eher vermittelnder Art. Sie suchen den Ausgleich, wie stark sie ihn auch fürchten, sie rufen Welt an und herbei und sind doch ausdauernd vorgetragene Liebeserklärungen eines rastlosen Lokalpatrioten. Böhmes Texte segnen die Provinz, in der die Mehrheit der Menschen wohnt und von der andererseits mehr in uns wohnt, als wir uns zugeben. Dabei sind sie alles andere als provinziell, sondern sie sind zutiefst romantischem Wissen vertraut, daß alle Philosophie Heimweh ist.
Aufbrach und Rückkunft Wut und Melancholie, Trauer und Hoffnung — alles das sind bei Böhme keine Pole, sondern sie beschreiben eine Wahrheit, die, wie immer, in der Mitte liegt, ohne sich jedoch im Durchschnittlichen zu verwischen. Wenn Böhme „titanic“ schreibt, meint er schon Untergänge, ein Walzer („la valse“) ist durchaus traurig wie bei Sibelius, und mit den „Zinsen der Schwermut“ zahlt er für seine Verse, die stets weiter reichen als eine „zigarettenlänge“. Texte, zart wie Glas und ebenso hart — „auf ein schälchen gesiebt“ kommt immer ein „stiefel im herzkranz“ — sächsisch, kritisch und optimistisch — da bleibt nur eine Frage: Ist es wirklich (so) möglich, das „singen des lehms“ zu fordern, den „klang des metalls“, kann man von Genet und Pasolini besessen sein wollen, wenn man sich als Poet den Kanten der Wirklichkeit eher scheu nähert? Das Leben will ein wenig ungestümer beim Wort genommen sein.

Tilo Köhler, Neues Deutschland, 11.12.1989

Einkehr in eine deutsche Tradition?

Böhmes neuer, sein dritter Gedichtband kennzeichnet sich durch einen gebrochenen Ästhetizismus.
Noch der zweite Band, Die schamlose Vergeudung des Dunkels (1985), lebte wesentlich von der Faszination des schreibenden Ichs durch ein Exotisches, mit dem sich vor allem Namen wie Ginsberg, Kerouac, Jagger verbanden. Und in den Vers kam ein sächsischer Alltag, in den sich fremdländisch Phantasieerregendes hineinspiegelte: Leipziger Dasein zwischen kleiner Erfahrungsprosa, den Bildern und Nachrichten von schlimmen Weltläuften und doch auch den Animationen, die, von fernher wirkend, der jugendlich-lustvollen Begierde einen illusionären Befriedigungsraum geben konnten. Wenn aber die Gruppenbindung des Ichs im ersten Band (Mit der Sanduhr am Gürtel, 1983) noch zu dem Ausruf enthusiasmiert hatte: „Bleiben will ich weil ich EUCH liebe, big bastards!“, so machte der zweite Band schon eher einen Ablösungsvorgang kenntlich:

Wieder ’ne féte bei der man angeblich
Nicht fehlen darf sausen gelassen…

Im übrigen enthielt dieser zweite Band auch solche Verse, die strenger gewordenen Formwillen bekundeten.
Und es befand sich im zweiten Band jenes Titelgedicht, dessen Eingangsverse lauten:

Wieder und wieder fühlst du dich fallen
Und aufgefangen wie du dich selber umarmst
Wieder trägt deine lust nur den namen erstarrung
Fingerfertig eines gezinkten blattes bedienst
Du dich und betrügst dich um alles.

So zeigte sich der Weg in die einsame Selbstumarmung bereits an:

Wenn du den mörder so fliehst wie den dieb
Und jenem fremden die nacht deines flügels nicht gönnst
Wirst du das dunkel vergeuden und das ohne freude.

Trunkenheit mochte vordem durch eine Bindungsbereitschaft zu ermöglichen gewesen sein, die sich als fähig erwies, das narzißtisch Gerichtete der Libido wegzutäuschen; jetzt aber emanzipiert sich diese, zielt beharrlich auf ein Objekt, das einzig in der Sehnsucht existiert. Und so auch tritt ein Sublimierungsvorgang in Kraft, durch den, nun Trunkenheit allein noch erlangbar zu sein scheint: über den Akt einer intensiven ästhetisch-erotischen Vergegenwärtigung. Im „Wahn“ wird zu kompensieren versucht, was doch – als eine Selbstbefriedigung „ohne freude“ – ganz unmittelbar im Sinne eines quälenden Mankos empfunden werden muß. Entsprechend wird man es nicht im mindesten verwunderlich finden, daß Böhme sich Platen entdeckt hat. Platen und Stefan George. Aber Böhme prägt den Gedichten seines neuen Bandes auch das Wissen ein, welches Thomas Mann einmal (1925) wie folgt formulierte:

Das Prinzip der Schönheit und Form entstammt nicht der Sphäre des Lebens; seine Beziehung zu ihr ist höchstens streng kritischer und korrektiver Natur. Es steht dem Leben in stolzer Melancholie entgegen und ist im tiefsten mit der Idee des Todes und der Unfruchtbarkeit verbunden.

Und gerade das so berückend wie erregend schöne Gedicht „erlkönigs schwimmender garten“ – „dem gedächtnis stefan georges“ ist es ausdrücklich gewidmet – teilt solches Wissen unmißverständlich mit. Jener „eine“, von dem das Gedicht spricht, spürt die zaubrische Stärke einer Anziehungskraft, die ihm gleichermaßen die Sinne benimmt, wie sie doch auch einen angstvoll-widerstrebenden Willen in ihm anfacht. Unabweislich sieht er dem, was ihn mächtig anlockt, die tödlich-ekelhafte Vision einer „blutigen hochzeit mit kaldaunen“ sich verbinden; und nichts scheint so dringlich geraten als eine entschiedene Rückflucht aus diesem Bannkreis der paradiesisch-barbarischen Gartenwelt. Freilich:

ein weg führt in erlkönigs schwimmenden garten
kennt einer einen der wieder hinaus fand
aus dem blütenteppich mit leoparden
in deren stirn erlkönigs zeichen gebrannt?

Faszination und Gegenwehr. Im Spannungsfeld zwischen beidem sind sehr viele Gedichte des Bandes angesiedelt – wie denn auch der erotische Ästhetizismus, dem sich zumal die Gruppe der so genannten „piloten“-Gedichte zuwendet, in einer höchst changierenden Beleuchtung erscheint. Und von den Straßen, den Cafés, wo dessen durchaus unsublimierte Präsenz anzutreffen ist, zieht Böhme ja auch keinesfalls den Blick ab. Wobei sich an den einschlägigen Gedichten nachgerade exemplarisch erweist, was die „Fliehkraft“, welche im Erlenkönig-Gedicht als erwünscht berufen wird, erstarken machen kann. Denn wenn die Straßen- und Gruppen-„piloten“ ästhetisch-sinnlich gewiß anziehend zu wirken vermögen, so eben doch in einem Maße nur, daß dadurch die Betätigung sozial und soziologisch gerichteten Wahrnehmungsinteresses nicht ausgeschlossen bleibt: Der ästhetisch-sinnlich gegründeten Affinität begegnet eine beobachtende und studierende Instanz, die auf Abstand hält und die ihrerseits nicht nur dem eigenen Sublimationsbewußtsein erwächst – sie konstituiert sich aus ihm und aus eben jener Neigung zum Beschreibungsempirismus, welche für Böhme seit je charakteristisch war und welche nun der dem Ich geborenen Widerstrebensleistung ganz wesentlich zu Hilfe kommen kann.
Und Böhme gebraucht dieses Gegengifts in reichlicher Dosis. Auch die Porträtgedichte, gewidmet etlichen exzeptionellen Uranisten der Literatur- und Kunstgeschichte, verlieren sich in die Faszination der tödlich-schönen Schwermut mitnichten. Die prosaisch lastende Realität ist – zumeist – eingebracht, die mit den Gestalten erinnerte, die unmittelbar gegenwärtige. Nicht weniger zeichnet sich eine sehr ungeorgesche Tristesse in solche Gedichte ein, welche aus des Tales Gründen, die der kalte Nebel drückt, mit Macht fortzustreben suchen und doch, wieder in sie zurückgezogen werden. „baden am morgen“ heißt eines dieser Gedichte; und die ersten beiden Verse gewinnen sich sogleich die Kunstnatur einer sehnsüchtig geschauten Weiherlandschaft:

der weiden hexenhaar spiegelt
sich grün in der grüne des weihers.

Das Gedicht aber endet:

in jägerjoppe
ein ehrenamtlicher helfer
verteilt an die nacktbader strafmandate
das zottelweib aus der pflegeanstalt
murmelt eine verfluchung.

Und ein Radikalsieg der häßlichen Biederkeit kann einzig vermittels der Lautsprache verhindert bleiben: Die Euphonie, sie tritt als noch immer trotzig genutzte Möglichkeit eines letzten ästhetischen Protests hervor.
Wird hier nun die ästhetisierte Sprache dazu angehalten, einen Rest von Widerstand gegenüber der Despotie des Prosaischen zu bezeugen, so läßt sich das Phänomen einer Gedichtsprache, welche die polare Spannung in sich selbst aufnimmt, gleichermaßen beobachten:

o grindige wehklag des abschieds.
ein dudeltrunkener vagabund schnorrt
tabak für seinen zerkauten ulmer.
in köthen wirft ihn der schaffner aufs eis.

o kahle fruchtmüde gefilde. am scheibenrand
die signatur der verkommenen nächte.
wie der landvermessende katz ohne rechte
zahle ich jedweden preis.

windhunde über dem horizont. eine nordlicht
attrappe. gilgamesch pennt und bekommt
seine nummer gebrannt. so blöd ist keiner
zu sagen, den hab ich auch gekannt.

(„stendal-leipzig. via notte“)

Und man begegnet zudem einigen Kontrafaktur-Gedichten: provokant-elegischen Versen, die sich tradierter ästhetisierender Rede im unverdrängbaren Wissen um den Zustand einer natürlichen Welt erinnern, welche vom Krebs böse zerfressen und bei der die Metastasenbildung weit fortgeschritten ist – auch eine Annäherung an Benn macht sich bemerkbar. „la valse“:

ich lese den sperrmüll des herbstes
wie post mit trauerrand.
stickoxide der nachsaison brechen
den letzten widerstand,

widerstand gegen den zellverfall,
unbegriffne intoxikation,
grelle fanfaren. sie blasen
zum tag der nation.

mehltau würgt reben und rosen.
pilzbefall an der hand.
ich verschicke die fahnen des herbstes
und post mit trauerrand.

Vielleicht ist dieses Gedicht eines der charakteristischsten des Bandes: Zwar tritt das „piloten“-Thema hier nicht eigens hervor, aber als exemplarisch kann es für die typologische Eigenheit einer lyrischen Rede gelten, deren gebrochener Ästhetizismus sich elegisch-sarkastischen Tönen ebenso öffnet wie denen einer tristanesken Melancholie.
Daß nun Böhme zu einer derartigen lyrischen Rede gelangt ist, mag manchem gewiß befremdlich erscheinen. Und was einige, die im Grabe sind, zu ihr sagen würden, es ließe sich aus etlichem Altpapier herbeizitieren. Doch abgesehen von ihnen: Zumindest mit skeptischer Miene dürften auch solche (sehr lebendigen) Literaturfreunde reagieren, denen die Forderung des republikanischen Tags über alles geht und deren urteilendes Ethos gewiß zu respektieren ist. Wer freilich die Literatur nicht kategorisch dem außerästhetischen Tugendgebot unterwirft, der wird sich als fähig entdecken können, mit Böhmes Gedichten ins Gespräch zu kommen und ihre Bewandtnis zu begreifen. Und er wird finden, daß ein großer künstlerisch-existentieller Ernst in den Band eingeschrieben ist (wenngleich dieser Band auch Beiläufiges enthält; der Autor hätte strenger auswählen müssen!). Einem solchen Leser sollte im übrigen auch die Tatsache nicht mißlich sein, daß die neuen Gedichte auf ein kurrentes understatement verzichten: Dem Manierverlust korrespondiert Stilgewinn; und Thomas Böhme kann nun nicht mehr nur als hübsches Talent betrachtet werden.
Was aber den „Lebensbefehl“ (Thomas Mann) betrifft, so ist wohl jede Sorge überflüssig.
Ein Tod in Venedig steht kaum zu erwarten.

Bernd Leistner, neue deutsche literatur, Heft 433, Januar 1989

Gespräch mit Thomas Böhme

– Am 13. Oktober 1988 führte Anthonya Visser in Amsterdam folgendes Gespräch mit Thomas Böhme. –

Anthonya Visser: In Deinem ersten Gedichtband, Mit der Sanduhr am Gürtel, ist deutlich zu erkennen, daß die Autoren der Beat-Generation als Vorbilder auf Dich gewirkt haben. Daß daneben oft Namen aus der Rockmusik auftauchen, läßt vermuten, daß der Reiz dieser literarischen Gruppierung vor allem mit Klang, mit Rhythmus und dadurch mit der Form dieser Lyrik zu tun hat. Gibt es auch andere, z.B. gesellschaftliche Aspekte, die bei der Wahl dieser Vorbilder eine Rolle spielten?

Thomas Böhme: Auf jeden Fall gibt es einen ganz entscheidenden Anlaß für die Verwendung von Elementen einer Literatur, die an sich nicht zur Tradition der DDR-Literatur gehört. Das ist die Behauptung des Individuums. Und ich glaube, daß auch in der Beatliteratur der fünfziger Jahre so ein Individualismus da war. Vielleicht könnte man es auch mit dem Schlagwort „Phantasie an die Macht“ umschreiben, was auf jede neue junge Generation sicher eine Faszination ausübt. Und für mich war es ein zusätzlicher Reiz, daß diese Literatur bis dahin überhaupt in der DDR nicht popularisiert worden war. Ich bin der Meinung, daß es auch eine Aufgabe von Schriftstellern ist, auf verschüttete oder nicht wahrgenommene Traditionen hinzuweisen, Neuansätze zu geben. Jedenfalls das, was entweder absichtlich oder auch unbeabsichtigt verschwiegen wird, gerade besonders herauszustellen. Also, es war im Grunde eine Antihaltung, man kann es sicher auf den Nenner bringen, gegen die etablierte Literatur. Und gerade die Gedichte meines ersten Buches sind ja überhaupt nicht entstanden im Hinblick auf Publikation. Es waren eigentlich Mitteilungen an Freunde. Es waren auch Gedichte, die zum Teil in handabgezogenen beziehungsweise maschinenvervielfältigten kleinen Zeitungen kursierten. Die waren allerdings viel bescheidener in ihrem Anspruch, in ihrem Äußeren, als heute die Berliner und jetzt auch die Leipziger Zeitungen, die außerhalb des Kulturbetriebs erscheinen. Die sind schon fast professionell gemacht. Was wir damals untereinander ausgetauscht haben, waren meistens nicht mehr als Durchschläge von Gedichten, vielleicht einmal mit ein paar Bemerkungen versehen oder mit einer Illustration, aber eben doch sehr bescheiden.

Visser: Und gab es bei Euch eine Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern? Oder beteiligten sich nur Dichter.

Böhme: Nein, es waren nur die Literaten. Es war eigentlich mehr ein Austausch von nicht wahrgenommener Literatur.

Visser: Und wie ist es dann zu Deiner ersten offiziellen Publikation gekommen?

Böhme: Ja, das war sehr zufällig. Es fing damit an, daß ich den Ulrich Berkes in Leipzig kennenlernte, eigentlich den ersten publizierten schwulen Autor der DDR. Er hatte damals gerade einen Band mit Prosagedichten bei Aufbau herausgebracht, Ikarus über der Stadt, und ich hatte eine ziemliche Sympathie für diese Art von Gedichten, die, meiner Ansicht nach, auch sehr gegen den Strich gingen, also gegen die etablierte Lyrik. Es waren Gedichte in der Tradition Rimbauds und der französischen Moderne. Durch dieses Kennenlernen kam der erste Kontakt zum Aufbau-Verlag zustande. Berkes hat dann für eine Anthologie ein paar Gedichte von mir ausgewählt, und ich kam in die glückliche Situation, daß der Verlag von mir ein Manuskript haben wollte. Das ist an sich vielleicht überhaupt die große Glücksnummer gewesen, daß ich nicht, ohne bekannt zu sein, ein Manuskript per Post dahin geschickt habe, sondern daß die etwas haben wollten. Vielleicht ist dadurch auch der erste Band relativ schnell erschienen. Die erste Zusammenarbeit war Ende der siebziger Jahre, und 1983 war das Buch da.

Visser: Die Gedichte des zweiten Bandes sind nicht alle mit einem Datum versehen. Die, die eines haben, sind alle später geschrieben. Enthält der Band auch Gedichte, die schon zur Zeit von Sanduhr entstanden sind?

Böhme: Nein, ich glaube nicht. Ich hatte allerdings ein paar Sachen, die in Arbeit waren und die ich dann später fertiggemacht habe. Es war jedoch so, daß zum Beispiel bei der Sanduhr ein paar Gedichte zensuriert worden sind. Die habe ich auch nicht wieder mit angeboten, obwohl so eine Praxis an sich gängig ist. Es klappt mitunter auch, daß Gedichte, die vor zwei Jahren nicht gedruckt werden konnten, plötzlich die Zensur passieren. Es lag aber einfach auch daran, daß ich schon beim zweiten Buch versucht habe, meine literarische Position stärker zu akzentuieren. Vor allem im Formalen habe ich, glaube ich, anders gearbeitet. Deshalb paßten also diese frühen Texte da nicht mehr hinein. Man kann also wirklich sagen, daß es Gedichte aus den Jahren 82 bis 84 sind.

Visser: Du erwähntest, daß beim ersten Band ein paar Gedichte zensuriert worden sind. Hast Du dem beim zweiten Band vorgebeugt, indem Du bestimmte, vielleicht anstößige Gedichte nicht angeboten hast, oder warst Du da genauso offen wie beim ersten Buch?

Böhme: Natürlich gibt es den inneren Zensor. Selbst wenn man versucht, sich in der Hinsicht nicht irremachen zu lassen und sich auch nicht an Tabuisierungen hält, gibt es doch sicher so etwas wie eine Schranke. Ich werde in keinem Gedicht den Namen eines DDR-Politikers nennen können. Ich habe das auch nicht vor, weil es mit meiner Arbeit relativ wenig zu tun hat, aber bloß mal als Beispiel. Bei Frank-Wolf Matthies, der nicht mehr in der DDR lebt, tauchen fortlaufend irgendwelche Leute von Staat und Partei auf. Das ist also ein ganzer Komplex, der dann wegfällt. Ich habe mich aber nie einer Tabuisierung von bestimmten Künstlern, Dichtern usw. gebeugt und auch im Sexuellen Tabus nicht akzeptiert. Es tauchen, wenn man das einmal verfolgt, fortlaufend Namen bei mir auf, die, glaube ich, schon durch ihre Nennung Tabuverletzungen waren.

Visser: Und damit gab es dann keine Probleme beim Verlag?

Böhme: Ja, doch. Es ist erstaunlicherweise ein Gedicht für Anna Seghers nicht erschienen, das eine Art futuristischer Nachruf war. Es kam eine Zeile darin vor, wo die Dichter über Visaanträge ihrer verstorbenen Kollegen debattieren. Das bezog sieh auf eine Stelle in Transit. Dieses, eigentlich ein Huldigungsgedicht an die erste Staatsdichterin der DDR, ist nicht gekommen. Das hat mich dann etwas verblüfft. Auf der anderen Seite ist es wahrscheinlich auch wiederum nicht so ungewöhnlich. Ansonsten ging es dabei eigentlich mehr um das Finden von Stellen, wo zum Beispiel von Polen die Rede war… Es gibt auch einen Text, der „Ein blinder Fotograf verirrt sich nach P.“ heißt. Da stand ursprünglich einmal Pankow da. Das ist, glaube ich, auch die einzige Stelle, wo ich gesagt habe, retten wir das Gedicht für den Band. Der Text war mir einfach zu wichtig, und es erkennt eigentlich jeder, daß es an der Berliner Mauer spielt. Es sind im Grunde genommen Kleinigkeiten. Je nichtiger diese Dinge sind, desto lächerlicher ist dann auch die ganze Genehmigungspraxis. Dabei werden vielleicht wirklich wichtige Sachen übersehen. Wenn was erschienen ist, gibt es ja auch oft genug hinterher Knatsch.

Visser: Auch bei Dir?

Böhme: Nein,… es gab ein paar unfreundliche Rezensionen, die aber nie bis in die höheren Etagen gelangt sind.

Visser: In Deinen beiden ersten Gedichtbänden gibt es Texte, die man vorsichtig als sogenannte „schwule“ Gedichte bezeichnen könnte. In dem neuen Band, Stoff der Piloten, erhält dieser Zug Deiner Lyrik mehr Gewicht. Würdest Du Deine Lyrik, oder Teile Deiner Lyrik, als „schwule Lyrik“ bezeichnen?

Böhme: Ja, das ist mit Etikettierungen immer so eine Sache, daß schon diese Eingrenzung auch irgendwie eine Diskriminierung ist. Wobei ich das auch ganz wertfrei sehe: Schwule Lyrik kann natürlich auch gute Lyrik sein. Der Begriff hat für mich immer so einen Beigeschmack. Es ist also jemand, der hat ein Thema und darüber schreibt er. Und thematische Lyrik…, als nächstes kommt dann vielleicht Frauenlyrik, Hausfrauenlyrik usw. Deshalb ist mir also der Begriff „Schwulenlyrik“ nicht so ganz sympathisch. Dazu kommt noch, daß ich in der Schwulenszene sicher nicht der Protagonist einer Bewegung bin, denn ich bin ja auch verheiratet, habe zwei entzückende Kinder und… eine Vorliebe für Jungen, die alle noch im infantilen Alter sind. Deshalb kann ich sehr schwer eine solche Beziehung aufbauen.
Ich glaube, daß meine Gedichte auch einfach eine Huldigung an mein – wenn man mal so ein schönes, altes Wort gebraucht – Schönheitsideal sind. Faszination des menschlichen Körpers, des Knabenkörpers, spielt für mich eine Rolle. Vielleicht kann man es als eine Art Sublimierung ansehen. Mitunter sind es auch zwei getrennte Personen, die da schreiben, wobei ich glaube, daß der Anteil von Schwulengedichten – verwende ich den Begriff doch mal selber – größer geworden ist, einfach weil ich viele Sachen einmal gesagt habe und ich mich nicht zu wiederholen brauche. Auf dieser Strecke gibt es noch sehr viel Ungesagtes, auch in mir selbst noch nicht zur Formulierung Gekommenes. Deshalb ist es ein Thema, das für mich noch nicht abgeschlossen ist. Es hängt auch oft damit zusammen, daß man wieder neue Jungen kennenlernt und vielleicht dadurch ein Automatismus entsteht, der Eindruck, man muß einfach wieder von vorne anfangen.

Visser: Es ist also nicht ein bewußter Versuch der Durchbrechung bestimmter Tabus?

Böhme: Ja, doch, das auch. Es ist natürlich immer Provokation. Und ich finde, ohne diese individuelle Provokation und auch die bewußte Durchbrechung von nicht nur Tabus, sondern auch Schemata – soziale Phantasielosigkeit könnte man vielleicht als Stichwort einbringen –, daß es auch andere Möglichkeiten gibt, zusammenzuleben, andere Verhaltensmuster als all das, was angeboten wird durch eine enorm massenwirksame Maschinerie von Film und Fernsehen, Fortsetzungsromanen und und und…

Visser: Hast Du, bei Lesungen zum Beispiel, Erfahrungen gemacht, wie diese Gedichte von den Rezipienten aufgenommen werden?

Böhme: Erstaunlicherweise ist es immer nur dann Thema, wenn von vornherein der Kreis der Zuhörer ein schwuler Kreis ist. Es gibt ja inzwischen bei Kirchen und auch bei staatlichen Jugendklubs Arbeitskreise, die sozusagen versuchen, ein neues Selbstverständnis zu finden. Und dann wird auch darüber diskutiert. Jedoch bei, sagen wir mal, normalen Lesungen in Jugendklubs und Bibliotheken, wo eben halt noch Lesungen stattfinden, wird das Thema selbst dann, wenn ich versuche, ganz deutlich zu werden, nur umgangen. Es gibt allerdings manchmal hinterher einzelne Leute, die privat zu mir kommen. Meistens wollen sie mir dann Texte von sich zeigen, oder sie wollen meine Adresse haben und schreiben dann vielleicht noch, oder auch nicht. Das sind vielleicht so Zeichen, aber es ist einfach noch nicht so ein Selbstverständnis da, daß dann jemand auch dazu diskutieren möchte.

Visser: Du hast von Deinem Schönheitsideal gesprochen. Hängt damit auch Deine Vorliebe für die Antike, aus der vielleicht die strengere Form in dem dritten Band hervorgeht, zusammen?

Böhme: Ja, Antike auf jeden Fall. So ein Winckelmannbild. Ich versuche mich auch davon abzustoßen, habe jetzt ein Gedicht geschrieben, das „Die Verleugnung von Winckelmann’“ heißt. Mir ist selbst aufgefallen, daß dieses Antikebild, das über die klassische Literatur auf uns kommt, natürlich nicht funktionieren kann.

Visser: Warum nicht?

Böhme: Weil es ein geglättetes Bild ist. Da gibt es den Ausdruck „die Gipsantike“. Auch der Harmoniebegriff, der da eine Rolle spielt, ist, glaube ich, nicht richtig angewendet auf die Antike. Die war ja auch bunt, und sie war vor allem auch weniger hehr und anmutig, als man zu Goethes Zeiten vermutet hat. Ich habe natürlich auch selber ein paar Antike-Texte gelesen, freilich Übersetzungen, z.B. eine griechische Anthologie von kurzen Gedichten und Epigrammen, wo sich ein ganzer Abschnitt der Päderastie widmet: Ovid, ein bißchen was von den Griechen, Medea, ein bißchen Homer. Nicht alles ausufernd. Dann liegen mir eigentlich mehr die römischen Lyriker, oder die spät-griechischen Idylliker, Theokrit.
Ich glaube aber, daß die strenge Form eigentlich auch bloß ein Schlagwort ist, mit dem man sehr viele verschiedene Dinge abdecken kann. Jeder versucht ja mehr oder weniger eine strenge Form. Auch wenn man zum Beispiel in freien Rhythmen schreibt, kann das streng sein. Man müßte es vielleicht präzisieren. Also, einfach das gewachsene Bedürfnis zu einer metrischen Strenge und zu bestimmten Reimformen, zu bestimmten Strophenformen, kommt bei mir weniger aus einer Sympathie zur Antike, sondern hat auch etwas damit zu tun, daß ich mich von meinen Anfängen einmal lösen wollte. Weil ich gemerkt habe, daß diese Art zu schreiben sich natürlich verselbständigen kann, indem man anfängt, Fließbandgedichte zu machen. Es gibt auch so eine Art, Dichterschule möchte ich nicht sagen, weil das ein zu gewichtiges Wort wäre, aber eine Schar von Schreibern, die Alltagslyrik machen und im Grunde, was auch ganz normal ist, für sich die Methode entdecken. Ich bin, glaube ich, einfach auf einer anderen Stufe im Moment.

Visser: Das hat auch bestimmte Folgen für den Inhalt der Texte. Phantasiebilder erscheinen im dritten Band viel gebändigter als in den beiden ersten. Mir hat das Gedicht „Höhlenzeichnung“ zum Beispiel sehr gefallen. Auch hier wird Alltagsleben dargestellt, indem beschrieben wird, daß die kleine Tochter des lyrischen Ich krank ist. Dann sehen wir, wie die Vater- und die Tochterfigur in der Höhle sind, wo sie die naiven Zeichnungen betrachten. Im Gegensatz zu derartigen Phantasiebildern in den ersten Bänden, die immer breit ausschweifend waren, wird hier sehr kurz formuliert. Ich weiß nicht, ob die Form da direkten Einfluß ausübt auf den Inhalt oder ob es vielmehr umgekehrt ist…

Böhme: Ich glaube schon, daß die Form auch auf den Inhalt wirkt. Das führt bei mir jetzt fast zu einer neuen Manie, daß ich angefangen habe, ein ganzes Manuskript nur mit Zwölfzeilern zu füllen. Denn ich glaube, daß diese äußere Disziplinierung zu einer dichteren Sprache führt, nicht nur einfach dadurch, daß man gezwungen ist, sich auf einem engeren Raum auszudrücken, sondern weil dann vielleicht tatsächlich ein Vorgang abläuft, bei dem man sich fragt, wie kann man noch ein Wort lieber weglassen oder eine Zeile, die einfach geschwätzig ist. Ich glaube, der Hang zur Geschwätzigkeit – man merkt es ja auch jetzt, wie ich wieder alles zusammenquatsche – ist natürlich da. Ich habe auch, selbst bei den ganz frühen Texten, Fassungen gehabt, die über fünf Seiten gingen. Ich habe manchmal ein paar Abschnitte, die mir dann belanglos erschienen, weggestrichen. Das geht eben heute nicht mehr, ich kann das fertige Gedicht nicht etwas kürzen. Ich wende auch für das Einzelstück mehr Zeit auf, habe mehr Sympathie dafür. Es ist nicht so, daß ich fortlaufend irgend etwas machen muß und immer Neues, sondern ich kann länger an einem Text arbeiten und bin dann davon überzeugt.

Visser: Spielt Deine Entdeckung Georges dabei eine Rolle?

Böhme: Ich denke auch, daß George da eine Rolle gespielt hat. George ist für mich jetzt auch bloß eine Stufe innerhalb einer Traditionslinie, von der es mir an sich wichtig ist, sie herauszuarbeiten. Ich würde sie viel früher ansetzen, meinetwegen mit der deutschen Barockdichtung. Kuhlmann würde mir da jetzt einfallen, einmal abgesehen von denen, die ohnehin immer genannt werden, so Opitz und Fleming. Lohenstein ist da wieder eine Ausnahme. Von daher kommt das, glaube ich, wo auch das Spiel mit der Sprache von Bedeutung ist. Die Bewegung zur Eindeutschung, das, was dann die „Fruchtbringende Gesellschaft“ gemacht hat, zum Teil mit abstrusen Ergebnissen, aber auch manchmal mit sehr sinnvollen, auch klanglich schönen Gedichten. Dann kommt eigentlich dieser Einschnitt der Aufklärung, wo fast eine Umkehrung stattfindet und das Gedicht nur noch Gelegenheitsgedicht ist, praktisch auf Anlässe hin, auf Inhalt hin, geschrieben wird, um zu transportieren, eine Moral in die letzte Zeile zu drängen. Das verliert sich erst wieder bei Hölderlin, bei den Romantikern. Der erste, der im 19. Jahrhundert wieder ganz bewußt an formorientierte Dichtung anknüpft, ist August von Platen. Der wird für meine Begriffe viel zu viel in den Schatten von zum Beispiel Heine gerückt. Wenn man diese Linie fortsetzt, müßte man George schon nennen, oder auch Arno Holz. Ich würde mich jedoch nicht auf Arno Holz berufen, weil das in eine Richtung geht, die bei Schwitters, und heute bei Papenfuß endet. Ich finde aber die Linie George-Benn eine ganz entscheidende. Benn ist tatsächlich der einzige Expressionist, der – trotz seiner scheinbar wilden und undisziplinierten und morbiden Lyrik der expressionistischen Periode – eigentlich schon immer eine fast klassische – klassisch im weiteren Sinne – Tradition fortgesetzt hat: Einfach schon durch das Zitieren von antiker Literatur, von Mythos, von zum Teil germanischen und keltischen Einflüssen, von Mythologie.

Visser: Und wenn wir von Tradition im engeren Sinne reden, mit welchen DDR-Dichtern fühlst Du Dich verwandt?

Böhme: Ich würde ganz an den Anfang Peter Huchel setzen, der für mich der wichtigste ist. Huchel, wie er auf eine Linie zeigt, die man für mein Traditionsverständnis anführen kann, die Loerke-Lehmann-Linie. Neben Huchel ist es Bobrowski, den ich als Lyriker schätze. Ich glaube aber, daß ich weder eine Huchel-Tradition noch eine Bobrowski-Tradition dem Stil nach fortsetze. Aber es sind halt Huldigungen da. Dann spielt für mich Sarah Kirsch natürlich eine Rolle. Bei ihr ist es vielleicht auch diese Mischung aus Modernität und Naturverbundenheit, ein Gefühl für Ursprünglichkeit.

Visser: Und wen würdest Du aus Deiner Generation nennen?

Böhme: Zuerst Lothar Walsdorf. Walsdorf ist ja auch immer als der Naive charakterisiert worden. Das, was man naiv nennt, ist eigentlich bloß eine bestimmte poetische Lebenshaltung. Ich finde, daß Walsdorf sehr bewußt mit Sprache umgeht, zunehmend bewußt. Es gibt bei ihm litaneihafte Texte, wo viel mit Wiederholungen gearbeitet wird. Ich vergleiche ihn manchmal mit arabischen Lyrikern, die eine Zeile immer wieder variieren, die suggestiv wirkt, psychedelische Monotonie.
Dann ist natürlich auch Kolbe für mich interessant, mit seinem Bornholm-Band. Hineingeboren habe ich, vielleicht aus einer uneingestandenen Konkurrenz, ein bißchen abgelehnt. Wenn ich das heute in die Hand nehme, finde ich die Gedichte zum Teil auch wieder sehr schön. Es ist schwer, in bezug auf Kolbe auszudrücken, was mich da eigentlich reizt. Dieses Gefühl für Vers. Ich finde bei ihm Zeilenbrüche und Satzbau interessant. Wie er Gegenstände und Sprache verwandelt, und das viel müheloser als zum Beispiel Schedlinski oder Papenfuß. Kolbes Sprache ist eine Sprache, die mir sympathisch ist.
Außerdem mag ich die Lyrik von Bernd Igel, Kurt Drawert, Michael Wüstefeld und Wilhelm Bartsch, die alle so Mitte Dreißig sind.

Visser: Sowohl bei Dir als auch bei Kolbe kann man in bezug auf den jeweiligen dritten Gedichtband, im Vergleich zu den beiden ersten, eine deutliche Verdichtung der Sprache feststellen.

Böhme: Es wäre schön, wenn es so ist. Natürlich ist der dritte Band anders als die zwei ersten. Es wird auch nicht ausbleiben, daß Leser enttäuscht sind und es nicht mehr als ihre Lyrik betrachten. Vielleicht wollte ich das auch. Ich wollte es aber ganz gewiß nicht in dem Sinne, daß ich froh bin, wenn jetzt weniger Bücher verkauft werden, aber ich wollte eigentlich niemals Sprecher einer Generation sein.

Visser: Was wäre dagegen?

Böhme: Ich weiß es nicht. Ich eigne mich nicht dazu. Man müßte dafür einen Hang zur Machtausübung haben, und diesen Hang spüre ich am allerwenigsten. Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er zu leben hat. Ich will einfach bloß meine Vorstellungen anbieten und überhaupt nicht schulbildend sein.

Visser: Hast Du beim Schreiben ein bestimmtes Publikum vor Augen? Ich meine, schreibst Du für ein DDR-internes Publikum oder siehst Du das viel breiter?

Böhme: Innerhalb der DDR, das könnte manchmal eine Rolle spielen, weil es bestimmte Worte gibt, die einfach nur in der DDR verständlich sind, oder bestimmte Themen, die DDR-Realität deutlich machen. Aber es interessiert mich eigentlich nicht so sehr, ob das Publikum DDR-Publikum ist. Ich glaube, daß Lyrik zwar schwer übersetzbar ist, aber doch international sein sollte. Das mag eine Haltung sein, zu der ich erst in letzter Zeit gekommen bin.

Visser: Ich fand die Atmosphäre der Gedichte, vor allem Deines ersten Bandes, sehr DDR-typisch. Leipzig: die große Langeweile, die daraus spricht. Es geschieht fast nichts, und wenn, dann nur in der Phantasie. Der Eindruck ist beim letzten Band nicht mehr da.

Böhme: Es ist schon eine Tatsache, daß ich weniger auf ein Publikum hin schreibe, wobei ich am Anfang mit Publikum immer eine sehr begrenzte Anzahl von persönlich Bekannten meinte. Heute kann ich teilweise das Wort Leipzig im Gedicht nicht mehr hören oder schreiben. Ich möchte kein „Leipzcher“ Dichter sein im Sinne eines Lokalmatadoren.
Noch etwas zum Traditionsverständnis: Auch Abgrenzungen machen die eigene Positionsbestimmung mitunter deutlich. Es gibt eine Lyrik, mit der ich wenig anfangen kann. Die ist zwar auch formstreng, aber auf eine Art, die auf mich lehrerhaft wirkt, mithin in aufklärerischer Absicht.

Visser: Eine derartige Lyrik magst Du nicht wegen der aufklärerischen Tendenz?

Böhme: Sie übt auf mich keinen Reiz aus, weil die Vieldeutigkeit des Textes darunter leidet.

Visser: An welche Autoren denkst Du da vor allem?

Böhme: Beispiele dieser Art finden sich bei Rainer Kirsch, bei Karl Mickel und natürlich bei Volker Braun. Ich bin nicht gegen Aufklärung, aber ich mag keine Gedichte, die sich auf eine Aussage reduzieren lassen, deren Inhalt sich mit anderen Worten wiedergeben läßt. Für mich spielen Klang, Rhythmus, Schwingungen eine Rolle. Es gibt bei mir deutliche Affinitäten zur Musik und zur Malerei, was sich z.B. in der Wort-Farbkomposition ausdrücken läßt. Auch finde ich es wichtig, daß das Gedicht einen lyrischen Raum schafft, der bei einer allzu rationalistischen Methode verlorengeht.
Gerhard Wolf hat jetzt in einem Essayband Gedichte von Ingeborg Bachmann aus dem Nachlaß von Brecht ediert. Brecht hat in den Bachmann-Gedichten die Stellen unterstrichen, die er gut findet, und aus diesen Texten kleine Brecht-Gedichte gezimmert, die meist aus vier oder fünf Zeilen bestehen. Mir geht es so in Diskussionen mit Peter Gosse. Er läßt nur die Zeilen gelten, die ihm ihrer Aussage nach logisch erscheinen. Von Vieldeutigkeit und Lautmalerei will er nichts wissen.

Visser: Du warst als Fernstudent am Literaturinstitut Johannes R. Becher. Wie haben die Diskussionen, zum Beispiel mit Gosse, Dir geholfen, Deine eigene lyrische Position zu bestimmen?

Böhme: Ich habe nicht Unterricht gehabt bei Gosse, sondern bei Helmut Richter, der mir immer zu behutsam in seiner Kritik war. Ich glaube überhaupt, daß das Fernstudium mir nicht allzu viel geholfen hat. Ich habe da noch einen Sonderkurs gemacht, der etwas ergiebiger war. Weniger, weil es dabei um Literatur ging, sondern weil Leute aus anderen Wissenschaftsgebieten unterrichtet haben.

Visser: In den sechziger Jahren, zu Maurers Zeiten, war das Literaturinstitut sehr bekannt. In den letzten Jahren dagegen macht es wenig von sich reden. Wie betrachtest Du die Funktion des Instituts jetzt?

Böhme: Im Moment fehlen solche profilgebenden Lehrer, wie es z.B. der Dichter Georg Maurer oder der Literaturwissenschaftler Gerhard Rothbauer waren. Es liegt aber auch daran, daß nicht pausenlos Scharen von Literaten heranwachsen. Auch kommen oftmals die wirklich guten Leute gar nicht hin. Von allen Leuten, die im Prenzlauer Berg tatsächlich wichtig und stilprägend sind, ist kein einziger dort gewesen.

Visser: Aus welchen Gründen?

Böhme: Das liegt zum Teil an einer idiotischen Immatrikulationsordnung, wobei Sachen wie ein abgeschlossener Beruf eine Bedingung sind und jetzt möglicherweise auch Verlagskontakte schon angestrebt werden. Dazu kommt das Schulmäßige, was abschreckt und vielleicht viele gar nicht erst auf die Idee kommen läßt, sich da zu bewerben. Wenn man zum Beispiel hört, daß die Direktstudenten auch sechs Wochen zu NVA-Einsätzen [Nationale Volksarmee] müssen, dann kann das für viele auch ein Grund sein, sich nicht zu bewerben. Auf der anderen Seite mag es für manche doch eine Hilfe sein. Ich meine jetzt nicht unbedingt diejenigen, die ganz genau wissen, was sie wollen, und die vielleicht auch schon eigene Manuskripte abgeschlossen haben. Es gibt auch Leute, die schreiben, Literatur machen, sich jedoch ein bißchen verlassen vorkommen. Ohne daß man aus jedem Absolventen des Literaturinstituts einen Dichter macht, könnte man das durchaus als eine Form von Bildungseinrichtung bestehen lassen.

Visser: Obwohl ein anderes Studium diese Bildung auch vermitteln könnte?

Böhme: Die Frage müßte man vielleicht an die Schulen delegieren. Es gibt keine phantasieanregende Literaturvermittlung. Literatur wird im Grunde wie Mathematik gelehrt, nein, schlimmer noch, wie Staatsbürgerkunde, wie Geschichte. Da ließe sich also vieles delegieren. Es geht zum Beispiel auch nicht, das mit einem Germanistikstudium zu koppeln. So viele Germanisten auszubilden, wäre ja auch Quatsch. Die bekommen jetzt schon keine Stelle.

Visser: Die Stellenproblematik spielt beim Literaturinstitut auch eine Rolle?

Böhme: Das müßte auch eindeutiger geregelt werden. Natürlich erwarten viele der Direktstudenten, daß sie dann irgendwie freischaffende Schriftsteller werden oder daß sie Verlagsverträge kriegen. Man könnte aber das Studium einfach als eine Art Interessengemeinschaft von Literaturfreunden betrachten. Ein Studium also, das nicht automatisch den Berufsausweis des Schriftstellers nach sich zieht, was ja sowieso nicht funktioniert. Keiner weiß genau, was man mit diesem Studium eigentlich anfangen kann.

Visser: Ich wollte nochmal auf Deine eigene Lyrik zu sprechen kommen. Es gibt einige Motive, die wiederholt auftreten. Dazu ein paar Fragen. Woher stammt Dein Interesse an Vampiren?

Böhme: Vielleicht vom Masochismus. Ich möchte sehr gerne einen Vampir kennenlernen. Ich bin fasziniert von Vampirfilmen und Vampirgeschichten, wobei ich mich als Opfer vorstelle.

Visser: Ja??

Böhme: Eine sehr reizende Vorstellung. Im weitesten Sinne könnte man das zu dem Komplex Sado-Masochismus und auch Exhibitionismus bringen. Solche Sachen interessieren mich sehr, weil ich ständig erlebe und auch ständig das Gefühl habe, daß da Dinge passieren, die wohl niemand zu benennen weiß. Es gibt zum Beispiel von Moravia eine Theorie des Voyeurismus und bei Tournier in einem seiner Romane eine Abhandlung über die Masturbation. All diese Sachen, die das normale Sexualempfinden zu verdrängen versucht, obwohl es überall da ist. Es macht mir einfach Spaß, darüber zu schreiben.

Visser: Dann die faszinierenden Piloten aus Deinem neuen Band. Natürlich haben sie zum Teil mit Flug zu tun, mit Freikommen von der Erde. Irgendwie sind sie jedoch auch diejenigen, die versuchen, wirklich zu leben, und haben damit in diesem anderen Sinne mit Freiheit zu tun. Und mit Phantasie.

Böhme: Ja, natürlich. Ich habe das Wort Piloten auch in seinem ursprünglichen Sinne gedacht. Piloten im Sinne von Schrittmachern. Vielleicht übersetzt mit dem amerikanischen „pioneers“. Das wäre mir aber, durch eine gewisse Vorstellung, zu sehr besetzt. Während mir die Vorstellung, die man bei Pilot automatisch hat – nämlich etwas Glitzerndes, Schillerndes –, nahe kam, versuchte ich dieses Bild, das sich mit dem Wort einstellt, durch den Text zu unterwandern, indem ich einfach die nackte Haut unter dem Pilotenanzug, unter dem Leder, dem Glitzernden, zu erkennen versuchte. Das Motiv verweist außerdem auf Hans Henny Jahnn, der im Roman Perrudja einen Knaben namens Alexander zum Piloten einer die Menschheit vorm Untergang rettenden Organisation, dem Geheimbund „Goldener Siebenstern“, werden läßt. Dieser Hinweis ist mir wichtig, weil ich Jahnn, der kein Lyriker war, gern in meine Tradition aufgenommen wissen will.

Du hast mich zwar noch nicht danach gefragt, aber was noch wichtig wäre – und ich habe auch versucht, das in den Bänden, zumindest im letzten, deutlich zu machen –, ist, daß ich sehr viel Wert lege auf das Tempo von Gedichten. Ich habe das Gefühl, daß meine Texte langsamer geworden sind. Langsamer im Sinne von Sprechtempo, aber auch von den Bewegungen, die in den Texten ablaufen. Das ist eigentlich ein Kontrast zum Pilotenmotiv.

Visser: In Stoff der Piloten gibt es drei Gilgamesch-Gedichte. Hast Du vor, einen Zyklus zu diesem Thema zu machen, oder bleibt es bei den Texten in diesem Band?

Böhme: Ich habe ein Hörspiel zu Gilgamesch geschrieben, wo diese Texte eine Rolle gespielt haben, allerdings in anderer Gestalt. Ich wollte mit diesen drei Texten die Liebesgeschichte zwischen Gilgamesch und Enkidu herausarbeiten, die für mich das Kernstück dieser Dichtung ist. Für mich ist es eigentlich der erste schwule Text der Weltliteratur. Man hat mir dann jedoch auch erklärt, daß das natürlich eine gewagte Interpretation ist, weil das babylonische Verständnis von Freundschaft und Liebe und Sexualität sowieso mit dem heutigen überhaupt nicht zu vergleichen ist. Es gibt aber auch direkt im Originaltext, den ich ja hier angeführt habe, Stellen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: „wie über einem Weib hast du über ihm geraunt“.

Visser: Deine Rezeptionsweise als Versuch, den Text für unsere Zeit brauchbar zu machen?

Böhme: Dem kommt zugute, daß das Epos sowieso erst knapp hundert Jahre bekannt ist. Deshalb ist es gar nicht anders möglich, als es modern zu deuten. Ich habe natürlich noch etwas anderes damit gemacht. Ich habe meine eigenen Beziehungen zu Jungen damit darzustellen versucht. Dieses Gilgamesch-Ich hat auch etwas mit mir zu tun. Es ist die Unmöglichkeit, einfach auf jemanden zuzugehen. Über den Umweg einer Vergewaltigung, zumindest einer gedanklichen Vergewaltigung, passiert das mitunter, so daß der andere mehr oder weniger zum Objekt gemacht wird. Das wird im Text dann wieder umgekehrt. Erst der Verlust des Freundes macht die ganze Vielfalt einer solchen Beziehung deutlich.

Visser: Und das letzte Wort: „vergeblich“?

Böhme: Das Totenreich kann natürlich auch ganz platt mit normierter Gesellschaft übersetzt werden. Rückkehr ins Totenreich bzw. Einkehr ins Totenreich für einen Jungen, ist in meinen Augen das Akzeptieren der Verkrustung der Übereinkünfte, so daß nur noch die Erinnerung da ist. Das Schattenreich. Es ist mir eigentlich gar nicht recht, so einen Text selber festzulegen auf eine bestimmte Lesart. Es wäre eine Variante, den Text zu verstehen. Man kann es auch privater nehmen und es auf eine individuelle Beziehung reduzieren. Man muß es nicht unbedingt in die Jetztzeit übersetzen.

Deutsche Bücher, Heft 2, 1989

DDR-Schriftsteller sprechen in der Zeit

Gerd Labroisse/Ian Wallace: Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht Ihre Äußerungen im früheren Interview ein und wie würden Sie dort angeschnittene Fragen ergänzen wollen?

Thomas Böhme: Zuviel Geschwätz damals. Das meiste davon war zwar nicht grade falsch, aber einfach zu langweilig, uninteressant. Also statt ergänzen müßte ich kürzen. Das ganze Talmi vom Literatur- und Kulturbetrieb weglassen. Beschämend finde ich heute, daß ich Benn nur am Rande erwähne, ohne einzugestehen, daß ich von Benn mehr gelernt habe als von allen DDR-Literaten zusammengenommen.

Labroisse/Wallace: Welche Chancen sehen Sie für sich als Autor in den wesentlich veränderten Verhältnissen seit der Wende? Erfahren Sie die neuen literarisch-gesellschaftlichen Verhältnisse (auch in bezug auf die Distribution) als Erleichterung, vielleicht auch als kreative Herausforderung, oder eher als Bedrohung?

Böhme: Ich kann das Wort „Wende“ schon gar nicht mehr hören. Gelassenheit ist das einzige, was ich von mir erwarte. Jedes Jahr werden in der Welt etliche Diktaturen gestürzt, andere etablieren sich und werden von den sogenannten Demokratien unterstützt, zumindest toleriert. Meist arrangiert sich, wer Geld und Macht hat.
Der Krieg am Golf und seine zynische Kommentierung haben mich mehr erschüttert als die deutschen Bauchschmerzen.
Zuerst hoffte ich, daß sich Vor- und Nachteile aus dem Anschluß an die Bundesrepublik die Waage halten. Zunehmend bemerke ich aber, wie die Bürokratie, das Bangen um erträgliche Arbeitsbedingungen die Kreativität beeinträchtigt. Ich beobachte, daß der Anpassungsdruck im Osten ständig zunimmt. Angeblich soll der Druck durch den Markt Effektivität und Leistung fördern. Bei mir jedenfalls nicht. Um Geld zu verdienen, mache ich 1.000 Dinge, d.h. die Hälfte davon nur oberflächlich, halbherzig, lustlos. Da Lyrik keinen Marktwert besitzt, wird die Arbeit des Lyrikers gering geschätzt. Das erzeugt bei mir die von Schedlinski so bezeichnete „Arroganz der Ohnmacht“, die aber auch ein Stück produktive Wut ist. Nein, ich sehne mich nicht nach Muff und Mief der DDR-Provinzialität zurück, aber ihr zu entfliehen, war immer ein Schreibantrieb, die Provinz sensibilisierte für die Literaturen und Kulturen der Welt. Ich habe unter den Verhältnissen weniger gelitten, als daß ich Sehnsüchte produziert habe, deren Erfüllbarkeit mich verwirrt, möglicherweise ärmer macht. Ärmer an Phantasie.

Labroisse/Wallace: Meinen Sie, daß ,DDR-Literatur‘ eine abgeschlossene Epoche ist oder halten Sie es für möglich, daß von dieser Literatur bzw. von Ihnen selbst etwas DDR-Spezifisches in die deutschsprachige Literatur weiterhin eingebracht werden kann?

Böhme: Ich hatte immer Schwierigkeiten mit dem Begriff DDR-Literatur. Das Beste von Autoren in und aus der DDR gehört zum Bestand deutscher Dichtung, und zwar ohne Einschränkung. Man kann Dichtung natürlich auch unter ihrer politisch-geographisch-sozialen Herkunft betrachten, aber irgendwann relativiert sich eine solche Betrachtungsweise, und fragwürdig ist m.E., wenn sie für künstlerisch schwache Texte als Entschuldigung herhalten muß.

Labroisse/Wallace: Sehen Sie für sich im vereinten Deutschland eine politische Aufgabe als Autor, oder hat (jetzt) Schreiben eine rein bzw. weitgehend ästhetische Funktion?

Böhme: Ästhetik ist Politik. Es hat zumindest mit meinem Verständnis von Politik zu tun, ob ich Denkmäler errichte oder kreative Räume zu schaffen versuche. Völker, Nationen, Staatsgebilde, die keine eigene Ästhetik ausbilden bzw. keinen originären Beitrag zur Kunstgeschichte leisten, sind wie nie gewesen. Die Kunst ist das einzige, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ohne zugleich zerstörerisch zu sein. Ein Gedicht von Trakl, ein Bild von van Gogh – allein zwei Dinge, die turmhoch über der Erfindung des Autos stehen. Ich will damit nur andeuten, wie absurd die Gegenüberstellung in der Frage für mich ist.

Labroisse/Wallace: Haben Sie in der Zeit der Wende überhaupt schreiben können? Haben Sie sich schriftstellerisch mit den Ereignissen der letzten anderthalb Jahre auseinandergesetzt? Werden Sie sich in Zukunft mit dieser Thematik beschäftigen?

Böhme: Der Krebstod meiner Frau im Sommer 1990 hat mich viel Kraft und Nerven gekostet. Darüber bin ich heute noch nicht hinweg. Trotzdem schreibe ich beinahe jeden Tag.
Nur wegen eines politischen Umsturzes und seiner Folgen läßt man doch nicht den Kugelschreiber fallen. Da müßten ja andauernd in der Welt Autoren nicht mehr schreiben können. Wohl dem, der die Gewitterwolke über der eigenen Kate nicht für die Sintflut hält. Aber ich lasse mich schon gern von Tagesereignissen stimulieren, dann wiederum lohnt sich mal die Überschau, sagen wir mal wie bei Spengler, dann reduziert sich die Bedeutsamkeit des Phänomens, es ordnet sich ein in die Tragödien und Farcen der Weltgeschichte und des Jahrhunderts, und das 20. Jahrhundert hatte seine Tragödien und Farcen. In diesem Jahr zum Beispiel findet eine Tragödie in Vorderasien vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt. Fragen Sie doch mal einen kurdischen Autoren, ob er noch fähig ist zu schreiben. Deutsche Bauchschmerzen hie und Völkermord da; nicht der lauteste Schrei muß der des tiefsten Schmerzes sein. Wir Deutschen, so mein Eindruck, schreien ganz besonders gern vorbeugend, von daher auch die Intoleranz gegen Ausländer, die Herzlosigkeit angesichts wirklichen Elends… und wenn Sie genau gelesen haben, merken Sie, daß ich mich da nicht ausnehme, bloß ich merke auch, daß wir selbst als Sozialhilfebedürftige noch nicht einmal einen Tropfen vom Becher des Leides über der Erde gekostet haben. Soll man es Glück nennen? Es gibt keine Antwort, die nicht aus dem Zynismus der Satten entstünde. Das ist das Dilemma.

Aus: Gerd Labroisse und Ian Wallace (Hrsg.): DDR-Schriftsteller sprechen in der Zeit. Eine Dokumentation, Rodopi, 1991

 

Thomas Böhme

Verweigerung

Rückwärts läuft der Speichel
In ihn taucht das Mädchen ein
zurückgeborenen Schrittes weiß es
gefällig ins Sterbekleid zu fahren
wie nach der Zechnacht der Hauer
aus dem Bergwerk kraucht

Peter Wawerzinek 

 

Viktor Kalinke mit Thomas Böhme im Gespräch.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor Facebook + Archiv
shi 詩 yan 言 kou 口

 

 


 

Richard Pietraß: Dichterleben – Thomas Böhme

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.